"Wir kommen in Frieden"
Seitlich an jedem einzelnen NASA-Raumschiff, das von Cape Kennedy in den Weltraum geschossen wird, befindet sich eine Reihe von Symbolen, die dort im Namen der gesamten Menschheit angebracht wurden, in der Hoffnung, daß außerirdische Intelligenzen diese Botschaft verstehen und respektieren werden. Diese Botschaft lautet: "Wir kommen in Frieden." Bedauerlicherweise tun wir das nicht. Zumindest noch nicht.
Stellen Sie sich unsere Astronauten vor, die auf einem fernen Planeten landen. Die Luke geht auf und unsere Erden-Botschafter klettern etwas unbeholfen die Leiter hinunter. Unten erwartet sie eine Gruppe der ersten Lebewesen eines anderen Planeten, denen sie jemals begegnet sind. Stellen Sie sich außerdem vor, was passieren würde, wenn diese "Außerirdischen" sich ganz genauso anhören, bewegen und aussehen würden wie Frösche oder Mäuse oder Paviane. Würde die Bodenstation die Astronauten dann anweisen, sich getreu an ihren Slogan zu halten, der die Außenseite des Raumschiffes ziert ? Wenn dem tatsächlich so wäre, wäre dies in der Tat ein großer Schritt für die Menschheit. Aber viel wahrscheinlich ist leider, daß die "friedliche Mission" sich augenblicklich auflösen würde und die Außerirdischen sich ruck-zuck in Käfigen auf dem Rückflug zur Erde befänden, um sie dort intergalaktisch zu sezieren.
Auf unserem eigenen Planeten haben wir bereits Millionen von "Außerirdischen" und außergewöhnliche Intelligenzen: Meerestiere, wie z.B. Kraken, die ihre Höhlen mit "Kinkerlitzchen" dekorieren, die sie vom Meeresboden gesammelt haben; der Tintenfisch, der durch Bewegung und mittels Farbwellen kommuniziert, und Wale, zu deren gut entwickelter Sozialstruktur sogar babysittende Tanten gehören; Landtiere, wie der Damhirsch, der eine natürliche Geburtenkontrolle praktiziert, wenn nur unzureichend Pflanzennahrung zur Erhaltung einer größeren Herde zur Verfügung steht; Biber, deren Meisterfähigkeiten im Ingenieurbereich sogar Entwürfe für eigene Unterwasser-Gebäude umfassen, und unser "bester Freund", der treue Hund, der sogar sein eigenes Leben für die Rettung des Menschen riskiert; und nicht zu vergessen, all die Vögel, die Häuser für ihre Familien bauen und dafür lediglich Ton und Zweige benötigen, nach einer winzigen Münze tauchen und die Welt ohne Kompass und Karte im Fluge umkreisen können.
Was haben wir diesen Außerirdischen angetan? Wir haben sie zu Unterhaltungszwecken eingesperrt, gegessen, Schuhe und Mäntel aus ihrer Haut gemacht, sie von ihren Lieben getrennt, ihnen Dinge in den Mund geschoben, ihnen Maulkörbe angelegt und Ketten um den Hals gehängt. Wir benutzten sie zum Testen von Nervengas und anderen Kriegsutensilien, die wir gegen unsere Mitmenschen zum Einsatz bringen.
Diese "Wir kommen in Frieden"-Botschaft auf unser Raumschiff zu setzen, ist eine Bestätigung dafür, daß solch eine Strategie - nämlich so zu tun, als ob - ja für uns, die Herrscherrasse hier auf der Erde, wahnsinnig vorteilhaft sein kann, im Weltall jedoch möglicherweise unser Todesurteil bedeutet. Unsere Botschaft bedeutet doch in Wirklichkeit: "Hallo, Ihr da draußen. Falls Ihr größer und stärker seid als wir, tut uns bitte nichts." Mit anderen Worten: "Tut, was wir sagen, nicht was wir auch tun." Vielleicht kann man uns verzeihen für unsere ungezügelte Aggression früherer Tage, als wir noch einen realistischeren Blick für unsere Stellung im Orchester des Lebens hatten, nämlich die eines der Spieler und nicht die des selbsternannten Band-Leaders. Als wir das Beeren-pflücken aufgaben und anfingen, Tiere ihres Fleisches wegen zu jagen, versuchten wir lediglich zu überleben, so wie es Ureinwohner, Löwen und Adler heute noch tun. Heute jedoch haben wir ganz andere Möglichkeiten. Wir können unseren unerklärten Krieg gegen die übrigen Tiernationen beenden und uns mit Leichtigkeit ernähren, kleiden und unterhalten, ohne andere ihres Lebens, ihrer Freiheit oder ihres Glückes berauben zu müssen.
