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PETA zeigt acht deutsche Zuchtunternehmen an: Qualzucht in der Agrarindustrie

 
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Stand Februar 2017
PETA zeigt acht deutsche Zuchtunternehmen an: Qualzucht in der Agrarindustrie
 
Stuttgart, 4. Februar 2017 – Herz-Kreislaufstörungen, Knochenbrüche, Entzündungen, überlastete Gelenke: Die Liste der Krankheiten und schmerzhaften Veränderungen bei „Turbohühnern“, Schweinen, Puten und Kühen in den Agrarfabriken ist lang. Auf maximale Leistung gezüchtet, müssen die Tiere immer mehr Eier, Fleisch und Milch in immer kürzerer Zeit „produzieren“ – auf Kosten ihrer Gesundheit. Qualzuchten heißen solche „Rassen“, und sie sind laut Paragraf 11b des Tierschutzgesetzes verboten. Aber wie so oft im Tierschutz, werden auch rechtliche Mindestregelungen aus Profitgier der Agrarindustrie nicht eingehalten: Millionen dieser kranken Tiere leiden jedes Jahr in den Ställen. Um auf dieses Vollzugsdefizit hinzuweisen und geltendes Recht durchzusetzen, hat die Tierrechtsorganisation PETA acht Zuchtunternehmen stellvertretend für die gesamte Branche angezeigt, darunter die in der Geflügelindustrie führende Konzerne Lohmann Tierzucht GmbH und Moorgut Kartzfehn aus Niedersachsen. Auch auf Schweine- und Rinderzüchter aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg könnten nun rechtliche Konsequenzen zukommen.
 
„Eindeutige Verstöße gegen das Tierschutzgesetz werden seit Jahren nicht nur toleriert, sondern auch noch mit Steuergeldern subventioniert. Zuchtbedingte Krankheiten, schmerzhafte Fehlbildungen und ein frühzeitiger Tod gehören zum grausamen Tagesgeschäft in der industriellen Tierhaltung. Das geltende Recht muss endlich durchgesetzt und die Qualzuchten, die heutzutage standardmäßig eingesetzt werden, endlich verboten werden“, sagt Dr. Edmund Haferbeck, Leiter der Rechts- und Wissenschaftsabteilung bei PETA.
 
Hochleistung führt zu großem Leid
Als Qualzucht bezeichnet man bei der Züchtung von Tieren die Duldung oder Förderung von Merkmalen, die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen für die Tiere verbunden sind. Dies trifft für alle Nutztierarten, die in Deutschland kommerziell gehalten werden, zu, und ist ein unzertrennlicher Bestandteil der Fleisch-, Eier- und Milchindustrie.
 
Die von PETA angezeigten Unternehmen züchten „Rassen“, die der Industrie besonders hohe Profite einbringen. Der hohen körperlichen Belastung, die mit schnellem Wachstum oder hoher Milch- beziehungsweise Eierleistung einhergehen, sind die sensiblen Tiere jedoch nicht gewachsen:
 
Schweine: Qualzuchtrasse Piétrain
Die Hochleistungsrasse Piétrain wurde vor allem auf besonders schnelles Muskelwachstum gezüchtet. In der Schweinemast muss das Gewicht der Tiere innerhalb von sechs bis sieben Monaten von 1,5 Kilogramm auf bis ca. 110 Kilogramm ansteigen. Das bedeutet, dass jedes Schwein ungefähr 500 Gramm pro Tag zunehmen muss [1]. Dies hat einen desolaten Einfluss auf die Gesundheit der Tiere und macht ein Leben ohne Schmerzen gerade in den späteren Lebenstagen praktisch unmöglich. Das häufigste Problem sind Krankheiten des Bewegungsapparates der Tiere, die nicht in der Lage sind, der extrem schnellen Gewichtszunahme standzuhalten. Oft verweilen die Tiere im krankhaften „Hundesitz“ [2], zeigen Schmerzen beim Aufstehen, laufen auf Zehenspitzen oder Handwurzelgelenken, um die schmerzenden Gelenke zu entlasten.
 
Hühner: Qualzuchtlinien LSL und LB
Die sogenannten Legehybriden Lohmann Selected Leghorn und Lohmann Brown wurden auf eine hohe Legeleistung gezüchtet und werden vor allem in der Käfig- und Bodenhaltung eingesetzt. Sie legen über 300 Eier im Jahr [3] – eine enorme Zahl im Vergleich zu 18 bis 30 Eiern pro Jahr beim Urhuhn [4]. Aufgrund der hohen Belastung sterben bis zu zehn Prozent der Tiere während der Legeperiode [5], viele von ihnen werden aufgrund der extrem hohen Legeleistung krank. Zu den häufigsten zuchtbedingten Krankheiten gehören Eileiterentzündungen – sozusagen eine „Berufskrankheit“ der Tiere –, die bis zu 30 Prozent aller Tiere betreffen können und eine der häufigsten Todesursachen sind [6].
 
