Militärtests: Der unbemerkte Krieg
Stand: 05.04.2006
Wenn Nachrichtenreportagen die Opfer eines Krieges verbuchen oder wenn Denkmäler zu Ehren der gefallenen Soldaten aufgestellt werden, dann wird lediglich menschliches Leben beklagt. Nicht registriert jedoch werden die nicht-menschlichen Opfer des Krieges - die Tiere, die erschossen, verbrannt, vergiftet oder auf andere Weise in Tests gequält werden, um immer mehr Methoden zu ersinnen, wie man Menschen töten kann. Und natürlich gibt man diese Leiden auch nicht allgemein bekannt. Der Film "Projekt X" aus dem Jahre 1987 gab nur einen kurzen Einblick in all die Experimente, die weit enfernt vom Blick der Öffentlichkeit, aber auf Kosten des Steuerzahlers immer weiter durchgeführt werden.
Ungezählte Opfer Das US-amerikanische Militär fügt die unzähligen Qualen des Krieges alljährlich Hunderttausenden von Tieren in Experimenten zu, um die Wirkungen seiner militärischen Operationen zu testen. Das Verteidigungsministerium (DOD) und die Fürsorgeverwaltung für Kriegsteilnehmer (VA) sind (nach den Nationalen Gesundheitsbehörden) gemeinsam der zweitgrößte Benutzer der Bundesregierung was Tiere angeht. Auf ihr Konto geht nahezu die Hälfte der nach Schätzungen mindestens 1,6 Mill. Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Hamster, Kaninchen, nicht zur menschlichen Rasse gehörigen Primaten, Ratten, Mäuse und "Wildtiere", die - gemäß Bericht an den Kongress im Jahre 1983, dem letzten Jahr, für das Regierungszahlen verfügbar sind - verbraucht wurden. (1) Da diese Zahlen solche Militärexperimente nicht einschließen, die vertraglich an Labors abgegeben wurden, die nicht der Regierung unterstehen, und auch nicht die vielen Schafe, Ziegen und Schweine, die für Wund-Experimente benutzt werden, liegt die tatsächliche Zahl der Tieropfer aller Wahrscheinlichkeit nach noch wesentlich höher.
Top Secret - Streng geheim Militärtests werden als "streng geheim" klassifiziert, und es ist daher schwierig, aktuelle Informationen zu diesen Tests zu erhalten. Aus veröffentlichten Forschungsunterlagen wissen wir jedoch, daß Militäreinrichtungen in den gesamten Vereinigten Staaten alle Sorten von Waffen an Tieren testen, von sowjetischen AK-47-Gewehren über biologische und chemische Kriegsführungsmittel bis hin zu Atomexplosionen. Wie auch andersartige Forschung an Tieren sind militärische Experimente akut schmerzhaft, kostspielig und unzuverlässig; sie werden ständig wiederholt und sind auch schon deswegen eine Verschwendung, weil die Auswirkungen bereits an Menschen beobachtet werden können, die Kriegsopfer sind.
Muster-Experimente Verbrennungen und Explosionen: 1946 wurden in der Nähe des Bikini-Atolls im Südpazifik 4.000 Schafe, Ziegen und andere Tiere, die auf ein Schiff verladen und ihrem Schicksal überlassen wurden, durch eine Atomexplosion, die über ihnen gezündet wurde, getötet oder erlitten schwere Verbrennungen. Das Militär gab diesem Experiment den Spitznamen "die Atom-Arche". (2) Im Armee-Fort Sam Houston wurden lebende Ratten 10 Sekunden lang in kochendes Wasser getaucht, und eine Gruppe von ihnen wurde an Stellen ihres verbrannten Körpers infiziert. (3)
Im Medizinischen Institut der Marine in Maryland rasierte man Ratten den Rücken, bestrich ihn mit Äthanol und "flambierte" ihn 10 Sekunden lang. (4)
In der 36 x 3 Meter großen "Schockröhre" der Kirkland-Basis der Luftstreitkräfte in New Mexiko wurden Schafe in einer losen Netzschlinge gegen eine reflektierende Platte plaziert, dann ließ man in einer Entfernung von 19 Metern eine Explosionsvorrichtung detonieren. In zwei getrennten Experimenten wurden 48 Schafe in die Luft gesprengt: die erste Gruppe, um den Wert einer Weste zu testen, die während der Explosion getragen wurde, und die zweite, um festzustellen, ob chemische Markierungsstoffe bei der Diagnose von Explosionsverletzungen hilfreich wären. (Sie waren es nicht.) (5)
Strahlung: Im Radiobiologischen Forschungsinstitut der Streitkräfte in Maryland wurden neun Rhesus-Affen an Stühle gefesselt und einer Ganzkörperbestrahlung ausgesetzt. Innerhalb von zwei Stunden reagierten sechs der neun Affen mit Erbrechen, Speichelfluß und Kauen. (6) In einem anderen Experiment wurden 17 Beagle der Ganzkörperbestrahlung ausgesetzt, ein bis sieben Tage lang untersucht und dann getötet. Die Experimentatoren schlußfolgerten, daß die Bestrahlung die Gallenblase angreife. (7) Auf dem Luftwaffenstützpunkt Brocks in Texas wurden Rhesus-Affen an einen B52- Flugsimulator angebunden (der "Primaten-Gleichgewichtsplattform"). Nachdem man sie durch schmerzhafte Elektroschocks dazu gebracht hatte zu lernen, die Vorrichtung zu "fliegen", wurden die Affen Gamma-Strahlen ausgesetzt, um festzustellen, ob sie "die 10 Stunden aushalten würden, die es dauern würde, ein imaginäres Moskau zu bombadieren". Diejenigen, die die stärksten Dosen erhalten hatten, erbrachen sich ganz heftig und wurden extrem lethargisch, bevor sie getötet wurden. (8)
