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 »  »  »  »  » Freiheit für Eisbären - Zucht - Zuchtdesaster und seine Konsequenzen

Zucht-Desaster

„Die Zucht von Eisbären in Zoologischen Gärten muss immer noch als selten und problematisch angesprochen werden.“
(Kurt Ehlers; „Der Zoologische Garten“; 1973)

„Der Anteil der aufgezogenen Eisbären ist unbefriedigend und kann im Laufe der Zeit dazu führen, dass die gehaltenen Tiere auf eine immer kleiner werdende Anzahl von Elterntieren zurückgehen.“
(Dr. Karin Linke; „Eisbärenzuchtbuch 1994“)

„Ein weiteres Problem sind die ebenfalls noch immer unbefriedigenden Aufzuchterfolge.“
(Dr. Karin Linke; „Eisbärenzuchtbuch 2006-2007“)

Zwanzig Jahre liegen zwischen beiden Aussagen zur Zucht in Gefangenschaft. Und trotz angeblich verbesserter Haltungsbedingungen sieht die Zucht weitere 22 Jahre später (2007) nicht viel besser aus.

Populationen in Freiheit

Nahezu alle lange Zeit sich selbst erhaltenden Wildtier-Bestände sind groß bis sehr groß.
Mindestens umfassen sie Tausende, aber öfter noch Hunderttausende oder sogar Millionen
von Individuen. Die überwiegende Mehrheit wildlebender Populationen, die untersucht worden sind, zeigten ein hohes Maß an Variabilität … Die natürliche genetische Variation in einem wildlebenden Bestand stattet diesen mit einer Anpassungsfähigkeit aus, die notwendig für das Überleben in einer Umwelt mit sich ständig wandelnden Bedingungen ist. Aufgrund der immer vorhandenen und sich selbst erneuernden genetischen Variation kann sich eine Population sowohl plötzlichen Schwankungen wie allmählichen Veränderungen in der Umwelt anpassen und dadurch Jahrtausende oder Jahrmillionen überleben. Weil genetische Variation von vitaler Wichtigkeit für Wildpopulationen ist, muss der Versuch unternommen werden, jene ursprüngliche Variation so unversehrt wie möglich in ex situ-Beständen (Gefangenschaft) aufrechtzuerhalten. (1)

Populationen in Gefangenschaft

Gefangenschaftsbestände und Zoopopulationen unterscheiden sich von ursprünglichen,
nicht bedrohten natürlichen Populationen in drei wichtigen Aspekten:

1. Sie sind viel kleiner… sind deshalb anfällig für zufällige Prozesse, die
auf einen Verlust der genetischen Variabilität hinauslaufen.
2. Sie sind aufgespalten in viele kleine Sub-Populationen (individuelle Zoogruppen). Eine Gefahr der Inzucht durch die Fortpflanzung zwischen nahen Verwandten ist gegeben,
wenn es zwischen diesen Sub-Populationen zu keinem Austausch kommt.
3. Die Tiere leben unter Bedingungen, die sich von denen in ihren natürlichen Verbreitungsgebieten unterscheiden, und dadurch sind sie der Gefahr eines unnatürlichen Selektionsdrucks ausgesetzt. (1)

Gefahren der Gefangenschafts-Population

Geringe Größe und Aufteilung einer Zoopopulation, zusammen mit Risiken unnatürlicher Selektion, können zu einem Verlust an genetischer Variabilität führen, was eine genetische
Verarmung, Defekte und die Ausbildung genetisch bedingter Wesenszüge zur Folge haben
kann, die im natürlichen Umfeld ungünstig wären. Anzeichen von genetischer Degeneration
und Domestikation können in ex situ-Beständen auftreten. (1)

Konsequenzen für eine Gefangenschafts-Population bei Versagen

Für den Fall, dass so etwas vorkommt, gilt für solche Bestände:

1. Sie sind nicht länger geeignet als Anschauungsobjekte der Umwelterziehung.
2. Sie können nicht zur Aufstockung oder Wiederansiedlung von Beständen in natürlichen
Lebensräumen beitragen. Für Tiere, die unter genetischer Verarmung und Degeneration
leiden, ist es wenig wahrscheinlich, dass sie die selektiven Zwänge unter natürlichen Bedingungen überleben.
3. Es ist sogar wenig wahrscheinlich, dass sie ex situ auf lange Sicht überleben.(1)

Eine artgerechte Eisbärenhaltung gibt es nicht

Unbestreitbar ist, dass es vereinzelt zu Eisbärengeburten in Gefangenschaft kommt und es auch zoogeborene Eisbären gibt, die in Gefangenschaft ein hohes Alter erreichen.
Dennoch muss man diese Ereignisse, betrachtet man sich die Gesamtentwicklung über mehrere Jahrzehnte, als absolute Ausnahme ansehen.

