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Einzelgänger

 

„Die meisten Tiere sind bestrebt, einen möglichst großen Abstand zu allen ihren Artgenossen im Gehege einzunehmen.“ (1)

Eisbären sind in ihrem artgerechten und natürlichen Lebensraum (Freiheit) weitgehend Einzelgänger. Weibliche Eisbären kommen nur in der Paarungszeit und männliche Eisbären mit anderen männlichen Eisbären nur im Spätherbst an der Küste zusammen. (2)

Im nicht artgerechten und künstlichen Raum der Gefangenschaft (Zoo) werden Eisbären permanent in Gruppen (ein männliches und mehrere weibliche Eisbären) oder eher selten paarweise gehalten.

 

Zoo Hannover am 04.12.1938. Es sind 14 Bären zu sehen. Davon 13 Eisbären.
(Foto aus Privatsammlung von Frank Albrecht)

 

Diese Haltung widerspricht eindeutig ihrer Natur.

Dass Eisbären mit dieser Zwangssituation ganz offensichtlich nicht klarkommen, zeigen nicht nur die hohen Raten an Verhaltensstörungen, sondern auch weitere Ergebnisse aus den Untersuchungen von Frau Dr. Stephan (2006).

„Die Aufenthaltspräferenzen der Bären sind eng gekoppelt mit ihren Abständen zueinander. Ein direkter Körperkontakt wurde bei allen Bären nur zu 4% gemessen. Diese Nähe wiesen nur die Bären in Rhenen, Stuttgart, Karlsruhe und Rostock auf. Der meistgewählte Abstand, der eingenommen wird, liegt eindeutig größer als 10 m. Bei über der Hälfte der errechneten Abstände tritt eine Häufigkeit der Auswahl dieser Entfernung von 71,5% bis 98,6% im Beobachtungszeitraum auf. Die meisten Tiere sind also bestrebt, eine möglichst große Distanz zu ihren Artgenossen einzuhalten. Bezüglich der Gehegegröße kann vermutet werden, dass die Tiere – wenn die Entfernungen möglich sind - auch weitere Distanzen aufsuchen würden.“ (1)

So hat Frau Dr. Stephan im Beobachtungszeitraum ihrer Untersuchungen auch erkannt, dass Eisbären viel mehr den Abstand als die Nähe zu Artgenossen suchen. Die Grafik (Abb. 1) macht nochmals die Ergebnisse der Untersuchungen sehr deutlich.

 

Abb. 1

 

So hielten also 33-99% der Tiere, wenn sie konnten, einen Abstand von mehr als 10 Metern.

Fazit: Eisbären in Gefangenschaft versuchen, die Nähe zu anderen Eisbären, entsprechend ihres arttypischen Verhaltens, vehement zu vermeiden.

Das es Eisbären in besonders kleinen und engen Gehegen noch schwerer fällt, ausreichend Abstand voneinander zu halten, scheint logisch, wird aber von Frau Dr. Stephan auch nochmals bestätigt:

„Die kleinen Gehege mit vielen Bären lassen den Gruppenmitgliedern keine Möglichkeit, sich aus dem Weg zu gehen. Die Abstandsdaten…belegen dieses Verhalten der Eisbären quantitativ. Bei aktiven Verhaltensweisen begegnen sich mehr Tiere pro Fläche.“ (1)

„In kleinen Gehegen ist ein Vermeidungsverhalten nicht möglich, in den großen dagegen sehr wohl.
Die Bären ziehen sich in ihre Bereiche zurück und bleiben dort.“
(1)

Besonders interessant hierzu ist aber nicht nur, dass Eisbären auf den kleinen und auch auf großen Anlagen Verhaltensstörungen aufweisen, sondern auch der Fakt, dass sie auf kleinen Anlagen viel aktiver und auf großen Anlage viel inaktiver sind.

„Große Gehege mit wenigen Bären wiesen die höchste Rate bezüglich der Inaktivität auf.“ (1)

„Diese Darstellung gibt Anlass zur Diskussion, ob Bären in kleinen Gruppen und kleinen Gehegen ihre hohe Aktivität deshalb aufweisen, weil sie sich vor ihren Artgenossen nicht zurückziehen können. Da ihr exploratives (erkunden, erforschen) Verhalten so gering ist, könnte diese gesteigerte Aktivität einem Vermeidungsverhalten zugeordnet werden. Auch der hohe Anteil des Spielverhaltens ist nicht unbedingt dem Wohlergehen der Tiere zuzuordnen. Die hohen Sozialkontakte entstanden meist aus dem notwendigen Passieren der Tiere aneinander vorbei, sind also nicht als interaktive Verhaltensweisen zu werten.“ (1)

Ein weiteres Fazit der Untersuchung ist also:
Je größer das Gehege, desto kleiner die Aktivitäten der Eisbären. Dies betrifft auch die Aktivität sich zu vermehren, welche auf kleinen und mittelgroßen Anla-gen viel höher ist als auf großen Gehegen.

Große Anlagen sind also eindeutig nicht nur kontraproduktiv für den „Schauwert“ eines Eisbären (weil „langweilige und untätige“ Eisbären), sondern auch für die Reproduktion dieser Tierart in Gefangenschaft

Aber es sind gerade die großen und erheblich teuren Anlagen, die vor allem von den Besuchern gefordert und erwünscht und aktuell in Hannover, Hamburg und München gebaut werden sollen.

Ob genau diese großen Anlagen für Eisbären auch von viel besserer „Qualität“ gerade in Hinblick auf das Wohlbefinden sind, ist anhand dieser Fakten äußerst fraglich.

„Die wohl am ehesten zu einem Wohlfühlverhalten einzuordnenden Parameter wie „ Nesteln“, „Räkeln“ und „Strecken“ oder „Wälzen“ kommen bei den untersuchten Individuen nur sehr vereinzelt vor.“ (1)

Dass ein rangniederes Tier auch noch höhere Stresshormonwerte (geringfügig) aufweist als das do-minante Tier (1) ist nur noch ein zusätzlicher Aspekt, der abschließend darauf deutet, dass ein in Frei-heit solitär (einzelgängerisch) lebendes Lebewesen mit der entgegengesetzten, dauerhaften und auf-gezwungenen Lebensweise nachweislich nicht zurechtkommt.

„Den niedrigsten Rang nimmt Hallensia mit höchstem Cortisolwert (11,1 ng/g im Mittel) ein, danach Larissa mit 8,9 ng/g und schließlich Corina mit 7,0 ng/g. Corina geht ethologisch klar als bevorzugtes Weibchen für Anton hervor, Hallensia hat die höchste Stereotypierate in dieser Gruppe.“ (1)

Hanno Würbel (Uni Gießen)
„…instabile soziale Gruppen können später zusätzlich zu sozialen Spannungen sowie Verhaltensstö-rungen führen.“

Quellennachweise:
(1) Dr. Stephan 2005
(2) Eisbärenzuchtbuch 1994