Der Wiesenhof-Skandal 2011: Fragen & Antworten

Der Wiesenhof-Skandal 2011 – Fragen & Antworten von PETA Deutschland

Wiesenhof sieht sich als Opfer einer Kampagne. Was sagen Sie dazu?
Die einzigen Opfer sind ganz klar die Tiere. Sie führen ein kurzes, klägliches Dasein und werden am Ende getötet. Es sei denn, sie haben selbst die paar Wochen der Intensivmast nicht überstanden und sind vorzeitig gestorben. Bei Putenhähnen kann das auch schon mal 15 % ausmachen. Das wären immerhin 1200 Tiere bei einem Stall mit einer Besatzdichte von 8000 Hähnen.

Kein anderes Unternehmen im Geflügelfleischsektor kommuniziert so sehr den verantwortungsvollen Umgang mit dem Tier. Da liegt es nahe, dem Marktführer Wiesenhof auch auf die Finger zu schauen. Da ich seit nunmehr 16 Jahren in Massentierhaltungen fotografiere und filme, weiß ich, dass nicht alles so ist, wie es nach außen getragen wird. Als 2009 dann noch zwei Wiesenhof-Farmer auf uns zukamen und uns ermöglichten, Kameras in ihrem Stall zu montieren, bekamen wir Einblicke, die selbst wir nicht in dieser Fülle an Brutalität erwartet hatten. Tatsächlich ist es jetzt zwei Jahre her, dass wir uns intensiv mit Wiesenhof beschäftigt haben. Dass es sich bei dem Putenmastskandal um die ehem. niedersächsische Landwirtschaftsministerin Grotelüschen im Jahr 2010 auch größtenteils um Wiesenhof-Puten handelte, hatte eigentlich kaum jemanden interessiert. Es ging allen nur um die Ministerin. Wenn man sich also alle zwei Jahre mal um den Marktführer im Geflügelsektor kümmert, finde ich das durchaus legitim. Abgesehen davon hatten auch die Mitbewerber mit uns zu tun. Uns geht es nicht um die Firma. Es geht uns um die Tiere. Eine Kampagne? Ja klar. Eine Kampagne für die Hühner, Puten und Enten, die im Namen von Wiesenhof & Co. leiden und sterben.

Aber Wiesenhof sprach nach dem „Skandal“ von einem Einzelfall.
Wiesenhof glaubt, das Ganze als Einzelfall abtun zu können, weil es in EINER Farm geschah. Tatsächlich haben wir aber ZWEI Arbeiter-Kolonnen gefilmt, die in einem zeitlichen Abstand von mehreren Monaten äußerst brutal mit den Hühnern umgingen. Bei der einen Kolonne handelte es sich um den sog. Impftrupp, also Wiesenhof-interne Mitarbeiter. Bei dem anderen handelte es sich um ein externes Ausstallungs-Unternehmen. Beide Trupps wurden auf etlichen Farmen eingesetzt. Wo ist da denn bitteschön der Einzelfall?

Nach der Veröffentlichung meldete sich ein Ehepaar, das ebenfalls für Wiesenhof eine Elterntierfarm betrieben hatte. Und zwar über den Zeitraum von acht Jahren. Sie haben alle Vorwürfe, die auch von den Twistringer Farmern gemacht wurden, bestätigt.

Im Fall Twistringen gab es weitaus mehr Vorwürfe, als die, die wir im Bild festhalten konnten. So wurden weit über 500 gesunde Hühner am Tag der Anlieferung getötet, weil einfach zu viele geliefert wurden. Der Impftrupp selektierte sie vor Ort, brach ihnen ohne Narkose das Genick. Ein eindeutiger Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Es wurden Hähne geliefert, die an das Fütterungssystem der Farm nicht gewöhnt waren. Der Produktionsleiter wies die Farmer am Rande darauf hin, dass einige Hähne verhungern werden. Am Ende sind nur deshalb keine Hähne verhungert, weil sie über Tage hinweg von Hand gefüttert wurden, bis sie sich an die Fütterungseinrichtung der Farm gewöhnt hatten. Die Stallanlagen waren in einem maroden Zustand und wurden inkl. der roten Vogelmilbe übergeben, einem sehr hartnäckigen Geflügelparasiten. Den Farmen sagte man nichts davon. Als sie es meldeten, dauerte es Monate, bis Wiesenhof reagierte. Außerdem erkrankten die Hühner u. a. an Mykoplasmose, einer Atemwegsinfektion, sowie an E.coli-Bakterien. Gegen diese waren sie sogar geimpft. Es schien aber nicht zu wirken. Behandelt wurden sie mit Chlortetracyclinhydrochlorid. Dabei stand auf der Packung, dass eine Vergabe bei Infektionen mit E.coli und Mykoplasmen nicht erfolgen darf. Der Produktionsleiter tat es mit der Begründung ab, dass der Wiesenhof-Tierarzt schon wisse, was er tue – wusste er aber wohl nicht. Am Ende war die Herde so krank und unproduktiv – es gab täglich so viele tote Hühner und Wiesenhof bekam das Ganze nicht in den Griff – dass die Farm vorzeitig geräumt wurde. Die Hennen wurden bis in die Niederlande gekarrt, die Hähne sogar bis nach Frankreich.