Die Knochen der Tiere dienen als Speicher für Kalzium, das für die Eierschalenbildung nötig ist. Da die extrem hohe Legeleistung den Kalziumhaushalt der Tiere sehr stark beansprucht und mehr Kalzium gebraucht wird, als durch Nahrung zugeführt werden kann, leiden viele Tiere an Osteoporose. Diese kann zu reduzierter Knochenfestigkeit und vermehrt zu Knochenbrüchen führen [7].
 
Hühner: Qualzuchtlinie Cobb
„Masthühner“ werden auf eine hohe tägliche Zunahme und eine übergroße Brustmuskulatur gezüchtet. Innerhalb von nur circa einem Monat (34-37 Tage) steigt das Gewicht eines Kükens von 40 bis 45 Gramm auf zwei bis 2,2 Kilogramm. Das ist ungefähr so, als würde ein neugeborenes Kind in einem Monat ein Gewicht von 175 Kilogramm erreichen. Zu den leistungsbedingten Gesundheitsproblemen gehören vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel der plötzliche Herztod. Oft kommt es auch zu Gelenkerkrankungen, die Studien zufolge 55 bis 90 Prozent der Tiere betreffen können [8].
 
Puten: Qualzuchtlinie BUT Big 6
Puten der Linie Big 6 werden vor allem auf hohe tägliche Zunahmen und auf einen hohen Anteil der Brustmuskulatur gezüchtet. Die Tiere erreichen innerhalb von 20 bis 23 Wochen ein Körpergewicht von über 20 Kilogramm [9]. Aufgrund des hohen Körpergewichtes sind viele natürliche Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die Gefiederpflege, kaum mehr möglich. Die Verschmutzung des Gefieders sowie die eingeschränkte Mobilität führen oftmals zu schwerwiegenden Problemen wie Federpicken und Kannibalismus, wodurch großflächige, blutende Wunden entstehen können. Fußballenerkrankungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates und Beinschwäche aufgrund der hohen Gewichtszunahme sind weit verbreitete Probleme in der Putenzucht, die bis zu 90 Prozent der Tiere schon im Alter von nur zwölf Wochen betreffen können [10]. Auch Herz-Kreislauferkrankungen, wie etwa Aortenrupturen, stellen ein großes Problem dar, das in Herden zu Verlusten von bis zu 50 Prozent führen kann [11].
 
Kühe: Qualzuchtrasse Holstein
Sogenannte Milchkühe werden vor allem auf eine enorm hohe Milchleistung gezüchtet; eine Holstein-Kuh kann bis zu 10.000 Liter Milch im Jahr geben [12]. Aufgrund der extrem hohen Produktion leiden viele Tiere an schmerzhaften Eutererkrankungen, wie der Mastitis [13]. Mit den enormen Milchmengen werden auch große Mengen von Nährstoffen, Kalzium oder Magnesium zum Beispiel, aus dem Körper der Tiere ausgeschieden, was Stoffwechselstörungen zur Folge hat [14].
 
[1] German Genetic (2016): Aktuelle Leistungsdaten German Piétrain. Online unter: http://www.german-genetic.de/attachments/article/90/Aktuelle-Leistungsdaten-German-Pietrain.pdf. (25.01.2017).
[2] Kadarmideen / Janss (2005): Evidence of a major gene from bayesian segregation analyses of liability to osteochondral diseases in pig.
[3] Lohmann Tierzucht GmbH: http://www.ltz.de/de/layers. (30.01.2017).
[4] Decker, S.: Hühner. Planet Wissen. Online unter: https://www.planet-wissen.de/natur_technik/haustiere/huehner/index.jsp. (26.01.2017).
[5] Hörning (2013): „Qualzucht” bei Nutztieren – Probleme & Lösungsansätze, S. 9.
[6] Hörning (2008): Auswirkungen der Zucht auf das Verhalten von Nutztieren, S. 54.
[7] Hörning, B. (2013): „Qualzucht” bei Nutztieren – Probleme & Lösungsansätze, S. 9.
[8] Hörning, B. (2013): „Qualzucht” bei Nutztieren – Probleme & Lösungsansätze. S.10.  
[9] Hiller, P. (2012): Abschlussbericht „Tierwohl und Nachhaltigkeit in der Putenhahnenmast“. Online unter:  http://www.lwk-niedersachsen.de/download.cfm/file/229,ff4f7315-f48a-b85f-681a4bce9f091721~pdf.html. (25.01.2017).
[10] Hirt, H. (1997): Durch Zucht bedingte Haltungsprobleme am Beispiel der Mastputen; Hörning, B. (2008): Auswirkungen der Zucht auf das Verhalten von Nutztieren, S. 86.
[11] Spindler, B. (2007): Pathologisch-anatomische und histologische Untersuchungen an Gelenken und Fußballen bei Puten der Linie B.U.T. Big 6 bei der Haltung mit und ohne Außenklimabereich.
[12] Brade und Brade (2013): Zuchtgeschichte der Deutschen Holsteinrinder, Online unter: http://buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/25/brade2-html. (26.01.2017).
[13] Hörning, B. (2008): Auswirkungen der Zucht auf das Verhalten von Nutztieren, S. 63.
[14] Hofmann, W. (2007): Farbatlas der Rinderkrankheiten, S. 158.

Kontakt:
Judith Stich, +49 (0)30 6832666-04, JudithS@peta.de