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Transport

 

„Transportphänomene sind bei Eisbären eindeutige Stressoren hohen Ausmaßes und für die Abbauzeit dieses Stresses müssen großzügige Zeiträume eingerechnet werden.“ (2)

Zum Thema „Zucht von Eisbären in Gefangenschaft“ haben wir bereits herausgestellt, dass die Zucht seit Beginn der Zuchtbuchführung nicht nur als unbefriedigend, sondern als äußerst desaströs be-zeichnet werden muss.

Aufgrund der nur noch wenig vorhandenen Wildfänge, der immer kleiner werdenden Anzahl an Eltern-tieren und der schlechten Zuchtergebnisse generell, tendiert die angebliche „Eisbären-Erhaltungszucht“ immer tiefer in eine wohl vorbestimmte und unumkehrbare Sackgasse.

Seit langem ist jedoch immer mehr erkennbar, dass ein Teil des Notfallplanes der „Titanic Zoo“ in Bezug auf die Eisbärenzucht ein noch viel größerer und noch intensiverer Austausch von Eisbärenin-dividuen untereinander zu sein scheint.

Das Zoos seit ihrem Bestehen untereinander Tiere tauschen ist sicher nichts Neues. Ein Blick ins internationale Zuchtbuch von 2005 zeigt, in welcher Größenordnung Eisbären bisher transportiert wurden. Das Diagramm (Abb. 1) verdeutlicht, dass von 1.800 im Zuchtbuch registrierten Eisbären ca. 1316 Eisbären mindestens einmal als „Transfer“ vermerkt wurden. Also ca. 73% aller Eisbären wurden mindestens einmal in der Welt oder in Europa herumgekarrt.

 

Abb. 1

 

Viele mitfühlende Menschen erkennen mittlerweile, dass auch der Transport von so genannten „Nutztieren“ mit erheblichen Qualen für die Tiere verbunden ist. Es ist auch erwiesen, dass ein jeder Tier-transport mit einem erheblichen Anstieg des Stresshormons Cortisol bei den Tieren einhergeht. Ein Transport bedeutet also immer Stress und damit auch Leiden für ein Tier.

„Ähnlich wie bei Larissa ist der ausgeprägte Cortisolanstieg am Tag des Transports bei Kap erkennbar. Da sich Kap auch an ein neues Gehege gewöhnen muss, sinken die Werte in Neumünster nur sehr langsam ab. Erst nach ca. 2 Wochen erreichen die Cortisolwerte zum ersten Mal wieder einen Basalwert.“ (2)

Eine Untersuchung von Dr. Ulrike Ste-phan (2006) zeigt nun erstmals auf, dass der „Transportstress bei Eisbären sehr ausgeprägt ist“ (1) und dass „Transportphänomene bei Eisbären eindeutige Stressoren mit hohen Ausmaßes sind“(1).

„Kap und Larissa haben beide einen Transport in einen anderen Zoo erfahren, der zur Peakvermehrung geführt hat.“ (2)

Desweiteren besteht bei Eisbären ein sehr hohes Risiko, dass sich der durch den Transport und den plötzlichen Ortswechsel entstandene Stress in stressabbauende Verhaltensstörungen umwandelt, welche sich wiederum auf Dauer manifestieren können.

Ein Resultat dieser Arbeit war der Nachweis, dass auch bei Eisbären Transporterlebnisse mit hohem Stress und deutlichen Cortisolerhöhungen verbunden sind, die in der ersten, akuten Zeit zwar spätestens nach zwei Wochen abklingen, in der postakuten Phase aber bis zu fünf Monate mit bleibender Nervosität bestehen bleiben können.“ (2)

„Diese Zeitspanne ist wesentlich länger als bei bisher beschriebenen Arbeiten.“ (2)

„Die Tiere, die ….zum Teil sehr stark stereotypieren… haben vielleicht den Transport bzw. die neuartige Gruppensituation nicht verarbeitet.“
(Kuhn et al, 1991; Palme et al, 2000).

Besonders wichtig für die Zukunft ist aber die erschreckende Tatsache, dass der Transport ein Eisbä-renindividuum viel länger belastet als ursprünglich angenommen.