Krankheiten: Um die Auswirkungen der Temperatur auf die Übertragung des Dengue2-Viruses zu bewerten - einer Krankheit, die von Moskitos übertragen wird und Fieber, Muskelschmerzen und Hautausschlag erzeugt - wurden von der US-Army in Fort Detrick, Maryland, Experimente druchgeführt. Dafür wurde Rhesus-Affen der Bauch rasiert und ein Karton mit Moskitos darauf geschnallt, damit diese die Affen stechen. (9)
Experimentatoren in Fort Detrick haben auch eine Vorrichtung erfunden, die Kaninchen festhält - einem kleinen Käfig mit Stahlstäben. So können sich Moskitos von den bewegungsunfähigen Kaninchen nähren. (10)
Wund-Labors: Das Verteidigungsministerium betreibt "Wund-Labors" seit 1957. In diesen Einrichtungen werden bewußte oder halb-bewußte Tiere an Schlingen aufgehängt und mit Hochleistungswaffen beschossen, um Verletzungen für die chirurgische Militärpraxis zu erzeugen, wie sie im Kampf entstehen. 1983 limitierte der Kongress aufgrund des öffentlichen Drucks die Verwendung von Hunden und Katzen in diesen Labors, aber zahllose Ziegen, Schweine und Schafe werden immer noch angeschossen, und wenigstens ein weiteres Labor beschießt weiterhin Katzen. Im "Ziegen-Labor" des Armee-Fort Sam Houston werden Ziegen kopfüber aufgehängt und in die Hinterbeine geschossen. Nach ärztlicher Versorgung der Wunden wird jede Ziege, die dann noch überlebt hat, getötet. (11)
In anderen Militärexperimenten werden Tiere durch Dekompression, Schwerelosigkeit, Drogen oder Alkohol, Inhalation von Rauch oder reinem Sauerstoff krank gemacht.
Tier-Intelligenz: Die Streitkräfte verpflichten auch Tiere zwangsweise für Nachrichten- und Kampfdienste, indem sie sie in "Missionen" entsenden, die ihr Leben und Wohlbefinden gefährden. Die Marine gibt Millionen von Dollar für "super-geheime" Programme aus, um Robben, Delphine, Tümmler und Wale darauf zu trainieren, Minen aus feindlichen Häfen zu entdecken und zu entfernen, und man bringt ihnen ebenfalls bei, wie man Minen an U-Booten anbringt. (12) Das Marineinfanteriekorps bringt Hunden "Beißen, Knurren, Erschnüffeln und andere geeignete Fähigkeiten" bei, die für die Suche nach Bomben und Drogen benötigt werden. (13)
Tausende von Tieren werden außerdem zu Opfern militärischer Operationen und selbst militärischer Modetrends. Eine Reihe von Marinetests von Unterwasser-Sprengstoffen in der Chesapeake Bay haben im Jahre 1987 mehr als 3.000 Fische (14) getötet, und Lebensräume von hunderten von Spezies wurden durch Nukleartests im Südpazifik und dem amerikanischen Südwesten zerstört. Und als ob Waffentests noch nicht genug Tiere töteten, bewilligte die Luftwaffe kürzlich einer Firma in New Jersey 5,2 Millionen Dollar für die Herstellung von 53.000 Leder-Fliegerjacken, um unter den Piloten den "Gemeinschaftsgeist zu stärken". Bei 3 1/2 Ziegenhäuten pro Jacke bedeutet dies, daß 185.500 afrikanische Ziegen ihr Leben werden lassen müssen, damit US-Piloten sich in einem "Zweiten-Weltkrieg-Look" kleiden können. (15)
(1) "Alternatives to Animal Use in Research, Testing, and Education," U.S. Office of Technology Assessment, 1986, pp. 50-51.
(2) Tom Regan, "We are All Noah," 1985.
(3) Burleson, "Flow Cytometric Measurement of Rat Lymphocite Subpopulations After Burn Injury and Injury With Infection," Archfives of Surgery, 122:216.
(4) Wretland, et al., "Role of Exotoxin A and Elastase in the Pseudomonans Aeruginosa Strain PAO Experimental Mouse Burn Infection," Microbial Pathogenesis, 2:397, 1987.
(5) Philips, et al., "Cloth Ballistic Vest Alters Response to Blast," Journal of Trauma, Jan. 28, 1988.
(6) Duba, et al., "Effect of Ionizing Radiation on Prostaglandins and Gastric Secretion in Rhesus Monkeys," Radiation Research, 110:289, 1987.
(7) Druakovic, "Hepatobiliary Kinetics After Whole Body Irradiation," Military Medicine, 151(9):487.
(8) "Obscure Office Drafts World War III Script," Washington Post, May 27, 1984.
(9) Watts, et al., "Effect of Temperature on the Vector Efficiency of Aedes Aegypti for Dengue 2 Virus," American Journal of Tropical Medicine and Hygiene, 36(1):143, 1987.
(10) Dobson, et al., "A Device for Restraining Rabbits While Bloodfeeding Mosquitoes," Laboratory Animal Science, 37(3):364, 1987.
(11) "Goats Shot to Teach Army Doctors Skills," Williamsport Sun-Gazette, March 5, 1986.
(12) "Navy Boosts Use of Animals," Defense Week, August 11, 1986.
(13) "Uncle Sam Wants You, Too, Fido," Time, Jun 18, 1984, p. 33.
(14) "Fish Deaths Cancel Navy Blast Tests," Washington Post, October 1, 1987.
(15) "Air Force Needs a Few Goat Jackets," San Francisco Chronicle, April 8, 1988.