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Tiergarten Nürnberg: Ein Irrenhaus für Eisbären?

 
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Die schweren Folgen der Handaufzucht für Eisbärin Flocke & Co.

Stand Juni 2009
Am 31.12.2007 traf die Leitung des Nürnberger Tiergartens, unserer Meinung nach, eine fatale Fehlentscheidung: Sie informierte die Presse davon, dass ihre „Eisbärenweibchen VERA und VILMA Nachwuchs haben.“ Im ohnehin bestehenden Knut-Hype, viel viel zu früh und äußerst fahrlässig!

Eine fatale Fehlentscheidung deshalb, weil beide Eisbärinnen gerade in der kritischsten Anfangsphase ihrer Aufzucht waren und wo jede noch so kleine Störung dramatische Folgen haben konnte. Wie man jetzt weiß, wurden diese Folgen später traurige Realität!

 

 

Eisbärin Vilma im Tiergarten Nürnberg

Zwangstrennung und Handaufzucht : Eine Entscheidung für spätere Tierquälerei?

PETA hat diese Zwangstrennung (siehe Vorgeschichte) sofort kritisiert:
„Tierrechtler: "Fahrlässige Tierquälerei" - Die Tierrechtsorganisation PETA wirft dem Tiergarten Nürnberg "fahrlässige Tierquälerei" vor. Die Verantwortlichen hätten falsch gehandelt, als sich Eisbärin Vera mit ihrem Jungtier in einer kritischen Phase befunden habe, sagte PETA-Sprecher Frank Albrecht. Man habe die Presse vorzeitig informiert, das Gehege nicht rechtzeitig abgesperrt und damit eine Störung der Tiere provoziert. Albrecht habe zudem "extreme stereotype Verhaltensstörungen" beim Muttertier beobachtet. Tiergarten-Chef Dag Encke weist die Vorwürfe zurück.“ (3)

Und PETA hat anhand von wissenschaftlichen Aussagen Flockes Zukunft als Handaufzucht prognostiziert:
„Der Zoo ist Flockes Irrenhaus. „Fehlprägungen“ von Bären habe es auch schon im Nürnberger Tierpark gegeben, so Albrecht. Für ihn ist der Fall des Eisbären Schorsch besonders dramatisch. „Er wurde mit Braunbären zusammengebracht und so sexuell neu ausgerichtet. Bald lief Eisbär Schorsch nur noch Braunbärinnen hinterher.“ (6)

„Auch für das von Hand aufgezogene Jungtier seien Psychosen zu erwarten. So sei der Berliner Eisbär Knut schon derart auf männliche Besucher geprägt, dass er zu einem normalen Sozialverhalten unter Eisbären gar nicht mehr fähig sei. "Alle Handaufzuchten werden Problembären", warnte Albrecht. Tiergarten-Direktor Dag Encke wies die Kritik der Tierrechtler als zu pauschal zurück.“ (4)

„Wie auch immer es weitergehen wird, Flocke ist die Verliererin“, so Frank Albrecht, Zooexperte von PETA Deutschland e.V. „Keinen wird später interessieren, wie süß sie einmal war, wenn sie als Erwachsene im Gehege ständig stereotyp hin- und herläuft.“ (5)

 

 

Bewegungsstereotypie bei Vilma

Gibt es verhaltensgestörte Eisbären im Tiergarten Nürnberg?

Immer wieder betonte Dr. Encke gegenüber den Medien, im Tiergarten geben es keine verhaltensgestörten Eisbären.

Dr. Dag Encke, Direktor des Nürnberger Tiergartens – 2008:
"Eisbärenhaltung ist sehr schwierig, das stimmt. Und sie neigen auch stark zu Stereotypien, wenn sie in langweiligen Gehegen leben. Zum Glück ist die Tiergärtnerei jetzt so weit, dass zum Beispiel unsere Eisbären Stereotypien nicht mehr zeigen, sondern ein normales Verhalten an den Tag legen." (1)

Die Realität sah schon 2008 anders aus: Wir haben Stereotypien dokumentiert und im obigem Video zusammengefasst.

