Spenden
 »  »  »  »  » PETA & bigFM retten Biggi - Hundezucht in Deutschland - Erfahrungsbericht

Stefan von PETA berichtet über Biggis Rettung

Vor einiger Zeit schilderte mir ein Mitglied ihre Erfahrungen mit einer Hundezucht in Nordrhein-Westfalen. Dort sollten sich nur wenige Menschen um sehr viele Hunde kümmern. Das ganze würde eher den Eindruck einer Massentierhaltung als den einer Hundezucht machen. Zudem sollte dort auch gegen das Tierschutzgesetz verstoßen werden.

Also fuhr ich dort hin, um die beschriebenen Misstände zu überprüfen. Es handelte sich um eine Art Bungalow, abseits in einem Waldgebiet gelegen. Das komplette Gebäude bestand aus Haltungseinrichtungen für Hunde. In Einzelbuchten zogen Hundemütter ihre Welpen heran. Eine Zwingeranlage beherbergte die Tiere, die zur Zucht dienten. Da sehr viele Hunde auf engem Raum gehalten wurden, war der Geruch entsprechend streng.

Vor der Zuchtanlage stand ein Wohnwagen, in dem ein Mitarbeiter, der sich selbst als Tierpfleger bezeichnete, lebte. Innerhalb des Gebäudes gab es keine Möglichkeit zum Wohnen. Schon bei der Begrüßung kroch mir ein strenger, von dem Mann ausgehender Alkoholgeruch in die Nase. Bereitwillig zeigte dieser mir einen Großteil der Anlage. Sowohl den Nachwuchs als auch die Halteeinrichtung für die zeugungsfähigen Hunde durfte ich sehen. Eine Tür blieb mir jedoch verschlossen. Dahinter befanden sich weitere ausgewachsene Hunde und ein Freiauslauf.

Ich stellte Fragen. Zum Beispiel, ob er mir auch einen Welpen unter acht Wochen verkaufen könne? Zwar machte der Mann mich darauf aufmerksam, dass das nicht unbedingt gut sei, schloss es aber auch nicht kategorisch aus. „Bei Mischlingswelpen könne man das machen. Bei Rassetieren hingegen nicht. Die sind zu empfindlich“, teilte mir der Tierpfleger mit. Zwar hätte man wohl schon einmal jemandem, der ebenfalls auf ein jüngerers Tier bestanden hatte, dieses auch verkauft, allerdings konnten die Leute von Glück sagen, dass der Kleine das überlebt hatte. Beinahe wäre er wohl gestorben, berichtete der Mann. Allein diese Aussage zeigte, dass es bei dieser Hundezucht nur um eines ging: ums Geld verdienen.


Info: Laut Tierschutz-Hundeverordnung ist es verboten, Welpen vor dem Erreichen der 8. Lebenswoche von der Mutter zu trennen.

Über 60 Tiere lebten derzeit in der Zuchtanlage. Außer ihm gäbe es nur noch die Chefin. Ihr Mann hätte früher auch geholfen, jedoch gehe der nun an Krücken und sei daher der schweren Arbeit nicht mehr gewachsen. Somit kommen auf diese 60 Tiere gerade einmal 2 Betreungspersonen.

Info: § 3 Anforderungen an die Betreuung bei gewerbsmäßigem Züchten
Wer gewerbsmäßig mit Hunden züchtet, muss sicherstellen, dass für jeweils bis zu zehn Zuchthunde und ihre Welpen eine Betreuungsperson zur Verfügung steht, die die dafür notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten gegenüber der zuständigen Behörde nachgewiesen hat.


Die Geschäfte liefen schlecht, berichtete der Mann weiter. Früher war das anders, aber heute werden sie die Tiere kaum noch los. Was allerdings niemanden davon abhielt, weitere Welpen in die Welt zu setzen. Es war wie so oft. Wenn jemand seit Jahren oder Jahrzehnten Tiere „produzierte“, würde er nicht damit aufhören, nur weil der Absatz nicht mehr gegeben war. Das hatte ich auch schon anderswo erfahren. Manchmal wird ein solches Verhalten krankhaft. Man redet dann von dem sog. Animal Hoarding. Ob dies hier nun auch schon der Fall war, wollte ich noch nicht beurteilen. Zumindest nicht so schnell.