Wichtig oder schlau zu sein, rechtfertigt es noch lange nicht, sich als Tyrann aufzuführen. Diejenigen, die mehr haben, sollten sich vielmehr großmütig und schützend gegenüber denen verhalten, die weniger oder gar nichts haben. Es muß uns gelingen, dies im Gedächtnis zu behalten, bevor wir anfangen, uns wegen unseres eigenen Stellenwertes aufzublasen. Es mag ja stimmen, daß wir einer ziemlich bedeutenden Spezies angehören, können wir doch fast alles bauen, vom Kassettenrekorder bis zum Wettersatelliten. Ja wir können sogar Wasser über Pipelines in die Kalahari befördern. Allerdings sollten wir uns immer wieder klarmachen, daß auch die anderen Tiere über eindrucksvolle, wenn auch andersartige Fähigkeiten verfügen. Sie leben auf einfache und effiziente Weise, die wir respektieren müssen. Dabei überleben sie unerschütterlich unter schwierigen Bedingungen, ohne auf irgendeine "Errungenschaft der Zivilisation" zurückzugreifen, wie z.B. Lebensmittelläden, motorisierte Transportmöglichkeiten und Bewässerungssysteme. So hatte beispielsweise eine 6 Jahre dauernde Studie des Verhaltensforschers Dr.Theodore Barer zum Ergebnis, daß auch Hänflinge Lieder komponieren können, die so ausgeklügelt und dynamisch sind wie eine Beethoven- Sinfonie, und daß sie diese mit solcher Geschwindigkeit vortragen, daß wir einen Rekorder brauchen, um die Noten zu erfassen, die dem menschlichen Ohr sonst verborgen blieben. Die Zeitschrift "The New Scientist" berichtet, daß der anspruchslose Wassermolch ein elektromagnetisches Feld "sehen" kann, und Studien mit Mäusen haben erbracht, daß Wüstenmäuse sich genügend Wasser zum Überleben in Trockengebieten beschaffen, indem sie Kieselsteine vor ihren Bau legen, auf denen sich der Tau sammelt. Ethologen, die in Verbindung standen mit Jane Goodall's Gombe Stream-Forschungszentrum, berichten, daß Primaten, die nicht zur menschlichen Rasse gehören, Erkrankungen und Verletzungen behandeln, indem sie natürliche, in Pflanzen vorkommende Brechmittel, Antibiotika und Heilsalben verwenden.
Es erfordert für uns zweifelsohne erhebliche Anstrengung, die Wesensart und die Bedürfnisse eines Lebewesens zu erfassen, das sich von uns körperlich so sehr unterscheidet wie z.B. ein Frosch, eine Maus oder ein Pavian. Aber schauen wir uns nur an, was wir einer uns doch so ähnlichen Lebensform wie einem Schimpansen angetan haben, einem Lebewesen, das uns in fast 90% "unserer" DNA gleicht und dessen Blutplasma wir sogar verwenden könnten. Während ich hier sitze und schreibe, werden Hunderte von Schimpansen in Labors in ganz Amerika unter Verschluß gehalten, viele von ihnen in militärischen Anlagen. Sie wippen in ihren Stahlgitter- Käfigen, die nicht größer als ein normaler Kühlschrank sind, vor und zurück. Nur weil wir uns dies in unserer Willkür einfach erlauben können, setzen wir sie Strahlungen aus oder infizieren sie mit AIDS, Hepatitis oder anderen Infektionskrankheiten, als wären sie nichts anderes als Reagenzgläser mit einem Gesicht. So mancher Schimpanse ist schon wahnsinnig geworden, und der Rest von ihnen ist langsam auf dem Wege dorthin als Ergebnis der absoluten Isolation und des Eingepferchtseins. Wir wissen, daß sie soziale und intelligente Lebewesen sind, aber wir haben sie nicht nur in ihren Heimatländern eingefangen, von ihren Familien getrennt, sie der Freiheit beraubt, ihr eigenes Leben zu führen, sondern wir geben ihnen auch gar nichts zu sehen, zu tun oder anzufassen und verweigern ihnen den Kontakt mit ihresgleichen. Nur Vorurteile machen es möglich, daß wir ihnen so mangelnden Respekt zollen und sie behandeln, als seien sie Gegenstände und nicht lebendige Wesen.
