An diesen Verhaltensstörungen leiden Menschenaffen in Zoos

Die Bedürfnisse von Menschenaffen sind so komplex, dass ihnen kein Zoo einen artgerechten Lebensraum bieten kann. Häufig leiden Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans in Zoos deshalb unter schweren Verhaltensstörungen. Zum Teil verabreichen Zoos den Tieren Psychopharmaka, damit sie die lebenslange Gefangenschaft überhaupt ertragen und ihr Leid den Besuchern weniger auffällt.

Apathie, Selbstverstümmelung, Verzehr von Exkrementen und Erbrochenem – so äußert sich das seelische Leid bei Menschenaffen in Zoos

Primatologen zufolge können unsere nächsten Verwandten die Ausweglosigkeit ihrer Situation in Gefangenschaft erkennen und daran regelrecht verzweifeln. Die Enge und Beschäftigungslosigkeit sowie fehlende Rückzugsmöglichkeiten vor der ständigen Belästigung durch lärmende, starrende Besucher sind eine große seelische Belastung. [1-2] Viele Menschenaffen entwickeln deshalb Verhaltensstörungen: sie verletzen sich selbst, essen ihre Exkremente oder ihr Erbrochenes, wippen mit dem Körper hin und her oder reißen sich die Haare aus.

Einer Studie der Universität Kent zufolge, die in sechs akkreditierten Zoos in Großbritannien und den USA durchgeführt wurde, zeigten alle 40 Schimpansen mindestens eine Form von abnormalem Verhalten. [3] Auch bei einer großangelegten Untersuchung aller deutschen Zoos mit Menschenaffenhaltung in 2014 wies jedes zweite erwachsene Tier Anzeichen von Verhaltensstörungen auf, darunter Bewegungsstereotypien, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen oder Apathie. [4] Dies zeigt, dass das Auftreten von abnormalen Verhaltensweisen kein Einzelfall, sondern die Regel ist – selbst in vermeintlich großen Zoos, die den internationalen Dachverbänden angehören. Ausschlaggebend für das Leid der kognitiv hoch entwickelten Menschenaffen ist hierbei die Gefangenschaftssituation an sich, und nicht die konkreten Haltungsbedingungen.

Verhaltensstörungen bei Menschenaffen: Normalität in Zoos

Zu den am häufigsten in Gefangenschaft auftretenden Verhaltensstörungen gehören das Essen der eigenen Exkremente (auch bezeichnet als „Koprophagie“) und das Hochwürgen von Nahrung, gefolgt von der Wiederaufnahme des Erbrochenen (auch bezeichnet als „Regurgitation and Reingestion“). [5] Diese Verhaltensweisen sind in Gefangenschaft allgegenwärtig; im Vergleich zum natürlichen Verhalten in der Wildnis sind sie jedoch abnormal und treten dort nur selten oder nie auf. [6] Bei einer Erhebung in 56 nordamerikanischen Zoos und Primatenzentren mit insgesamt 206 Gorillas in Gefangenschaft zeigte die Mehrheit der Tiere diese abnormalen Verhaltensweisen: 56 Prozent aßen ihren Kot und 68 Prozent ihr Erbrochenes – teilweise sogar mehrmals am Tag. Dabei waren sogenannte „Wildfänge“ häufiger betroffen als in Gefangenschaft geborene Tiere.[6] Auch bei Schimpansen ist das Essen der eigenen Exkremente die am häufigsten auftretende Verhaltensstörung.[3] [7]

Krankmachende Langeweile

Forscher vermuten, dass die ständige Langeweile bei Menschenaffen in Gefangenschaft eine große Rolle für das Auftreten von abnormalem Verhalten spielt. Denn in der Natur verbringen die Tiere einen Großteil des Tages mit der Nahrungssuche und -aufnahme. Durch die meist gleichbleibenden, seltenen Fütterungszeiten im Zoo lässt sich das angeborene Bedürfnis nach ausgiebiger Bewegung und Beschäftigung nicht befriedigen. Das Essen von Kot oder Erbrochenem könnte damit in Zusammenhang stehen, dass dadurch die Zeit künstlich verlängert wird, in der die Tiere essen können.[5]

Auch das soziale Umfeld spielt eine große Rolle: Von Hand aufgezogene Orang-Utans leiden wesentlich häufiger an Stereotypien (15 Prozent) im Vergleich zu von der Mutter aufgezogenen Individuen (2 Prozent) [8]. Zudem können Transfers zwischen Zoos und der damit verbundene Wechsel der Sozialgruppen Stress und psychisches Leid auslösen [9]: So begann Gorilla-Dame Roselii im Wuppertaler Zoo, sich selbst am Fuß zu verletzen, nachdem sich das Sozialgefüge der Gruppe durch Hinzukommen eines neuen Tiers verändert hatte. [10] 

Gorilla Vimoto im Zoo Wuppertal mit selbst zugefügten Verletzungen an den Händen.

