Jeder kennt Kaninchen, so denkt man. In deutschen Kinderzimmern sind die plüschigen Gesellen allgegenwärtig, nach wie vor gehören sie zu den beliebtesten Haustieren der Deutschen und vor allem ihrer Kinder.
Dabei vergessen viele, dass kein anderes Tier vom Menschen so vielfältig ausgebeutet wird wie das Kaninchen: Pelz- und Fleischlieferant, Labor- und Kuscheltier, nichts bleibt Kaninchen erspart (den eierlegenden Osterhasen nicht zu vergessen!). Sogar ihr Blut und ihre Milch und Embryonen werden in Versuchslaboren verwendet.

Kaninchensport. © Verena Stiess; www.freilaufkaninchen.de
Doch macht den Kaninchen all das überhaupt etwas aus? Wie leidensfähig sind diese stillen Tiere? Im Hinterkopf vieler Menschen ist das Kaninchen mit seiner wenig ausgeprägten Mimik und seinen nur spärlich vorhandenen Lautäußerungen ein etwas dümmliches Tier, welches viel mitmacht und wenig merkt. Es scheint genügsam, anpassungsfähig, ja fast gleichgültig.
Aber was wissen wir wirklich über diese Tiere und ihre natürliche Lebensweise? Wer einmal die Möglichkeit hat, eine Kaninchenfamilie in natürlicher Umgebung zu beobachten, wird feststellen, dass das Leben dieser Tiere nichts mit dem gemeinsam hat, was Käfigkaninchen widerfährt, sei es im Labor oder auch zu Hause.

Wache halten! © Verena Stiess; www.freilaufkaninchen.de
SOZIALLEBEN
Kaninchen leben in festen Gruppen. Es gibt eine Rangordnung, welche sich die Kaninchen durch Kämpfe erarbeiten und die sie im Laufe der Zeit und bei Streitigkeiten immer wieder aktualisieren. Der ranghöchste Rammler, der „Chef der Truppe“, übernimmt Verantwortung und genießt dafür Privilegien. Er ist für die Erziehung des Nachwuchses zuständig. Rangniedrigere Kaninchen suchen seine Nähe und unterwerfen sich ihm zur Fellpflege. Oft ist er damit beschäftigt, sein Revier zu sichern, sowohl gegen Angriffe aufstrebender Jungspunde aus den eigenen Reihen, als auch und vor allem gegen Feinde von außen. Wenn seine Familie ruht, sichert er die Umgebung ab und hält regelrecht Wache. Jüngere Rammler haben innerhalb des Reviers ihre eigenen kleinen Unterreviere. So werden Konkurrenzkämpfe auf ein Minimum beschränkt.
In Versuchslaboren gibt es für Kaninchen weder Gruppenhaltung noch Auslauf.

Kontaktliegen. © Verena Stiess; www.freilaufkaninchen.de
TAGESABLAUF & PLATZBEDARF
Kaninchen haben einen sehr festen und regelmäßigen Tagesablauf. In den frühen Morgenstunden und abends vor der Dämmerung sind sie sehr lebhaft und aktiv, toben miteinander und tragen kleinere Streitigkeiten aus. Dabei rennen und hoppeln, klettern und springen sie deutlich akrobatischer herum, als man meinen könnte. Dazwischen allerdings, etwa zwischen 10 und 18 Uhr, pflegen sie eine beneidenswert ausgiebige „Mittagspause“. Dann stehen in erster Linie Ruhe und Geselligkeit auf dem Programm. Das sogenannte „Kontaktliegen“, bei dem mehrere Tiere lang ausgestreckt sehr dicht beieinander liegen, fördert den Zusammenhalt der Gruppe. Gegenseitige sorgfältige Fellpflege ist ein Zeichen von Entspanntheit und festigt ebenfalls die sozialen Strukturen. In der Mittagshitze werden gerne schattige Plätzchen aufgesucht, ansonsten versteckt man sich bevorzugt an etwas geschützteren Stellen, gerne in weichen kleinen Höhlen und Nestern unter überhängenden Ästen oder Büschen.
In Versuchslaboren leben Kaninchen einzeln in kleinen Gitterboxen, ohne Einstreu, ohne Kontaktmöglichkeiten miteinander, ohne herumlaufen oder bequem liegen zu können. Ihre Umgebung ist vollkommen reizarm und unstrukturiert, dafür aber herrscht ein permanenter Lärm- und Stresspegel.

