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Die Situation der heimatlosen Tiere in der Türkei

Stand: Juli 2010

Die Türkei hat seit 2004 ein Tierschutzgesetz, welches jedoch nur auf dem Papier Bestand zu haben scheint. Nach wie vor werden - überwiegend heimatlose Hunde - zu Tausenden qualvoll umgebracht, um die zweifelsohne vorhandenen Überpopulationen von Hunden und Katzen in der Türkei zu reduzieren. Letzteres zumindest erhoffen sich die Behörden von den Massentötungen.
Die Behörden benutzen unseren Informationen nach folgende Methoden, um sich der ungewollten Tiere zu entledigen:

- Groß angelegte Vergiftungsaktionen, die meist unter dem Deckmantel einer sich anbahnenden Tollwutepidemie auf den Plan gerufen werden, dies zeigt ein Fall in Antalya vom Mai 2008. Nach Schätzungen von türkischen Tierschützern sind Tausende von Hunden zu Tode gekommen. Auslöser für die Massentötung war - nach Angaben der Stadtverwaltung Antalya - ein angeblich an Tollwut erkrankter Hund, der ein Kind im Bezirk Gündogdu gebissen haben soll. Hierauf wurden in einem Radius von 10km alle heimatlosen, aber bewiesenermaßen auch sich in Obhut befindenden Hunde, getötet.

- Die Hunde werden in weit abgelegene Regionen (Waldregionen, karstige Gebiete wie Bergregionen, oder abgelegene Müllhalden) abtransportiert in denen sie so gut wie keinerlei Überlebenschancen haben und oftmals einen qualvollen Hunger- oder Verdurstungstod sterben.

- Die Hunde werden in Massengräbern verscharrt, teils noch bei lebendigem Leibe.

- Zu großen Teilen sind die türkischen Tierheime nichts anderes als „Todeslager“, in denen die Tiere ein trauriges Dasein fristen. Die Sterblichkeitsrate in vielen Tierheimen ist unwahrscheinlich hoch. Viele Tiere sterben an den Folgen von Unterernährung, nicht vorhandener medizinischer Versorgung oder an den Folgen von katastrophalen hygienischen Bedingungen. (1) Dem im März 2006 veröffentlichten Bericht der Türkischen Tierschutzgruppe Sahipsiz Hayvanlari Koruma Dernegi (SHKD) kann man entnehmen, dass im staatlichen Tierheim von Bakirkoy in Istanbul im Zeitraum von nur einem Jahr und 4 Monaten (von 20.05.98 bis 23.09.99) 1.035 Hunde zu Tode gekommen sind.

Die Methoden sind grausam und kontraproduktiv

Die Verantwortlichen in der Türkei haben bislang nicht verstanden, dass die Methoden, sich der heimatlosen Tiere zu entledigen, nicht „nur“ grausam und inhuman, sondern auch absolut kontraproduktiv sind. (2) Es liegen Dutzende von Schriftstücken vor - allen voran der Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) -, die belegen, dass Tötungen von Tieren aus einem bestimmten Revier an dem Problem der Überpopulation nichts verändern:
„Jede Reduzierung der Populationsdichte durch Sterblichkeit wurde schnellstens durch eine bessere Fortpflanzung und eine höhere Überlebensrate ausgeglichen. In anderen Worten bedeutet dies: Werden Hunde an einem Ort entfernt, erhöht sich die Lebenserwartung der übrigen Hunde, da sie größere Zugang zu Ressourcen haben und sich diese nicht mit Mitstreitern teilen müssen.“

Spezielles Fallbeispiel Istanbul: Im Jahr 1912 wurden auf Anweisungen vom Sultan von Istanbul 5.000 Hunde auf die vor Istanbul gelegene kleine Insel Oxia verschifft, wo sie ohne jegliche Wasser- und Nahrungsreserven einen grausamen Hungertod fanden. Auch heute noch werden Hunde in groß angelegten Aktionen zu Tausenden ums Leben gebracht. Hätten die Massentötungen von Hunden etwas bewirkt, so wäre die Hundepopulation in Istanbul schon vor Jahrzehnten dezimiert gewesen.


Der Lösungsansatz heißt „Neuter und Release“

Zuverlässigen Schätzungen zufolge können, sofern alle Nachkommen überleben, eine einzige unkastrierte Hündin und ihre Jungen in nur sechs Jahren eine Nachkommenschaft von bis zu 67.000 Hunden hervorbringen, eine unkastrierte Katze und ihre Jungen in nur 7 Jahren von bis zu 420.000 Nachkommen.