Verstöße gegen die Tierschutz-Hundeverordnung lagen hier zumindest einige vor.


Montag, 30. März 2009
Zusammen mit Kathrin (Verhaltentrainerin für Hunde) und Susanka (Moderatorin beim Radiosender bigFM) kehre ich zurück. Wir treffen wieder auf den alten Mann. Und auch diesmal liegt uns ein Alkoholgeruch in der Nase. Wenn auch nicht ein so starker wie bei meinem ersten Besuch. Außerdem ist die Chefin anwesend, über deren Namen die Hundezucht läuft. Erst jetzt sehe ich das Schild an der Wand, das besagt, dass dieser Standort bereits seit 1963 in Betrieb ist.

Wir sehen uns um. Wieder dürfen wir nicht in den hinteren Bereich der Zwingeranlage. Auch den Freilauf dürfen wir nicht sehen. In dem Bereich des Gebäudes, in dem die Buchten mit den Muttertieren sind, bleibt uns ebenfalls eine Tür verschlossen. Nur zwischendurch können wir einen Blick erhaschen und sehen, dass dort weitere ausgewachsenen Hunde untergebracht sind.

Die Züchterin und ihr Mitarbeiter fragen uns, für welche Hunde wir uns interessieren. Wir sind offen für alles, möchten gerne viele Tiere sehen. Als wir uns für einen vier Monate alten Shi-Tzu-Mix interessieren und dessen Mutter sehen möchten, weigern sich die Leute erst. Sie zeigen uns ein der Mutter ähnliches Tier. Wir bestehen darauf, die richtige Mutter zu sehen. Erst nach einer Weile lenken sie ein und der Mann holt ein viel zu dicke, apathisch wirkende Hündin aus den hinteren Räumlichkeiten. Er trägt sie auf den Armen und zeigt sie uns kurz. Dann bringt er sie wieder weg.

Jedem Menschen, der sich einen Hund kaufen will, sollte klar sein, dass etwas nicht stimmt, wenn der Züchter die Elterntiere nicht zeigen möchte. Unseriöser geht es kaum. Dachten wir.

Die beiden erzählen uns von sonderbaren Todesfällen. Erst seit dem man die Wurmkur öfters als zuvor ansetze, seien die Verluste unter den Welpen gesunken. Davor wären manchmal die Hälfte und einmal sogar der komplette Nachwuchs eines Hundes gestorben. Einen Grund dafür konnte man nicht herausfinden. Das erzählt uns der Tierpfleger.
Und die Frau weiß zu berichten, dass schon des öfteren morgens tote Welpen da gelegen hätten, die über Nacht von der Mutter erdrückt wurden.

Wieder bekomme ich zu hören, dass viele der Hunde den Zwinger nie verlassen. Dass es nicht leicht sei, die Tiere zu verkaufen und dass die guten Zeiten vorbei seien. Zumindest lässt man sich diesmal nicht auf unsere Frage nach einem Welpen unter acht Wochen ein. Ich denke aber, dass die Antwort anders ausgefallen wäre, wäre die Chefin nicht vor Ort gewesen.

Etwa 30 "Zucht"-Tiere hätte man derzeit. Ich zähle allein in der Zwingeranlage 42 zeugungsfähige Hunde. Weitere befinden sich – wie bereits erwähnt – in Bereichen, die uns unzugänglich sind.

Wir erfahren, dass es zwei oder drei Hündinnen gäbe, die schon seit mindestens einem Jahr keinen Nachwuchs mehr haben. Sie sollen nur 50 € kosten. Der Mann holt sie ebenfalls aus dem hinteren Teil der Anlage. Das erste Tier sei sechs oder sieben Jahre alt und seit zwei Jahren ohne Nachwuchs. Der Hund scheint völlig verwirrt zu sein. Zwar neugierig, aber auch ängstlich aufgrund der neuen Situation. Wir begutachten sie auf dem kleinen Vorhof zwischen Wohnwagen und Hauptgebäude. „Die kennt das hier nicht“, meint der Mann. Wie gesagt, dass Tier soll mindestens sechs Jahre alt sein. In dieser Zeit hat sie die 25 Meter von ihrem Zwinger bis zum Vorhof noch nicht überwinden können.

