Spenden
 »  »  »  »  » Bio-Farm Hennenberg: Erste Bilder aus dem Stall

Bio-Farm Hennenberg: Erste Bilder aus dem Stall

Stand September 2009
Die derzeit größte Bio-Hühnerfarm in NRW steht an der Nordrather Straße in Velbert-Neviges. Bis zu 20.000 Tiere leben in dem 105 x 22 m großen Stall. Und da es sich um so genannte Bio-Hühner handelt, haben diese einen gesetzlichen Anspruch auf täglichen Auslauf. Und genau hier beginnt schon die ganze Absurdität des Bio-Systems. Denn die EU schreibt für Bio-Haltungen zwar vier Quadratmeter Auslauf pro Henne vor. Aber dieser muss den Tieren nur ein Drittel ihres Lebens zur Verfügung stehen. Hühner in konventioneller Freilandhaltung haben ebenfalls Anspruch auf vier Quadratmeter Auslauf pro Tier, doch ihnen muss er täglich gewährt werden. Dass viele Umwelt- und Tierschutzvereine dem Konsumenten vor diesem Hintergrund trotzdem immer wieder den Griff zum Bio-Ei empfehlen, hält man bei PETA für einen Skandal. Denn das „konventionelle“ Freilandhuhn kann das „freie Land“ tatsächlich bedeutend öfter nutzen, als es das Huhn in Bio-Haltungen darf. Wer also im Supermarkt oder im Naturkostladen bewusst zu den Eiern mit der Null greift (0 = Biohaltung, 1 = konventionelle Freilandhaltung, 2 = Bodenhaltung im Stall, 3 = Käfighaltung) und dabei an das Wohl der Tiere denkt, wird tatsächlich, zumindest nach diesem Kriterium, hinters Licht geführt.

Aktivist mit gerettetem Huhn wartet im Graben auf das Auto
In der Praxis bedeutet dies, dass ein Bio-Tierhalter den Hühnern selbst bei bestem Wetter den Auslauf verwehren kann – ohne seinen Status als Bio-Halter zu verlieren. Fragen kritische Eierkäufer oder Nachbarn nach, wird bestätigt, dass den Tieren trotzdem ein Drittel ihres Lebens der Auslauf zur Verfügung steht. Nur eben an diesem Tag nicht. Begründen muss der Tierhalter das nicht. Auch nicht vor dem Gesetzgeber. Findet dann tatsächlich eine Kontrolle statt, muss der Landwirt den Kontrolleuren seine schriftlichen Protokolle über die Auslaufzeiten aushändigen. Diese reichen als Nachweis aus. Doch ob die Tiere tatsächlich den vorgeschriebenen Freigang hatten, ist so nicht nachvollziehbar. Und gemauschelt und getäuscht wird in dieser Branche ständig.

Dass es tatsächlich Bio-Tierwirte gibt, die das System so ausnutzen, ja, die sogar noch bedeutend weiter gehen und den Tierschutz sowie die gesetzlichen Vorgaben mit Füßen treten, sieht man am folgenden Fall.
Klicken Sie auf die Bilder für eine Vergrösserung

 

Klicken Sie auf das Bild für eine Vergrösserung
Landgut Hennenberg und der größte Bio-Stall in NRW
Vom Wald her ist das Gelände frei begehbar. Kein Zaun hält uns auf. Kein Schild weist darauf hin, dass wir uns schon seit geraumer Zeit auf der angeblichen Auslauffläche der „Bio-Hühner“ befinden. Es ist stockdunkel und wir stehen nur wenige Meter vor dem Stall. Doch das Gras ist grün und stellenweise geschätzte 80 cm hoch. Würden hier 20.000 Hühner scharren, es sähe anders aus.

