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Leid-Linien

Das "Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren" vom BMELV - Bitte auf´s Bild klicken, um es online zu lesen!
Die heutigen viel zu kleinen und daher tierschutzwidrigen Raumgrößen (siehe Tabelle unten) der Eisbärengehege in deutschen Zoos regelt das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) am 10.06.1996 erstellte und bereits schon damals mehr als veraltete „Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren“.

In diesem Gutachten heißt es im Vorfeld:
„Säugetiere solcher Arten, die wegen ihrer besonderen Pflegeansprüche nur unter besonderen Voraussetzungen und Bedingungen verhaltensgerecht zu halten sind, werden vorliegend nicht behandelt.“

Da Eisbären im Gutachten jedoch aufgeführt werden, bedeutet dies, dass nach Meinung der „Sachverständigen“ damals, eines der größten Landraubtiere der Erde keine besonderen Haltungsanforderungen benötigt. Mehr als absurd, aber auch nicht verwunderlich, waren doch drei Zoodirektoren an der Erarbeitung ihrer eigenen Vorgaben (Gutachten) als Sachverständige beteiligt.

Hinzu kommt, dass der im Gutachten vorgegebene Raumbedarf und andere Mindestanforderungen keinesfalls verbindlich sind und im „Einzelfall“ sogar „abweichen“ können:
„Tiere haben artspezifisch und teilweise auch in Abhängigkeit von individuellen Faktoren in unterschiedlichem Maße die Fähigkeit der Anpassung an äußere Bedingungen, die vom Optimum abweichen... sie ist im Einzelfall zu berücksichtigen, gegebenenfalls unter Einbeziehung eines Sachverständigen auch bezüglich Ernährung und Sozialgefüge… Abweichungen von den Mindestanforderungen an Raum und Struktur eines Haltungssystems können sich nur in Grenzen ausgleichen. Veterinärmedizinische und besonders begründete tiergartenbiologische Maßnahmen können vorübergehende Abweichungen von den Vorgaben des Gutachtens rechtfertigen.“

Ein weiteres Hintertürchen wird im Gutachten wie folgt benannt:
„Besonders sorgfältig ist das individuelle Risiko einer abrupten Veränderung der Haltungsumstände bei älteren Tieren abzuwägen, die einen großen Teil ihrer Lebensspanne unter anderen Bedingungen verbracht haben.“

Das heißt also, dass in viel zu kleinen Gehegen untergebrachten Eisbären in anderen oder neueren Einrichtungen nicht unbedingt größere Gehege zur Verfügung gestellt werden müssen!

Ein weiterer negativer Faktor ist, dass nach Aussage des BMELV (2009) bei der Haltung von Tieren in Zoos auch der §2 des Tierschutzgesetzes gilt, dieses Gutachten aber dennoch keinerlei Rechtskraft (Gesetz) wie in Österreich besitzt.

Die Bundesregierung selbst meint:
„Ergänzend wird angemerkt, dass Gutachten und Leitlinien keine verbindlichen Rechtsnormen darstellen.“
(Bericht der Bundesregierung zum Antrag "Delfinschutz voranbringen" vom 04.06.2009)


Eine mehr als skandalöse Aussage, die nicht nur geltendes Recht (Tierschutzgesetz) in Frage stellt, sondern auch ad absurdum führt. Denn das Tierschutzgesetz schreibt im §2 eigentlich vor:
„Wer ein Tier hält,… muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen … verhaltensgerecht unterbringen. Darf die Möglichkeiten des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“

 

Neuere Gerichtsurteile (wie OVG Schleswig-Urteil vom 28.06.1994 – 4L 152/92), das Tierschutzgesetz §2 selbst, die EU-Zoorichtlinie, das LANA-Diskussionspapier (1997), internationale „Husbandry Guidlines“ (AZA, EAZA) oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse über arttypisches Verhalten und Leidensfähigkeit bei Tieren sprechen eine ganz deutliche Sprache und degradieren dieses Gutachten zu einer mehr als tierschutzwidrigen und unverantwortlichen Leid-Linie, welche dringend überarbeitet werden muss.

Aus diesem Grund haben wir uns von PETA Deutschland e.V., zusammen mit anderen Tier- und Umweltverbänden, im Februar 2009 an die Parteien des deutschen Bundestages und im Juli 2009 an das BMELV gewandt, um eine neue und schnelle Überarbeitung des Gutachtens zu fordern.
Klicken Sie hier, um den Brief zu lesen.

 


Das BMELV antwortete auf die Forderungen nun folgendermaßen:
„Die angestrebte Überarbeitung des Säugetiergutachtens wird … voraussichtlich etwa 2 Jahre in Anspruch nehmen. Ein konkreter Zeitplan kann derzeit noch nicht abgeschätzt werden.“
(MinDir Bernhard Kühnle/ BMELV vom 30.07.2009)


Somit ist klar, dass Eisbären und andere Tierarten in deutscher Gefangenschaft noch viel länger auf verbesserte Haltungsbedingungen warten müssen. Seitens der Bundesregierung ist also ganz offensichtlich keine schnelle Überarbeitung zu erwarten.

Folgende Tabelle zeigt einige Haltungsrichtlinien im Überblick. Sie macht deutlich, dass Deutschland absolut rückständig ist.
Quelle einiger Hintergrundinfos: Torsten Schmidt/ BMT Pfullingen
Zu den Quellenangaben

 

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