Und nun holt den Tiergarten Nürnberg die Realität erneut ein. Handaufzucht Flocke zeigt bereits in jungen Jahren erschreckende Stereotypien:
„Manchmal ist es schwierig, packende Bilder von Flocke zu machen, denn manchmal sieht ein Bild aus wie das andere. Entweder die kleine Bärin nuckelt, oder sie läuft monoton am Becken auf und ab. Das Wort "Hospitalismus" will Nürnbergs Tiergartenchef Dag Encke vorerst noch nicht in den Mund nehmen. Dennoch ist die Situation ernst: Dass Flocke so viel nuckelt und immer den gleichen Parcours in ihrem Gehege abläuft, beunruhigt die Tierpfleger. "Wenn sich dieses Verhalten festsetzt, kriegt man es unter Umständen nicht mehr weg", gibt Encke zu. Dann wären die Befürchtungen der Tierschützer eingetreten, die schon bei Flockes Geburt davor warnten, die kleine Bärin könne "als psychisches Wrack" enden. Tiergarten-Chef Dag Encke erklärte damals noch, die Tiergärtnerei sei mittlerweile so weit, dass die Eisbären nicht mehr in Stereotypen verfallen. Ihrer Beschreibung nach vergisst Flocke oft die Welt um sich herum, beobachtet einzelne Besucher oder das Reinigungspersonal anstatt zu fressen.“ (19)

 

Wie „erfolgreich“ sind handaufgezogene Eisbären?

Lesen Sie selbst, was Experten über Handaufzuchten berichten:

„Der niederländische Koordinator für die Eisbärzucht in Zoos, Hans van Weerd, sagte dem RBB, dass es in den vergangenen 25 Jahren in Zoos 60 Handaufzuchten gab. Nur 30 Tiere überlebten, und nur in fünf Fällen hatten die Eisbären, die dank menschlicher Hilfe überlebten, schließlich eigenen Nachwuchs.“ (7)

„Nach Auffassung der Rostocker Eisbär-Expertin Karin Linke wird Knut durch die Handaufzucht Schwierigkeiten haben, andere Eisbären als Artgenossen zu erkennen und sich bei ihnen durchzusetzen. «Es wird schwer für Knut», sagte sie der «Bild»-Zeitung. Ihren Angaben zufolge waren nur die Hälfte der in den vergangenen 30 Jahren versuchten 70 Handaufzuchten bei Eisbären erfolgreich. Nur zehn Prozent zeugten später selber Nachwuchs.“ (14)

„Eine Handaufzucht würde ich nicht noch einmal durchführen wollen“, sagte Linke, die bis zu ihrem Ruhestand vor einem halben Jahr 42 Jahre lang im Zoo tätig war. „Die Tiere lernen das bei Eisbären ohnehin nicht besonders ausgeprägte Sozialverhalten nur bei der Mutter“, sagte die Expertin. Von 34 per Menschenhand durchgebrachten Eisbären seien später nur sieben Tiere selbst Mutter oder Vater gewesen.“ (15)

„Was passiert denn mit Eisbären wie Knut? Trillmich: Sie werden falsch sozialisiert. Es ist natürlich nett anzusehen, wenn das Tier mit seinem Pfleger rumknuddelt. Aber es geht im Zoo doch auch darum, Arten zu erhalten. Sieht ein Eisbär den Menschen als Sozialpartner, ist er für die Paarung unbrauchbar. Prof. Dr. Fritz Trillmich lehrt und forscht am Lehrstuhl Verhaltensforschung der Universität Bielefeld“ (17)

 

 

Bewegungsstereotypie bei Vera

Handaufzucht - Verhaltensstörungen und andere Probleme

„Wenn nur ein Bärchen in Menschenhand aufwächst, besteht die Möglichkeit seiner Prägung auf „Ersatzkumpane“ mit den Folgen der erschwerten oder vielleicht unmöglichen späteren Verpaarung mit Artgenossen (K.HEINROTH 1970).“
(ALFRED SEITZ, 1973, Tiergarten Nürnberg) (20)