Richard und Andreas Hennenberg haben nichts zu verbergen. Sie fühlen sich im Recht, obwohl PETA Deutschland Anzeige gegen sie erstattete. Auch die ortsansässige Bürgerinitiative „Fettenberg“ macht ihnen das Leben schwer (www.fettenberg.de). Und wer sich nur ansatzweise mit den Bio-EU-Vorgaben auseinandersetzt, stellt fest, dass man es auf dem Landgut Hennenberg mit diesen eben nicht allzu genau nimmt. PETA verfolgt den Fall schon seit einigen Monaten. Mehr dazu lesen Sie hier

Klicken Sie auf das Bild für eine Vergrösserung
Paula
Aber wie gesagt, die Hennenbergs haben nichts zu verbergen, daher schließen sie auch die Tür des größten Bio-Stalls in NRW nicht ab. Direkt vor meinen Füßen liegen etliche tote Hühner. Innerhalb des Stalls. Ich zähle neun Tiere. Ihre Körper sind nackt und ausgemergelt. Ihr Leben muss entsetzlich gewesen sein. Ihr Sterben auch. Einige Meter weiter liegen noch mehr tote Tiere. Ich zähle insgesamt 17 gestorbene Hühner, die achtlos auf den Boden geworfen wurden.

Hinter einer Vergitterung befinden sich die lebenden Hühner. Ihr Zustand ist größtenteils katastrophal. Sie sehen aus, als wären sie schon seit Jahren in dieser Farm gefangen. Sie sind stellenweise nackt, wirken apathisch und völlig erschöpft. Viele haben wunde Hinterteile. Auch hier liegen tote Tiere unter den lebenden. Ein sterbendes Huhn windet sich im Todeskampf. Direkt daneben eine Henne, welche die Flügel von sich streckt und den Eindruck erweckt, als warte sie auf den Tod. Sie steht völlig bewegungslos da, ihre Augen sind geschlossen. Die Haut ist nackt, die Federn hat sie größtenteils verloren.

Ich filme alles und mache einige wenige Fotos. Doch da das Blitzlicht nach außen dringt, verlasse ich die Farm mit bedeutend mehr Video- als Fotomaterial. Und mit Paula. So hieß sie in dem Moment, als ich sie auf meinen Arm nahm. Warum ich es tat, lässt sich schwer erklären. Eigentlich müsste ich als Undercover-Tierfilmer darüber stehen, müsste meine Gefühle im Griff haben. In der Regel gelingt mir das auch. Aber diesmal eben nicht. Es ist ein hilfloser Versuch, nur eines dieser Tiere zu retten. Zu verhindern, dass sie ebenfalls zu den toten ausgemergelten Körpern geworfen wird. Für die Hennenbergs ist sie in diesem Zustand bereits wertlos. Und genauso behandeln sie alle ihre Tiere. Denn eine tierärztliche Versorgung wird ein krankes oder sterbendes Huhn im Einzelfall gar nicht bekommen. Man lässt es verrecken. Ich frage mich, ob sich die Konsumenten so eine Bio-Hühnerfarm vorstellen?

Jetzt liege ich mit Paula im Graben und warte auf das Auto. Dass sie während ihrer Rettung einige Male die Augen öffnete, kann ich im Dunkeln nicht sehen. Ich weiß es nur, weil meine Infrarotkamera die ganze Zeit lief, damit wir nachweisen können, dass sich die vorgefundenen Zustände eindeutig der Hennenberg-Farm zuordnen lassen. Paula war während ihrer Rettung ganz ruhig und völlig gelassen. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass sie es schafft.

Als sie dann starb, waren wir gerade auf dem Weg zum Tierarzt.
Klicken Sie auf das Bild für eine Vergrösserung
Aktuelles im Fall Hennenberg
Die Bürgerinitiative kämpft u. a. seit einiger Zeit gegen ein Stallprojekt am Fettenberger Weg in Velbert-Neviges. Obwohl etliche Verstöße gegen die Bio-EU-Verordnung und Ungereimtheiten sowie Falschangaben in den Antragspapieren der größten Bio-Farm in NRW aufgedeckt wurden und die Kripo und die Staatsanwaltschaft nun gegen die Hennenbergs ermitteln, wurde erst vor wenigen Tagen eine Teilbaugenehmigung für den Bio-Stall am Fettenberger Weg erteilt.

