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Lämmern werden ohne Betäubung riesige Fleischstreifen weg geschnitten
Ein Blick hinter die Kulissen der Wollindustrie

Wolle wurde einst gewonnen, indem man die Haare der Schafe in der Zeit der Mauser, also des natürlichen Fellwechsels, auszupfte. Im Laufe der Domestikation züchtete der Mensch dem ursprünglichen Mufflon jedoch den natürlichen Fellwechsel, die starren und dicken Deckhaare und die dunkle Fellfarbe weg, um möglichst viel weiße und weiche Unterwolle von den Tieren nutzen zu können. Das Züchten zum Erzielen eines ständigen Vlieswachstums begann nach Erfindung der Schermesser. (1) Ohne das Eingreifen des Menschen wäre die Schafschur zwischen Spätfrühling und Sommeranfang nicht erforderlich, doch aufgrund des heutigen extremen Wollwachstums sind die Tiere bei heißen Temperaturen anfällig für Tod durch Hitzschlag.


Schafe in der Welt

Weltweit leben insgesamt über 1 Milliarde Schafe. Mit knapp 75 Millionen Schafen war Australien 2012 das weltgrößte Exportland für Wolle und produzierte rund 25 Prozent des gesamten Wollaufkommens. Weitere große Wollexporteure sind China, Neuseeland, der Iran, Argentinien und Großbritannien. Insgesamt schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die jährliche weltweite Schafwollproduktion auf über 2 Millionen Tonnen. (2, 3)
 
Die heutigen Herden bestehen gewöhnlich aus Tausenden von Schafen, was es faktisch unmöglich macht, einem Tier individuelle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, seinen individuellen Bedürfnissen nachzukommen oder seine Krankheiten zu behandeln. Die Todesraten bei Schafen sind teilweise extrem, sie können bis zu 72% betragen. In Australien sterben jährlich allein mehr als 10 Millionen Lämmer innerhalb der ersten 48 Lebensstunden aufgrund von problematischen Geburten oder sie verhungern. (4, 5)
 

Die Qualen des Mulesing
 
Die in Australien meistverbreitete Schafrasse ist das Merinoschaf, eine speziell gezüchtete Rasse mit feinster, weißer Wolle. Australien liefert etwa 50 Prozent der weltweiten Merinowolle. Damit jedes einzelne Tier noch mehr Wolle liefern kann, wurde den Merinoschafen bewusst eine überaus faltige Haut angezüchtet. In den Hautfalten sammeln sich zudem Urin und Feuchtigkeit an, insbesondere am Hinterteil. Von der Feuchtigkeit angezogene Fliegen legen in den Hautfalten ihre Eier ab, deren ausgeschlüpfte Larven die Schafe anschließend buchstäblich bei lebendigem Leib auffressen. Um einen solchen „Fliegenbefall“ zu verhindern, nehmen australische Farmer an den Schafen eine barbarische Prozedur vor – das sogenannte Mulesing. Dabei werden den Lämmern bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung große Fleischstreifen von den Hinterbeinen und im Bereich des Schwanzes abgeschnitten. So soll theoretisch eine glatte, vernarbte Fläche entstehen, auf der sich keine Fliegen ansiedeln und Eier ablegen können. Die Realität zeigt jedoch das genaue Gegenteil, denn die offenen blutigen Wunden der Schafe werden oft noch vor dem Abheilen von Fliegen befallen.
 
Die australische Wollindustrie hatte sich kurzzeitig dem Druck von PETA gebeugt und eingewilligt, das Mulesing bis Ende 2010 auslaufen zu lassen und tierfreundliche Methoden zur Überwachung des Fliegenbefalls einzusetzen. Doch die Australian Wool Innovation (AWI) zog ihre Zusage zurück, und 2013 wurden 94 Prozent der australischen Schafe durch das Mulesing verstümmelt. (6)
 
Alternativen zum grausamen Mulesing sind beispielsweise eine fortlaufende Kontrolle der Schafherden mit Augenmerk auf einzelnen Tieren oder der Einsatz einer besser an die Umgebung angepassten Schafrasse. Angesichts dieser verfügbaren Möglichkeiten stellt sich die Frage, warum Australien weiterhin Millionen Schafe dieser grausamen und unnötigen Prozedur unterzieht. In Südafrika ist das „tierquälerische und schmerzverursachende“ Mulesing seit 2009 offiziell verboten. (7) Die neuseeländische Wollindustrie hat das Mulesing seit 2010 auf freiwilliger Basis größtenteils eingestellt und vergibt das kontrollierte ZQ-Siegel zur Kennzeichnung rückverfolgbarer Mulesing-freier Wolle. (8)
 

Die Tortur der Schur

Wollschafrassen wie Merinos werden je nach Kontinent zumeist im Frühsommer geschoren – also zu der Zeit, in der die Tiere normalerweise ihr Winterfell abwerfen. Das richtige Timing ist daher entscheidend: Schert man zu spät, verliert der Farmer Wolle; ist man zu sehr in Eile, sterben viele Schafe bei Kälteeinbrüchen, weil sie zu früh geschoren wurden. Bei vorzeitigen Hitzewellen können die Tiere durch ihr unnatürlich starkes Haarwachstum auch an Hitzschlag sterben.

