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 »  »  »  »  » Stereotypien - Verhaltensauffälligkeiten bei Eisbären in Gefangenschaft

 

Kopfdrehstereotypie bei einem Eisbären - Klicken Sie auf das Bild für eine Vergrößerung

Verhaltensstörungen bei Eisbären

Jeder hat schon einmal die unschönen Verhaltensmuster bei einem Zoobesuch gesehen: Ein Tiger läuft im Käfig ständig hin und her. Ein Delfin schwimmt pausenlos im Kreis. Eine Giraffe wirft unentwegt ihren Kopf hin und her. Ein Vogel hüpft andauernd von Ast zu Ast. Ein Elefant webt stundenlang seinen Kopf hin und her. Viele ältere Menschen kennen dieses Fehlverhalten noch unter dem Begriff „Hospitalismus“.

Heute bezeichnet man diese sich immer wieder wiederholenden, gleichbleibenden (stereotypen) und artfremden Verhaltensmuster als Verhaltensstörungen.
„Stereotypien sind definiert als wiederholte, unveränderte Muster von Verhaltenselementen ohne erkennbares Ziel, die über beachtliche Zeiträume pro Tag ausgeübt werden. Sie treten bei verschiedenen Spezies von Zootieren auf und werden den Verhaltensstörungen zugeordnet.“ (1)

Aber warum zeigen Tiere in Gefangenschaft (Zoo) solch ein artuntypisches und gestörtes Verhalten (Fehlverhalten)?

„Zootiere müssen sich in einem hierauf bezogenen sehr kleinen Zeitrahmen in diese veränderten Lebensbedingungen einfügen. Übersteigen diese Anforderungen die Adaptationsmöglichkeiten des Tieres, wird sein Wohlergehen beeinträchtigt (Broom, 1988; Carlstead, 1996). Sichtbares Kennzeichen können Krankheitsanfälligkeit sein, ausbleibende oder fehlgesteuerte Reproduktion oder auch Verhaltensstörungen.“ (1)
Laufstereotypie bei einem Eisbären - Klicken Sie auf das Bild für eine Vergrößerung

Verhaltensstörungen bei Eisbären

Die am häufigsten zu beobachtenden stereotypen Verhaltensstörungen (Stereotypien) bei Eisbären sind das Hin- und Herlaufen, das Auf- und Abschwingen (Weben) und das Drehen des Kopfes.
Frau Dr. Stephan listet 2006 in einer Eisbären-Untersuchung noch weitere Stereotypieformen und Verhaltensauffälligkeiten auf:
Laufen, Laufen-Kopf-Wippen, Pfotenkreisen, Lecken-Reiben, Nase rümpfen, Maul klappen, Schwimmen, Lefzen ziehen, Kratzen, Lippen hängen, Lippen flattern, Scharren.

Verhaltensstörungen bedeutet Leiden

"Erhebliche Leiden werden durch Verhaltensstörungen angezeigt."
Kommentar Tierschutzgesetz von Hirt, Maisack und Moritz (2007)

Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass Tiere, die diese ausgeprägten Verhaltensstörungen aufweisen, auch darunter erheblich leiden. Und Eisbären sind eine der Tierarten, die in Gefangenschaft am häufigsten und dauerhaft Verhaltensstörungen zeigen. Sie leiden also dauerhaft unter der Gefangenschaft.
„Stereotypien bei in Gefangenschaft gehaltenen Tieren ist ein Symptom für schlechtes Wohlergehen und Wohlbefinden und weist darauf hin, dass das Tier psychisch und/ oder physisch leidet (Swaisgoog & Shepherdson/ 2005, Wechsler/ 1991).“ (2)

Im Jahr 2008 hat PETA alle deutschen Eisbärenhaltungen besucht und nach den drei häufigsten Verhaltensstörungen bei Eisbären Ausschau gehalten. Das Ergebnis unserer 1-2-tägigen Besuche pro Zoo war erschreckend:

Von 34 Eisbären zeigten bei unseren Recherchen (Filmaufnahmen vorhanden) 24 Individuen eine dieser drei Formen von Stereotypien.

Der Großteil der verbleibenden, nicht verhaltensgestörten 10 Tiere, z.B. Lisa (28 Jahre alt, München), Fanny (27 Jahre alt/ Hamburg), Sonja (26 Jahre alt, Gelsenkirchen), Vienna (17 Jahre alt, Rostock), Arcta (33 Jahre alt, Rostock) oder Boris (27 Jahre alt, Wuppertal), waren zum Zeitpunkt unserer Auf-zeichnung bereits sehr alt, so dass sie aufgrund von Problemen mit dem Gelenksapparat ohnehin nicht zu viel Bewegung im Stande waren. Ein besonderes Beispiel hierfür war Fanny aus Hamburg. Sie stand nur kurz auf, als ihr der Wärter das Essen zuwarf, legte sich nach beendeter Nahrungsaufnahme sofort wieder hin und blieb bis zum Abend liegen.

Nochmals muss betont werden muss, dass sich unsere Besuche bei den einzelnen Eisbärenhaltern meist nur auf 1-2 Tage beschränkten. Selten länger. Dass wir jedoch in so kurzer Zeit so viele Verhaltensstörungen beobachten und aufzeichnen konnten, hat auch uns selbst sehr überrascht.
Aber es ist auch Indiz dafür, dass Verhaltensstörungen bei Eisbären in Gefangenschaft nun wirklich keine Seltenheit sind.

Das an anderer Stelle (siehe Dissertation von Frau Dipl.-Biol. Ulrike Stephan; 2006) Stereotypien bei den Tieren festgestellt wurden, die bei unseren Besuchen keine Verhaltensstörungen zeigten, bestätigte zudem unsere Annahme, dass die von uns festgestellte Rate von 24 Tieren durchaus höher sein muss oder kann.

 

Sehen Sie nun hier unsere Videobeweise über das Leiden der Eisbären in den einzelnen deutschen Zoos:

Tierpark Berlin
  • Zoo Berlin
  • Zoo Bremerhaven
  • Zoo Gelsenkirchen
  • Zoo München
  • Zoo Neumünster
  • Zoo Nürnberg
  • Wilhelma Stuttgart
  • Zoo Wuppertal
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