Spezielles Fallbeispiel Istanbul: Schätzungen zufolge sollen im Großraum Istanbul ca. 200.000 Hunde leben. (1) Die Zugehörigkeit aller Hunde in Istanbul hat die Tierschutzgruppe SHKD folgendermaßen berechnet: 70% der in Istanbul lebenden Hunde sind wildlebend - entweder von Geburt an oder weitaus häufiger durch die angeeignete Angst vor dem Menschen - nur ca. 30% der in Istanbul lebenden Hunde sind in irgendeiner Art zugehörig zum Menschen. Der weitaus größte Teil der Hundepopulation in Istanbul kann sich somit unkontrolliert fortpflanzen.

„Auf lange Sicht betrachtet, ist die Kontrolle der Reproduktion bei weitem die effektivste Strategie zur Handhabung der Hundepopulation.“ (2)

Nur die konsequente Umsetzung eines Neuter & Release-Programms (Kastrieren & wieder Zurücksetzen der Tiere ins vertraute Revier) kann die Population von Hunden und Katzen nachhaltig senken. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Tiere in dasselbe Revier, aus welchem sie stammen, zurückgesetzt werden. Anderenfalls wird die Stadt/Gemeinde mit der oben beschriebenen Problematik konfrontiert (bessere Fortpflanzung von Hunden aus demselben Revier und somit ein Anstieg der Population). Berichten engagierter Tierschützer zu Folge, aber auch nach Augenzeugenbericht von PETA Deutschland e.V., werden Hunde häufig nicht in ihr vertrautes Revier zurück gesetzt, sondern nach der Kastration/Sterilisation - wenn überhaupt durchgeführt - in Wäldern oder anderen völlig ungeeigneten Regionen ausgesetzt. Diese Vorgehensweise ist nicht nur aus tierschutzpolitischen Gesichtspunkten, sondern auch aus Gründen der hierdurch gleich bleibenden Populationsdichte und zuletzt auch aus finanziellen Gründen völlig sinnlos!


Best Practice Beispiel: Chennai, Indien

Bis ins Jahr 1996 hinein wurden in der viertgrößten Stadt Indiens, Chennai (früherer Name Madras), Massentötungen von Hunden durchgeführt (3) - im Jahr 1995 wurden 135 Hunde pro Tag getötet! Weder die Anzahl der gemeldeten Tollwutfälle noch die Anzahl der Tiere an sich konnte hierdurch gesenkt werden. Ganz im Gegenteil: die Anzahl der im Jahr 1996 gemeldeten Tollwutfälle mit tödlichem Ausgang wurde mit 120 angegeben, und die Populationsdichte der Tiere stieg seit 1860 stetig an. Diese Erkenntnisse veranlassten die Stadt mithilfe des Engagements der Tierschutzgruppe Blue Cross of India im Jahr 1996 dazu, ein konsequentes und humanes Neuter & Release-Programm umzusetzen. Die Ergebnisse, die seither gesammelt werden konnten, sind mehr als verblüffend und zeigen die Wirksamkeit des humanen Managements von Tieren: Bis zum Jahr 2004 sank die Anzahl der Tollwutfälle in Chennai auf 5 gemeldete Fälle (ein Rückgang von 95% seit 1996) und bei der Populationsdichte von heimatlosen Tieren konnte einen Rückgang von 60% bis zum Jahr 2008 erzielt werden. (4) Ähnlich gute Erfolge wurden von der Gruppe Help in Suffering in der indischen Stadt Jaipur erzielt. Diese Ergebnisse zeigen, dass nur ein humanes Management von heimatlosen Hunden und Katzen nachhaltige und gute Erfolge für Tier und Mensch erzielen kann.


Was fordern wir?

Die Geschichte der Türkei ist geprägt von grausamen ebenso wie auch unwirksamen Methoden, sich der Überpopulation heimatloser Tiere zu entledigen, PETA Deutschland e.V. fordert daher:

- Sich der Tierschutzproblematik im Land ernsthaft und ganzheitlich anzunehmen und das Neuter & Release- Programm konsequent umzusetzen, welches nachhaltige Populationseffekte bringen wird. Diese Effekte können sich aber erst nach einigen Jahren einstellen (3 - 5), dafür werden diese aber für Mensch und Tier eine dauerhafte und humane Lösung sein.