1991 sah ich mich dem destruktivem Charakter des Vorurteils gegenübergestellt, als die letzten ameri-kanischen Geiseln aus der Gefangenschaft im Libanon entlassen wurden. Wie das Massaker in Mai Lai, die serbischen Gefangenenlager und andere Greultaten des Krieges so muß auch das, was Joseph Ciccippio und seine Mitgefangenen erlitten, den furchtbaren Folgen zugeschrieben werden, die der Mangel an Mitgefühl des Peinigers gegenüber demjenigen, der als "anders" angesehen wird, verursacht. Ciccippio, der möglicherweise für den Rest seines Lebens unter plötzlichen Anfällen als Folge der wahllosen und unprovozierten Folter leiden wird, litt noch zusätzlich darunter, daß man ihn zwei Winter lang im Freien, auf einem Balkon, angekettet hielt. Die Männer erlitten verständlicherweise nicht nur ein psychisches, sondern auch ein physisches Trauma und glaubten sich mehr als einmal an der Schwelle des Todes.
Als ich von Ciccippio's Martyrium hörte, fühlte ich mich an den Mangel an Verständnis und Einfühlungsvermögen erinnert, die mir als Tierschutzbeauftragter eines Tierheims begegnet waren. Ich erinnere mich an einen mißhandelten Welpen, dessen Gesicht zur Größe einer Grapefruit angeschwollen war aufgrund eines Schlages mit einem Eisenstab, der ihm die Nasenknochen zertrümmert hatte, mußte an einen erfrierenden, verhungernden Hund in den frühen Morgenstunden eines eiskalten Wintertages denken, dem man die Kette vom Hals schneiden mußte, an den vor Todesangst starrenden Blick von Pferden, die man ins Gesicht schlug und eine Rampe hinunter in den Schlachthof trieb auf den Weg in den Tod, an die Schreie von Kaninchen, die verzweifelt versuchen, aus der Testkammer eines Versuchslabors zu entkommen, die mit giftigen Gasen gefüllt ist.
Denen, die meinen: "Wie können Sie nur das Leiden dieser Tiere mit dem vom Menschen vergleichen!" antworte ich: "Wie könnte man dies nicht tun?" Was wir brauchen ist nicht Distanz sondern Nähe, nicht Interessenlosigkeit oder Abscheu, sondern Einfühlungsvermögen und eine Hand, die sich hilfreich ausstreckt. Denn Leiden ist Leiden, Opfer sind Opfer und Ungerechtigkeit bleibt Ungerechtigkeit, egal, wann und wo sie auftreten und gegen wen sie sich richten; dies galt, als weiße Amerikaner sich auf den Vormarsch in den Süden machten, um sich für das Wahlrecht der Schwarzen stark zu machen und gilt auch hier und jetzt in bezug auf die Tiere.
Die Botschaft auf unserem Raumschiff kann als angestrebtes Ziel angesehen werden. Die Einstellungen der Menschen ändern sich; daher schauen wir voller Scham darauf zurück, wie wir einst behinderte, benachteiligte, ältere oder auf die Wohlfahrt angewiesene Menschen zu behandeln pflegten und alle "anderen", die wir - aus heutiger, aufgeklärter Sicht - falsch behandelten. Anstatt zu versuchen, von Fall zu Fall etwas zum Besseren zu ändern, können wir die Dinge sehr vereinfachen, indem wir unseren Prinzipien eine größere Reichweite geben und uns entschließen, uns gegen jegliche Art von Aggression, Unterdrückung, und Ausbeutung zu verwehren. Diese Entscheidung würde belegen, daß hinter unserem Wunsch nach Frieden mehr als nur ein persönliches Streben steht, selbst vor Schmerz, Not, Leid und Tod verschont zu bleiben.
Indem wir die goldene Regel "Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg auch keinem andern zu" für uns annehmen und mit Inhalt füllen, ohne dabei die Bedeutung des Wortes "andern" kleinlich auszulegen, machen wir klar, daß wir uns der Tatsache stellen, daß auch der kleinste Vogel die Auswirkungen einer nuklearen Detonation, das Messer eines Metzgers, das Gewehr eines Jägers und die Finger eines Würgers um seine Gurgel fühlen kann. Sind wir uns dessen in vollem Bewußtsein gewahr geworden, ohne irgendwelche Entschuldigungen oder Vorbehalte, dann wird es die Art und Weise ändern, wie wir uns künftig gegenüber einem Vogel verhalten werden. Und was das Beste daran ist: es wird uns vielleicht einer Zeit näher bringen, in der wir zu allen Lebewesen sagen können: "Wir kommen in Frieden" und dies dann auch tatsächlich so meinen.