Message zur Modewoche: Pelz ist neues Garnichts
Von Harald Ullmann
Pelz ist das neue Garnichts. Sie werden diese Schlagzeile vermutlich nicht in absehbarer Zeit auf den Seiten des US-Vogue Magazins finden, aber das ist die Botschaft, die Jay McCarroll - der tolle Designer, der die erste Folge von Bravo’s Project Runway gewann - Anfang September an die New York Fashion Week sandte. McCarroll’s sehnsüchtig erwartete Kollektion, seine erste, seit er begeisterte Fans mit seinen spitzfindigen und innovativen Kreationen erfreute auf seinem Weg zum “Next Big Fashion Designer”, ist absolut pelzfrei. “Die Tiere brauchen ihren Pelz dringender als ich”, ist seine Ansicht.
Also macht Platz für die jüngste Generation an Designern. Wir sollten alle aufhorchen - die Mode-Statements, die sie abgeben, betreffen mehr als nur Taschen und ultrahohe Absätze.
McCarroll’s Anti-Pelz-Einstellung hallt immer mehr unter den hippesten Stil-Ikonen von heute und ihren jungen Mode-begeisterten Fans wieder. Marc Bouwer, der mit seiner Show ebenfalls auf der Modewoche vertreten ist und dessen ultraglamourösen Artikel von Angelina Jolie, Paris Hilton and Runway’s Heidi Klum getragen werden, weigert sich, mit Pelz oder Leder zu arbeiten. Dasselbe gilt für Laufsteg-Queen Stella McCartney, deren Kollektion für den trendigen internationalen Einzelhandelskonzern H&M (ebenfalls pelzfrei) schneller verkauft wurde, als man die Regale neu bestücken konnte. Tyra Banks, die beliebte Moderatorin von America’s Next Top Model, bevorzugt Pelzimitat anstelle von Echtpelz. Und auch die in jedem Einkaufscenter zu findenden Abercrombie & Fitch, American Eagle, Forever 21, Gap, J. Crew und verfolgen eine Pelzfrei-Politik.
Warum also präsentiert die September-Ausgabe der US-Vogue auf 14 Seiten Silberfuchs- Bubble-Röcke, Zobel-Beinwärmer und Lederstiefel mit Chinchilla? Wer trägt so was? Ich möchte die Vermutung wagen, dass die meisten jungen Frauen diese grobe Zurschaustellung von Dekadenz rasch überblättern und sich direkt dem Kirsten Dunst-Artikel zuwenden. (Wahrscheinlich lesen die meisten jungen Frauen auch eher In Style - so Condé Nast’s Media Analyse; das Durchschnittsalter der Vogue-Leser ist nämlich 37.)
Könnte es sein, dass Anna Wintour, die berühmt-berüchtigte, fünfzig-und-nochwas-jährige Vogue-Herausgeberin, die The Devil Wears Prada inspirierte, doch nicht soviel davon versteht, was junge Frauen möchten, wie sie meint? Ihre Rivalin, Carine Roitfeld, die Herausgeberin der französischen Vogue und die Frau, die Wintour als die am schärfsten beobachtete Herausgeberin in der Frontreihe der Modeshows ersetzt hat, erklärt, sie hätte einst Pelz getragen, tue es jetzt aber nicht mehr, da er einen Geruch hat.”
Letztes Jahr meinte Jay McCarroll, der junge Designer, der bei der Modewoche mit seiner Show auftritt, gegenüber Salon.com, dass er kein Interesse daran hat, mit seiner Mode über das Vogue Set zu triumphieren: “Ich möchte absoluten Zugang - und vor allem soll man es sich leisten können. Denn so kaufe ich ein, so kaufen meine Freunde ein und so shoppt auch meine Familie. Ich kenne keinen, der einen Fendi-Pelz trägt, und diese Leute sind mir einfach widerlich. Das soll nicht mein Markt sein.”
McCarroll sagt, dass seine ideale Linie “Biofasern und weder Pelz noch Leder noch Sklavenarbeit [einsetzen würde]. … Und ich arbeite mit Bio-Kosmetikfirmen zusammen und nicht solchen, die Tierversuche durchführen. Bei vielen Unternehmen ist die Art, wie sie arbeiten, einfach abstoßend. Aber je mehr ich darüber erfahre, desto mehr Antrieb habe ich. Ich liebe Tiere. Und ich bin ein Freund dieses Planeten.”
In einer Welt voller Überfluss - in der Elitemode-Herausgeber uns zu überzeugen versuchen, dass Röcke mit Nerzbesatz für $4.300 und Taschen mit Fuchspelz für $2.300, hergestellt aus grausam per Stromschlag auf Pelztierfarmen getöteten Tieren, alles andere sind als schamlos egoistisch - wirkt McCarroll’s Haltung geradezu erfrischend. Und es ist der Weg der Zukunft. So meint McCarroll: “In Anbetracht so vieler witziger und modischer Alternativen gibt es keinen Grund, Pelz zu benutzen.” Und es gibt ganz sicher keinen Grund, ihn zu kaufen.
Harald Ullmann ist 2. Vorsitzender von PETA-Deutschland e.V.