Schulmilch – alle Infos zum Schulmilchprogramm (2020)

Im Rahmen des sogenannten „Schulmilchprogramms“ finanziert die Europäische Union in vielen Mitgliedsstaaten die Verteilung von Kuhmilchprodukten an Schulen. Unter dem Deckmantel einer angeblich gesunden Ernährung für Kinder wird auf diese Weise die Ausbeutung von Tieren mit EU-Geldern unterstützt.

Die Kritik an diesem Schulmilchprogramm wird seit Jahren zunehmend lauter – sowohl von Ernährungsfachkräften , Elternvertretern, den europäischen Finanzkontrolleuren und Tierrechtlern. Denn das Schulmilchprogramm ist für Kinder weder gesund noch notwendig. Zudem ist es keine sinnvolle staatliche Investition in die Kinderernährung und vermittelt ein falsches Bild von artgerechter Tierhaltung. Hunderttausende Schulkinder in Deutschland erhalten die stark gezuckerte Pausenmilch, und Milchfirmen erhalten staatliche Unterstützung – alles offiziell im Namen der „gesunden Ernährung“, obwohl es eigentlich nur um Absatzsteigerung geht. Die Gesundheit von Kindern und Millionen von Kühen muss hintenanstehen.

Wie entstand das Schulmilchprogramm?

Im Jahr 2000 führte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) den Weltschulmilchtag ein, um weltweit auf Schulmilchprogramme aufmerksam zu machen. Dieser Tag wird in Deutschland dazu genutzt, ein Programm zu feiern, das Mitte der 1970er Jahre ausschließlich zur Absatzsteigerung von Milch und Milchprodukten eingeführt wurde und erst im Nachhinein einen „Gesundheitsanstrich“ erhielt.

Den eigentlichen Zweck des Programmes beschrieb 1982 der damalige Landwirtschaftsminister in NRW, Hans Otto Bäumer (SPD), noch ehrlich: Dieser bestünde ausschließlich darin, „den Milchabsatz zu heben, mehr Umsatz zu erreichen“. [1]

Wie ungesund ist die Schulmilch wirklich?

Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) sind insgesamt 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig und 6,3 Prozent leiden sogar unter Adipositas. Dabei steigt der Anteil der übergewichtigen Kinder nach dem Schuleintritt schnell an [2]. Ungesunde Lebensmittel wie beispielsweise gezuckerte Milchmischgetränke (Kakao, Erdbeermilch usw.) und die Vermittlung eines ungesunden Ernährungsverhaltens durch Werbung sowie mangelnde Aufklärung tragen entscheidend dazu bei.
Um den „Gesundheitsanstrich“ zu bewahren, führen die Befürworter des Schulmilchprogramms eine Reihe von Argumenten ins Feld – von Kalzium bis hin zur Prävention von Übergewicht. Diese „Beweise“ sind jedoch weder schlüssig noch stellen sie eine Rechtfertigung für das Programm dar.

Gezuckerte Milchprodukte, wie sie von einem Großteil der Kinder ausgewählt werden, enthalten mit mehr als 8 g Zucker pro 100 ml und über 60 Kalorien bei den fettarmen Varianten bzw. über 80 Kalorien bei den Vollfett-Varianten mehr Kalorien als Limonade und fast genauso so viel Zucker. [3]

Milcherzeugnisse, darunter die Produkte, die im Rahmen des Schulmilchprogramms verteilt werden, sind zudem Lieferanten von gesättigten Fettsäuren. Kinder und Jugendliche nehmen – u. a. laut der EsKiMo-Studie (Ernährungsstudie als KiGGs-Modul) – jedoch bereits ein Zuviel an gesättigten Fettsäuren zu sich. [4] Eine erhöhte Zufuhr von gesättigten Fettsäuren lässt die schlechten Cholesterinwerte im Blut ansteigen. Würde man diese gesättigten Fettsäuren durch ungesättigte Fettsäuren, wie sie in pflanzlichen Produkten vorkommen, austauschen, ließe sich das Risiko für Fettstoffwechselstörungen und Herzkrankheiten senken. [5]
Auch das Argument des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, wonach das Schulmilchprogramm Kindern und Jugendlichen Wissen über eine ausgewogene Ernährung vermitteln und damit Übergewicht vorbeugen solle, ist in Anbetracht der Tatsache, welche Produkte zur Auswahl stehen und von den Kindern gewählt werden, bedeutungslos.

