Eisbären vom Aussterben bedroht – doch was bedroht Eisbären?

Verhungert

„Gut 70 kg Nahrungsvorrat könnte sich ein ausgewachsener Eisbär beim jährlichen „Robbenschmaus anfressen. Wenn die Jagd bis in den Mai hinein anhält, wirken die Riesen wie prall gefüllte Speisekammern auf Beinen…“ (1)

Eisbären sind nur alle vier bis fünf Tage bei der Jagd auf Robben erfolgreich (2). Jedoch sinkt die Population der Robben, die Hauptnahrungsgrundlage des Eisbären, dramatisch.

Einen Hauptgrund für einen möglichen Rückgang der Eisbären vermuten Wissenschaftler daher in der Überjagung der Robben. 2016 wurden beispielsweise allein in Kanada über 68.000 Robben getötet (3).
   

„Eisbären ernähren sich von Robben, sagt Reichholf. Jedoch lasse Kanada sie „zu Millionen alljährlich zum Schutz der Fischerei abschlachten. Das ist für den Bären die wahre Bedrohung.“ (4)

Hinzu kommt, dass durch den Klimawandel das Eis inzwischen rund drei Wochen früher als in den alten Zeiten verschwindet. Bei der Nahrungssuche müssen sie deshalb größere Strecken zurücklegen, wodurch sich ihr Energieverbrauch gefährlich erhöht – sie drohen zu verhungern (5). Fazit ist also, dass es für die ca. 25.000 Eisbären immer schwieriger wird ausreichend Nahrung zu finden.

Vergiftet

Nicht nur eine sinkende Nahrungsgrundlage, verursacht durch Klimawandel und Robbenjagd, bedroht den Eisbären. Auch chemische Rückstände der Industriestaaten wie Deutschland machen dem Eisbären erheblich zu schaffen.

„Die Giftstoffe kommen mit der Luft in die Polarregion und reichern sich dann in der Nahrungskette an. Im vergangen Jahr entdeckten norwegische Forscher mehrere hermaphrodite (Anm: Zwitter) Eisbärenjunge, die besonders hohe PCB-Werte aufwiesen.“ (6)

„Jetzt haben Forscher festgestellt, dass 1,2 Prozent der 3.000 Eisbären, die dort leben, unter dem Umweltgift leiden…PCB-haltiges Plankton wird von Fischen gefressen, die Fische werden von Seehunden verspeist und die Seehunde sind Beutetiere der Eisbären.“ (7)

„Seit einigen Jahren ist bekannt, dass sich im Speck der Eisbären außerordentlich hohe Konzentrationen der verschiedensten Umweltgifte befinden. Pflanzen- und Insektengift haben in den großen Raubtieren der Arktis so hohe Werte erreicht, dass Wissenschaftler Störungen im Verhalten und in der Fortpflanzung nicht mehr ausschließen wollen.“ (8)

„Die Schadstoffe werden wahrscheinlich auf zwei Wegen in die Barentssee zwischen dem Nordkap und Spitzbergen eingetragen. Zum einen kommen sie durch die Luft aus amerikanischen und europäischen Quellen“, erläutert Falk-Petersen. „Der andere Weg sind die großen sibirischen Flüsse.“ (8)

Gejagt

„Jedes Jahr werden allein in der Hudson Bay 49 Bären geschossen.“ (4)

„Man schätzt, dass in Kanada jährlich rund 700 Bären erlegt werden.“ (9)

„In vier der fünf Arktisstaaten (Kanada, Grönland, Russland und USA) werden jährlich noch mindestens 700 Tiere legal erlegt.“ (10)

Auch wenn das 1973 unterzeichnete Abkommen über den Schutz und die Erforschung der Polarbären dazu geführt hat, dass sich die Population der Eisbären seitdem von rund 5.000 auf etwa 25.000 Tiere weltweit erholte, ist der Eisbär gerade durch den ansteigenden Jagdtourismus bedroht. Besonders dramatisch: Laut einer Studie (11) werden meist die starken, größten und damit für Trophäen besonders gefragte männlichen Eisbären erschossen. Jedoch reduziert sich damit auch die Geburtenrate, da immer weniger Eisbärenfrauen einen Eisbärenmann finden.
 
Screenshot: https://www.onlinehuntingauctions.com/SB-17-Polar-Bear-Hunt-Nunavut_i32155470
Die perverseste und häufigste Jagdform auf Eisbären ist die so genannte „Trophäenjagd“, bei der es den „Sportlern“ um Prestige und Anerkennung geht.

„Ist der Eisbär erlegt und sind die obligatorischen Erinnerungsfotos gemacht, wird der Bär aus der Decke geschlagen.“ Westfalia Jagdreisen 19.04.2007

Trophäenjäger zahlen für einen Eisbären, also für Fahrt, Töten, Ausstopfen und Foto, bis zu 40.000 Euro (12). Eine Untersuchung ermittelte weltweit 10 Unternehmen, die solche Jagden anbieten (13).
   
Quelle: https://westfalia-jagdreisen.de/fileadmin/user_upload/Kataloge/Jagdreise-Katalog2019.pdf
Eine Jagdreise inklusive Eisbärentrophäe bieten deutsche Unternehmen für knapp 40.000 Euro an.

