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Mißbrauch von Tier und Mensch: Leidensgenossen

Stand Februar 2014
Gewalttaten gegenüber Tieren werden schon seit langem als Indikatoren für eine Erkrankung der Psyche angesehen, die nicht auf Tiere beschränkt ist. „Für jeden, der sich einmal daran gewöhnt hat, das Leben irgendeines Lebewesens als lebensunwürdig anzusehen, besteht die Gefahr, dass er eines Tages auch zu dem Schluss kommt, menschliches Leben sei wertlos“, schrieb der Humanist Albert Schweitzer. Robert K. Ressler, der Profile über Serienmörder für das FBI erstellte, formulierte es konkreter: „Mörder [...] beginnen ihre zweifelhafte Karriere oft damit, als Kinder Tiere zu töten oder zu quälen.“
Immer mehr Studien belegen, dass Gewalttaten gegen Tiere von Gerichten, Staatsanwaltschaften und Pädagogen ernst genommen werden müssen – Tierquälerei wurde inzwischen als kennzeichnendes Merkmal für die Störung des Sozialverhaltens und damit auch für die antisoziale Persönlichkeitsstörung aufgenommen (in der internationalen Klassifikation psychischer Krankheiten: ICD). Gerade wiederholte Tierquälerei ist ein wichtiges Alarmsignal und kann auf eine schwere psychische Störung des Täters hindeuten – und auf die Möglichkeit, dass er auch vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückschreckt.
Eine wachsende Zahl von Studien, beispielsweise die Kölner GAP-Studie, belegt diesen Zusammenhang. Täter, die in der Kindheit oder Jugend Tiere gequält haben, zeigen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch Gewaltbereitschaft gegenüber Menschen. (1) Insbesondere in Fällen, in denen Kinder und Jugendliche ersichtlich Freude daran haben, Tiere zu quälen, ist dies besonders aussagekräftig im Hinblick auf mögliche zwischenmenschliche Gewalt. Hierbei handelt es sich um eine Art von Sadismus, der auch sexuell motiviert sein kann, und therapeutische Hilfe ist unbedingt notwendig. (2)

Ein langer Weg der Gewalt
Tierquälerei ist nicht alleine das Ergebnis einer geringfügigen Persönlichkeitsspaltung des Tierquälers, sondern Symptom für eine tiefreichende Störung. Die Forschung im Bereich der Psychologie und Kriminologie zeigt, dass Menschen, die Gewalttaten gegen Tiere begehen, es dabei nicht lassen. Viele von ihnen weiten ihre Taten auch auf ihre Mitmenschen aus.

Erkenntnissen des FBI zufolge gehören wiederholte Gewalttaten gegen Tiere zu den Merkmalen, die in FBI-Berichten über Serienvergewaltiger und -mörder häufig zu finden sind. In den Richtlinien zur Diagnose und Behandlung psychischer und emotionaler Störungen wird Tierquälerei als Diagnosekriterium für Verhaltensstörungen genannt. (3) (4)
Eine Studie an psychisch kranken Menschen, die wiederholt Hunde und Katzen gequält hatten, zeigte auf, dass alle Probanden auch ein hohes Maß an Aggression gegen Menschen aufwiesen. Ein Patient hatte sogar einen Jungen getötet. (5) Für Wissenschaftler zieht sich die von der Tierquälerei ausgehende Faszination wie ein roter Faden durch das Leben von Serienvergewaltigern und -mördern. (6)

Notorische Mörder
Die Geschichtsbücher enthalten zahlreiche Beispiele:
  • Patrick Sherrill, der 14 Postangestellte umbrachte und sich dann selbst erschoss, war bereits dafür bekannt, „Haustiere“ zu stehlen und dann seinen Hund auf sie zu hetzen. (7)
  • Earl Kenneth Shriner, der einen 7-jährigen Jungen vergewaltigte, erstach und verstümmelte, war in der Nachbarschaft bekannt dafür, Hunden Feuerwerkskörper in den After zu stecken und Katzen zu erhängen. (8)
  • Brenda Spencer, die in einer Schule in San Diego mit einem halbautomatischen Gewehr den Schulleiter und den Hausmeister tötete und neun weitere Menschen verletzte, hatte wiederholt Hunde und Katzen gequält. In mehreren Fällen hatte sie den Tieren die Schwänze angezündet. (9)
  • Albert DeSalvo, der „Würger von Boston“, der 13 Frauen tötete, fing in seiner Jugend Hunde und Katzen in Orangenkisten und beschoss sie mit Pfeilen. (10)
  • Carroll Edward Cole, der für 5 der 35 Morde, derer er angeklagt war, exekutiert wurde, gab an, dass seine erste Gewalttat als Kind darin bestanden habe, einen Welpen zu erwürgen. (11)
  • 1987 wurden drei High School-Schüler im US-Bundesstaat Missouri angeklagt, einen Klassenkameraden erschlagen zu haben. Auch sie waren bereits seit Jahren für wiederholte Fälle von Tierverstümmelungen bekannt. Einer der Täter gab zu, er habe schon so viele Katzen umgebracht, dass er sie nicht mehr zählen könne. (12)
  • Zwei Brüder, die ihre Eltern umbrachten, hatten zuvor ihren Klassenkameraden erzählt, sie hätten eine Katze geköpft. (13)
  • Der Serienmörder Jeffrey Dahmer spießte Hundeköpfe, Frösche und Katzen auf. (14)
  • Leider wurden die kindlichen Gewalttaten dieser Kriminellen erst berücksichtigt, als sie sich schließlich gegen Menschen richteten. Wie die Anthropologin Margaret Mead anmerkte: „Eines der gefährlichsten Dinge, die einem Kind passieren können, ist es, ein Tier zu quälen oder zu töten und dabei ungeschoren davonzukommen.“