„Große Beachtung fand die erfolgreiche Handaufzucht eines Eisbärenbabys durch Frau Dr. Linke aus dem Vorjahr. Nach der Trennung von der Pflegemutter stellten sich leider Verhaltensstörungen ein, die nun die Haltung eines Jährlings belasten (Schreien, Annuckern von Zoobesuchern, schlechte Futteraufnahme).“
(Dr. W. SPERLICH, 1989, Zoo Rostock) (21)

„In der späteren Zeit, in der wir „Nowaja“ nur noch selten sahen, wird es bei ihr zu einer regelrechten Sucht, so dass sie uns bei unseren Besuchen überfällt und alle erreichbaren nackten Hautstellen absaugt. Selbst heute noch, nach 2 Jahren, hat sich daran nichts geändert. Nur saugt sie hier und da kurzfristig bei ihrem Pfleger und einigen immer wiederkehrenden Besuchern oder auch in letzter Zeit an ihren eigenen Vorderpfoten, nach Mitteilung des Wärters auch an den Pfoten oder Ohren eines jungen Kragenbärens, mit dem sie einige Zeit zusammenlebte.“
(RICHARD und INGRID FAUST, 1958, Zoo Frankfurt Main) (22)

„Nicht selten zeigen sie stereotype Verhaltensstörungen, wie sie häufig bei Handaufzuchten beobachtet werden (FORTHMAN u. BAKEMAN 1992).“
(SANDRA LANGGUTH, 2002) (24)

 

Das zu kleine Gehege der Nürnberger Eisbären

Hauptproblem „Verhaltensstörung“ bei Eisbären in Gefangenschaft

„Prof. Hanno Würbel; Universität Gießen: Eisbären im Zoo zeigen oft stereotypes Verhalten, indem sie ständig die gleichen Bewegungen machen, den Kopf hin und her schwingen oder im Kreis laufen. Dass es zu diesen Verhaltensstörungen kommt, ist nicht verwunderlich. In der freien Wildbahn durchstreifen Eisbären bei ihrer Nahrungssuche ein riesiges Areal. Sie auf den wenigen Quadratmetern eines Zoogeheges einzusperren, kann wohl kaum artgerecht sein.“ (1)

„Ein Gießener Tierschützer ist überzeugt: Eisbären kann man nicht in Gefangenschaft halten, ohne den Tieren zu schaden. Angesichts des Rummels um den kleinen Knut fordert er nun die grundsätzliche Abschaffung der Eisbärenhaltung in Zoos. "Eisbärenhaltung geht nicht“, sagte der Gießener Tierschutzprofessor Hanno Würbel der Wochenzeitung „Die Zeit“. Besonders die Handaufzucht von Eisbären mit der Flasche lehne er ab. „In vielen Fällen enden diese Tiere verhaltensgestört, lassen sich nicht in eine Gemeinschaft eingliedern, müssen dann später weiterverkauft oder gar getötet werden“, sagte der Wissenschaftler der Universität Gießen.“ (16)

„Darf man einen so vorzüglichen Läufer hinter Gittern halten? Georgia Mason, Verhaltensforscherin vom Institut für Zoologie der Universität Oxford, meint nein. Bei einer ganzen Reihe von Arten - darunter auch Asiatische Elefanten und Löwen - erzeuge Gefangenschaft Stress, Frustration und führe zur Veränderung ihres natürlichen Verhaltens. Im Gehege entwickelten sie stereotype Verhaltensweisen wie ständiges Auf-und-ab-Gehen (Pacing) und vernachlässigten die Pflege ihres Nachwuchses. Dafür spreche die hohe Sterblichkeit der Neugeborenen und die Anzahl der "Flaschenkinder", die von Tierpflegern aufgezogen werden müssen. Mason stellte fest: Je größer die tägliche Laufstrecke und das Revier des freien Tieres ist, desto höher fällt die Säuglingssterblichkeit der Art in Gefangenschaft aus. Besonders deutlich beim Polarbären: Das kleinste Revier des Einzelgängers in Freiheit ist etwa eine Million Mal größer als ein übliches Zoogehege.“ (18)

