Was könnte wohl romantischer sein als ein gemütlicher Ausflug in einer Pferdekutsche an einem lauen Sommerabend ? In den späten 80ern brach Whitey, ein neun Jahre alter Wallach, in der Stadt New York zusammen, als er während einer Hitzewelle eine Pferdekutsche zog. Eine Krankenschwester, die gerade vorbeikam, gab ihm intravenös Kochsalzlösung und ein paar freundliche Polizisten besprühten ihn zwei Stunden lang mit kühlem Wasser. Schließlich gelang es Whitey, wieder auf die Füße zu kommen. Ein anderes Kutschpferd namens Misty starb während derselben Hitzewelle an offensichtlicher Überhitzung und Erschöpfung. Ähnliche Vorfälle sind auch aus europäischen und anderen Ländern bekannt.
Doch trotz der vielen Aufmerksamkeit, die das Pferdekutschen- Geschäft auf sich gezogen hat, und trotz des Aufschreis von Romantikern allerorten, hat sich für die Pferde wenig geändert.
Schwerstarbeit für die Pferde
Viele der Pferde, die als Kutschpferde auf den städtischen Straßen enden, sind "ausrangierte" Trabrennpferde. Einige Rassen werden oft für Rennen trainiert, indem man sie an ein Fahrzeug anbindet, das die Geschwindigkeit zunehmend erhöht, deshalb halten die Pferdekutscher diese Pferde für besonders "straßentauglich". (1) Aber Standardrassen sind viel kleiner und leichter als traditionelle "Zugpferde" und sind nicht dafür gemacht, schwere Lasten zu ziehen. Unabhängig von ihrer Herkunft bringen die meisten der Pferde, so die Tierärztin Holly Cheever, "wenn sie Kutschpferde werden ein Erbe mit, das aus früheren Verletzungen und Schwachstellen besteht." (2) Können die Pferde nicht länger die schweren Lasten ziehen, werden sie an Schlachthöfe oder Hundefutterhersteller verkauft.
Und selbst für gesunde Pferde ist das Ziehen einer Kutsche keine leichte Arbeit. Während das deutsche Tierschutzgesetz keinerlei Vorschriften enthält, um die Arbeitsbedingungen von Kutschpferden zu regeln, verfügen andere Länder wiederum nur über unzureichende Vorschriften, welche nur selten in die Praxis umgesetzt werden. Die Pferdekutscher kennen die Schlupflöcher der Gesetze nur zu gut. Ein Beamter der kanadischen SPCA (Society for the Prevention of Cruelty to Animals) meinte dazu: "Wenn die Bestimmungen besagen, daß ein Pferd nur an neun aufeinanderfolgenden Stunden arbeiten darf, es aber versäumen zu betonen, daß sich dies auf einen Zeitraum von 24 Stunden bezieht, dann lassen die Kutscher die Pferde neun Stunden lang arbeiten, es dann für ein oder zwei Stunden ruhen, und schon geht es wieder an die Arbeit." (3) So kommt es, daß viele Pferde täglich 12 Stunden oder mehr arbeiten müssen, und dies auch noch unter extremen Wetterbedingungen.
Wie im Falle des Kutschpferdes Misty erweisen sich die Wetterverhältnisse manchmal sogar als fatal für die Pferde. So sind die Pferde bitterer Kälte und glühender Hitze ausgesetzt. Die Pferdekutscher Nordamerikas - eine Organisation, der nur ein kleiner Prozentsatz der Pferdekutscher angehört - gibt vor, daß Pferde noch arbeiten dürfen, wenn die Temperatur nur noch bei minus 13 Grad Celsius liegt, also deutlich unter dem Gefrierpunkt. (4) Während der Sommermonate leiden die Pferde an Dehydrierung und Hitzestreß und können innerhalb weniger Stunden sterben. In einigen Städten sind Kutschfahrten ab einer gewissen Temperatur verboten, aber oft entspricht die von den amtlichen Wetterämtern angegebene Temperatur nicht der, die auf den Straßen tatsächlich herrscht. So befand z.B. eine Studie, die von der Cornell Universität herausgegeben wurde, daß die von den Wetterämtern angegebene Lufttemperatur bis zu 50 Grad kühler sein kann als die tatsächliche Asphalt-Temperatur. (5) Und die Verkehrsbehörde der Stadt New York gibt an, daß die Asphaltoberfläche eine Temperatur von 200 Grad Fahrenheit* erreichen kann. (6)
Unfälle vorprogrammiert
Pferde und starker Straßenverkehr können eine gefährliche Mischung abgeben. Auch wenn Pferdekutscher etwas anderes sagen, ist es Pferden keinesfalls angenehm, inmitten von Autos und LKWs zu arbeiten, und viele Unfälle, Verletzungen und sogar Todesfälle - von Pferden und Menschen - sind verursacht worden, weil Pferde in diesem Verkehr durchgedreht haben. Nach Cheever's Angaben ist es für Pferde völlig natürlich, "auf beängstigende Situationen mit Panik und Flucht zu reagieren." (7) Eine Untersuchung bundesweiter Kutschpferdeunfälle in den USA ergab, daß 85% der Unfälle solche Angstzustände zugrundelagen. In 70% der Fälle wurde ein Mensch verletzt, in 22% der Fälle ein Mensch getötet. (8) Diese Untersuchung ergab außerdem, daß in der Stadt New York, wo die Unfallrate von Pferdekutschen am höchsten ist, 98% der Pferde, die durchgedreht waren, verletzt wurden. (9, 10)
Zu Verletzungen und Todesfällen aufgrund von Zusammenstößen zwischen Fahrzeugen und Kutschpferden ist es praktisch schon in jeder amerikanischen Stadt gekommen, in der Pferdekutschen erlaubt sind.