Dass Gewalttaten an Tieren immer mehr Aufmerksamkeit aus juristischer Sicht erlangen, zeigen folgende Auszüge aus rechtskräftigen Urteilen in Deutschland:

Jugendliche hatten in Rastatt einen lebenden Igel in die Luft gesprengt, indem sie ihm zunächst einen A-Böller in den Mund und später in den After einführten. Sie wurden zu jeweils 130 Stunden gemeinnütziger Tätigkeit verurteilt. Das Urteil vom 26.07.2006 des AG Rastatt, Az: 6 Ds 213 Js 6412/06 jug., besagt unter anderem:
„Sollten sie sich in Zukunft noch einmal zu Gewalttätigkeiten gegen Tiere oder sogar Menschen hinreißen lassen, so wird eingehend zu prüfen sein, ob bei den Angeklagten nicht Persönlichkeitsdefizite vorliegen, die die Annahme von schädlichen Neigungen rechtfertigen.“

Ein weiteres Beispiel stellt ein Urteil vom 25.04.2007 des AG Wetzlar, Az: 1 Js 55003/06 jug., dar:
„[…] er schlug das Tier und stach dem toten Kadaver noch mit einem Stock von hinten in die Innereien: ein hypergemeines Handeln, aus dem bedenkliche Schlüsse auf das Wesen dieses Heranwachsenden zu ziehen sind […] Die schlimmen Charakterzüge, die bei seinen Verhaltensweisen zutage traten, seine bedenkenlose Missachtung fremden Eigentums und die Brutalität, mit der er das Schaf auf der Koppel in Wetzlar-Niedergirmes vom Leben zum Tode beförderte, lassen keine positive Zukunftsprognose zu.“
Die Tat: Jugendliche waren in einen Schafstall eingedrungen. Sie hatten versucht, auf einem Schaf zu reiten und schlugen mit einem Holzscheit, einer Schaufel sowie einem Holzhocker insbesondere auf den Kopf eines 80 kg schweren Mutterschafes ein, bis das Tier tot war. Dann hoben sie das Schaf mit dem Kopf in eine gefüllte Regentonne und steckten ihm einen Besenstiel in den After. Die Jugendlichen wurden zu Freiheitsstrafen teils ohne Bewährung verurteilt.

Tierquälerei und Gewalt in der Familie
Da sich häuslicher Missbrauch immer gegen Schwächere richtet, gehen Tier- und Kindesmissbrauch oft Hand in Hand. Eltern, die die Bedürfnisse eines Tieres ignorieren oder Tiere quälen, neigen dazu, dies auch auf ihre Kinder zu übertragen. Von 57 untersuchten Familien im US-Bundesstaat New Jersey, die wegen Kindesmissbrauchs aufgefallen waren, hatte bei 88 % auch Tiermissbrauch stattgefunden.(15) Von 23 britischen Familien, in denen Tiere gequält wurden, wurden 83 % von Experten des Kindesmissbrauchs oder der Vernachlässigung von Kindern für gefährdet befunden. (16)

Doch nicht nur, wenn Eltern Tiere quälen, sollten alle Alarmglocken klingen: Kinder, die Tiere quälen, wiederholen damit oft nur, was sie zuhause gelernt haben. Wie ihre Eltern reagieren auch sie auf Wut und Frustration mit Gewalt. Und ihre Gewalt richtet sich gegen das einzige Mitglied ihrer Familie, das noch schwächer ist als sie selbst: ein „Haustier“. Ein Experte meint dazu: „Kinder mit einem gewalttätigen Hintergrund in der Familie zeichnen sich dadurch aus, […] dass sie sich – wie bei der Hackordnung von Hühnern – häufig an Kämpfen gegen Schwächere beteiligen“, in deren Verlauf sie auch Tiere verstümmeln oder töten. Es ist eine Tatsache, dass gerade Gewalt in der Familie als Nährboden für kindliche Grausamkeiten an Tieren dient. (17)

