Gedanken zum Erdgipfel in Südafrika
Der Elefant im Wohnzimmer ist eine Kuh
Von Harald Ullmann
Der bevorstehende Erdgipfel II in Südafrika – oder formaler ausgedrückt der Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung – hat ein schmutziges kleines Geheimnis.
Nach viel Lärm und Getümmel hat das Beratungsgremium hervorragender Persönlichkeiten von Generalsekretär Kofi Annan nun beschlossen, dass der Johannesburg-Gipfel „feste Verpflichtungen und praktische Schritte zur Erreichung des gemeinsamen Zieles der nachhaltigen Entwicklung“ zum Ergebnis haben sollte. Nach einem Zusammentreffen in Washington am 26. Juli sagte Annans Büro, vom Gipfel würden konkrete Aktionspläne in fünf Bereichen – Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Artenvielfalt – erwartet.
Nicht gesagt wurde, auf welche Weise diese Pläne irgendeine Auswirkung oder Bedeutung in mindestens vier dieser fünf Bereiche haben könnten, wenn ein Thema von ihnen ignoriert wird, das schwer auf ihnen allen lastet: die Fleischproduktion.
Zweck des Gipfels ist, die Agenda 21 voranzubringen, jenen Aktionsplan, der aus dem ersten Erdgipfel in Rio von 1992 hervorging. Es muss jedoch gesagt werden, dass 1992 zehn lange Jahre her ist und dass einiges aus der Agenda 21 weggelassen wurde, das mittlerweile zum Thema allgemeiner Besorgnis geworden ist (etwa die Globalisierung), genauso wie anderes aufgenommen wurde, das mittlerweile recht fragwürdig erscheint. (Klassischer, einschlägiger Fall: Abschnitt 2, Kapitel 16: „Die Biotechnologie kann mit Hilfe von ... Techniken, die die Abhängigkeit von Agrochemikalien beseitigen, den Nährwert von Nutzpflanzen erhöhen [und] den landwirtschaftlichen Ertrag verbessern“ – Behauptungen, die `92 alle für wahr gehalten wurden und die mittlerweile alle als das genaue Gegenteil und als Sirenengesang der Konzern-Profitmacher entlarvt sind, wie die Farmer, die mit Verträgen für Monsanto Round-up Ready Canola-Raps gefesselt wurden, zu ihrem Leidwesen erfahren mussten.)
Der größte Fauxpas der Agenda 21 jedoch dürfte wohl ihre einzige, harmlose Äußerung zur Nutztierproduktion sein: „Es besteht die Notwendigkeit für mehr und bessere Tierprodukte.“
Diese Feststellung muss einem zu denken geben. Laut dem „China-Projekt“ der Cornell University, einer Langzeitstudie über den Zusammenhang von Gesundheit und Ernährung, kann eine auf Pflanzen basierende Ernährung helfen, 80 bis 90 Prozent aller Krebsarten, kardiovaskulären Erkrankungen und anderen Formen degenerativer Erkrankungen zu verhindern. Der Verzehr von Tieren auf der anderen Seite wird unweigerlich mit Herzkrankheiten, Schlaganfällen, Krebs, Diabetes, Arthrose etc. in Verbindung gebracht. Und wir brauchen noch mehr?
Angesichts der „unglaublichen Brutalität“ in Schlachthöfen, über die der verstorbene Kongressabgeordnete George Brown im Landwirtschaftsausschuss berichtete, wo „Arbeiter zugeben, dass sie Tiere noch bei vollem Bewusstsein routinemäßig erdrosseln, schlagen, verbrühen, häuten und zerlegen“, erscheint es schwer nachvollziehbar, mit einem Grausamkeitsdefizit zu argumentieren.
Brauchen wir mehr und bessere Quellen für Tierabfälle? 1996 produzierten die Tierfabriken in den USA 1,4 Milliarden Tonnen davon – 130-mal mehr als die Menschen. Ein großer Teil davon, mehr Verschmutzung als von allen industriellen Quellen zusammen, floss in unsere Flüsse und Ströme und sorgt dafür, dass die 18 000 Quadratkilometer große „Todeszone“ im Golf von Mexiko erhalten bleibt.
Brauchen wir mehr und bessere Pfisteria-Ausbrüche, die für Fische tödliche „Zelle aus der Hölle“, die mit den Ausflüssen aus Hühner- und Schweinefarmen in Verbindung gebracht wird und Alzheimer verursacht?
Brauchen wir mehr Abholzung in Mittelamerika und am Amazonas, um die Hauptsauerstoffquelle der Erde durch Rinderfarmen zu ersetzen? Mehr Ausrottung von Pflanzenarten weltweit, eine fortwährende Bio-Katastrophe, in der Rinderweiden den größten entscheidenden Faktor darstellen? Mehr Weidefläche in den westlichen USA (derzeit 85 Prozent), durch Überweidung zerstört?
Der Weltgipfel sollte eine Verpflichtung – und einen Plan – für einen veganen Planeten mit einschließen. Es handelt sich hierbei nicht um ein „Randgruppen“- oder „Lifestyle“-Thema. Dies muss stattfinden, um etwas zu erreichen, das im Entferntesten einer nachhaltigen Entwicklung ähnlich sieht.
Harald Ullmann ist 2. Vorsitzender von PETA-Deutschland e.V.