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Fische – die vergessenen Opfer auf unseren Tellern

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Ein Text von Peter Singer

Stand Juli 2016
Dieses Essay des amerikanischen Tierrechtsphilosophen Peter Singer ist zwar schon sechs Jahre alt, aber – leider – immer noch aktuell. Die Zahl der jährlich getöteten Milliarden Fische steigt und steigt, und noch immer ersticken sie langsam und qualvoll, werden in Netzen zerquetscht, lebend aufgeschnitten und ohne Betäubung auf Eis gelegt. Ihr Tod ist unendlich qualvoll, doch niemand sieht es. Fischerboote sind schwimmende Schlachthäuser auf hoher See, hier können Tierschützer nicht einmal filmen. Anbei die leicht gekürzte Fassung von Peter Singers Text:
Als Kind ging ich gerne mit meinem Vater spazieren – oft an einem Fluss oder am Meer entlang. Wir kamen an Anglern vorbei, die ihre Angelschnur einholten. Am Ende der Schnur hingen Fische am Haken und kämpften um ihr Leben. Einmal sah ich, wie ein Mann einen kleinen Fisch aus seinem Eimer holte und das zappelnde Tier mit einem Angelhaken durchbohrte, um es als Köder zu verwenden.

Ein anderes Mal führte uns unser Weg an einen ruhigen Bach. Dort saß ein Mann, blickte auf seine Angelschnur und schien mit der Welt im Reinen zu sein. Neben ihm lagen hilflos zappelnd die Fische, die er bereits gefangen hatte, und rangen nach Luft. Mein Vater sagte mir, er könne nicht verstehen, wie jemand den Tag genießen könne, indem er Fische aus dem Wasser zog und sie langsam sterben ließ.

Diese Kindheitserinnerungen kamen mir schlagartig wieder ins Gedächtnis, als ich den Bericht Worse Things Happen at Sea: the Welfare of Wild-caught Fish las, der letzten Monat auf fishcount.org.uk veröffentlicht wurde. In den meisten Regionen der Welt ist man sich einig, dass Tiere, die zur „Produktion“ von Nahrungsmitteln getötet werden, bei der Tötung nicht leiden sollten. Entsprechende Verordnungen fordern normalerweise, dass Tiere bei der Tötung bewusstlos sein müssen oder dass der Tod unverzüglich eintreten muss. Selbst im Falle ritueller Schlachtmethoden muss der Tod zumindest so unverzüglich eintreten, wie es im Rahmen der jeweiligen religiösen Vorschriften möglich ist.
Nur bei Fischen sieht das anders aus. Für wildlebende Fische, die im Meer gefangen und auf See getötet werden, gibt es keine derartigen Schlachtvorgaben. Die meisten Länder haben solche Vorschriften auch nicht für Fische, die auf Fischfarmen getötet werden. Wenn Fische von großen Schiffen mit Netzen aus dem Wasser gezogen werden, zieht man sie an Bord des Schiffes und lässt sie ersticken. Außerdem ist es im kommerziellen Fischfang gängige Praxis, Lebendköder an einem Haken aufzuspießen: Bei der Langleinenfischerei beispielsweise werden hunderte oder sogar tausende Haken an einer einzigen Schnur befestigt, die zwischen 50 und 100 Kilometer lang sein kann. Schnappt ein Fisch nach dem Köder, muss er sehr wahrscheinlich noch stundenlang am Haken ausharren, bevor die Schnur einholt wird.

Üblicherweise werden auch Stellnetze eingesetzt: Feinmaschige Netzwände in denen sich die Fische verfangen, häufig mit den Kiemen. Weil sie mit den verhakten Kiemen nicht atmen können, ersticken viele in den Netzen – der Rest bleibt noch Stunden dort gefangen und wird dann eingeholt.