Trotz des „Lebens“ in vermeintlich geschützter Umgebung der Gefangenschaft, wo Eisbären keinen Hunger leiden müssen, bei Verletzungen oder Krankheit meist medizinisch besser versorgt werden als Menschen und auch sonst keine große Anstrengungen unternehmen müssen um zu überleben, erreichen zoogeborene Eisbären „häufig“ NICHT „die Mitte bis Ende 30.“

In Gefangenschaft geborene Eisbären (weltweit und Deutschland) werden im Durchschnitt nur ca. 3 bis 14 Jahre alt, also nicht älter als ihre Artgenossen in Freiheit (15-18 Jahre).

In Freiheit geborene und anschließend in Gefangenschaft inhaftierte Eisbären (so genannte Wildfänge) werden dagegen im Durchschnitt ca. 22 Jahre alt.

Geringe Variabilität und Fitness

Fazit:
Von einer langfristig gesunden selbsterhaltenden Eisbärenpopulation kann in Anbetracht der Jahrzehnte andauernden schlechten Zucht in Gefangenschaft nicht die Rede sein.
Vermeintliche „Verbesserungen“ der Gehege (Größe und Beschaffenheit) aber auch die Reduzierung der Anzahl der Individuen auf meist ein Paar, brachte bisher keinen wirklich effektiven Erfolg. Im Gegenteil, bei einer Haltung von mehr als 3-4 Tieren gibt es oft mehr Geburten die letztendlich auch überlebten.

Das Bewahren einer möglichst großen genetischen Variabilität oder gesunden Altersstruktur ist bei Eisbären, in Anbetracht dieser erschreckenden Realität, in Gefangenschaft nicht möglich. Die Fitness der Gefangenschafts-Population ist so gering, dass sie im Durchschnitt nicht einmal das Alter eines Eisbären in Freiheit erreichen.

Eisbären kann man in Gefangenschaft also nicht artgerecht und demzufolge auch nicht erfolgreich fortpflanzen. Jegliche Eisbären-Gefangenschaftshaltung sollte daher schnellstmöglich auslaufen und alles zum Erhalt der natürlichen Eisbärenpopulation getan werden.


„Geringe Größe und Aufteilung einer Zoopopulation, zusammen mit Risiken unnatürlicher
Selektion, können zu einem Verlust an genetischer Variabilität führen, was eine genetische
Verarmung, Defekte und die Ausbildung genetisch bedingter Wesenszüge zur Folge haben
kann, die im natürlichen Umfeld ungünstig wären. Anzeichen von genetischer Degeneration
und Domestikation können in ex situ-Beständen auftreten. Für den Fall, dass so etwas
vorkommt, gilt für solche Bestände:

1. Sie sind nicht länger geeignet als Anschauungsobjekte der Umwelterziehung. Nicht degenerierte, nicht domestizierte Tiere sind notwendig, um einen genauen Eindruck von Natur zu vermitteln.
2. Sie können nicht zur Aufstockung oder Wiederansiedlung von Beständen in natürlichen Lebensräumen beitragen. Für Tiere, die unter genetischer Verarmung und Degeneration leiden, ist es wenig wahrscheinlich, dass sie die selektiven Zwänge unter natürlichen Bedingungen überleben.
3. Es ist sogar wenig wahrscheinlich, dass sie ex situ auf lange Sicht überleben.
(Welt-Zoo-Naturschutzstrategie von 1993)

„Da die Bestandszahlen rückläufig sind, ist es aus ethologischer Sicht empfehlenswert, die Eisbärenhaltung auslaufen zu lassen.“
Quelle: Die Schweizer Zoos zu ihrer Eisbärenhaltung (im Eisbärenzuchtbuch 1995)

Quellenverzeichnis:
(1) Welt-Zoo-Naturschutzstrategie von 1993

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