Ist Werbung für Milchmischgetränke überhaupt erlaubt?

In Anbetracht der hohen Prozentzahlen der übergewichtigen und sogar adipösen Kinder und der steigenden Anzahl an Neuerkrankungen für Diabetes Typ 2 bereits im Jugendalter sollte eine Vermarktung von unausgewogenen Produkten nicht zusätzlich politisch gefördert und gezielt an deutsche Schulen gebracht werden. Doch genau dies ist beim Schulmilchprogramm der Fall.

Dass Werbung – insbesondere für ungesunde Produkte und an Schulen – für Kinder eingeschränkt werden sollte, würden vermutlich die meisten unterschreiben. Aus diesem Grund hat das WHO-Regionalbüro für Europa 2015 empfohlen, Kinderwerbung einzuschränken. Im sogenannten „nutrient profile model“ werden zur Bewertung, ob ein Kinderlebensmittel beworben werden darf, Lebensmittel nach ihrer Zusammensetzung eingeteilt. [6] Wichtig sind beispielsweise Zucker- und Fettgehalt. Auch haben verschiedene Unternehmen in einem EU-Pledge eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnet. [7]

Unternehmen, wie beispielsweise Milchproduzenten, müssen diese Empfehlungen und Verpflichtungen jedoch nicht einhalten. Gezuckerte Milchmischgetränke in Kombination mit Broschüren voller trügerischer Informationen über landwirtschaftliche Tierhaltung und irreführender Aussagen über gesunde Ernährung verstärken die schlechte Ernährungsbildung bei Kindern.

In der Praxis greifen etwa zwei Drittel der Kinder zu Kakao, Erdbeer- und Vanillemilch. Diese Produkte erfüllen aufgrund des zugesetzten Zuckers und Fettgehalts nicht die WHO-Europa-Kriterien für ausgewogene Lebensmittel, die an Kinder vermarktet werden dürfen. Daher fiel die Schulmilch von Royal Friesland Campina (Landliebe) auch bei der foodwatch-Studie „Kindermarketing für Lebensmittel durch“. [8]

Müssen für Schulmilch Tiere leiden?

Millionen Kühe und ihre Kälber zahlen den wahren Preis für Kuhmilch und Schulmilchprogramme. In Deutschland werden über 4 Millionen Kühe für die Milchindustrie gehalten – meist in nicht artgerechten Ställen oder sogar ihr Leben lang an derselben Stelle in der sogenannten Anbindehaltung. Die sensiblen Tiere leiden und werden hauptsächlich auf hohe Milchleistung gezüchtet – zahlreiche Krankheiten und schmerzhafte Entzündungen an Euter und Gelenken sind eine häufige Folge.

Kühe geben – genau wie wir Menschen – nur Milch, um ihren Nachwuchs zu ernähren . Um den Milchfluss stetig hoch zu halten, werden Kühe jährlich neu besamt und bringen somit einmal im Jahr ein Kalb zur Welt. Das bedeutet, dass jedes Jahr über 2 Millionen Kälbchen ihren Müttern entrissen werden, meist direkt nach der Geburt. [9] Den weiblichen Tieren steht ein Leben als Milchmaschine bevor, die männlichen Kälber enden nach einem kurzen Leben im Schlachthaus. Gibt eine Kuh weniger Milch, wird sie sehr krank oder nicht mehr schwanger, ist sie für den Landwirt unwirtschaftlich und wird getötet. Auf Milchpackungen, in Werbevideos oder Schulmilchprospekten hingegen sieht man scheinbar glückliche Kühe mit ihren springenden Kälbchen auf der Weide.
 