Die zweite Hündin ist ebenfalls seit einem Jahr ohne Welpen. Ihr Gang erinnert an den eines Meerschweinchens. Sie sieht recht dicklich aus. Auch die Zitzen scheinen recht groß zu sein. Plötzlich meint die Züchterin, dass wir die nicht haben können. Sie sei wohl schwanger. Und augenblicklich ist das zuchtuntaugliche Tier wieder etwas wert und wird zurück nach hinten gebracht. Die Tasache allerdings, dass den Leuten das vorher nicht aufgefallen ist, lässt uns an deren züchterischen Können zweifeln.

Das kann im Auslauf passiert sein. Da bekommt man das ja nicht immer mit, meinte die Frau. Ich nutze die Gelegenheit und frage nach der Größe des Auslaufs. Das wäre schon einiges, die toben da jetzt gerade rum.Tatsächlich weiß ich aber aus gleich zwei Quellen, dass man es hier mit der Wahrheit nicht ganz genau nimmt. Einerseits hat mir der Mann bei meinem ersten und auch dem jetzigen Besuch bestätigt, dass etliche Tiere nie in den Auslauf kommen. Andererseits ist das Gebäude bei Google Earth in einer sehr hohen Auflösung zu finden. Dort kann ich auch gleich die Abmessungen bestimmen. Etwa sechs mal sechs Meter ohne jegliche Struktur. Für so viele Hunde ist das viel zu wenig.

Da man uns nun nur noch die erste Hündin anbietet, bestätigen wir, diese kaufen zu wollen. Der Mann sieht nach der Tatowierung im Ohr. Es ist die Null Drei, so sagt er. Einen Namen hat das Tier nämlich nicht. Dann bewegt er sich ins Büro und sucht nach den Impfpapieren. Einige Zeit später steht fest, dass diese zwar vorliegen. Aber mitnehmen können wir sie nicht. In ca. vier Wochen dürfen wir diese abholen. Eine plausible Begründung gibt es nicht. Wir lassen uns davon nicht abhalten, obwohl wir genau wissen, dass die Züchterin gerade alles dafür getan hat, um völlig unseriös dazustehen. Sie setzt aber noch eins drauf und händigt uns weder eine Quittung noch einen Kaufvertrag aus.

Mitnehmen können wir die Hündin erst, nachdem die Ohren gereinigt sind und das Fell gebürstet ist. Die Wattestäbchen sind nach dem Reinigungsvorgang fast schwarz. Gesund sieht das nicht aus.

"Null Drei" hat der Mann sie genannt. Wir nennen sie Biggi. Nach mindestens sechs Jahren darf sie die Zuchtanlage endlich verlassen. Für immer.

Die anschließende Untersuchung in einer Tierarztpraxis fällt dann zum Glück nicht ganz so schlimm wie erwartet aus. Biggi hat eine Hautabschürfung und eine Ohrentzündung, die auf Milbenbefall hindeuten kann. Da die Ohren von dem Züchter jedoch gereinigt wurden sind die Milben selbst nicht mehr zu finden.

Ansonsten stinkt sie gewaltig nach Urin, was aber nicht verwunderlich ist. Ruhig lässt sie die komplette Untersuchung über sich ergehen. Auch die Blutabnahme stellt kein Problem dar. Diese wird später ergeben, dass sie an einer Anämie leidet (Blutarmut), was wohl auf eine Mangelernährung zurück zu führen ist. Alles in allem hätte es schlimmer kommen können.

Von unserer Seite aus wird nun eine Anzeige beim Veterinäramt erfolgen. Außerdem werden wir das Finanzamt auf die Hundezucht aufmerksam machen. Die Tatsache, dass wir weder eine Quittung noch einen Kaufvertrag erhalten haben, kann für diese Behörde von Interesse sein. Immerhin besteht der Verdacht, dass nicht alle Einnahmen ordentlich versteuert werden.

Biggi ist in einer Pflegefamilie untergekommen. Jetzt wird nach Menschen gesucht, die ihr ein endgültiges Zuhause bieten können.

Sehen Sie hier, wie es Hunden in Deutschland ergehen kann:

 

Zurück zum Bericht über Biggi