Schafscherer werden gewöhnlich nicht nach Stunden, sondern nach der Zahl geschorener Schafe bezahlt. Erfahrene Arbeiter scheren bei hoher Geschwindigkeit 150 bis 200 Tiere am Tag; diese Geschwindigkeit wird bis zu vier Wochen aufrechterhalten. (9) Da sich die Tiere gegen die Prozedur wehren, führt das Scheren im Akkord selbst bei erfahrenen Scherern immer wieder zu Verletzungen der Schafe. Um den Stress in den Schurställen zu bewältigen, greifen viele Scherer zudem zu Alkohol und Drogen. (10)
 
Eine internationale Undercover-Recherche von PETA USA deckte auf, dass Arbeiter in den USA und in Australien, dem weltgrößten Exportland für Wolle, Schafe während der Schur schlugen, traten, herumwarfen, auf ihnen herumtrampelten, sie verstümmelten und sogar töteten. Nach diesen Übergriffen waren die Tiere starr vor Angst und bluteten aus Augen, Nase und Mund. Klaffende, blutige Wunden wurden einfach vor Ort mit Nadel und Faden vernäht, ohne dass den Tieren dabei Schmerzmittel verabreicht werden. Verletzte und unprofitable Schafe wurden vor den Augen ihrer Artgenossen erschossen und sogar geschlachtet. (11)
 

Wolle aus Deutschland?
 
Auch in Deutschland berichten Schafhalter untereinander von Schlägen, Gewalt oder gar Genickbruch von Schafen bei der Schur. (12) Im internationalen Vergleich produziert Deutschland mit knapp 1,6 Millionen Schafen nur sehr wenig Wolle, die zumeist auch gröber und kratziger ist. (13) Hierzulande werden vor allem wenige Wochen alte Lämmer für ihr Fleisch geschlachtet. Die Schur und der Verkauf deutscher Wolle rechnen sich nur für große Züchter mit Merinoschafen, da mit ihrer Wolle noch Preise von über einem Euro pro Kilogramm Wolle erzielt werden können. Die Wolle von schwarzen oder gemischten Schafrassen hingegen bringt hierzulande im Schnitt jedoch nur wenige Cent ein – das reicht für die Schafzüchter bei 3 bis 5 Kilogramm Wolle pro Tier oft nicht einmal aus, um die Anfahrt sowie die Schurkosten von 3 Euro pro Tier zu bezahlen. Die grobe Wolle wird deshalb oft nicht zur Bekleidungsherstellung genutzt, sondern im Ausland zu Filz, Teppichen, Pellets oder Dämmmaterial weiterverarbeitet. (14)


Lebendexport und Schlachtung

Wenn die Wollproduktion der Schafe mit zunehmendem Alter nachlässt, werden die Tiere mit etwa sechs Jahren zum Schlachten verkauft, obwohl ihre natürliche Lebenserwartung je nach Rasse bei bis zu 20 Jahren liegt. (15) Knapp 1,9 Millionen Schafe wurden 2013 beim grausamen Lebendexport etwa aus Australien in den Nahen Osten verschifft. (16)
 
Auf riesigen Lebendexportschiffen mit bis zu 100.000 Schafen kommt es leicht zum Ausbruch von tödlichen Seuchen. Bei Temperaturen von über 40 °C am Arabischen Golf sterben zudem Tausende Tiere an Hitzschlag. (17)
Ermittlungen von PETA und Animals Australia aus dem Jahr 2006 haben aufgedeckt, dass die von Australien exportierten Schafe beim Transport und Verladen brutal getreten werden und ihnen später in den Schlachthäusern oder Hinterhöfen ohne Betäubung die Kehle aufgeschnitten wird. (18) Dieser qualvolle Tod wäre in Australien oder Deutschland illegal, da hier eindeutig die Standards der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) über den Umgang, den Transport und das Schlachten von Tieren verletzt werden. (19)
Undercover-Ermittlungen von PETA Asia enthüllen Grausamkeit in der Angora Industrie. 90 Prozent der Angorawolle stammt aus China.
Weitere Tiere in der Wollindustrie

Ganz gleich, ob es Wolle, Angora, Kaschmir, Mohair, Vikunja oder Shahtoosh genannt wird: Die Herstellung von Artikeln jeder Wollart ist für die Tiere mit Leiden verbunden.
 