Während die Abklingzeit (1) bei einem Kuhbaby bei 30-60 Minuten, bei einem Schaf bei 8 Stunden, bei Schweinen bei 2-3 Stunden, bei Alpakas bei 4 Stunden und bei Rindern 8-16 Stunden beträgt, zeigt die Grafik (Abb. 2), dass die Stress-Hormon-Werte bei einem männlichen (ca. am 7. Tag) und noch viel später bei einem weiblichen Eisbären (ca. am 15.Tag) abklingen.

 

Abb. 2

 

Als Eisbär Wilbär (Wilhelma Stuttgart) nach Schweden (Orsa Park) und Gianna (Tier-park Hellabrunn) nach Berlin (Zoo Berlin) umgesiedelt wurden, zeigte Wilbär erhebliche Lauf- und Gianna lange Zeit Schwimmstereotypien. Diese Störungen im Verhalten können also durchaus eine Folge des Transportstresses sein.

Eisbären leiden also erheblich lange und möglicherweise sogar dauerhaft unter Stress aufgrund des Transportes und unter den neuen Bedingungen, in denen sie verschleppt werden.

Nicht nur in Hinblick auf die stetig sinkenden Reproduktionsraten und den daraus resultierenden steigenden Tieraustauschen (Transporten) sind diese aktuellen Erkenntnisse aus tierschutzrechtlicher Sicht für die Zoos äußerst negativ.
Auch zur Frage, welche Haltungsform (Paar- oder Gruppenhaltung) mehr zum Wohl- oder Unwohlbefinden der Eisbären in Gefangenschaft beiträgt, wenn dies überhaupt je möglich ist, erschweren diese erschreckenden Ergebnisse zukünftige Zoo-Strategien.

Denn Frau Dr. Stephan kommt in ihren Untersuchungen auch zum Schluss:

„Sofern Exploration, Gehegeexploration und Spielverhalten dem Wohlergehen der Tiere zugeordnet werden, würde dieses Ergebnis für eine Bevorzugung der Paarhaltung generell sprechen.“

Wilhelma Stuttgart, der Tiergarten Nürnberg und aktuell der Zoo Berlin, als aktuellere Beispiele, haben offensichtlich mittlerweile erkannt, dass eine Paarhaltung der Gruppenhaltung, besonders in Hinblick auf eine „erfolgreichere“ Reproduktion, vorzuziehen ist.
Trotz des aktuellen Wissens, wie belastend ein Transport für einen Eisbär ist, schoben Berlin und Nürnberg ihre möglichen Väter, kurz nachdem sie ihre Potenz bewiesen hatten, rücksichtslos in andere Zoos ab.

In Zukunft muss der Transport eines Eisbären im Sinne seines Wohlbefindens, also auch aus tierschutzrechtlicher Sicht, völlig neu betrachtet werden.

Weiterführende Literatur:
- Grandin, T. (1997) Assessment of stress during handling and transport Journal of Animal Science 75, pp 249-257
- Kuhn, G.; Lichtwald, K.; Hardegg, W.; Abel. H.H. (1991) Reaktionen von Corticoiden, Enzymaktivitä-ten und hämatologischen Parametern auf Transport-stress bei Hunden J. of Experimental Animal Science, 34, 1991, 94-104
- Palme,R.; Robin, C.; Baumgartner, W.; Möstl, E. (2000) Transport stress in cattle as reflected by an increase in faecal cortisol metabolite concentrations The Veterinary Record, 146, 2000, 108-109
- Schmidt, Carsten (2000) Futterverteilung, Stallwechsel und Transport : Experimentelle Untersuchun-gen zu Verhalten und Belastungszustand bei im Zoo gehaltenen Breitmaulnashörnern, Ceratotherium simum simum Schüling-Verlag ISBN 3-934849-71-7, Diss., 2000, Zugl.: Univ. Münster
- Smith, B.; Jones, J.; Hornof,W.; Miles, J.; Longworth, K.; Willits, N. (1996) Effects of road transport on indices of stress in horses Equine Veterinary Journal (1996) 28(6), p 446-454

Quellenangabe:
(1) und (2) Abb. 1 und Abb. 2 aus:
„Untersuchungen an Eisbären in europäischen zoologischen Gärten: Verhalten und Veränderungen von Stresshormon-Konzentrationen unter Berücksichtigung der Gehegegröße und Gruppenzusammensetzung“ von Dr. Ulrike Stephan (2006)