Die Top 5 und die Flop 5 der deutschen Veterinärämter 2020

Veterinärämter sind für die Überwachung und den Vollzug des Tierschutzgesetzes in Deutschland zuständig. Wir von PETA Deutschland melden den Behörden jeden Monat zahlreiche Fälle von Tierquälerei und kontrollieren, ob und wie die Behörden daraufhin im Sinne des Tierschutzgesetzes tätig werden. Während wir in vielen Fällen in kooperativer Zusammenarbeit mit Amtstierärzten sehr gute Erfolge für die Tiere erzielen konnten, gibt es noch immer viel zu viele Behörden, die das Tierschutzgesetz und die entsprechenden Verordnungen und Richtlinien nicht umsetzen. Ein Grundproblem: Es fehlt eine neutrale Aufsichtsbehörde, die schlecht arbeitende Amtstierärzte kontrolliert und maßregelt.
Das folgende Ranking umfasst Veterinärämter, die im Jahr 2020 aus unserer Sicht besonders positiv oder besonders negativ aufgefallen sind.

Anmerkung: Es wird jeweils die gesamte Behörde genannt, auch wenn einzelne Amtstierärzte oftmals positiv oder negativ hervorstachen.

Die Top 5 der deutschen Veterinärämter

  • 1. Veterinäramt Stadt Pforzheim

    Im November 2020 wurden wir auf einem Internetportal für exotische Tiere auf das Verkaufsangebot eines streng geschützten Weißhandgibbons aufmerksam. Gemeinsam mit dem SWR ermittelten wir in diesem Fall und verhandelten über längere Zeit mit dem Verkäufer, der das etwa eineinhalb Jahre alte Affenkind Jimmy unter dubiosen Umständen vom bayerischen Vogelpark Irgenöd erhalten hatte und seitdem unter völlig mangelhaften Bedingungen bei sich zuhause aufbewahrte. Anfang Dezember sollte Jimmy auf einem Supermarktplatz in Pforzheim für 13.000 Euro an vermeintliche Käufer übergeben werden. In einem gemeinsam mit der Veterinärbehörde der Stadt Pforzheim und der Polizei vorbereiteten Einsatz konnte der Verkäufer überführt und der streng geschützte Primat beschlagnahmt werden. Jimmy befindet sich mittlerweile in einer Auffangstation für exotische Tiere in München, wo ein dauerhafter Platz mit Artgenossen für ihn gesucht wird. Das beherzte Eingreifen der Amtsveterinäre beschert der Behörde einen Platz unter den Top 5 der besten Veterinärämter 2020.

    Weisshandgibbon in einer Transportbox

    Ein skrupelloser Händler wollte den kleinen Affen Jimmy auf einem Supermarktparkplatz verkaufen.

  • 2. Veterinäramt Rhein-Sieg-Kreis

    Ein Landwirt aus Hennef wurde im November 2020 nach Strafanzeige von uns wegen massiver Verstöße gegen das Tierschutzgesetz vom Amtsgericht Siegburg zu einer Geldstrafe verurteilt. Auf Fotos und Videos war zu sehen, wie Rinder in bauchhohen Exkrementen einsanken. Teilweise waren sie verletzt und wurden nicht behandelt. Zahlreiche Enten hatten keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trink- und Badewasser. Das zuständige Veterinäramt des Rhein-Sieg-Kreises griff ein und ordnete eine Auflösung der Tierhaltung an. Durch das große Engagement der Whistleblowerin konnten von den 19 Rindern 13 Tiere vor dem Schlachttermin freigekauft und an den Tierschutzverein Rüsselsheim vermittelt werden. Für sechs Rinder kam die Hilfe zu spät, sie wurden getötet. Das beherzte Eingreifen der Amtsveterinäre und die sachgerechte Zeugenaussage vor dem Amtsgericht Siegburg sicherte der Behörde einen Platz unter den Top 5 der besten Veterinärämter 2020.

    Kuhstall Hennef

    Die Rinder standen bis zum Bauch in Matsch und Fäkalien.

  • 3. Veterinäramt Landkreis Passau

    Über eine Whistleblower-Meldung wurden wir im März 2020 auf eine sogenannte Animal Hoarderin aufmerksam, die in Windorf im Landkreis Passau unter anderem Pferde, Hunde, Katzen, Fische und Hühner unter tierschutzwidrigen Bedingungen hielt. Sogar vor den Augen der Ermittler malträtierte die Halterin einige Tiere. Einen sterbenden Hahn überließ sie einfach sich selbst und tauchte Hunde zum „Baden“ in eiskaltes Wasser. Um die Vierbeiner aus ihrem Zwinger zu holen, riss sie an Ohren und Schwanz der Tiere. Ende Mai beschlagnahmte das Veterinäramt des Landkreises Passau unter massiven Drohungen der Halterin sämtliche Tiere aus der Obhut der Angezeigten und übergab sie einem lokalen Tierheim. Durch das engagierte Eingreifen verdienten sich die Amtsveterinäre eine Platzierung unter den Top 5.

