Augsburger Zoo-Freunde wollen Umbau der Schimpansenanlage komplett finanzieren

PETA kritisiert Förderverein für Mittelverschwendung und fordert, Gelder stattdessen Artenschutzprojekten zukommen zu lassen

 
Augsburg / Stuttgart, 24. November 2020 – Der Augsburger Zoo will das veraltete Schimpansengehege behelfsmäßig ausbessern, um die Haltung weiterzuführen. Doch im Stadtrat entfachte eine Diskussion um die Sinnhaftigkeit des Vorhabens und eines finanziellen Zuschusses durch Steuergelder. Mit einem Dringlichkeitsantrag sollte der Beschluss über die bereits bewilligten 500.000 Euro ausgesetzt werden. Zudem bestand für die drei Schimpansen des Zoos bereits die Möglichkeit, in das anerkannte Wales Ape and Monkey Sanctuary – eine Auffangstation für Primaten – umzuziehen. Dort wäre ein weitgehend schimpansengerechtes Leben möglich; im Zoo auch trotz Umbau nicht. Aufgrund des zögerlichen Vorgehens von Zoodirektorin Barbara Jantschke ist das Angebot inzwischen vom Tisch. Nun gab der Förderverein „Freundeskreis des Augsburger Zoo“ bekannt, die veranschlagten Gesamtkosten in Höhe von 800.000 Euro tragen zu wollen. PETA kritisiert den Förderverein dafür, mit einer hohen Summe eine nicht artgerechte Schimpansenhaltung fortführen zu wollen. Die Tierrechtsorganisation fordert die Verantwortlichen auf, mit den Geldern stattdessen nachhaltige Schutzprojekte in Afrika zu finanzieren, um das langfristige Überleben zahlreicher Schimpansenfamilien in ihrem natürlichen Lebensraum zu sichern.
 
„Mit dem Umzug der drei Insassen in eine anerkannte Auffangstation hätten der Zoo und die Stadt Augsburg das wichtige Zeichen setzen können, dass das Wohlergehen unserer nächsten Verwandten im Tierreich wichtiger ist, als an einer Besucherattraktion festzuhalten“, so Biologin Dr. Yvonne Würz, PETAs Fachreferentin für Tiere in der Unterhaltungsindustrie. „Das eigennützige Handeln der Zooverantwortlichen und des Zoo-Fördervereins zeigt ganz klar, dass es ihnen weder um Tier- noch um Artenschutz geht. Sonst würden sie einsehen, dass die Schimpansen in einer Auffangstation und die finanziellen Mittel bei Schutzmaßnahmen im natürlichen Lebensraum der Tiere besser und sinnvoll aufgehoben wären.“
 
PETA wandte sich Ende Oktober schriftlich an die Oberbürgermeisterin von Augsburg, an weitere Amtsträger der Stadt sowie an den Aufsichtsrat des Zoos. Der Appell: das Umbauvorhaben einstellen, den drei Affen den Umzug in eine Auffangstation ermöglichen und die Zurschaustellung von Menschenaffen vor Ort beenden. 2017 bemängelte das Veterinäramt die Missstände im Augsburger Zoo und drängte zwar zum Umbau, räumte aber ein, dass die Maßnahmen allein noch nicht ausreichen. [1] „Von einer grundlegenden Verbesserung der Lebensqualität kann keinesfalls die Rede sein“, so Würz. „Menschenaffen in Gefangenschaft begreifen die Ausweglosigkeit, in der sie stecken, und zerbrechen daran.“
 
Zoogehege sind kein Artenschutz
Viele Natur- und Artenschützer, die für den Lebensraumerhalt kämpfen, zeigen wenig Verständnis für die Zuwendungen an Zoos in Millionenhöhe. Der Chefberater der Vereinten Nationen für Menschenaffen, Ian Redmond, kommentierte schon 2007 das damals neue Gorillagehege im Londoner Zoo: „Fünf Millionen Pfund für drei Gorillas, während in Nationalparks die gleiche Anzahl an Tieren jeden Tag getötet wird, nur weil es an einigen Land Rovern, ausgebildeten Männern und Wilderei-Patrouillen mangelt – so etwas zu hören, muss für einen Parkaufseher schon sehr frustrierend sein.“ [2] Will Travers von der Born Free Foundation in Großbritannien erklärte im gleichen Artikel, seine Organisation könnte die Schutzbemühungen für Gorillas im Kongo für die nächsten fünf Jahre vervierfachen, wenn er nur zehn Prozent der finanziellen Mittel zur Verfügung hätte, die das Gorillagehege im Londoner Zoo gekostet hat.
 
Hintergrundinformationen: Menschenaffen in Gefangenschaft
Die Bedürfnisse von Menschenaffen sind so komplex, dass ihnen kein Zoo einen artgerechten Lebensraum bieten kann. Häufig leiden die Tiere unter schweren Verhaltensstörungen. [3] Dies zeigt sich etwa durch Selbstverstümmelung, zwanghaftes Hin- und Herschaukeln des Oberkörpers bis hin zum Verzehr der eigenen Exkremente. Zum Teil verabreichen Zoos den Tieren Psychopharmaka, damit sie die lebenslange Gefangenschaft überhaupt ertragen und ihr Leid den Besuchern weniger auffällt. Doch die relative Mehrheit der Befragten einer INSA-Meinungsumfrage befürwortet mit 41 Prozent das Ende der Menschenaffenhaltung. Mit einer Petition auf ihrer Kampagnenwebsite appelliert PETA an das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die Gefangenhaltung und Zurschaustellung der sensiblen Tiere in deutschen Zoos abzuschaffen.
 
PETAs Motto lautet in Teilen: Tiere sind nicht dazu da, dass sie uns unterhalten oder wir sie in irgendeiner anderen Form ausbeuten. Die Organisation setzt sich gegen Speziesismus ein – eine Weltanschauung, die den Menschen als allen anderen Lebewesen überlegen einstuft.
 
[1] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren. https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Tierschutz/HaltungSaeugetiere.pdf?__blob=publicationFile&v=7
[2] Artikel in der britischen Sunday Times vom 01.04.2007: City gorillas live it up as their jungle cousins face oblivion. https://www.thetimes.co.uk/article/city-gorillas-live-it-up-as-their-jungle-cousins-face-oblivion-l0ghzgqb0mf.
[3] Birkett, L. P./, Newton-Fisher, N. E. (2011): How Abnormal Is the Behaviour of Captive, Zoo-Living Chimpanzees? PLoS ONE 6(6): e20101. doi:10.1371/journal.pone.0020101.
 
Weitere Informationen:
PETA.de/Menschenaffen
PETA.de/Schimpansen
 
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