Spenden
 »  »  »  » Landleben

Landleben – Von einer, die raus zog – von Hilal Sezgin

 
Banner
 
 
Empfohlene Beiträge

Eine Buchrezension

Stand Mai 2011
Das Buch „Landleben“ ist eine liebevolle und bis ins Detail ausgearbeitete persönliche Geschichte einer Frau, die aus der Großstadt kommt und sich mutig auf das ungewisse Leben auf dem Land einlässt.

 

Landleben - ein Buch von Hilal Sezgin
Eine mutige Entscheidung
„Wer keine Ahnung hat, hat Mut“ so lautet ein Sprichwort, das Hilal Sezgin zitiert und das auch tatsächlich zutrifft. In der Stadt kannte sie die bisher geltenden Regeln des Zusammenlebens, die Anonymität lag schützend über ihr und die Konsummöglichkeiten schienen schier unendlich. Dennoch wagt sie den Schritt in eine Welt, von der sie keine Ahnung hat. Auf dem Land ist alles anders. Hier kennt sich jeder und die Menschen helfen einander. Das ist hier auch bitter nötig. Ohne fremde Hilfe sind all die anfallenden Arbeiten von Reparaturen bis hin zum Versorgen der Tiere nicht zu meistern. Die ganze Umwelt ist eine Symbiose aus Menschen, Tieren, Landschaft und Witterungsverhältnissen. Ist es die Idylle, die sich jeder Mensch irgendwo sehnlichst herbeiwünscht?

 

Eine neue Wahrnehmung
Bald schon wird aus der Frau, die sich selbst als Couch potato par excellence beschreibt, eine Frau, die gülleresistente Gummistiefel braucht. Die Schafherde, die sie sich zusammen mit ihrem Haus zugelegt hat, ist anfangs noch nicht von Interesse für sie, doch als sie eines Abends die Geburt eines Lammes miterlebt und direkt am Anschluss dessen Tod, bewegt sie das zu einem Umdenken. Sie informiert sich über Schafe, ihre Bedürfnisse und nimmt sie als eigenständige Individuen mit ausgeprägtem Familiensinn wahr. Sie beobachtet, wie ihre Herde sich täglich über die begrenzenden Gatter hinwegbegeben und ihre Ausflüge in den nahegelegenen Wald starten. Am Abend stehen alle leicht verwirrt außerhalb ihres Gatters und fragen sich besorgt, wie sie wieder auf ihre Weide gelangen.

 

Hilal Sezgin (Foto: Ilona Habben)
Die Verantwortung für das Leben der Schafe
Die fast menschlichen oder auch kindlichen Züge von Schafen und die präzise Beschreibung einzelner Erlebnisse von Menschen mit Tieren machen das Lesen dieses Buches zu einem Erlebnis, bei dem man häufiger schmunzeln muss. Auch wenn das idyllische Landleben auf den ersten Blick viele Vorzüge aufweist, beispielsweise weite Naturlandschaften, freundliche Nachbarschaftshilfen und die extensive Haltung von Tieren, so muss man sich auch dort bewusst sein, dass man mit Leben und Tod direkt konfrontiert wird. Als überwiegende Veganerin nimmt Hilal Sezgin die Verantwortung für die Schafherde ihres Vermieters an und erfährt, dass nur die Kastration eine sichere Lösung ist, um eine Überpopulation zu vermeiden. Die Aufzucht jedes einzelnen Schafes würde sie schon bald an die Grenzen ihrer Möglichkeiten treiben und die Schlachtung stellt für sie keine akzeptable Alternative dar. Sie kümmert sich rührend um kränkliche Tiere, um Hühner, Gänse, Schafe und ihre Katzen und langsam wird auch dem Leser klar, dass diese Tiere in einer konventionellen Haltung nicht den Hauch einer Chance auf Überleben hätten. Sie investiert Zeit und Geld in das Leben der Tiere. Zu diesem Schritt wäre kein Züchter bereit, der auf Gewinnmaximierung aus ist. Vielleicht machen gerade diese Charakterzüge in schwierigen Situationen, die eine Entscheidung fordern, Hilal Sezgin so sympathisch.

 

Vielleicht regt dieses Buch die Menschen an, über gewachsene Traditionen im Umgang mit Tieren und der Natur nachzudenken und die Routine im alltäglichen Supermarkteinkauf mit Steaks oder Würstchen im Korb zu überdenken. Wer erst einmal weiß, was hinter dem Produkt Fleisch steht, welch liebevolle Wesen mit individuellem Charakter und Freude am Leben dahinter stehen, der wird sich beim nächsten Einkauf wohl eher für eine gesunde Gemüsemahlzeit entscheiden. Wer sich erst einmal auf die Spuren der Produktion von Lebensmitteln begeben hat und die Eigenheiten einzelner Tiere kennenund liebengelernt hat, für den liegt die vegane Ernährung klar auf der Hand.