Man schätzt, dass vor 2007 rund 1.000 Eisbären pro Jahr starben. Davon wurden 150 Eisbären von Jägern in Kanada erschossen, 200 von Wilderern in Russland und der Rest von den Ureinwohnern in Kanada, den USA und Grönland (13). Da der Handel mit Eisbärenleichenteilen (Füße, ganze Körper und Felle) weltweit unentwegt boomt, steigt auch die Wilderei. Man schätzt, dass jährlich rund 600 Eisbären illegal gejagt werden (14). Für ein Eisbärenfell zahlen Sammler bis zu 16.000 Euro (15).

Von 1999 bis 2004 wurden aus Kanada legal 227 Knochen, 439 Krallen, 2.268 Häute, 7 lebende Eisbären und 550 Schädel, Kiefer oder Zähne exportiert (16). Eine Abfrage der Importzahlen zwischen 2012 und 2017 zeigt, dass in diesem Zeitraum 9 Trophäen, 1 ganzer Körper, 51 Häute, 19, Schädel, 3 Knochen und 1 Teppich aus getöteten Eisbären nach Deutschland eingeführt wurden (17). Wie viele Individuen dies sind, kann man erahnen.

„Die Einfuhr nach Deutschland bereitet keine Probleme.“
- Westfalia Jagdreisen 19.04.2007


(1) „Der Eisbär-Alarm könnte ausbleiben“ von Thomas Burmeister, erschienen in „Sächsische Zeitung“ vom 15.11.2000
(2) Magazin: „Ohne Eis kein Eisbär“, Mai 2007, Zoo Berlin und Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Online abrufbar unter: http://www.passivbau-gmbh.de/Download/241_broschuere_eisbaer.pdf
(3) Fisheries and Oceans Canada (2016), Statistics on the seal harvest, Online abrufbar unter: http://www.dfo-mpo.gc.ca/fm-gp/seal-phoque/seal-stats-phoques-eng.htm
(4) „Die sieben Leben der Eisbären“ von Elke Bodderas, erschienen in „Berliner Morgenpost vom 18.03.2008, Online abrufbar unter: https://www.welt.de/welt_print/article1802433/Die-sieben-Leben-der-Eisbaeren.html
(5) „Müssen Eisbären nun verhungern?“ von Anja Garms, erschienen in „Welt“ vom 01.02.2018, Online abrufbar unter https://www.welt.de/wissenschaft/article173105567/Klimawandel-Muessen-Eisbaeren-nun-verhungern.html
(6) „Weiße Bären auf dünnem Eis“ von Fred Pearce, erschienen im „Greenpeace Magazin“ Heft 1/ 1999, Online abrufbar unter: https://www.greenpeace-magazin.de/weisse-baeren-auf-duennem-eis
(7) „Zwitter unter Spitzbergens Eisbären“, erschienen in „Süddeutsche“ vom 04.09.2000
(8) „Wie kommt das Gift in die Eisbären?“, von Hinrich Bäsemann; dpa vom 02.07.1995
(9) “Die Ewigen Wanderer”, erschienen in “Du und das Tier” Heft 1/1991
(10) „Raubtier Mensch“ von Holger Jost, erschienen in der „BZ“ vom 17.03.2008
(11) “Trophy Hunting May Push Polar Bears Tipping Point” von Susan Brown, erschienen in National Geographic News vom 21.11.2007
(12) „Perverse Jagdreisen: Deutsche Jäger töten Eisbären für 40.000 Euro“, von Corinna Schneider, erschienen in Focus Online vom 09.02.2012, Online abrufbar unter https://www.focus.de/reisen/service/jagdreisen-weltweit-urlaub-mit-der-lizenz-zum-toeten_aid_712078.html
(13) „The bloody business of the trophy hunters“, von David Randall und Jonathan Owen, erschienen bei „The Independent vom 09.09.2007, Online abrufbar unter: https://www.independent.co.uk/environment/nature/the-bloody-business-of-the-trophy-hunters-5329222.html  
(14) „Die Eisbären bleiben Gejagte“, von Dagny Lüdemann, erschienen in „ZEIT“ vom 06.03.2013, Online abrufbar unter: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-02/eisbaeren-cites-monitoring
(15) „Rekordpreis von 22.000 kanadischen Dollar für ein Eisbärenfell ist kein Grund zum Feiern“, von Sheryl Fink, International Fund for Animal Welfare; Online abrufbar unter: https://www.ifaw.org/deutschland/aktuelles/rekordpreis-von
(16) „Polar bears: Proceedings oft he 14th Working Meeting of the IUCN/ SSC Polar Bear Specialist Group“ vom 20-24.06.2001 in Seattle, Washington, USA; Online abrufbar unter: https://portals.iucn.org/library/sites/library/files/documents/SSC-OP-032.pdf
(17) CITES Trade Database; Abfrage der Importzahlen von Eisbären (Ursus maritimus) nach Deutschland 2012-2017 (Eingaben: Purpose = Hunting trophy / Personal / Commercial; Source = Wild)