Was tun Zoos dagegen? Psychopharmaka-Gabe soll Verhaltenssauffälligkeiten kaschieren

Statt einzusehen, dass Menschenaffen in Gefangenschaft leiden, und die Zurschaustellung der Tiere zu beenden, setzen Zoos auf andere Mittel: Um unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken und Zoobesuchern den traurigen Anblick verhaltensgestörter Tiere zu ersparen, dröhnen viele Einrichtungen die Tiere mit Psychopharmaka zu. [11] Den Menschenaffen im Zoo werden Antidepressiva oder Beruhigungsmittel wie Valium oder Diazepam verabreicht, die auch beim Menschen bei Zwangserkrankungen, Unruhe oder Angstzuständen verschrieben werden.

Das Gesamtausmaß des Problems ist unbekannt, da sich Zoos nicht öffentlich dazu äußern, wie häufig Psychopharmaka eingesetzt werden, um Verhaltensauffälligkeiten zu kaschieren. Eine veterinärmedizinische Untersuchung zur medikamentösen Ruhigstellung von Gorillas in Zoos weist jedoch darauf hin, dass die Zoo-Verantwortlichen nicht nur bei medizinisch notwendigen Behandlungen in den Medikamentenschrank greifen, sondern dass auch Stereotypien, Selbstverstümmelungen oder aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen regelmäßig durch den Einsatz von Psychopharmaka unterdrückt werden:

„Der Einsatz oben genannter Seelentröster aus der Neurochemie (…) stand oft im Zusammenhang mit dem Ziel einer Stressreduktion wie z. B. bei vorhandener stressbedingter Unruhe, Nervosität, Erregung, Aggression sowie Angst. Sie wurden verabreicht zum Eindämmen auftretender Trichotillomanie (Anmerkung: Ausreißen der Haare), Automutilation (Anmerkung: Selbstverletzung), stereotypen Verhaltensmustern wie Ohrenzuhalten, Ausrupfen von Haaren beim Jungtier durch die Mutter u. a. Stereotypien.“ [12]

Veterinärmedizinerin K. Alexandra Dörnath

PETA setzt sich dafür ein, dass alle deutschen Zoos ihren Einsatz von Psychopharmaka offenlegen müssen – nicht zuletzt, da die meisten städtischen Zoos erheblich aus öffentlichen Geldern bezuschusst werden.

Was Sie tun können

PETA fordert ein Nachzucht- und Importverbot für Menschenaffen in Zoos, damit die Haltungen mittelfristig auslaufen. Bitte besuchen Sie keine Zoos und klären Sie Freunde und Familie über das seelische Leid auf, das unsere nächsten Verwandten in Zoo-Gefangenschaft erleben.

  • Quellen

    [1] Edinburgh Evening News (2020): Large crowds and flashing cameras make chimps ‚anxious‘, study finds, https://www.edinburghnews.scotsman.com/news/large-crowds-and-flashing-cameras-make-chimps-anxious-study-finds-1355774

    [2] Wells, D. (2005): A note on the influence of visitors on the behaviour and welfare of zoo-housed gorillas, Applied Animal Behaviour Science 93. 13-17. 10.1016/j.applanim.2005.06.019

    [3] Birkett L.P. & Newton-Fisher N.E. (2011): How Abnormal Is the Behaviour of Captive, Zoo-Living Chimpanzees? PLoS ONE 6(6): e20101. doi:10.1371/journal.pone.0020101

    [4] Goldner, C. (2014): Lebenslänglich hinter Gittern (S.213-216), Aschaffenburg

    [5] Wallace, E. et al. (2019): Exploration of potential triggers for self-directed behaviours and regurgitation and reingestion in zoo-housed chimpanzees. Applied Animal Behaviour Science. 221. 104878. 10.1016/j.applanim.2019.104878

    [6] Akers, J. & Schildkraut, D. (1985): Regurgitation/Reingestion and coprophagy in captive gorillas. Zoo Biology 4. 99-109. 10.1002/zoo.1430040203.

    [7] Jacobson, S. et al. (2016): Characterizing abnormal behavior in a large population of zoo-housed chimpanzees: Prevalence and potential influencing factors. PeerJ. 4. 10.7717/peerj.2225. https://peerj.com/articles/2225/

    [8] Cocks, L. (2007): Factors Influencing the Well-Being and Longevity of Captive Female Orangutans. International Journal of Primatology. 28. 429-440. 10.1007/s10764-007-9117-9.

    [9] European Association of Zoos and Aquaria (2009): Das Forschungspotential in Zoos und Aquarien, S. 95-96: Gruppenbildung bei Primaten, online unter: https://www.zoovienna.at/media/uploads/dokumente/eaza.pdf

    [10] Falk, K. (2014): Tierschutz – Einsatz von Psychopharmaka in zoologischen Gärten. Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV), 15.12.2014

    [11] WELT (04.05.2014): Die Tiere in deutschen Zoos stehen unter Drogen, https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article127612535/Die-Tiere-in-deutschen-Zoos-stehen-unter-Drogen.html

    [12] Dörnath, K.A. (2014): Immobilisierungsverfahren sowie medikamentöse Ruhigstellung beim Gorilla (S. 87-89), Dissertation an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, mbv Berlin