Das, was damals passiert ist, ist einfach der ganz normale Alltag für die Wiesenhof-Tiere. Nichts anderes. Es ist definitiv kein Einzelfall – was wir übrigens mit unseren aktuellen Bildern aus dem Wiesenhof-Putenstall ein weiteres Mal bewiesen haben.

Sie reden von Tötung durch Genickbruch ohne Narkose. Wiesenhof beteuert aber, dass die Tiere nur mit Narkose getötet werden.
Das ist zumindest damals völliger Blödsinn gewesen. Uns liegt ein Schreiben der Brüterei Weser-Ems, also der Wiesenhof-Brüterei, vor, aus dem genau zu entnehmen ist, wie die Tiere zu töten sind. Dieses Schreiben ging an alle Farmen. Von einer Narkose war da keine Rede. Außerdem haben uns die Farmleiter zweier Betriebe bestätigt, dass man bei Wiesenhof keine Narkose zur Tötung vorsehe und dass es den Leuten beim Anlernen eben auch ohne Narkose beigebracht würde. Hinzu kam, dass wir zwei Wiesenhof-Lehrlinge unabhängig voneinander dabei filmen konnten, wie sie Hühner töteten. Keiner der beiden hat die Tiere zuvor narkotisiert. Und wir können doch mal davon ausgehen, dass Lehrlinge es eben genau so machen, wie es ihnen beigebracht wurde.

Wiesenhof ist damals sogar gerichtlich gegen Report Mainz vorgegangen, weil man in einem zweiten Bericht das betäubungslose Töten thematisierte. Zu einer einstweiligen Verfügung gegen den SWR hatte es wohl noch gereicht. Die anschließende Gerichtsverhandlung hatte diese Verfügung allerdings wieder gekippt, da Wiesenhof nicht beweisen konnte, dass die Tiere nur mit Narkose getötet wurden.

Ich gehe davon aus, dass mittlerweile alle Farmer die Anordnung erhalten haben, nur noch mit Narkose zu töten. Und ich gehe auch davon aus, dass gerade die, die schon seit Jahrzehnten für Wiesenhof arbeiten, den Tieren weiterhin ohne Betäubung das Genick brechen. Weil es eben schon immer so gemacht wurde. Kontrolliert wird das Ganze ohnehin nicht.

Wiesenhof behauptet, dass man sich von den Verantwortlichen des ersten Skandals getrennt habe.
Uns liegen Informationen vor, dass man sich lediglich vom Leiter des Impftrupps getrennt hat. Alle anderen, die die Tiere geschlagen, geworfen oder anderweitig gequält haben, wurden unserem Wissen nach nicht zur Rechenschaft gezogen. Weder juristisch noch durch das Unternehmen Wiesenhof. Es gab also lediglich ein einziges sogenanntes Bauernopfer.

In den letzten Wochen soll es vermehrt Einbrüche in Farmen gegeben haben, die mit Wiesenhof in Verbindung stehen. Dabei sollen auch Tiere zu Tode gekommen sein. Was sagen Sie dazu?
In den Zeitungen war unter anderem die Rede von Twistringen, Höltinghausen und Bethen. Drei von fünf genannten Orten, in denen wir schon aktiv waren und Missstände veröffentlicht hatten. Höltinghausen und Bethen haben vielleicht wenige hundert Einwohner. Das Ganze macht schon einen sehr windigen, inszenierten Eindruck. Mag sein, dass es Fotos von den zu Tode gekommenen Hühnern gibt. In den Medien habe ich zumindest keine gesehen. Und auch die Suchmaschine brachte in der Bildersuche keine Ergebnisse. Aus Erfahrung weiß ich aber, dass die Medien überhaupt keine Bedenken haben, tote Hühner abzubilden. Selbst im Pressebereich auf der Wiesenhof-Website gab es die entsprechenden Bilder nicht. Das ist doch sehr sonderbar. Wir hingegen haben die Bilder – wir können zeigen, wie die Tiere bei Wiesenhof leben und sterben. Von 2009 aus der Elterntierfarm in Twistringen. Von 2010 aus den Putenställen der Wiesenhof-zuliefernden Putenerzeugergemeinschaften Ahlhorn und Mecklenburg-Vorpommern. Und jetzt 2011 aus einer Geflügelfarm bei Magdeburg und von den skandalösen Ausstallungen auf dem Schlackenweg in Emstek-Halen. Auch wenn Wiesenhof in den Medien immer wieder von Einbrüchen redet, sind wir bisher nirgends eingebrochen. Wir haben bisher immer nur offenstehende Farmen betreten. Wenn Sie mich fragen, sind die vermeintlichen Einbrüche eine Erfindung der äußerst unprofessionellen Presseabteilung der Firma Wiesenhof.