Angorawolle stammt von sogenannten Angorakaninchen. 90 Prozent der Angorawolle kommt aus China, wo Tausende Tiere eingesperrt in winzigen Einzelkäfigen auf Farmen leben. Ein Undercover-Ermittler von PETA Asia filmte Arbeiter auf mehreren chinesischen Farmen, die den Tieren gewaltsam das Fell aus der sensiblen Haut rissen, während die Kaninchen markerschütternd vor Schmerzen schrien. Diese Misshandlung, nach der die Tiere in eine Schockstarre verfallen, müssen die Kaninchen alle drei Monate erleiden. Viele Kaninchen werden bei der Schur auch an Brettern gefesselt. Die Tiere erleiden bei der brutalen Schur nicht nur massive Verletzungen; bedingt durch den extremen Stress sterben viele der Fluchttiere zudem an Herzversagen. Die überlebenden Angorakaninchen werden nach zwei bis fünf Jahren schließlich getötet. Hierbei werden sie kopfüber aufgehängt, ihre Kehle wird durchschnitten und ihr Körper anschließend verkauft. (20)
 
Kaschmir kommt von Kaschmir-Ziegen, die zu Millionen in China und der Mongolei gehalten werden. Laut Branchenexperten müssen Ziegenhalter davon ausgehen, 50 bis 80 Prozent der Jungziegen töten zu müssen, da die Felle der Tiere den Qualitätsanforderungen nicht entsprechen. (21) Zur Schur werden die Ziegen gefesselt und auf den Boden geworfen. Die Hirten reißen die Unterwolle mit Drahtbürsten aus dem Fell der schreienden Tiere. (22)

Shahtoosh wird aus dem Fell der gefährdeten Tibetantilope, auch Tschiru genannt, hergestellt. Da sich Tschirus nicht domestizieren lassen, müssen sie getötet werden, um an die Wolle zu gelangen. Obwohl der Verkauf und Besitz von Shahtoosh seit 1975 illegal ist, sterben jährlich viele Tschirus für die Produktion von Schals, die für Tausende Dollar auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden. Für einen einzigen Schal ist die Wolle von fünf Antilopen erforderlich. (23)

Alpakas sind höckerlose Kamele, die in Südamerika speziell der Wolle wegen gezüchtet und bei der Schur auf Streckbänke gespannt werden. Weltweit werden insgesamt drei Millionen Alpakas zur Herstellung von Wolle gezüchtet. (24) In den 80er-Jahren explodierte der Markt für Alpaka, da die Wolle als Luxusmaterial heiß begehrt war. Aus diesem Grund sind Alpaka-Herden mittlerweile auf Tausende Tiere angewachsen.
 
Mohair stammt von Angoraziegen, die vor allem in Südafrika, den USA und der Türkei gezüchtet werden. Die sanften Tiere werden jährlich zweimal geschoren. (25, 26) Dazu werden sie oft an den Hörnern gezogen und während der Schur gefesselt.
 
Die Kleinkamele Vikunjas leben meist frei in den Anden. Mit bis zu 500 US-Dollar pro Kilo ist ihre Wolle noch exklusiver als Kaschmir. Die hohe Nachfrage führte im 20. Jahrhundert bereits beinahe zur Ausrottung der Tiere. Auch heute werden die Vikunjas trotz Schutzmaßnahmen noch systematisch gewildert und getötet. (27, 28)
 

Was Sie tun können

Tragen Sie nicht zur Qual der Schafe bei, die ihnen die Wollindustrie bei der Zucht, der Schur und der Schlachtung zufügt. Kaufen und tragen Sie keine Wolle, sondern wählen Sie modische und tierfreundliche Materialien, wie Baumwollflanell, Polyestervlies, synthetisches Shearling und andere tierfreundliche Fasern. Menschen mit Wollallergien setzen schon seit Langem auf diese Materialien. Tencel beispielsweise ist atmungsaktiv, haltbar und biologisch abbaubar – und damit eines der neuesten tierfreundlichen Materialien als Alternative zu Wolle. Das hochdichte Vlies Polartec Wind Pro, das im Wesentlichen aus recycelten Plastikflaschen hergestellt wird, bietet nicht nur den vierfachen Windwiderstand von Wolle, sondern weist außerdem Feuchtigkeit ab.

