Animal Times - 2. Ausgabe 2019

Liebe Leserinnen und Leser der Animal Times,

seit dem Jahr 2002 ist der Tierschutz als Staatsziel im deutschen Grundgesetz verankert. Das Tierschutzgesetz schreibt vor, dass niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Was jedoch im konkreten Fall als solch ein „vernünftiger Grund“ akzeptiert wird, führt die ganze Gesetzgebung ad absurdum.
 
Beispielhaft hierfür sind die juristischen Bestimmungen zur betäubungslosen Ferkelkastration (wir berichteten in der letzten Ausgabe). Jedes Jahr werden deutschlandweit etwa 20 Millionen männliche Ferkel dieser schmerzhaften Prozedur unterzogen. Hierdurch soll der sogenannte Ebergeruch vermieden werden, der während des Bratvorgangs bei einem geringen Prozentsatz des Fleisches männlicher Schweine entsteht. Eigentlich war mit der Änderung des Tierschutzgesetzes im Jahr 2013 beschlossen worden, dass die betäubungslose Ferkelkastration nach einer 5-jährigen Übergangsfrist ab dem 1. Januar 2019 in Deutschland verboten sein soll. Doch auf Druck von Interessenverbänden der Schweinehalter und lobbynahen Politikern wurde die Frist Ende letzten Jahres um weitere zwei Jahre verlängert. Der Grund: Die Schweinezucht in Deutschland solle wirtschaftlich und konkurrenzfähig bleiben. Angeblich gebe es keine Alternativen, die praxistauglich – im Sinne von wirtschaftlich – seien.

PETA verurteilt die Entscheidung der Politik nicht nur aufs Schärfste, sondern erachtet sie auch als verfassungswidrig. Inzwischen wird unsere Einschätzung auch durch ein offizielles Gutachten von Prof. Dr. iur. Anne Peters, Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, und ihrem Assistenten und Rechtsassessor Julian Arnold bestätigt. In diesem Gutachten, das wir auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vorgestellt haben, werden gleich mehrere Verstöße gegen die Verfassung festgestellt: Zum einen wurde das Staatsziel Tierschutz offensichtlich verkannt und im Vergleich zu den Interessen der Landwirtschaftsunternehmer zu gering gewichtet. Zum anderen hat der Gesetzgeber die Tatsachen nicht richtig ermittelt und die vorhandenen Alternativen nicht ausreichend geprüft. Denn tatsächlich gibt es sehr wohl andere Verfahren als die betäubungslose Ferkelkastration, die den Tieren Leid ersparen könnten und dieselbe oder sogar eine bessere ökonomische Bilanz vorweisen: die Impfung mit dem Wirkstoff Improvac und die sogenannte Ebermast, bei der die Schweine unkastriert heranwachsen und das vom "Ebergeruch" betroffene Fleisch am Ende aussortiert wird.
 
Unabhängig davon, dass also bei der Bestimmung der „vernünftigen Gründe“ für die Fristverlängerung der betäubungslosen Ferkelkastration von falschen Annahmen ausgegangen wurde, frage ich mich: Wie ist es möglich, dass ein Gesetz, das das Staatsziel Tierschutz befördern soll, so tierschutzwidrig interpretiert werden darf? Wirtschaftliche Gründe können keine Gründe sein, die es rechtfertigen, nur wenige Tage alten Ferkeln ohne Betäubung die Haut über den Hodensäcken aufzuschneiden, ihre Hoden herauszudrücken und die Samenstränge zu durchtrennen oder einfach abzureißen. Den Geschmack von Fleisch zu mögen, kann kein Grund sein, der es rechtfertigt, sensible Lebewesen, die Angst und Schmerz empfinden, zu töten. Wer einem Tier „ohne vernünftigen Grund“ keine Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen will, der lebt vegan. Ansonsten handelt es sich nur um leere Worthülsen.


Für alle Tiere,

Harald Ullmann

Vorstand
PETA Deutschland e.V.