 

Verhaltensstörungen in Zahlen

Studie 1978
Von 125 Eisbären in 39 Zoos zeigten 55% der Eisbären Stereotypien (8)
Studie 1991
Alle 16 Eisbären in insgesamt 8 englischen Zoos wiesen Stereotypien auf (9)
Studie 1999
Von 70 Zoos haben 43 Zoos mindestens 1 Eisbär mit Stereotypien (11)
Studie 2002-2004
In 10 deutschen Zoos zeigten 31 von 34 Eisbären Stereotypien (12)
PETA Dokumentation 2008
Von 34 Eisbären zeigten 25 Eisbären Stereotypien (13)

 

Gehören Eisbären in die Gefangenschaft?

WÜRBEL: Es ist sehr schwierig, artgerechte Bedingungen zu schaffen. Eisbären haben in der Natur nicht nur die größten Streifgebiete aller Landsäugetiere, sie müssen auch ständig aufmerksam sein, um erfolgreich zu jagen. Solche Bedingungen sind im Zoo kaum herzustellen, ich kenne jedenfalls kein gutes Beispiel. Den Tieren fehlen die Herausforderungen. Deshalb haben die Eisbären von allen Raubtieren in Gefangenschaft auch die höchste Rate an Verhaltensstörungen und die höchste Jungensterblichkeit. Ich bin dafür, dass Eisbären nicht mehr in Zoos gehalten werden. Die Zucht sollte auslaufen.“ (2)


Quellennachweise:

(1) Bayerischer Rundfunk; „Kontroverse um den Eisbären“ vom 08.03.2008
(2) Kölner Stadtanzeiger; „Eisbären sind keine Kuscheltiere“ vom 16.01.2008
(3) Bayerischer Rundfunk; „Dramatische Tage in Nürnberg“ vom 08.03.2008
(4) Spiegel, „Flocke wird getauft“, vom 16.01.2008
(5) PETA-Pressemitteilung; „Die Flocke-Story: Vom süßen Kassenstar zum traurigen Verlierer“
vom 07.04.2008
(6) FOCUS; „Der Zoo ist Flockes Irrenhaus“ vom 08.4.2008
(7) DPA; „RBB -Reportage über Knut, Flocke & Co“ vom 04.10.2008
(8) Van Keulen Kromhout (1978)
(9) Ames (1991)
(10) Alexis Lecu (1999)
(11) Fragebogenanalyse 1999 (Bear-TAG/ Bear Taxon Advisory Group)
(12) Dipl.-Biol. Ulrike Stephan (Untersuchung 2002-2004)
(13) PETA Dokumentation 2008
(14) DDP; „Eisbärbaby Knut gedeiht weiter prächtig“ vom 06.03.2007
(15) DDP; „Knut steht im Internationalen Zuchtbuch für Eisbären“ vom 29.03.2007
(16) Die Welt; „Eisbären aus Handaufzucht enden verhaltensgestört“ vom 25.04.2007
(17) FOCUS; „Eine natürliche Entscheidung“ vom 08.01.2008
(18) Geo Magazin; „Verhalten: Kein Platz für Eisbären“; Heft Nr.: 12/2003
(19) Bayerischer Rundfunk-Blog; „Hospitalismus im Aqua-Park?“ vom 27.05.2009
(20) Zool. Garten N.F. 43 (1973) 6, S. 293-304/ „Beitrag zur Zucht des Eisbären
(21) Jahresbericht Zoo Rostock 1989
(22) Zool. Garten N.F. 32 (1966) 4, S. 129-145/ „Künstliche Aufzucht eines Eisbären“
(23) „..und hinter tausend Stäbe keine Welt – Die Wahrheit über Tierhaltung im Zoo, von Stefan Austermühle
(24) „Haltung, Fütterung, Fortpflanzung und Krankheitsgeschehen des Lippenbären in Zoos“ (Dissertation von Sandra Langguth/ Leipzig 2002)