- Die Umsetzung eines ganzheitlichen Neuter & Release-Programms, welches Folgendes beinhaltet: Ein behutsames Einfangen der Tiere, das Kastrieren/Sterilisieren, Medizinisches Versorgen, Impfen und nach einer gewissen Rehabilitationsphase das Zurücksetzen ins vertraute Revier. Zusätzlich hierzu muss die Versorgung der Tiere mittels so genannter Futterstellen (Versorgung der Tiere mit Nahrung und Wasser) sichergestellt werden.

- Um eine konsequente Umsetzung des Neuter & Release-Programms gewährleisten zu können, müssen in Städten und Gemeinden zentrale Stellen geschaffen werden, die das Projekt steuern, bewerten und kontrollieren. Die Lösung hierfür sind private - von Städten und Gemeinden finanzierte - Unternehmen, die von lokalen Tierschutzgruppen im humanen Umgang mit Tieren geschult werden. Nur so kann gewährleistet werden, dass das Programm tierschutzgerecht durchgeführt wird und „Früchte trägt“.
Fallbeispiel Istanbul: Die Zuständigkeit für Neuter & Release ist den einzelnen Stadtteilen zugewiesen. Unkooperative Stadtteile werden dazu beitragen (tun dies auch jetzt schon), dass das ganze Projekt gefährdet wird.

- Tierheime sollten einzig und allein als Rehabilitationszentren genutzt werden, in denen Tiere nur eine maximale Anzahl an Tagen verbringen sollten (für die Zeit des Neuter & Release-Programms).
Hintergrund: Die Adoptionsrate von Hunden in der Türkei geht gegen null - für die meisten der in Tierheimen lebenden Tiere bedeutet dies eine lebenslange Inhaftierung unter größtenteils lebensunwürdigen Umständen.

- Tiere, die aus triftigen Gründen nicht ins vertraute Revier zurückgesetzt werden können, wie beispielsweise Tiere, die bereits eine lange Inhaftierung in Tierheimen durchlebt haben (eine lange Inhaftierung bewirkt eine Nichtzugehörigkeit zu einem ehemals bewohnten Revier), sollten in einem so genannten offenen Tierheim ein neues zu Hause finden (weitläufig eingezäuntes Gelände mit Futterstellen).

- Unheilbar kranke Tiere, die nicht in ihr gewohntes Revier entlassen werden können, sollten unter Konsultation eines Tierarztes gegebenenfalls friedvoll euthanasiert und von ihrem Leiden erlöst werden.

Begleitende Maßnahmen, die andernfalls kontraproduktiv zum Programm laufen würden; dazu gehören:
- Kastrations- und Sterilisationspflicht auch für Tiere in Privathaushalten;
- Zuchtverbot;
- Sensibilisierung der Bevölkerung, dass Tiere als fühlende und zu respektierende Lebewesen behandelt werden sollten.


Schlussfolgerung

Bis auf wenige Positivbeispiele (so etwa die Stadt Bursa) ist in der Türkei nach wie vor keine Systematik erkennbar, um sich dem Problem der Überpopulation von Hunden nachhaltig und tierschutzgerecht zu stellen. Dies belegen vor allem auch Aufzeichnungen, die von PETA Deutschland e.V. in Istanbul im Juli 2008 gemacht wurden. Die Behörden scheinen punktuell Hunde zu kastrieren bzw. zu sterilisieren (offensichtliche Markierung der Tiere durch Ohrmarken), diese Hunde werden dann aber nicht in ihr vertrautes Revier zurückgesetzt. Die Wälder der Randbezirke von Istanbul sind geflutet von Hunden, die sich in diesen abgelegenen Gebieten größtenteils vergebens auf Nahrungssuche begeben und nicht selten an Hunger oder Durst sterben. Auch gehören Massenvergiftungen - wie im Jahr 2008 in Antalya durchgeführt - zum festen Bestandteil des Populationsmanagements durch türkische Behörden. Dies alles, obwohl hierdurch „noch nicht einmal“ Effekte auf die Populationsdichte von heimatlosen Hunden und Katzen erzielt werden. Würden die inhumanen Tötungen von Tieren Erfolge zeigen, so wäre die Türkei schon seit langer Zeit befreit von überzähligen Hunden und Katzen.



1) Sahipsiz Hayvanlar? Koruma Derne?i (SHKD), The solution to the Istanbul stray dog problem, March 2006
2) Weltgesundheitsorganisation (WHO), Guideline for Dog Population Management, Geneva 1990
3) http://www.bluecross.org.in/abc.html; 05.02.2009
4) http://www.his-india.org.au; 05.02.2009


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