Wiesenhof bringt jetzt Privathof-Geflügel auf den Markt.
Langsamer wachsende Hühner, die mehr Platz im Stall haben. Sitzstangen und Auslauf im Wintergarten. Das könnte ein Ansatz sein, wenn er für alle Hühner gelten würde. Wenn ich plötzlich die Erkenntnis habe, nach Jahrzehnten der Hühneraufzucht, dass die Tiere sich mit mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten im Stall eben doch wohler fühlen (welch wahnwitzige Erkenntnis im Jahr 2011), warum dürfen nicht alle Hühner davon profitieren? Und was ist mit den Puten? Und den Enten? Wird es am Ende vielleicht sogar wieder heißen: „Wir haben es angeboten. Der Verbraucher hat es nicht honoriert. Dann können wir auch nichts machen.“ So war es beim Weidehähnchen, das immerhin doppelt so teuer war und am Ende vom Konsumenten nicht angenommen wurde. Sicher hat der Verbraucher auch eine Verantwortung und er entscheidet mit seinem Kaufverhalten. Aber darauf kann sich Wiesenhof nicht ausruhen. Niemand zwingt das Unternehmen, 40.000 Hühner in einer Halle unterzubringen. Übrigens nützt es den Hühnern, Puten und Enten wenig, wenn eine verschwindend geringe Anzahl Hühner nun über bessere Haltungsbedingungen verfügt. Und bitte nicht vergessen: Wir reden über eine gerade mal zehn Tage längere Mastzeit beim Huhn und immerhin 15 Tieren pro Quadratmeter. Das sind nur 666 Quadratzentimeter pro Tier. Legehennen in den aktuellen Käfigbatterien (dem sog. ausgestalteten Käfig) haben einen gesetzlichen Anspruch auf 800 Quadratzentimeter. Statt 30 bis 40 Tage wird das Huhn nun 40 bis 50 Tage alt. Dabei können gesunde Hühner gut und gerne zehn Jahre und älter werden. Und noch einmal: Was ist mit den Puten? Und den Enten?

Was fordern Sie von Wiesenhof? Was wäre ein Kompromiss?
Würde Wiesenhof allen Tieren die Bedingungen der Privathof-Hühner zukommen lassen – also mehr Fläche, weg von den Qualzucht-Rassen BIG6 und Ross 308, 708 etc., Badewasser für Wasservögel (Enten), Einstellung jeglicher Verbrauchertäuschung usw. – könnte ich mir zumindest vorstellen, das Unternehmen mal ein, zwei Jahre in Ruhe zu lassen. Aber machen wir uns nichts vor. Das wird nicht passieren. Denn es geht um Profit. Herr Wesjohann profitiert auch davon, dass die osteuropäischen Arbeiter in seinen Schlachthöfen für einen Hungerlohn arbeiten.

Ist Wiesenhof verantwortlich, wenn ein Subunternehmer die Puten tierquälerisch verlädt?
Selbstverständlich. Wiesenhof betont, alle Tierschutzrichtlinien einzuhalten, ja sogar über die gesetzlichen Anforderungen hinauszugehen. Man hat ja angeblich sogar einen eigenen Tierschutzbeauftragten. Warum erledigt der nicht seine Arbeit? Wäre er effektiv, hätten wir die Tierschutzverstöße in Twistringen nicht filmen können. Und erst recht nicht die aktuellen in Emstek-Halen vor wenigen Wochen. Der Verbraucher weiß doch nicht, wer bei Wiesenhof alles mit drinhängt. Ob es ein Subunternehmer ist, der die Pute in den Lkw prügelt oder ein festangestellter Mitarbeiter. Der Verbraucher zahlt immer auch für das gute Gewissen, das Wiesenhof seit jeher vermittelt. Wenn er für Tierschutz – und dafür steht das Unternehmen angeblich – bezahlt, muss auch Tierschutz drin sein. Im Angesicht einer kopflosen Hühnerleiche mit vielleicht noch gebrochenen Beinen kann ich als Veganer den Tierschutz darin ohnehin nicht erkennen. Aber auch der Fleischkonsument erwartet, dass das Huhn, die Pute oder die Ente schonend verladen wird. Unsere Bilder beweisen hingegen wieder einmal das Gegenteil. Dem muss sich das Unternehmen stellen.

Denken Sie, dass man bei Wiesenhof auf die neuesten Veröffentlichungen reagieren wird?
Natürlich. Nachdem wir den Skandal in Twistringen aufgedeckt hatten, wurde die Farm komplett eingezäunt. Um zukünftig zu verhindern, dass solche Aufnahmen bei Putenfarmen noch einmal entstehen, wird man bei den Ausstallungen vielleicht besser aufpassen. Ich meine nicht, aufpassen, dass keine Tierquälereien stattfinden, sondern eher, dass keine Tierschützer im Gebüsch liegen und das Ganze filmen.

 

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