PETA Deutschland e.V. hält das für einen Skandal. Es kann nicht sein, dass man ein Bauvorhaben genehmigt, wenn alles darauf hindeutet, dass der Bauherr die gesetzlichen Bestimmungen mit Füßen tritt und seine gewerbliche Zuverlässigkeit mehr als in Frage steht.

Die acht Hektar Auslauffläche, welche die Hennenbergs für die größte Biofarm bereitstellen müssten, hat es nie gegeben (PETA berichtete). In einem Beitrag der Sendung „markt“ (WDR) äußerten Vater und Sohn zwar, dass die Nutzung des angrenzenden Waldes als Weidefläche von vornherein vorgesehen war. Die Bürgerinitiative Fettenberg fand jedoch im landschaftspflegerischen Begleitplan des Bauantrags folgende Aussage: „Wald (...) wird jedoch durch das Vorhaben nicht in Anspruch genommen.“ (siehe auch WDR-Bericht: http://www.youtube.com/watch?v=u7iEcRzowKk).

Somit ist klar, dass der Wald als Weidefläche von Anfang an nicht vorgesehen war. Die Hennenbergs gaben diesen auf Nachfrage immer als Auslauffläche an, ließen die Hühner aber kaum hinein. Die zur Verfügung stehende Fläche bestand somit aus gerade mal 1,5 ha statt 8 ha. Und auch dort waren Hühner nur an wenigen Tagen im Jahr auf wenigen tausend Quadratmetern gesehen worden. Der Wald selbst ist völlig verwildert. Es gab keine Einzäunung, außer der, welche die Hennenbergs nach Bekanntwerden des Skandals provisorisch errichten ließen. Beim Forstamt leitete man diesbezüglich ein Ordnungswidrigkeitsverfahren ein, denn dieser Zaun wurde illegal ohne Genehmigung durch die Behörden aufgestellt. Mindestens zwei Mal wurde der Bio-Farm das KAT-Siegel aberkannt (KAT = Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V.), und der Geschäftsführer der KAT äußerte in TV-Interviews sogar sein Misstrauen gegen das von ihm beauftragte und staatlich zugelassene Zertifizierungsinstitut IMO, deren Auditoren nicht einmal in der Lage waren, festzustellen, dass 6,5 ha der benötigten 8 ha Auslauffläche gar nicht vorhanden waren.

Bio-Kontrolle – ein Witz!?
Die Hennenbergs gaben dem WDR gegenüber an, dass sie für die Bio- und KAT-Kontrollen ein Honorar direkt an die IMO zahlen müssen. Das bedeutet natürlich, dass die Prüfstelle dem Tierhalter gegenüber gar nicht neutral sein kann, denn immerhin bekommt sie ihr Geld ja von diesem. In Deutschland gibt es 22 staatlich zugelassene Zertifizierungsstellen. Hätten die Hennenbergs da nicht die Möglichkeit, bei negativen Ergebnissen auf ein anderes Institut auszuweichen?

PETA Deutschland fordert, dass sämtliche Bauanträge der Fa. Hennenberg sofort auf Eis gelegt werden, bis die Untersuchungen im Fall der größten Bio-Hühnerfarm abgeschlossen sind. Außerdem werden die zertifizierenden Verbände KAT und Biopark aufgefordert, dem Landgut Hennenberg endlich die Siegel zu entziehen. Gerade Biopark, die sich bisher immer wieder auf die Seite der Hennenbergs gestellt haben, sollten endlich Konsequenz zeigen und das auffällig gewordene Mitglied abstrafen. Alles andere wäre ein Schlag ins Gesicht der Biobranche und ließe diese als unglaubwürdig dastehen.

Am 15.9.2009 berichtete der NDR im Rahmen der Sendung „Schlegl sucht die Wahrheit“ über den Fall Hennenberg.