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Dr. Silke Wechsung im PETA-Interview zum „Hundeführerschein“

 
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Ein Sachkundenachweis bringt Vorteile für Mensch und Hund

Stand November 2012
Dr. Silke Wechsung ist Diplom-Psychologin und Hundehalterin. Als Forschungsleiterin des Projekts "Mensch und Hund" am Psychologischen Institut der Universität Bonn ist sie Expertin der wissenschaftlichen Untersuchung der Mensch-Hund-Beziehung. PETA Deutschland e.V. hat sie zum Thema „Hundeführerschein“ befragt…

 

Dr. Silke Wechsung plädiert für einen Hundeführerschein
Frau Dr. Wechsung, in den Medien haben Sie sich der Einführung eines Sachkundenachweises für Hundehalter gegenüber positiv geäußert. Was meinen Sie, könnte mit einem solchen „Hundeführerschein“ im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund verbessert werden?

Menschen, die einen Hund halten, müssen ein gewisses Fachwissen über Hunde und Hundehaltung haben, um Hunde artgerecht und verantwortungsbewusst halten zu können. Wie wir in unserem Forschungsprojekt nachgewiesen haben, verfügt jedoch ein Viertel der Hundehalter nicht über eine ausreichende Sachkunde über Hunde. Ein Sachkundenachweis, der bereits vor der Anschaffung eines Hundes erbracht werden müsste, stellt sicher, dass sich alle Hundeinteressenten vor dem Erwerb des Tieres mit den arteigenen Besonderheiten von Hunden auseinandersetzen. Dadurch käme es zu weniger Missverständnissen in der Verständigung mit Hunden und zu geringeren Fehlinterpretationen des Hundeverhaltens auf Seiten der Halter. Nach der Anschaffung eines Hundes ist jeder Hundehalter für eine ausreichende Erziehung, die die Kontrollierbarkeit des Hundes sicherstellt, verantwortlich. Und er muss für eine gewisse Alltagstauglichkeit des Hundes sorgen, beispielsweise einen friedlichen Umgang mit fremden Menschen und Hunden. Ein „Hundeführerschein“, der die Sachkunde des Halters, eine Grunderziehung des Hundes und die Alltagstauglichkeit des Mensch-Hund-Teams überprüft, gewährleistet, dass sich alle Hundehalter ihrer Verantwortung bewusst werden. Gut erzogene, kontrollierbare Hunde bei rücksichtsvollen, sachkundigen Haltern ermöglichen ein konfliktfreies Miteinander von Hundehaltern und Nicht-Hundehaltern in der Gesellschaft. Funktioniert das Zusammenleben reibungslos, sind weitere Auflagen zur Hundehaltung, wie z.B. nur einige wenige Flächen, die Freilauf von Hunden zulassen, überflüssig.

Inwiefern würde sich auch der Tierschutz (Haltung und gewaltfreie Erziehung) durch eine solche Gesetzgebung verbessern?

Viele Hundehalter halten ihre Hunde deshalb nicht artgerecht, weil sie es nicht besser wissen. Sie haben sich einfach zu wenig mit den Bedürfnissen von Hunden auseinandergesetzt. Insofern würden viele Hunde und damit auch der Tierschutz von besser informierten, sachkundigen Haltern profitieren. Außerdem würden nicht verantwortungsbewusste Hundeinteressenten, die einen Hund nur aufgrund egoistischer Zwecke und ohne nachhaltiges Interesse am Tier erwerben, durch die Anforderungen eines Hundeführerscheins abgeschreckt. Dies könnte die Zahl jährlich im Tierheim abgegebener oder ausgesetzter Hunde reduzieren.

Sollte der Sachkundenachweis für die Halter aller Rassen gelten? Also auch beispielsweise für Dackel- oder Chihuahua-Halter? Oder doch nur, wie häufig gefordert, für Hunde ab einer bestimmten Größe?

Wie unser Forschungsprojekt zeigt, hängt die Sozialverträglichkeit eines Hundes, seine Erziehung und damit auch die Kontrollierbarkeit des Hundes überhaupt nicht mit der Größe des Hundes zusammen. Zweifelsohne ist das Risiko gefährlicher Bissverletzungen bei großen Hunden, wie z.B. Schäferhunden oder Staffordshire-Terriern, höher als bei einem Chihuahua, der durchschnittlich gerade mal 1.800 Gramm auf die Waage bringt. Wie Statistiken zeigen, kommen gefährliche Beißunfälle jedoch verhältnismäßig selten vor. Doch selbst wenn es in den meisten Fällen nicht zu dramatischen Vorfällen kommt, beklagen sich rund 50 Prozent der Nicht-Hundehalter darüber, von Hunden beeinträchtigt oder belästigt zu werden. Hier geht es weniger um tatsächliches Gefahrenpotenzial, sondern um eine subjektiv wahrgenommene Belästigung durch nicht erzogene Hunde in Ballungsräumen. Von Hunden angebellt oder beim Joggen und Fahrradfahren verfolgt zu werden, auf Liegewiesen in Hundekot zu treten usw. sind Beeinträchtigungen, die nichts mit der Hundegröße zu tun haben, sondern ausschließlich mit der Verantwortungsbereitschaft des Halters. Er ist auch der Adressat, an den sich der Hundeführerschein richten muss. Und um Ihre Frage abschließend noch einmal klar zu beantworten: Ob Pekinese oder Rottweiler, der Hundeführerschein sollte unabhängig von Hundegröße und Hunderasse gelten.