Das Fahren macht die Pferde krank
Der Rauch und die Abgase des Stadtverkehrs sind für die Pferde außerdem gesundheitsschädlich. Eine Studie der Tierärztin Jeffie Roszel ergab, daß "Proben der Trachea und der Sekrete des Atmungsapparates schwere Lungenschäden zeigten, und zwar in derselben Größenordnung, wie sie bei starken Rauchern zu erwarten sind." (11) Die Nüstern der Pferde sind gewöhnlich nur etwas über einem Meter über dem Straßenniveau, daher "stinkt den Pferden dieser Job im wahrsten Sinne des Wortes." (12)
Außerdem leiden diese Kutschpferde regelmäßig unter der Handhabung der schlecht ausgebildeten Kutscher. Und weil sie sich stets nur auf harten Straßen bewegen und stehen, "sind Lahmen und Hufabnutzung unvermeidbar" bei Kutschpferden, so Dr. Cheever. "Diese Probleme werden noch durch die Unerfahrenheit der großen Mehrheit der Eigentümer und Kutscher verschlimmert, die entweder außerstande sind, Lahmheit zu erkennen, oder nicht willens sind, finanzielle Einbußen in Kauf zu nehmen, wenn sie die Tiere für ein paar Tage aus dem Betrieb nehmen." (13) Viele Kutscher sind auch nicht fähig, das Geschirr korrekt anzulegen und lassen die Riemen entweder so locker hängen, daß sie den Tieren die Haut abreiben, oder sie ziehen sie so fest an, daß sie sie kneifen. Und dann werden auch nur wenige der Pferde oft genug mit neuen Hufeisen beschlagen.
Unsichere Bedingungen
Die Bedingungen der Kutschpferde sind außerhalb der Straße auch nicht viel besser. Razzien in Kutschpferdeställen haben aufgedeckt, daß es kaum Heu oder anderes Polstermaterial gab, die Böden oft von Urin und Mist verdreckt waren, es kaum Belüftung in den Ställen gab und manche Pferde nicht einmal freien Zugang zu Trinkwasser hatten. Viele Stallanlagen bestehen aus mehreren Etagen übereinander - wie Parkhäuser - mit steilen Rampen, die von einer Ebene zur nächsten führen. Die Böden in einem Stall waren so verrottet, daß sie unter dem Gewicht der Pferde nachgaben und so zu Beinbrüchen führten. (14) 1991 starben in New York zwei Pferde, weil sie von ihrem Kutscher mit schlechtem Heu gefüttert wurden. (15)
Überhaupt nicht romantisch
Es überrascht wohl kaum, daß die Nutzer von Kutschpferden Versuche, ihr Geschäft zu reglementieren - durch Bestimmungen, wo und wielange Pferde arbeiten können, Temperaturbeschränkungen und Vorschriften über eine obligatorische tierärztliche Versorgung - als wirtschaftliche Bedrohung ansehen. Ein Pferdekutscher in Charleston, South Carolina, meinte dazu: "die Gesetzgebung ist lächerlich." (16)
In ihrem Roman-Klassiker "Black Beauty" schrieb Anna Sewell: "Meiner Ansicht nach machen wir uns mitschuldig, wenn wir Grausamkeit oder Mißstände sehen, die zu stoppen wir imstande sind, jedoch nichts gegen sie unternehmen." (17)
Menschen auf der ganzen Welt stimmen dieser Ansicht zu und erkennen immer klarer, daß sie nicht von den Pferden, sondern von der Pferdekutschen- Branche "verladen" werden. Doch der Druck seitens besorgter Einwohner hat dazu geführt, daß Pferdekutschen bereits in immer mehr Städten auf der ganzen Welt verboten werden, so z.B. in Palm Beach, Santa Fe, Las Vegas, London, Paris und Toronto.
(1) King, Marcia, "The Carriage Trade: Putting the Cash Before the Horse," The Animals' Agenda, June 1992, p. 43.
(2) Cheever, Holly, D.V.M., Letter to legislators, September 1991, p. 1.
(3) King, The Animals' Agenda, p. 43.
(4) King, Marcia, "Focus on the Reality," Advocate, Summer 1992, pp. 15-16.
(5) Cheever, p. 3.
(6) King, Advocate, p. 16.
(7) Cheever, p. 2.
(8) King, Advocate, p. 18.
(9) "NY City: Have No No Pity?" Factsheet, Carriage Horse Aciton Committee, p. 2.
(10) King, Advocate, p. 18.
(11) Ibid., p. 18
(12) Cheever, p. 2.
(13) King, Advocate, p. 19.
(14) Eddy, Eric, "Inhumane Carriage Horse Stable Exposed," Our Town, November 30, 1986.
(15) Associated Press, "Bad Hay Blamed in Horses' Deaths, "Democrat and Chronicle, August 26, 1991.
(16) Evans, Charlotte, "Quaint or Cruel?" Equus, Number 139.
(17) Wynne-Tyson, Jon, ed. The Extended Circle: A Commonplace Book of Animal Rights, 1989, p. 320.