    Verschiedene Tiere einer Animalhorderin

    Auf dem verwahrlosten Grundstück der Züchterin mussten die Tiere seit Jahren unter grauenvollen Zuständen leiden.

  • 4. Veterinäramt Rhein-Erft-Kreis

    Im September 2020 wurden wir auf eine Online-Anzeige aufmerksam, in der ein kleiner Weißbüschelaffe zum Kauf angeboten wurde. Als Interessenten getarnt gelang es einer PETA-Ermittlerin zusammen mit der Tierschutzdetektivin Judith Pein, die mangelhafte Haltung zu dokumentieren: Der Affe Gucci wurde seit über einem Jahr größtenteils in einem Vogelkäfig im Wohnzimmer der Familie gehalten und deren Angaben zufolge unter anderem mit Bier, Wurst und Nudeln ernährt. Das Rechercheteam informierte umgehend das zuständige Veterinäramt Rhein-Erft-Kreis, das sofort eingriff und den kleinen Primaten mit Unterstützung des Tierheims Bergheim aus der Wohnung holte. Mittlerweile hat Gucci einen Platz im Brückenkopf-Park Jülich gefunden, wo er gemeinsam mit Artgenossen lebt. Danke, Rhein-Erft-Kreis!

    Weißbüschelaffe in einem Vogelkäfig

    Der Weißbüschelaffe wurde in Einzelhaft in einem kleinen Vogelkäfig gehalten.

  • 5. Veterinäramt Landkreis Bad Kissingen

    Im Dezember 2020 erreichte uns ein Hilferuf aus dem bayerischen Schondra-Schönderling: Unzählige Fische rangen in einem See mit dem Tod, darunter Karpfen und Goldfische. Einige Leichen trieben dem Augenzeugen zufolge schon an der Wasseroberfläche. Offenbar waren verschiedene Tiere in dem See ausgesetzt worden und hatten sich das Jahr über stark vermehrt. Den Winter hätten die Fische wahrscheinlich nicht überlebt. Wir baten das Kreisveterinäramt in Bad Kissingen um Hilfe, und kurz vor Weihnachten kam die erlösende Nachricht: Die Fische wurden von der Behörde aus ihrer misslichen Lage gerettet. Die Karpfen wurden vom Forstbetrieb umgesiedelt und die Goldfische in einem Wildpark untergebracht. Die Behördenmitarbeiter aus Bad Kissingen haben bei diesem dringenden Fall kurz vor Weihnachten erstklassige Arbeit geleistet!

    Fischteich

    In diesem See rangen unzählige Fische mit dem Tod.

Die Flop 5 der deutschen Veterinärämter

  • 1. Veterinäramt Landkreis Aurich

    Trotz eines Verbotserlasses der niedersächsischen Landesregierung im Sommer 2020 und verschiedener trauriger TV-Reportagen über die Tierquälerei bei Langstrecken-Tiertransporten genehmigte das Veterinäramt des Landkreises Aurich auch 2020 wieder zahlreiche solcher Rindertransporte. ARD-Recherchen zufolge hat sich der Landkreis Aurich bundesweit zu einem Schlupfloch für die Abfertigung in Länder außerhalb der EU entwickelt und wird von Transporteuren offenbar bewusst angesteuert, da die Genehmigungspraxis hier offenbar besonders lax ist. [1] Wir forderten das Veterinäramt wiederholt auf, die Abfertigung der Transporte zu unterlassen, weil die Nichteinhaltung gesetzlicher Bestimmungen regelmäßig absehbar ist – doch leider erfolglos. Daher hoffen wir, dass diese Negativauszeichnung zu einem Umdenken bei den Verantwortlichen führt.

  • 2. Veterinäramt Landkreis Nordhausen

    Schon 2019 bot sich bei einer Züchterin von Landseer-Hunden ein Bild des Grauens: Mehrere Hunde und dutzende weitere Tiere, darunter Hühner, Schafe, Kaninchen und Enten, wurden unter furchtbaren Bedingungen in einem Schrebergarten im thüringischen Bleicherode gehalten. Doch trotz unserer Anzeige und Vor-Ort-Kontrollen durch das Veterinäramt Nordhausen änderte sich auch 2020 kaum etwas an den Missständen. Auch die Übermittlung von neuen traurigen Aufnahmen im April führte nicht zur Beendigung der Tierhaltung.

    kranker Hund mit verletzten Augen

    Die Hunde litten neben Krankheiten und der Enge und Eintönigkeit, auch an mangelndem Auslauf und Sozialkontakten.

