Plastikverschmutzung ist schlimm, aber fühlende Lebewesen zu essen, ist schlimmer

Leserbrief von PETA-Gründerin Ingrid Newkirk in der Daily Mail

„Hunderttausende Menschen weltweit haben am 8. Juni dem Welttag der Ozeane gedacht. Dieses Jahr liegt der Fokus auf der Vermeidung von Plastikmüll, und das ist sicher ein wichtiges Ziel.

Aber fehlt uns hier nicht der Blick auf das Gesamtbild? Wenn man behauptet, sich um Fische zu sorgen, die Strohhalme schlucken, während wir gleichzeitig diese Tiere weiterhin zu Milliarden verschlingen, ist das ein bisschen so, als würde man einem Krankenhaus einen Röntgenapparat spenden und anschließend hingehen und jemandem ein Bein brechen.

Fische, Kraken, Hummer und andere Meerestiere sind ebenso empfindungsfähig, sensibel und in einigen Fällen so intelligent wie die Hunde und Katzen, mit denen wir unser Zuhause teilen. Es sind einzigartige Persönlichkeiten mit individuellen Vorlieben und Abneigungen. Sie spüren Freude und Schmerz.

Jeder Fisch ist eine Persönlichkeit
Jeder Fisch ist eine Persönlichkeit

Das hat mir vor Jahren ein Fisch beigebracht, der in meinem Haus in einem Aquarium lebte. Jeden Abend hielt sich dieser Fisch in dem einzigen Teil des Beckens auf, in dem er einen Blick auf die Eingangstür hatte. Hier wartete er unbeirrt darauf, dass mein Mann nach Hause kam. Die beiden hatten ein Ritual entwickelt, das darin bestand, dass der Fisch oben an den Beckenrand kam, um sich streicheln zu lassen. Er war auch sehr eigen, was die Einrichtung seines Beckens betraf: Wurde eine Pflanze an eine andere Stelle umgesetzt, zog er sie mit seinem Mund wieder zurück. Außerdem spielte er gerne: Zuerst versteckte er sich und schnappte dann nach der Nase der Katze, wenn diese versuchte, aus dem Becken zu trinken. Dieser schlaue Fisch zeigte mir, dass die Kommunikation mit anderen und der  Wunsch, das Leben zu genießen, nicht nur menschliche Eigenschaften sind.

Die ehemalige US-amerikanische Grunge-Band Nirvana sang einst:

„Es ist okay, Fische zu essen, weil sie keine Gefühle haben.“

Das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Der Ozean ist voll von intelligenten, freundlichen Individuen. Ein asiatischer Schafskopf-Lippfisch namens Yoriko trifft seit mehr als 25 Jahren einen Taucher in den Gewässern vor Japans Tateyama Bay. Wenn er den Taucher sieht, schwimmt der riesige Fisch zu ihm, bekommt einen Kuss und wird freundlich am Kopf getätschelt.

Auch Fische sind loyal: Ein tapferer Igelfisch weigerte sich, seinen Gefährten zu verlassen, der in der thailändischen Chaloklum Bay in einem Netz gefangen war. Selbst als ein Schnorchler den Fisch befreien wollte, hielt der Partner weiter Wache. Der Taucher befreite den gefangenen Fisch und beide schwammen glücklich zusammen davon.

Kraken benutzen Werkzeuge. In Gefangenschaft sind sie dafür bekannt, kindersichere Gläser zu öffnen oder mit Spielzeug zu spielen. Als ein Krake sich vergewissert hatte, dass niemand aufpasst, riskierte er eine waghalsige Flucht.
Wie Menschen haben Hummer eine lange Kindheit. Erwachsene Weibchen tragen ihre Jungen neun Monate lang mit sich. Kraken können über 100 Jahre alt werden.

Die Fischfang- und Meerestierindustrie unterwirft diese faszinierenden Lebewesen einer grausamen Tortur, die nur als Folter bezeichnet werden kann. Oktopusse und andere Meerestiere werden routinemäßig zerhackt und Gästen serviert, während sie noch am Leben sind und sich vor Schmerzen winden. Manche Menschen betrachten dies als Unterhaltung. Hummer empfinden intensiven Schmerz, wenn sie in einem Topf mit kochendem Wasser lebendig gekocht werden. Sie schlagen dabei wild um sich und versuchen verzweifelt, zu entkommen.
 

Kommerzielle Fischer fischen mit kilometerlangen Netzen, die jedes Lebewesen im Meer erfassen. Muscheln und Schnecken werden lebend mit Messern von den Steinen geschabt.

Fische werden nach Luft schnappend aus dem Meer gezogen und verbluten oder ersticken auf den Decks der Schiffe. Oft kollabieren ihre Kiemen und ihre Schwimmblasen reißen aufgrund der plötzlichen Druckabnahme. Manche dieser Tiere leiden bis zu 24 Stunden. Tausende von „zufälligen“ Opfern wie Schildkröten, Delfine und Vögel werden ebenfalls in diesen Netzen oder an den Köderhaken gefangen, die an 40 Kilometer langen „Langleinen“ befestigt sind. Die Praktiken der Fischerei haben dazu geführt, dass die Zahl der Schwertfische und des Marlin um 90 Prozent und die des Pazifischen Blauflossenthunfischs um 96 Prozent zurückgegangen ist.
Das Meer ist wunderschön und verdient es, geschützt zu werden. Aber ohne die faszinierenden, intelligenten, einzigartigen Individuen, die es ihr Zuhause nennen, ist es nur eine riesige Wassermasse."

 

Unsere Autoren

Tanja Breining

Tanja hat in Deutschland und Frankreich Zoologie und Meeresbiologie studiert und sich in ihrem Studium und in ihrer Freizeit viel mit Fischen beschäftigt. Getreu dem Motto: Fische sind Freunde, kein Essen - setzt sie sich seit Jahren dafür ein, dass Fische in Ruhe gelassen werden und nicht mehr auf unseren Tellern landen.