Die erschreckendste Erkenntnis des Berichts war für mich jedoch die unfassbare Anzahl an Fischen, die auf diese Weise vom Menschen getötet werden. Die Autorin des Berichts, Alison Mood, hat sich die angegebenen Tonnengehalte an gefangenen Fischen diverser Spezies angesehen und sie durch das durchschnittliche Gewicht der Fische der jeweiligen Art geteilt. So erstellte sie die wohl erste systematische Schätzung über weltweit wildgefangene Fische. Die Zahl bewegt sich ihrer Berechnung zufolge im Bereich von 1 Billion (1000 000 000 000), könnte allerdings auch bis zu 2,7 Billionen (2.700 000 000 000) betragen.
 
Rücken wir das doch einmal in einen Zusammenhang: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) schätzt, dass jedes Jahr 60 Milliarden Tiere für den menschlichen Konsum getötet werden. Das entspricht ca. neun Tieren pro Mensch. Gehen wir von Moods unterer Schätzung von einer Billion aus, dann lautet die Vergleichszahl bei Fischen 150. Und das schließt noch nicht die Milliarden von Fischen ein, die illegal gefangen werden oder als Beifang ins Netz gehen und entsorgt werden. Auch als Köder genutzte Fische sind nicht mit eingerechnet.

Viele der getöteten Fische werden nur indirekt konsumiert – sie werden zermahlen und an Hühner oder Fische in der landwirtschaftlichen Tierhaltung verfüttert. Eine Lachsfarm benötigt im Durchschnitt 3-4 kg wildgefangenen Fisch pro Kilogramm Lachs, das sie „produziert“. 

Nehmen wir einmal an, dieser gesamte Fischfang sei nachhaltig (auch wenn das natürlich nicht der Fall ist). Dann wäre zumindest der Gedanke beruhigend, dass das Töten von Fischen in einem solch erheblichen Ausmaß nicht weiter schlimm ist, weil Fische keinen Schmerz empfinden. Doch das Nervensystem von Fischen ähnelt dem von Vögeln und Säugetieren derart, dass wir davon ausgehen können, dass Fische durchaus Schmerz empfinden. Wenn Fischen etwas zustößt, das anderen Tieren körperliche Schmerzen verursachen würde, deutet auch ihr Verhalten darauf hin, dass sie in diesem Moment Schmerz empfinden. Die Verhaltensänderung der Fische kann mehrere Stunden andauern. (Es ist ein Mythos, Fische hätten ein schlechtes Gedächtnis.) Fische lernen, unangenehme Erfahrungen wie Elektroschocks zu vermeiden. Und Schmerzmittel lindern die Schmerzsymptome, die die Fische anderenfalls zeigen würden.

Victoria Braithwaite ist Professorin für Fischerei und Biologie an der Pennsylvania State University. Sie hat sich mit diesem Thema vermutlich länger beschäftigt als jeder andere Wissenschaftler. Ihr Buch Do Fish Feel Pain? zeigt, dass Fische nicht nur Schmerz empfinden können, sondern zudem wesentlich klüger sind als vielfach angenommen. Im vergangenen Jahr kam ein wissenschaftliches Gremium  zu dem Schluss, dass die vorhandenen Beweise darauf hindeuten, dass Fische ganz eindeutig Schmerz empfinden können.

Warum also sind Fische die vergessenen Opfer auf unseren Tellern? Weil sie wechselwarme Tiere und von Schuppen bedeckt sind? Weil sie ihrem Schmerz nicht lauthals Ausdruck verleihen können? Wie die Erklärung auch lauten mag – es gibt immer mehr Beweise dafür, dass der kommerzielle Fischfang in unvorstellbarem Maße Schmerz und Leid verursacht.“

Wir müssen keine Fische essen, um uns gesund zu ernähren. Eiweiß finden wir zum Beispiel in Hülsenfrüchten, und wer den Meeresgeschmack nicht missen mag, kann gesunde Meeresalgen oder vegane „Vischgerichte“ essen. Omega-3-Fettsäuren finden wir auch in Pflanzenölen, z. B. in Leinöl.

Was Sie tun können

Bitte essen Sie keine Fische und hängen Sie die Angelrute an den Haken. Eine vegane Ernährung ist gesund und rettet zahlreichen Tieren das Leben. Wir unterstützen Sie gerne dabei. Hier geht es zu unserem Veganstart-Programm.