Qualzucht und Rassenwahn – der unnatürliche Eingriff des Menschen

Hunde, Katzen, Kaninchen und viele andere Tierarten werden schon lange nach bestimmten menschlichen Idealvorstellungen oder rassetypischen Vorgaben von Zuchtverbänden gezüchtet und vermehrt. Damit greift der Mensch bewusst in die natürliche Fortpflanzung des Tieres ein und kreiert Lebewesen nach seiner eigenen Vorstellung in bestimmten Formen und Farben.

Bereits im Jahr 1859 fand die erste Rassehundeschau in Großbritannien statt, auf der Zuchthunde zur Schau gestellt und prämiert wurden. [1] Auch heute noch führen etliche Züchtervereinigungen Zuchtschauen und Ausstellungen durch, die den Zuschauern unterschiedlichste Tierarten und „Rassen“ präsentieren. Auch sogenannte Haustiere wie Kaninchen, Katzen, Meerschweinchen, Reptilien oder Vögel wurden im Laufe der Jahre nach gewissen Rassestandards gezüchtet und in unterschiedliche Rassen eingeteilt. Teilweise werden die Tiere auf Veranstaltungen wie Reptilienbörsen an Interessenten verkauft, die sich ganz spontan und ohne die nötigen Sachkenntnisse für einen solchen Kauf entscheiden.
 
Reptilienbörsen
Lebende Tiere wie Ware ausgestellt.

Tiere wie Ware zur Schau gestellt

Früher wurden Hunde beispielsweise zu einem gewissen Zweck gezüchtet, etwa zum Hüten von Schafen oder zum Bewachen von Haus und Hof. Heutzutage hat sich die Zucht von Hunden, Katzen und vielen anderen tierischen Mitbewohnern dahingehend verändert, dass die Tiere mehr und mehr einem menschlichen Schönheitsideal entsprechen sollen. So entscheiden Züchter beispielsweise, welche Körpergröße, Fellfarbe, Beschaffenheit des Haarkleids, Länge der Ohren oder Gesichtsform „am schönsten“ oder „am niedlichsten“ ist. Hierzu greifen sie in die natürliche Fortpflanzung der Tiere ein und verstärken dabei bestimmte Merkmale oder Eigenschaften.

Slideshow:
Auf Zuchtschauen werden Tiere wie Ware präsentiert; über Internetportale, auf Tiermärkten oder „beim Züchter des Vertrauens“ werden sie bedenkenlos an jeden Interessenten verkauft – und das, obwohl das Aussehen und die äußeren Merkmale nichts über die Persönlichkeit und den Charakter eines Tieres aussagen.  

Jedes Lebewesen ist ein Individuum – keines gleicht dem anderen. Und das ist auch gut so!

In Fällen, in denen die Zucht eines Merkmals bei Tieren zu gesundheitlichen Problemen führt, spricht man von einer „Überzüchtung“. Mittlerweile gibt es nur noch wenige „Rassetiere“, die aufgrund ihrer Zuchteigenschaften nicht auf die eine oder andere Weise leiden.

Überzüchtung oder Qualzucht?

Eines der größten Probleme, die der menschliche „Rassenwahn“ in der Zucht von tierischen Mitbewohnern verursacht hat, ist die sogenannte Qualzucht, wie etwa die Zucht von sogenannten brachycephalen Rassen. Dabei handelt es sich um Hunde und Katzen, die eine extreme Kurznasigkeit aufweisen und ohne lebensrettende Operation oftmals nicht überleben. Eine Studie der Universität Leipzig hat die Auswirkungen der Zucht auf Kurzköpfigkeit auf ein breites Spektrum der Lebensbereiche brachyzephaler Hunde, wie Mops oder französische Bulldogge, untersucht. Das erschreckende Ergebnis: 100 % der Hunde gaben bei Belastung laute Atemgeräusche von sich; zwei Drittel der Tiere zeigten diese sogar im Ruhezustand. Über 40 % der an der Studie beteiligten Hunde litten mindestens einmal wöchentlich an Erstickungsanfällen. [2]

