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Laborfleisch – das Nahrungsmittel der Zukunft

Ein Kommentar von Ingrid E Newkirk, Gründerin und Präsidentin von People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) USA

Stand Oktober 2013
Vor Kurzem bot sich einer ausgewählten Runde von Wissenschaftlern, Medienvertretern und Gastronomen die geschichtsträchtige Gelegenheit, im Rahmen einer Kostprobe sogenanntes In-Vitro-Fleisch, auch Laborfleisch genannt, zu probieren. Unter der Leitung des Biowissenschaftlers Dr. Mark Post von der niederländischen Universität Maastricht konnten die Anwesenden der Testrunde erstmals in einen Burger beißen, der aus Muskelstammzellen von Rindern im Labor entwickelt worden war. Für viele überraschend mag in diesem Zusammenhang die Tatsache sein, dass die Entwicklung von In-Vitro-Fleisch in verschiedenen Ländern, wenn auch nicht für dieses spezielle Projekt, unter anderem von PETA USA finanziell gefördert wird.

 

Warum aber sollte ausgerechnet PETA USA die Produktion von Fleisch finanzieren?

Nun, aus genau dem gleichen Grund, aus dem Bill Gates auch Unternehmen sponsert, die Fleischersatzprodukte auf Sojabasis herstellen: Denn wenn wir die globalen Treibhausgas-Emissionen senken, den Klimawandel bremsen und gleichzeitig genügend Nahrungsmittel für die wachsende Weltbevölkerung produzieren möchten, dann muss die Fleischproduktion in Zukunft von Grund auf verändert werden. Das Hauptinteresse von PETA USA liegt dabei natürlich auf dem Schutz der Tiere und der Abschaffung von Tierleid in jeglicher Form. Und so haben wir unsere Abneigung gegen den Fleischverzehr zugunsten dieses höheren Ziels überwunden und setzen uns aktiv zur Förderung der bahnbrechenden Technologie des In-Vitro-Fleisches ein, die das Leben von Abermilliarden von Tieren verbessern könnte.

 

Ingrid E Newkirk
Kultiviertes Fleisch wird im Grunde aus dem gleichen tierischen Gewebe hergestellt, aus dem auch herkömmliches Fleisch besteht. Doch das künstlich gezüchtete Fleisch wächst nicht im Körper eines Tieres heran, sondern in einer nährstoffreichen, keimfreien Umgebung, wie sie etwa auch bei der Herstellung von kultiviertem Joghurt oder beim Anbau von Gemüse in der Hydrokultur gegeben ist. In-Vitro-Fleisch kann in riesigen, meterhohen Bioreaktoren, sogenannten „Fleischereien“, gezüchtet werden. Damit entfällt jegliche Notwendigkeit zur weiteren Abholzung von Wäldern, um Anbauflächen für Tierfutter zu schaffen. Schätzungen von Wissenschaftlern der US-amerikanischen Forschungs- und Bildungseinrichtung Smithsonian Institution in Washington, D.C., zufolge werden weltweit jede Minute 36 Fußballfelder Waldfläche für den Anbau von Tierfutter und die Intensivtierhaltung allgemein gerodet. Ein Ende der Entwaldung hätte daher tiefgreifende Auswirkungen im Hinblick auf die Eindämmung des globalen Klimawandels.

Doch die Herstellung von kultiviertem Fleisch bietet noch weitere Vorteile im Hinblick auf die klimatischen Veränderungen. Wie allgemein bekannt ist, gehören Kohlendioxid, Stickoxid und Methan zu den Hauptverursachern der globalen Erwärmung. Die Intensivtierhaltung für die Fleisch-, Milch- und Eierproduktion ist hierbei eine der Hauptquellen für den Kohlendioxidausstoß und die unbestritten größte Quelle für Methan- und Stickoxidemissionen. Der Anbau von Unmengen an Futtermitteln für die Tiere in der Intensivtierhaltung, die anschließende Tötung dieser Tiere sowie die Verarbeitung, der Transport und die Lagerung ihres Fleisches erfordern gewaltige Mengen an fossilen Brennstoffen, die wiederum enorme Kohlendioxidemissionen verursachen. Darüber hinaus entsteht beim Verdauungsvorgang der Abermilliarden von Tieren in der Intensivtierhaltung das Treibhausgas Methan. In ungezählten Jauchegruben zersetzt sich die Gülle dieser Tiere und verursacht die unglaubliche Menge von 65 Prozent der weltweiten Stickoxidemissionen. Schätzungen von Wissenschaftlern zufolge lassen sich durch die Massenproduktion von In-Vitro-Fleisch die Treibhausgasemissionen gegenüber der konventionellen Intensivtierhaltung um 78 bis 96 Prozent senken.