Gibt es sinnvolle Alternativen zu Schulmilch?

Milch ist für eine ausgewogene Ernährung nicht notwendig. Das oft angesprochene Kalzium beispielsweise kann über ein kalziumreiches Mineralwasser oder über verschiedene pflanzliche Produkte aufgenommen werden. Haselnüsse, Mandeln und getrocknete Feigen, Amaranth, Sesam und Chiasamen, grünes Blattgemüse wie Grünkohl, Spinat und Rucola und Hülsenfrüchte wie Kichererbsen oder Sojabohnen sind ebenfalls reich an Kalzium und liefern nebenbei weitere wichtige Mikro- und Makronährstoffe. Damit sind sie ideale Ergänzungen für den Pausensnack.

Mit dem Schulobst- und Schulgemüseprogramm gibt es heute eine überzeugende Alternative. Das Schulfrühstück wird mit sinnvollen Komponenten ergänzt und es besteht keine Gefahr, dass Schüler ungesunde Varianten wählen. Auf diese Weise werden regionale Anbieter – und nicht tierausbeutende Konzerne – gestärkt, und Obst und Gemüse unterstreichen den begleitenden markenunabhängigen Unterricht zu gesunder Ernährung.

PETAs Unterrichtsmaterial und die Ernährungspyramide stellen eine gute Ergänzung des Unterrichts dar.

Was Sie tun können

Über die Auswahl der angebotenen Schulmilchprodukte entscheiden Lehrer, Schulleiter und Eltern. Helfen Sie den Verantwortlichen bei einer Entscheidung, die die Gesundheit der Kinder und das Wohl der Tiere in den Fokus rückt, und klären Sie sie über die Nachteile von Kuhmilchprodukten auf.

[1] Das Erste (22.06.2014): W wie Wissen; Schulmilch auf dem Prüfstand, www.daserste.de/information/wissen-kultur/w-wie-wissen/sendung/schulmilch-100.html , zuletzt eingesehen 2015
[2] Kurth, B. M./Schaffrath Rosario, A. (2007): Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland; Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS), Bundesgesundheitsbl. – Gesundheitsforsch. Gesundheitsschutz 50, Seite 736–743, https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/557/20pyWvIPNYV52.pdf?sequence=1&isAllowed=y, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[3] Landliebe Schulmilch: Nährwertangaben Schulmilch, http://www.fuer-mich-lieber-milch.de/produkte/, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[4] Mensink, G.B.M et al. (2007): Die aktuelle Nährstoffversorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Ergebnisse aus EsKiMo, Ernährungs Umschau 54, Seite 636-646, https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2007/11_07/EU11_636_646.qxd.pdf, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[5] DGE (2015): Ausgewählte Fragen und Antworten zur 2. Version der DGE-Leitlinie „Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedinger Krankheiten“, http://dge.de/wissenschaft/weitere-publikationen/faqs/faq-2-version-fettleitlinie/, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[6] World Health Organization (2015): WHO Regional Office for Europe nutrient profile model, http://www.euro.who.int/en/health-topics/disease-prevention/nutrition/publications/2015/who-regional-office-for-europe-nutrient-profile-model-2015, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[7] EU Pledge: Our Members, https://eu-pledge.eu/our-members/, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[8] foodwatch e.V., Bode, T. (2015): foodwatch-Studie – Kindermarketing für Lebensmittel, https://www.foodwatch.org/fileadmin/Themen/Kinderlebensmittel/Dokumente/2015-08-24_foodwatch-Studie_Kindermarketing_EU_Pledge_auf_dem_Pruefstand_final_WEB.pdf, zuletzt eingesehen am 09.01.2020
[9] Statistisches Bundesamt (2019): Haltung mit Rindern und Rinderbestand für Mai 2019 und November 2019, https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Landwirtschaft-Forstwirtschaft-Fischerei/Tiere-Tierische-Erzeugung/Tabellen/betriebe-rinder-bestand.html, zuletzt eingesehen am 09.01.2020


 

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