Fluganfänger oder aus dem Nest gefallen? PETA-Expertin gibt Tipps, wie Menschen Tierkinder in Not erkennen und im Ernstfall richtig handeln

Stuttgart, 19. Mai 2016 – Erste Hilfe in der Natur: Der Sommer ist die Zeit der Tierkinder und so piept und fiepst es in Wäldern, Fluren und Gärten. Viele Menschen entdecken auch in ihrem Umfeld scheinbar hilflosen tierischen Nachwuchs: Ein Amselkind sitzt vermeintlich ohne Schutz im Vorgarten, ein junger Feldhase kauert mutterseelenallein in der Wiese. Oft werden Tierkinder dann in der Annahme, sie seien „verwaist“, in Tierheimen oder Wildtierauffangstationen abgegeben. Die gut gemeinte Hilfsbereitschaft ist jedoch in vielen Fällen fehl am Platz. Häufig sind die Jungtiere nicht alleingelassen, sondern stehen unter ständiger Beobachtung und dem Schutz ihrer Eltern. Vanessa Reithinger, Fachreferentin für Wildtiere bei der Tierrechtsorganisation PETA, gibt wichtige Tipps im Umgang mit dem Wildtiernachwuchs und erklärt, wie Menschen Tiere in Not erkennen und ihnen im Ernstfall richtig helfen.
 
„Immer wieder kommt es vor, dass Tierkinder grundlos aus der Natur entnommen und somit ihren Eltern entrissen werden.“, so Vanessa Reithinger, Fachreferentin für Wildtiere bei PETA. „Tierfreunde sollten deshalb genau abwägen, ob ein Eingreifen wirklich nötig ist, denn auch Tierkinder sind am allerbesten bei ihren Familien aufgehoben.“
 
Gut versorgt oder in Not? Wann menschliche Hilfe gebraucht wird:
 
Vogelkinder: Noch bevor ihr Gefieder komplett ausgebildet ist, starten Jungvögel die ersten Flugversuche und verlassen dafür das Nest. Meist sind die Eltern ganz in der Nähe und kümmern sich wieder um ihren Nachwuchs, sobald der Mensch sich entfernt hat. Nestflüchter, wie beispielsweise Enten, verlassen bereits nach dem Schlüpfen das Nest. So niedlich die kleinen Küken der Wasservögel in den Stadtparks auch sind, sollte immer ausreichend Abstand zu den Enten-, Gänse- oder Schwanenfamilien gehalten werden, sodass die Tiere sich nicht bedroht fühlen.  
 
  • Flügge Jungvögel: Trifft man auf einen kleinen weitgehend mit Federn bedeckten Vogel, der seine ersten Flugversuche startet, so kann dieser, sofern er sich in einer Gefahrensituation befindet, auf einen nahegelegenen Baum oder in einen dichten Strauch gesetzt werden.
  • Nestlinge zurücksetzen: Wird ein weitgehend nacktes Jungtier auf dem Boden unter einem Vogelnest vorgefunden, ist es mit großer Wahrscheinlichkeit tatsächlich aus dem Nest gefallen. In diesem Fall sollte das Vogelkind vorsichtig aufgenommen und zurück ins Nest gesetzt werden.
  • Ersatznest: Ist ein Vogelkind aus einem unerreichbaren Nest gefallen, kann ein Körbchen, ausgelegt mit Naturmaterialien wie zum Beispiel Stroh, als Ersatz dienen und in der Nähe aufgehängt werden. Wenn auch nach mehreren Stunden kein Elterntier in der Nähe gesichtet wurde, sollte eine Wildtierauffangstation oder ein Tierheim benachrichtigt werden.
 
Hilfe im Notfall: Verletzte flügge Jungvögel können zum Transport in einen mit Zeitungspapier oder Papiertaschentüchern ausgelegten und mit Luftlöchern versehenen Karton gesetzt werden, vorzugsweise auf einen Stock. Nackte Jungvögel (Nestlinge) sollten in eine mit Papiertüchern ausgelegte kleine Schachtel ohne Deckel gesetzt werden. Diese kann dann in einen gut belüfteten Karton gestellt und von außen mit einem Heizkissen oder einer Wärmflache warm gehalten werden.
 
Rehkitze und Feldhasen: Behaarte Jungtiere, die ruhig im Gras liegen, brauchen gewöhnlich keine menschliche Hilfe. Rehe und Feldhasen bringen ihre Jungtiere in ein sicheres Versteck und kehren in regelmäßigen Abständen dorthin zurück, um den Nachwuchs zu säugen. Auf diese Weise schützen die Tiere ihre Jungen vor Fressfeinden, die durch die Anwesenheit der Alttiere eventuell angelockt werden könnten.
 
  • Hilfe im Notfall: Ist ein Tierkind in akuter Gefahr und muss in Sicherheit gebracht werden, darf das Tier nicht mit bloßen Händen berührt werden. Am besten  nehmen Helfer das Tierkind mit einer Schicht aus Heu, Gras und Blättern auf. Im Anschluss sollte aus sicherer Entfernung genau beobachtet werden, ob die Mutter zurückkehrt und sich um das Jungtier kümmert.
  • Verwaiste Tierkinder: Es kommt immer wieder vor, dass Tiermütter im Straßenverkehr ums Leben kommen oder von Jägern erschossen werden. Wenn sich ein Tierkind auffällig verhält, umherläuft und laute Rufe ausstößt, oder aber deutlich geschwächt ist, dann ist es ratsam, dies unverzüglich der nächst liegenden Wildtierauffangstation sowie der zuständigen Naturschutzbehörde zu melden.
 
Grundsätzlich gilt, wenn ein augenscheinlich hilfebedürftiges Tier gefunden wird:
 
  • Unnötigen Kontakt mit den Tieren vermeiden: Jede Interaktion mit Menschen bedeutet großen Stress für Wildtiere. Anders als domestizierte Tiere wie Hunde oder Katzen sind Wildtiere nicht an den engen Kontakt mit dem Menschen gewöhnt. Daher gilt es, die Situation zunächst mit Abstand genau zu beobachten.
  • Expertenmeinung hinzuziehen: Aufgrund von situations- und artbedingten Unterschieden ist es empfehlenswert, immer den Rat eines örtlichen Experten einzuholen. Kontaktdaten von Wildtierauffangstationen können bei Naturschutzbehörden, Tierärzten, Tierschutzvereinen und Tierheimen erfragt werden.
  • Fundort notieren: Werden im Notfall Tiere aus der Natur entnommen, ist es wichtig den genauen Fundort an die professionellen Helfer weiter zu geben, sodass die Tiere bestenfalls nach ihrer Genesung wieder an diesem Ort freigelassen werden können.
  • Meldepflicht: Nehmen Tierfreunde ein hilfebedürftiges Wildtier an sich, sollte dies bei einer Pflegestelle (Wildtierauffangstation, Tierheim etc.) abgegeben und der zuständigen Naturschutzbehörde gemeldet werden. So könnenFachkräfte das Tier optimal betreuen.
  • Schnelles Handeln bei akuter Gefahr: Befindet sich ein Tier in einer akuten Gefahrensituation  sollte dieses schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden. Ansprechpartner für Hilfeleistung ist der örtliche Tiernotdienst oder die Feuerwehr.
 
Weitere Informationen:
PETA.de/TiereinderNatur
 
Kontakt:
Kristin Graf, +49 (0)711 860591-527, [email protected]