Trotz der riesigen Landflächen und der enormen Mengen an Wasser und fossilen Brennstoffen, die die Tierhaltung zur Fleischproduktion erfordert, leiden weltweit noch immer knapp 1 Milliarde Menschen an Unterernährung. Der Grund dafür liegt in der Ineffizienz der Fleischproduktion, denn für lediglich ein Kilo Fleisch müssen rund 10 Kilo Getreide verfüttert werden. Da Laborfleisch im Gegensatz zu Tieren nicht gefüttert werden muss, könnten die enormen Getreidemengen, die bislang als Tierfutter verwendet werden, direkt zur Ernährung von Menschen beitragen und damit die weltweite Hungersnot lindern. Wir müssen diese Veränderung nur wollen.

In-Vitro-Fleisch wird in sterilen Labors gezüchtet und ist damit für den menschlichen Verzehr weitaus unbedenklicher als herkömmliches Fleisch. Dank des keimfreien Umfelds, in dem das Fleisch heranwächst, entfällt jegliches Risiko einer Infizierung mit Bakterien, wie beispielsweise E. coli, Campylobacter-Bakterien oder Salmonellen, wie dies in den verschmutzten Anlagen der Intensivtierhaltung der Fall ist. In einem In-Vitro-Labor können sich im Gegensatz zur Intensivtierhaltung oder zu Tiermärkten weder BSE noch Geflügelpest oder Vogelgrippe ausbreiten. Auch ist In-vitro-Fleisch nicht mit Antibiotika-Rückständen belastet, wie dies bei einem Großteil des herkömmlichen Fleisches von Tieren aus der Intensivtierhaltung der Fall ist. In der Intensivtierhaltung werden die Tiere auf engstem Raum zusammengepfercht und müssen häufig in ihren eigenen Exkrementen leben. Nur mit massiven Gaben von Antibiotika lassen sich die Tiere unter diesen unerträglichen Bedingungen überhaupt am Leben halten. Bereits Anfang des Jahres warnte die leitende Ärztin des englischen Gesundheitsministeriums, Professor Dame Sally Davies, vor den Gefahren, die die zunehmende Antibiotikaresistenz für den Menschen darstelle und bezeichnete sie als eine „tickende Zeitbombe“. Bei Laborfleisch entfällt das Risiko der Antibiotikaresistenz naturgemäß vollständig.

Neben den vorgenannten Aspekten ist die konventionelle Intensivtierhaltung zudem unweigerlich mit erheblichem Leid für die Tiere verbunden, die ein Leben in drangvoller Enge führen, verstümmelt werden (z. B. Schnabelkürzen bei Hühnern) und einen oftmals langsamen und qualvollen Tod im Schlachthof erleiden. Hühner und Puten werden bei der Schlachtung kopfüber an ihren gebrechlichen Beinen in Förderbänder eingehakt, bevor ihnen mit Messerklingen die Kehle durchgeschnitten wird. Viele Tiere sind noch bei vollem Bewusstsein, wenn sie in den siedend heißen Brühkessel eingetaucht werden, wo sie abgebrüht und gerupft werden. Berichten von staatlichen Kontrollbehörden zufolge sind auch unzählige Schweine noch am Leben und schreiend gellend, wenn sie zum Entfernen der Haare und Einweichen der Haut in den Brühkessel versenkt werden. Aufgrund inkorrekter Betäubungstechniken sind auch zahlreiche Kühe noch bei vollem Bewusstsein, wenn ihnen die Kehle durchgeschnitten und ihr Körper zerlegt wird.

Die In-vitro-Technologie hat das Potenzial, diesem unsäglichen Tierleid ein Ende zu bereiten. Sie kann in hohem Maße dazu beitragen, der anhaltenden Umweltzerstörung ein Ende zu setzen, den Welthunger zu lindern und die Lebensmittelversorgung der Menschheit zu sichern. Wer sollte eine solche Entwicklung nicht unterstützen wollen?