Arbeiten im Tierversuchslabor: Interview mit einer Insiderin

Hund in einem Zwinger eines Tierversuchslabors

Judith ist gelernte Tierpflegerin, Bereich Forschung und Klinik, und arbeitete 5 Jahre in verschiedenen Tierversuchslaboren. Was sie dabei erlebt hat und warum sie eines Tages beschloss, den Job zu wechseln, erzählt sie uns in diesem Interview.

Judith, warum hast du den Beruf zur Versuchstierpflegerin gewählt?

Ich war schon immer ein tierlieber Mensch und konnte mir lange nichts Schöneres vorstellen, als jeden Tag mit Tieren zu tun zu haben und mich um sie zu kümmern. In einem Labor zu arbeiten, empfand ich außerdem als ziemlich interessant und aufregend.

Was passiert hinter den Labortüren?

Eine ganze Menge. Mit Hunden werden zum Beispiel Transplantationsexperimente gemacht.

Was niemand weiß: Die Tiere leiden nicht nur während der Experimente, sondern genauso davor und danach. Unsere Beagle wurden vor den Transplantationen so enorm mit immunsuppressiven Medikamenten lahmgelegt, dass sie oft schon vor den eigentlichen Versuchen gestorben sind – an inneren Blutungen oder Infektionen. Der Anblick der Hunde in ihren Miniboxen, den kann ich nicht vergessen. Sie haben teilweise kontinuierlich aus allen Körperöffnungen geblutet und wurden mehrmals täglich auf dem Arzttisch malträtiert – und das nicht nur von ausgebildetem Fachpersonal, sondern auch von unerfahrenen Praktikanten. Wie die Hunde habe ich aber auch viele andere Tiere im Labor leiden und sterben sehen: vor allem Mäuse, aber auch Katzen, Kaninchen, Hamster, Ziegen oder Frettchen.

Was passiert mit Tieren, die für Versuche „unbrauchbar“ sind?

In Tierversuchslaboren ist Leben wertlos. Ein Tier, dessen genetischer Code nicht zum Experiment passt, wird getötet und achtlos entsorgt. Es gibt Laborgruppen, da ist nur eine Maus von 100 genetisch passend – die anderen 99 sind also „Müll“ und werden auch genauso behandelt. Manchmal konnte man erst mit der 16. Generation arbeiten – man kann sich vorstellen, wie viele Tiere dafür geboren werden mussten. Die Tiermütter werden wie Zuchtmaschinen behandelt. Sie haben im Akkord Babys geboren, die zum Großteil direkt danach getötet wurden.
 

Kann man als Tierpfleger das Leben der Tiere im Labor erleichtern?

Leider nicht wirklich. Man reinigt zwar die Käfige und gibt den Tieren zu essen und trinken, das allerdings im Akkord. Auf einen Pfleger können schon mal rund 4.000 Mäuse kommen, da bleibt keine Zeit für eine Beziehung zu den Tieren. Empathie ist fehl am Platz und auch störend, wenn man hunderte von Tieren „abtötet“ – Laborjargon. Man schmeißt Mäuse einfach in einen CO2-Topf und geht. Die einen sterben schneller, die anderen langsamer.

Welche Erlebnisse hinter den Labormauern haben dir am meisten zu schaffen gemacht?

Es gibt jeden Tag aufs Neue Grausamkeiten, die den Tieren angetan werden. Wir haben jungen Mäusen die Schwanzspitze abgeschnitten, um genetische Untersuchungen durchzuführen. Oft wurde dabei aus Versehen ein Nerv mit herausgezogen – das müssen unfassbare Schmerzen für die Tiere sein, denn sie waren nicht betäubt und haben laut gequiekt und sogar versucht, zu beißen. Babymäusen wurde oft der Kopf mit der Schere abgeschnitten. Ich hatte einen Kollegen, der fand es witzig, wenn beim Köpfen das Fell der Maus noch mit abgerissen ist und der halbe Körper nackt frei lag, aber auch das wurde geduldet. Es wurde nie etwas gesagt, weder von Kollegen noch vom Chef.

Ich habe auch oft gesehen, dass eine Mäusemutter ihre Jungen direkt nach der Geburt totbeißt – aus purem Stress, da die Käfige zu klein sind und die Tiere quasi dauerschwanger sind. Vielleicht auch aus Nährstoffmangel, da die unzähligen Schwangerschaften am Körper zehren. 
 

Eines Tages hast du beschlossen, nicht mehr in Tierversuchslaboren zu arbeiten. Warum?

Ich hatte ein schlimmes Erlebnis mit einer Hündin, das mir die Augen geöffnet hat. Ich hatte sie an einem Samstagmorgen tot in ihrem Käfig aufgefunden – soweit nichts Außergewöhnliches. Sie lag eingekringelt zusammen und sah ganz friedlich aus. 
Nun hatten wir nur sehr schmale Kadavertonnen. Doch die Hündin war steif und zu groß für die Tonne. Da sich die Leichenstarre noch über viele Stunden aufrechterhalten würde und samstags nur die dringendsten Dinge erledigt werden müssen, wies mich mein Chef an, ich solle die OP-Säge nehmen und die Hündin zerteilen, bis sie in die Tonne passt. Ich war derart schockiert, dass ich in dem Moment begriffen habe, was ich da eigentlich seit Jahren tue. 

Ich habe die Hündin letztendlich nicht zersägt – ich bin spät am Abend nochmal ins Labor gefahren und habe ihren toten Körper vorsichtig in die Tonne legen können. 

Was hat die Arbeit im Tierversuchslabor mit dir gemacht?

Man gewöhnt sich schnell an die täglichen Unmenschlichkeiten, die dort passieren. Man denkt nicht darüber nach, es wird Alltag und man bekommt ganz schnell einen schwarzen Humor.

Dadurch habe ich viel zu lange nicht begriffen, was ich da eigentlich jeden Tag mache.
Ich hatte mich immer als tierlieb empfunden, und trotzdem habe ich so viele arme Seelen auf dem Gewissen. Aber ich bin sehr dankbar, dass meine Augen geöffnet wurden und ich mich aus dieser Maschinerie lösen konnte. Es gibt noch so viel mehr Geschichten, die ich erzählen könnte, aber das würde den Rahmen sprengen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen bewusst werden, wie grausam und auch unnötig Tierversuche sind und dass wir uns mit aller Kraft dagegen einsetzen müssen. Jeder von uns! Ob als Konsument, Student oder ganz normaler Bürger, der für die Tiere auf die Straße geht. Denn es geht auch ohne Tierversuche – das muss endlich in der Politik und bei den Geldgebern ankommen

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Die Blogartikel zu den Themen Tierrechte und veganem Lifestyle sind von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Co-Autoren.