Den Kreislauf der Gewalt unterbrechen
Es besteht „unter den Psychologen Übereinstimmung darin, […] dass Tierquälerei eines der deutlichsten Beispiele für das Fortdauern psychischer Störungen vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter ist. Das heißt, die Bedeutung von Prognosen über kindliche Tierquälerei ist umfangreich dokumentiert“, so das veterinärmedizinische Institut der Cornell Universität. (18)

Schulen, Eltern, Kommunen und Gerichte, die Tierquälerei als „geringfügige“ Delikte abtun, ignorieren damit eine Zeitbombe. Behörden und Gerichte sollten Tierquälerei stellvertretend für die Gesellschaft vielmehr mit aller Härte bestrafen, die zugrunde liegenden Familien auf weitere Anzeichen von Gewalt untersuchen und eine intensive Beratung für Straftäter fordern.

Kinder sollten in ihrem eigenen Interesse dazu erzogen werden, Tiere zu respektieren und für sie Sorge zu tragen. Nach umfangreichen Studien zur Verbindung zwischen Tier- und Kindesmissbrauch zogen zwei Experten folgendes Fazit: „Die Entwicklung von Beziehungen in der menschlichen Gesellschaft, die geprägt sind von Gefühl und Güte, könnte beschleunigt werden, wenn wir eine positivere und dauerhafte Ethik zwischen Kindern und Tieren fördern.“ (19)

Was Sie tun können:
  • Bitte weisen Sie örtliche Schul- und Justizbehörden darauf hin, dass es unerlässlich ist, Fälle von Tierquälerei ernst zu nehmen. Die Gesetze müssen eine klare Sprache sprechen, damit jeder Bürger versteht, dass Gewalt gegen fühlende Lebewesen – ob Mensch oder Tier – nicht akzeptabel ist.
  • Halten Sie Augen und Ohren offen, was die Vernachlässigung oder den Missbrauch von Tieren oder Kindern angeht. Nehmen Sie auch Aussagen von Kindern ernst, wenn diese von solchen Fällen berichten. Manche Kinder wollen nicht über ihre eigenen Misshandlungen sprechen, tun dies aber in Bezug auf Tiere.
  • Ignorieren Sie auch weniger gravierende Fälle von Tierquälerei durch Kinder nicht. Sprechen Sie mit den betroffenen Kindern und ihren Eltern. Falls erforderlich, nehmen Sie bitte auch Kontakt zu einer Sozialbehörde auf.

(1) Krischer, K. Maya/Sevecke, Kathrin, Tierquälerei und Persönlichkeitspathologie bei delinquenten Jungen und Mädchen. Ergebnisse aus der Kölner GAP-Studie, 2009.
(2) Beetz, Andrea M., in: Wells, Heike: Die Freude am Quälen (shz.de), 2013.
(3) Goleman, Daniel, "Child's Love of Cruelty may Hint a Future Killer," The New York Times, Aug. 7, 1991.
(4) "Animal Abuse Forecast of Violence," New Orleans Times-Picayune, Jan. 1, 1987.
(5) Felthous, Alan R., "Agression Against Cats, Dogs, and People," Child Psychiatry and Human Development, 1980, 10: 169-177.
(6) Goleman.
(7) International Association of Chiefs of Police, "The Training Key," #392, 1989.
(8) The Animals' Voice, Fall 1990.
(9) The Humane Society News, Summer 1986.
(10) International Association of Chifs of Police.
(11) Ibid.
(12) Ibid.
(13) Adams, Lorraine, "Too Close for Comfort," The Washington Post, Apr. 4, 1995.
(14) Goleman.
(15) DeViney, Elizabeth, Jeffrey Dickert, and Randall Lockwood, "The Care of Pets Within Child-Abusing Families," International Journal for the Study of Animal Problems, 1983, 4:321-329.
(16) "Child Abuse and Cruelty to Animals," Washington Humane Society.
(17) Cornell University College of Veterinary Medicine, Animal Health Newsletter, Nov. 1994.
(18) Ibid.
(19) Kellert, Stephen R., Pf.D., and Alan R. Felthous, M.D., "Childhood Cruelty Toward Animals Among Criminals and Noncriminals," Nov. 1983.


Weitere Literaturempfehlungen: Dr. Alexandra Stupperich, „Wege in den Schatten? Tierquälerei und Gewaltstraftäter“, aus „Verschwiegenes TierLeid sexueller Missbrauch an Tieren“, Herausgeber B. Schröder, ISBN 3-00-017726-4

Dr. Edmund Haferbeck, „Vom Tierquäler zum Gewaltverbrecher“, aus „neue Tier-Zeitung“, 5. Jahrgang 1984

Michael Wochner, „Zum Phänomen der Tierquälerei im Kindes- und Jugendalter“, Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät (klinische Medizin) der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 1988