    Ein weiterer Fall von Hundequälerei sorgte im Juli 2020 im Landkreis Nordhausen für Schlagzeilen: Kinder schlugen dem hilflosen Familienhund über 20 Mal mit einem Metallnapf auf den Kopf. Anstatt das Tier sofort aus der leidvollen Situation zu retten, wurden jedoch lediglich tierärztliche Untersuchungen angeordnet. Bei den Untersuchungen, bei denen auch die Leiterin der Veterinärbehörde anwesend war, wurden demnach keine Hinweise auf Verletzungen oder Verhaltensauffälligkeiten festgestellt. Dies führte zur Einstellung unserer Strafanzeige. Das Veterinäramt Nordhausen wurde daher für das Jahr 2020 in die Flop 5 aufgenommen.

  • 3. Veterinäramt Landkreis Rottweil

    Im Oktober 2020 haben wir bei der Staatsanwaltschaft Rottweil Strafanzeige gegen einen Landwirt in Zimmern erstattet, der Rinder in dauerhafter Anbindung hält. Bei dieser Haltungsform sind die Tiere mit Ketten oder anderen Vorrichtungen am Hals festgebunden und können sich nicht einmal umdrehen – so müssen sie teilweise jahrelang an einem Platz ausharren. Bei mehreren Kontrollen durch die Kreisveterinäre wurden zwar kleinere Mängel beanstandet, die tierquälerische Anbindehaltung wurde jedoch nicht beendet. Im Sommer 2020 waren der Landwirt sowie das Veterinäramt bereits wegen länger anhaltender Missstände bei der Schweinehaltung in der Kritik, die erst infolge einer ARD-Reportage aufgelöst wurde. Somit ist das Veterinäramt in Rottweil dieses Jahr unter den Flop 5 zu finden.

  • 4. Veterinäramt Stadt Krefeld

    Seit der tragischen Brandnacht im Krefelder Zoo am 1. Januar 2020 werden die beiden überlebenden Schimpansen Bally und Limbo in einem provisorischen Gehege untergebracht. Die vorgeschriebene Mindestgröße des Geheges wird dabei um rund 90 Prozent unterschritten. Ein Außengehege haben sie nicht. Trotz wiederholter öffentlicher Kritik mehrerer Tierschutzorganisationen in den vergangenen Monaten ist ein Ende dieser Qualhaltung nicht in Sicht. Da nach über einem Jahr nicht mehr von einer Übergangssituation gesprochen werden kann, hätte das Krefelder Veterinäramt längst bessere Haltungsbedingungen oder eine Abgabe der Tiere an eine Primaten-Auffangstation verfügen müssen. Ein entsprechendes Angebot wurde jedoch abgelehnt.

  • 5. Veterinäramt Landkreis Bad Dürkheim

    Seit 2016 werden in Grünstadt im Landkreis Bad Dürkheim mehrere teils wild gefangene Haie und andere Meerestiere provisorisch zwischengelagert. Gedacht sind die Tiere für das Shark City-Projekt, eine Art Hai-Zoo. Wir haben im Juni 2020 eine Anfrage nach dem Landestransparenzgesetz Rheinland-Pfalz mit tierschutzrelevanten Fragen an das Veterinäramt gestellt. Die Behörde nimmt seitdem eine regelrechte Blockadehaltung ein: Mit der nicht näher untermauerten Behauptung, es würde sich bei den begehrten Informationen „größtenteils“ um Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse handeln, wurde die Erteilung fast aller Auskünfte pauschal abgelehnt. Einen von uns im September eingereichten Widerspruch sowie mehrere Nachfragen des mittlerweile eingeschalteten rheinland-pfälzischen Landesdatenschutzbeauftragten mit konkreter Fristsetzung ließ die Behörde in der Sache bisher unbeantwortet. Aufgrund seiner Blockadehaltung ist das Veterinäramt unter den Flop 5 zu finden.

Was Sie tun können

Bitte melden Sie Missstände und Tierquälerei konsequent der zuständigen Veterinärbehörde Ihrer Stadt oder Ihres Landkreises. Fassen Sie Ihre Beobachtungen detailliert und sachlich zusammen. Fertigen Sie möglichst Bild- und Videomaterial an. Nach Ihrer Meldung beim Veterinäramt sollten Sie unbedingt so lange nachfassen, bis der Missstand beseitigt ist (Fallbericht). Das kann ermüdend sein, ist aber die einzige Chance für das jeweilige Tier!