Weit verbreitet ist auch die Zucht von Katzen mit weißem Fell und blauen Augen. Der Grund für die außergewöhnliche Fellfärbung ist eine Gen-Mutation, die in vielen Fällen dazu führt, dass die betroffenen Vierbeiner taub sind. Doch nicht nur Katzen und Hunde sind vom Rassenwahn der Menschen betroffen – auch vielen anderen Tieren wie Kaninchen, Meerschweinchen und sogar etlichen Arten von Reptilien wurden durch fragwürdige Zuchtziele optische Variationen der Farbgebung und der Hautbeschaffenheit angezüchtet. Oftmals leiden die Tiere darunter – und das ein Leben lang.
 
Slideshow:
Die Zucht von Tieren und der Rassenwahn der Menschen führen dazu, dass bestimmte Lebewesen aufgrund eines bestimmten äußerlichen Merkmals erworben und andere dafür zur Wegwerfware degradiert werden. Tierheime im In- und Ausland sind oftmals überfüllt mit Tausenden Bewohnern, die auf ein liebevolles Zuhause und eine zweite Chance im Leben warten. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 300.000 Tiere in Tierheimen abgegeben – aus vielfältigen Gründen: Viele Tiere wurden spontan gekauft, „passen nicht mehr“ zu den Lebensumständen ihrer Halter, sind „zu teuer“ oder „zu aufwendig“.

Auch wer einen Hund oder eine Katze bei einem „kleinen“ Züchter kauft, handelt nicht im Sinne des Tierschutzes. 

Selbst kleine Züchter wollen mit ihren „Rassetieren“ möglichst viel Profit machen und sorgen mit der wahllosen Vermehrung sogenannter Zuchttiere dafür, dass einem Tier aus dem Tierheim die reelle Chance auf ein neues Zuhause genommen wird.

Selbst Menschen, die unbedingt ein Jungtier oder ein Tier einer bestimmten „Rasse“ als neues Familienmitglied aufnehmen möchten, werden im Tierheim oder bei Tierschutzvereinen fündig. Somit muss niemand die „Produktion“ von Tieren fördern, wenn bereits unzählige Tiere auf ein Zuhause warten. Wir sollten uns immer daran erinnern: Tiere sind fühlende Lebewesen wie wir und haben das Recht auf ein liebevolles, artgerechtes Leben.

Was Sie tun können

Bitte kaufen Sie niemals ein Tier beim Züchter, auf Internetportalen oder im Zoohandel. Wenn Sie sich ausreichend Gedanken über die Aufnahme eines Vierbeiners gemacht haben, adoptieren Sie stattdessen bitte einen tierischen Mitbewohner in einem Tierheim.

Informieren Sie die Menschen in Ihrem Umfeld zudem darüber, dass es falsch ist, ein Tier aufgrund seiner „Rasse“ zu kaufen. Die Aufnahme eines Lebewesens sollte immer unter Berücksichtigung seines Charakters erfolgen, nicht aufgrund von Fellfarbe oder Rassetyp.  

Besuchen Sie keine Ausstellungen, auf denen Rassetiere angeboten oder zur Schau gestellt werden.

[1] Wikipedia Hundeausstellungen. Online abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Hundeausstellung (eingesehen am 15.06.2020)
[2] Universität Leipzig. Untersuchung zum Einfluss brachyzephaler Fehlbildungen auf verschiedene Lebensbereiche des Hundes anhand einer präoperativen Besitzerbefragung. Online abrufbar unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:15-qucosa-144342 (eingesehen am 15.06.2020)

Unsere Autoren

Jana Hoger

Jana Hoger ist Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei PETA. Mit viel Liebe und Herzblut leitet sie stellvertretend das Projekt PETA HELPS ROMANIA in Rumänien. Jana hat selbst viele Jahre in einer Tierarztpraxis gearbeitet und studiert derzeit Tierpsychologie. Am liebsten ist sie ganz nah bei den Tieren und arbeitet auch im Rahmen der Kastrationskampagne so oft wie möglich vor Ort. Ihr Motto: Für jedes Lebewesen, das gerettet wird, bedeutet diese Rettung die ganze Welt.