Moderne Testmethoden ersetzen Tierversuche bei Bekämpfung der US-Ölpest
Wer immer noch nicht davon überzeugt ist, dass tierversuchsfreie Alternativmethoden in jeder Hinsicht vorteilhafter sind als Tierversuche, der braucht nur die aktuellen Ereignisse im Golf von Mexiko zu verfolgen. Dort beteiligt sich nämlich die US-Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) derzeit an den Rettungsmaßnahmen für die von der Umweltkatastrophe betroffene Region, und untersucht mithilfe von wirksamen und effektiven tierversuchsfreien Testmethoden die endokrinen Auswirkungen von Lösungsmitteln, den sogenannten Detergentien, die möglicherweise zur Beseitigung des Ölteppichs Anwendung finden. Durch ihren Einsatz tierversuchsfreier Alternativmethoden trägt die EPA damit nicht nur zur Einsparung von Zeit und Geld bei, sondern rettet auch das Leben unzähliger Tiere, die in Versuchslaboren leiden.
Alternative Testverfahren sind im Grunde die einzige Möglichkeit, mit der die EPA innerhalb kürzester Zeit, also in wenigen Wochen statt in mehreren Jahren, die erforderlichen Informationen zu den betreffenden Substanzen ermitteln kann. Wenn es die modernen Ersatz- und Ergänzungsmethoden zu Tierversuchen nicht gäbe, müsste die EPA auf inhumane und grausame Toxizitätstest mittels Tierversuche zurückgreifen, die noch aus den 1930er Jahren stammen. Mit solchen Prüfungsmethoden würde es Jahre dauern, bis die benötigten Informationen über die in Frage kommenden Chemikalien vorlägen. In Anbetracht der verheerenden Zustände im Golf von Mexiko können sich die Wissenschaftler ein jahrelanges Warten jedoch nicht leisten.
Die modernen In-vitro-Verfahren, die der EPA heute zur Untersuchung der endokrinen Auswirkungen von acht Detergentien, die zur Zersetzung des Ölteppichs eingesetzt werden könnten, zur Verfügung stehen, erfolgen im Vergleich zu den laut EPA „zeitaufwendigen und kostspieligen Tierversuchen“ schnell und automatisiert. Während die Untersuchung einer einzigen Substanz im Tierversuch Millionen kosten kann, belaufen sich die In-vitro-Tests nach Schätzung der EPA auf lediglich 20.000 USD. Obgleich natürlich der Kostenfaktor bei der Wahl geeigneter Testverfahren wichtig ist, spielt die Durchlaufzeit der Untersuchungen vor allem in der aktuellen Situation eine noch größere Rolle, denn die betroffenen Ökosysteme stehen am Rand einer Katastrophe. Nach Angaben der EPA würde die Durchführung der erforderlichen Studien mittels traditioneller Tierversuche bei einem Forschungsaufwand von 40 Stunden/Woche durchschnittlich 12 Jahre dauern, wohingegen rechnergesteuerte In-vitro-Tests bereits innerhalb von drei Tagen Ergebnisse liefern. Die EPA konnte die erste Testreihe der Giftigkeitsprüfungen der infrage kommenden Detergentien bereits abschließen.
Die aktuelle Situation im Golf von Mexiko unterstreicht die Notwendigkeit einer Neuregelung der Toxizitätsbestimmungen. Die meisten Verfahren, die heute standardmäßig in Giftigkeitsprüfungen zum Einsatz kommen, wurden in den 1930er, 1940er und 1950er Jahren entwickelt. Sie sind weitgehend auf Tierversuche angewiesen, sind teuer, zeitraubend und erzielen ungenaue Resultate, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen angeht. Dies hat dazu geführt, dass krebserregende Chemikalien wie Benzol und Arsen auf den Markt kamen und blieben, selbst nachdem Millionen von Tieren über Jahrzehnte in Versuchen ihr Leben lassen mussten.
Unser bestehendes Testsystem ist überlastet und nicht in der Lage, die Abertausende von chemischen Stoffen, die sich heute in der Umwelt finden und von denen tagtäglich neue hinzukommen, angemessen zu prüfen. Wissenschaftler und Regierungsbehörden sind mittlerweile zu der Erkenntnis gelangt, dass „es auch mit allen Tieren der Welt nicht möglich ist, neue Chemikalien mit den gegenwärtig angewandten unpräzisen Verfahrensweisen zu prüfen und daraus zuverlässige Rückschlüsse über die Gesundheitsrisiken für den Menschen zu ziehen“ (Dr. Joshua Lederberg, Nobelpreisträger für Medizin).
Der Kongress der Vereinigten Staaten und die EPA beabsichtigen nun, das US-amerikanische Chemikalienrecht „Toxic Substances Control Act“ (TSCA) zu überarbeiten und den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Die EPA und die US-amerikanische National Academy of Sciences (NAS) sind nur zwei der wissenschaftlichen Organisationen, die Verfahrensweisen für Giftigkeitsprüfungen fordern, die für den Menschen relevante Ergebnisse liefern, schneller und preiswerter sind als Tierversuche und bei denen weniger oder keine Tiere verwendet werden.
In einem Bericht aus dem Jahr 2007 bestätigte die NAS, dass der wissenschaftliche Fortschritt „die Verfahrensweise von Giftigkeitsprüfungen transformieren kann, und dass das bestehende, bislang voll und ganz auf dem Tierversuch beruhende System dahingehend verändert werden kann, dass in erster Linie In-vitro-Verfahren (tierversuchsfreie Testmethoden) zum Einsatz kommen werden“. Ein solcher Ansatz liefert nicht nur verbesserte Effizienz, Geschwindigkeit und Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen, sondern führt gleichzeitig zu Kosteneinsparungen und vermindertem Tierleid. Die neu eingeführte Gesetzgebung unterstützt zu Recht die kontinuierliche Entwicklung und Implementierung moderner Alternativen zu Tierversuchen.
Wie die aktuellen Geschehnisse im Golf von Mexiko beweisen, gehören tierversuchsfreie Testmethoden sehr wohl in die Welt der Wissenschaft, und sind keine Utopien, wie ihre Kritiker gerne behaupten. Tierfreundliche, moderne Alternativen zu Tierversuchen sind unbestreitbar die Methode, mit der die Sicherheit von Chemikalien in der Zukunft gewährleistet wird.
Christine Esch
- Tierärztin, Campaignerin Tierversuche -