Quellen

(1) Gibson-Roberts, Priscilla: „Scandinavian Sheep”, Knitters Magazine, 2000
(2) AWI: „Sheep Numbers by State”, 2012; http://www.wool.com/fl/market-intelligence/sheep-numbers-by-state (Abgerufen, 22.05.2014)
(3) FAOSTAT, http://faostat.fao.org (Abgerufen, 22.05.2014)
(4) ABARE 2010: „Farm survey data for the beef, slaughter lambs and sheep industries“, In Vol. 2010, Australian Bureau of Agricultural and Resource Economics: Canberra.
(5) Holst, P.J. 2004: „Lamb autopsy Notes on a procedure for determining cause of death“, pp. 1-24, NSW Agriculture: New South Wales.
(6) Australian Wool Exchange Ltd. (AWEX). „Mulesing Status“. NonMulesed+CeasedMulesing. http://www.awex.com.au/market-information/mulesing-status/ (Abgerufen 11.07.2014)
(7) Scholtz, A. J., et al. (2013) „GENETIC ANALYSIS OF ABSENCE OF BREECH STRIKE AND BREECH STRIKE INDICATOR TRAITS IN SOUTH AFRICAN MERINO SHEEP“. Proc. Assoc. Advmt. Anim. Breed. Genet. Vol. 20.
(8) ZQ Website: http://www.zqmerino.com/ (Abgerufen 27.05.2014)
(9) Hinton, David G. 2006: „Running a Small Flock of Sheep“, Landlinks Press.
(10) Grindlay, Danielle: „On the boards: Australian shearers speak-up on alcohol, drugs and animal welfare“, ABC Rural article http://www.abc.net.au/news/2014-07-23/on-the-board3a-the-real-shearers-of-australian-sheds/5617472 (Abgerufen 29.07.2014)
(11) Wolle.PETA.de
(12) Sezgin, Hilal 2014: „Blutige Wolle“, Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 14.07.2014.
(13) DESTATIS: „Viehbestand“, Fachserie 3 Reihe 4, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden, 2014.
(14) Lenk, Joachim 2014: „Wenig Geld für viel Wolle“, Alb Bote vom 12.07.2014. http://www.swp.de/muensingen/lokales/muensingen/Wenig-Geld-fuer-viel-Wolle;art5701,2699085
(15) Weigl, Richard 2005:Longevity of Mammals in Captivity; from the Living Collections of the World“, Kleine Senckenberg-Reihe 48: Stuttgart.
(16) Australian Department of Agriculture 2014: „Sheep Export Voyages“. http://www.daff.gov.au/biosecurity/export/live-animals/livestock/regulatory-framework/compliance-investigations/investigations-mortalities
(Abgerufen 30.07.2014)
(17) Australian Department of Agriculture 2013: „Mortality Investigation Report 46: Sheep Exported to Qatar and the United Arab Emirates - September 2013“ http://www.daff.gov.au/biosecurity/export/live-animals/livestock/regulatory-framework/compliance-investigations/investigations-mortalities/report-46 (Abgerufen 30.07.2014)
(18) http://www.peta.de/australiens-grausamer-lebendexporthandel
(19) World Organisation For Animal Health: „International Standards“. http://www.oie.int/en/international-standard-setting/overview/ (Abgerufen 30.07.2014)
(20) www.PETA.de/Angora
(21) Cashmere Products of America: „Cashmere Charateristics“, 2006
(22) http://www.peta.de/wolle-die-qual-der-schur
(23) Gupta, Saloni (2011): „Contesting conservation: shahtoosh trade and forest management in Jammu and Kashmir, India. “. PhD thesis, SOAS (School of
Oriental and African Studies).
 (24) Natural Fibres: Alpaca. FAO 2009 http://www.naturalfibres2009.org/en/fibres/alpaca.html (Abgerufen 28.07.2014)
(25) Agricultural Marketing Ressource Centre „Goats for fibre“. http://www.agmrc.org/commodities__products/livestock/goats/goats-for-fiber (Abgerufen 28.07.2014)
(26) Natural fibres: Mohair. FAO 2009 http://www.naturalfibres2009.org/en/fibres/mohair.html (Abgerufen 28.07.2014)
(27) Hallett, Clive 2010: „Naturfaserstoffe: Handbuch für Modedesigner“, Stiebner Verlag, München.
(28) Latina Press 2013: „Peru: Wilderer töten 300 Vikunjas“, http://latina-press.com/news/151625-peru-wilderer-toeten-300-vikunjas/ (Abgerufen 29.07.2014)