Sie haben sich intensiv mit der Mensch-Hund-Beziehung beschäftigt. Was schafft Ihrer Kenntnis nach die meisten Probleme im Verständnis zwischen Mensch und Hund?

Wie unser Forschungsprojekt zeigt, liegt es ausschließlich in der Hand der Halter, ob sich eine gute oder weniger gute Beziehung zum Hund entwickelt. Gute Hundehalter verhalten sich respektvoll und verantwortungsbewusst – und das beginnt bereits vor der Anschaffung. So prüfen sie bereits im Vorfeld der Anschaffung kritisch, ob sie einem Hund und seinen Bedürfnissen überhaupt gerecht werden können, welcher Hund gut zu ihnen passen könnte, wie das Umfeld auf den Hund reagieren wird usw. Auch nach der Anschaffung machen sie sich Gedanken, informieren sich gut über Hunde, tun etwas für die Erziehung ihrer Hunde und übernehmen ganz klar die Führung in ihrem Mensch-Hund-Gespann. Ob es zu Problemen zwischen Mensch und Hund kommt, hat überhaupt nichts mit der Halter-Demographie zu tun, z.B. spielt das Alter, das Geschlecht oder der Bildungshintergrund der Halter keine Rolle. Ob der Halter auf dem Land oder in der Stadt wohnt, arm oder reich ist, in einem Haus mit Garten oder in einer kleinen Mietwohnung wohnt, ist genauso unbedeutend für die Qualität der Beziehung. Entscheidend sind die Einstellungen, die Verhaltensweisen und der Lebensstil der Hundebesitzer.

In den vergangenen Monaten gab es unzählige Berichte von Beißvorfällen bzw. Angriffen von Hunden auf Menschen. Was meinen Sie, ist oftmals der Grund für solche Zwischenfälle?

Jeder Beißvorfall ist einer zuviel, insbesondere auch, weil oftmals Kinder betroffen sind. Dramatisch ist, dass die meisten Unfälle durch einen verantwortungsbewussten, aufgeklärten Umgang mit Hunden vermieden werden könnten. Wie Verhaltensbiologen wissen, handelt es sich bei Beißunfällen meistens nicht um verhaltensauffällige, gestörte Hunde, sondern um Folgen einer nicht artgerechten Hundehaltung bzw. Fehleinschätzungen und Achtlosigkeiten auf Seiten der Halter. Viele Eltern gehen z.B. davon aus, dass es für Hunde selbstverständlich sein muss, sich Kindern gegenüber immer friedlich zu verhalten und keinerlei Aggressionen zu zeigen. Was sie dabei nicht berücksichtigen ist, dass sie Hunde mit dieser Erwartungshaltung überfordern. Eltern tragen die Verantwortung zur konsequenten Überwachung des Umgangs von Hunden und kleinen Kindern. Passieren Beißunfälle innerhalb der Familie, haben meistens die Eltern versagt, nicht die Hunde.

Was sollte jeder Mensch vor dem Erwerb eines Hundes bedenken?

Bei der Anschaffung eines Hundes muss man wissen, dass man ein Lebewesen aufnimmt, das die nächsten ca. 15 Jahre auf die Fürsorge und die Verantwortungsbereitschaft seines Besitzers angewiesen ist. Ein Hund ist kein Konsumartikel. Umtausch bei Nichtgefallen, mal mehr, mal weniger Beschäftigung nach Lust und Laune oder eine Garantie bestimmter Charaktereigenschaften sind bei einem Hund nicht möglich. Spontananschaffungen – ob aus Mitleid oder Egoismus – sind zu vermeiden. Die Anschaffung sollte kritisch abgewogen werden, nach dem Motto „Drum prüfe, wer sich ewig bindet“, um sicherzustellen, dass Mensch und Hund auch langfristig gut zueinander passen.


PETA Deutschland e.V. bedankt sich herzlich bei Dr. Silke Wechsung für ihr Feedback. Bitte unterstützen auch Sie unsere Forderung nach einem Sachkundenachweis und anderen Gesetzen zum Schutz sogenannter Heimtiere!