Artgerechtes Kaninchenfutter - z.B. Löwenzahn; © Verena Stiess; www.freilaufkaninchen.de
ERNÄHRUNG
Ein wichtiger Bestandteil im Leben eines Kaninchens ist die Futteraufnahme. Sein Verdauungstrakt ist auf verhältnismäßig große Mengen energiearmen, rohfaserreichen Futters ausgerichtet. Das bedeutet: Gräser, Kräuter und anderes Grünfutter stehen täglich auf dem Speiseplan. Viele Stunden am Tag mümmeln die Kaninchen ruhig vor sich hin. Eine ausgewogene Mischung frischer Grünfutterarten deckt Energie-, Vitamin-, Nährstoff- und Wasserbedarf der kleinen Tiere nahezu vollkommen.
Die vorrangige Fütterung mit hochenergetischem Trockenfutter hingegen, die leider sowohl im Kinderzimmer als auch in Versuchslaboren sehr verbreitet ist, ist vollkommen unnatürlich und wird von den Kaninchen nur schlecht vertragen. Ihre Darmflora wird nachhaltig geschädigt, es kommt zu massiven Aufblähungen und gefährlichen Stoffwechselerkrankungen, die Zähne werden nicht mehr vernünftig abgenutzt und wachsen in die Länge (und ins Zahnfleisch).

Neugieriges Kaninchen. © Verena Stiess; www.freilaufkaninchen.de
KOMMUNIKATION & EMPFINDEN
Zur Kommunikation nutzen Kaninchen eine ganze Palette von Möglichkeiten: Sie streichen beispielsweise mit Duftdrüsen unter dem Kinn über Eckpunkte ihres Reviers. Um Unterwerfung zu demonstrieren, schieben sie ihre Nase ganz flach unter den Körper des ranghöheren Tieres. Mit verschiedenen Brumm- und Grunzlauten tun sie ihren Unmut kund. Nähert sich Gefahr, trommeln sie rasch mit den Hinterbeinen auf den Boden, um ihre Sippe zu warnen. Dann rasen alle blitzschnell in Deckung. Solche Fluchtversuche enden im Labor schmerzhaft am Käfiggitter.
Ihre Sinne sind weit entwickelt, so können sie relativ gut sehen (vor allem in der Dämmerung), können sehr gut hören und dank ihrer Tasthaare unfallfrei auch im Dunkeln Engpässe passieren. Ihr Nervensystem ist genauso ausgeprägt wie das anderer Wirbeltiere. Sie empfinden Schmerzen wie wir und schreien, wenn sie Todesangst haben.

Laborkaninchen mit verätzter Haut
In Versuchslaboren werden an Kaninchen nach wie vor einige der schmerzhaftesten und belastendsten Tests durchgeführt, so z.B. Versuche zur Reproduktionstoxizität von chemischen Substanzen, bei denen schwangeren Kaninchen täglich potenziell giftige Testsubstanzen verabreicht werden, um dann kurz vor dem errechneten Geburtstermin Mutter und Föten zu töten, damit man die Effekte des Gifts untersuchen kann. Vorher bleiben die Kaninchen ohne tierärztliche Behandlung, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Auch im Bereich der kosmetischen Industrie wurden an Kaninchen über Jahrzehnte berüchtigte Haut- und Augenreizungstest durchgeführt (z.B. der Draize-Test). Aufgrund der EU-Chemikalienrichtlinie REACH werden diese Tests immer noch bei unzähligen Chemikalien angewendet, die Kaninchen leiden dabei unvorstellbare Qualen und werden am Ende der Versuche immer getötet.