Spenden
 »  »  »  »  » Ein Blick hinter die Kulissen der Wollindustrie

Ein Blick hinter die Kulissen der Wollindustrie

 
Banner
 
 
Empfohlene Beiträge
Stand August 2017

Schafe in der Welt

Wir teilen unseren Planeten mit rund 1 Milliarde Schafe. Obwohl ein Großteil der Tiere in Asien lebt, ist Australien mit 73 Millionen geschorener Schafe im Jahr (Stand 2016) das größte Exportland für Wolle und produziert rund 25 Prozent des gesamten Wollaufkommens. (1) Weitere große Wollexporteure sind China und Neuseeland. Für ihr Fleisch und ihre Wolle werden Schafe auf der ganzen Welt massenhaft gezüchtet, wobei das Wesen des einstigen Wildschafes (Mufflon) massiv verändert und den menschlichen Zwecken angepasst wurde.
 

Die Folgen der Überzüchtung

Wolle wurde einst gewonnen, indem man die Haare der Schafe in der Zeit ihres natürlichen Fellwechsels auszupfte. Um das Tier nutzbar zu machen, züchtete der Mensch dem Wildschaf diesen Fellwechsel weg. Nach der Erfindung des Schermessers wurde den Tieren zudem ein ständiges Vlieswachstum angezüchtet, um möglichst viel weiche Unterwolle nutzen zu können. (2) Das Schaf wurde durch die nun notwendige Schur vom Menschen abhängig gemacht. Bei vorzeitigen Hitzewellen können die Tiere durch ihr unnatürlich starkes Haarwachstum an Hitzschlag sterben. Schert man zu früh, besteht die Gefahr, dass die Schafe bei unerwarteten Kälteeinbrüchen erfrieren.

Ebenfalls angezüchtet ist der lange Schwanz vieler Schafrassen, der dazu führt, dass der Po- und Anusbereich der Tiere schnell verschmutzt und sich Fliegenmaden in das umliegende Gewebe einnisten können. Anstatt die qualvolle Zucht einzustellen, wird  Lämmern standardmäßig mit einem heißen Brenneisen der Schwanzwirbel abgetrennt oder ein sehr enges Gummiband angebracht, das die Blutzufuhr unterbricht, wodurch der abgestorbene Schwanzteil nach zwei bis drei Wochen abfällt. Beide Methoden sind äußerst schmerzhaft und führen dazu, dass die jungen Schafe immer wieder unruhig aufspringen und sprichwörtlich versuchen, ihren Schmerzen davonzulaufen. (3)

Mit Werkzeugen wie diesen, werden Schafen standardmäßig verstümmelt.

Missstände auf Schaffarmen

Die heutigen Herden bestehen gewöhnlich aus Tausenden von Schafen. Dadurch wird es unmöglich, den individuellen Bedürfnissen der Tiere nachzukommen oder Krankheiten wie Schmeißfliegenbefall, Fußfäule und Infektionen zu behandeln. Durch die mangelnde Pflege sind die Todesraten bei Schafen teilweise extrem hoch und betreffen in Australien bis zu 77 Prozent der neugeborenen Tiere innerhalb einer Herde. Etwa 15 Millionen Lämmer sterben dort jedes Jahr während der Geburt, an qualvollem Hunger oder erfrieren ungeschützt auf der Weide. (4, 5) Ein Grund dafür sind Überzüchtungen, die vor allem die Qualität des Felles im Auge haben und Mehrlingsgeburten mit erhöhten Todesraten fördern.
 
Zudem müssen fast alle Tiere schmerzhafte Standartprozeduren über sich ergehen lassen. Lämmer bekommen meist kurz nach der Geburt eine Ohrmarke, die ihnen mit einem Tacker durch die Haut gestochen wird. Männliche Lämmer werden zudem ohne Betäubung kastriert. Hierfür werden entweder Gummiringe um die Hodensäcke der Lämmer gelegt, um die Blutzufuhr abzutrennen, oder die Samenleiter sowie die angrenzenden Blutgefäße und Nervenstränge werden direkt mit einer Metallzange abgequetscht. Die Tiere laufen aufgrund der Schmerzen oftmals stark gekrümmt, verkriechen sich in Ecken oder können sich nicht ohne Leid bewegen.
 

Die Qualen des Mulesing

Die in Australien meistverbreitete Schafrasse ist das Merinoschaf, eine speziell gezüchtete Rasse mit sehr feiner Wolle. Damit jedes einzelne Tier noch mehr Wolle erzeugen kann, wurde den Merinoschafen eine besonders faltige Haut angezüchtet. In diesen Hautfalten sammeln sich Urin und Feuchtigkeit an – vor allem am Hinterteil. Von der Feuchtigkeit angezogene Fliegen legen in den Hautfalten ihre Eier ab, deren ausgeschlüpfte Larven die Schafe bei lebendigem Leib auffressen. Um einen solchen „Fliegenbefall“ zu verhindern, nehmen australische Farmer an den Jungtieren eine äußerst schmerzhafte Prozedur vor – das sogenannte Mulesing.
 
Beim Mulesing werden den Lämmern ohne Betäubung große Fleischstreifen von den Hinterbeinen und im Bereich des Schwanzes abgeschnitten. Dadurch soll eine glatte, vernarbte Fläche entstehen und der Fliegenbefall vermieden werden. Die Realität zeigt jedoch das genaue Gegenteil. Die offenen, blutigen Wunden der Schafe werden oft noch vor dem Abheilen von Fliegen befallen oder es bilden sich Infektionen. 2016 wurden noch immer 90 Prozent der australischen Schafe durch das Mulesing verstümmelt. (6)
Das Mulesing hinterlässt eine schmerzhafte, offene Fleischwunde. © Patty Mark

Die Tortur der Schur

Auch bei der Schur kommt es häufig zu Verletzungen der Tiere. Schafscherer werden gewöhnlich nicht nach Stunden, sondern nach der Zahl geschorener Schafe bezahlt. Erfahrene Arbeiter scheren bei hoher Geschwindigkeit bis zu 250 Tiere am Tag. Da sich die Fluchttiere gegen die Prozedur wehren, führt das Scheren im Akkord selbst bei erfahrenen Scherern immer wieder zu blutigen Wunden. Eine internationale Undercover-Recherche von PETA USA deckte auf, dass Arbeiter in den USA und in Australien klaffende Wunden einfach vor Ort mit Nadel und Faden vernähten, ohne den Tieren dabei Schmerzmittel zu verabreichen. Tiere wurden während der Schur geschlagen und verstümmelt. Verletzte und unprofitable Schafe wurden vor den Augen ihrer Artgenossen einfach erschossen oder geschlachtet. 2016 wurden Scherer in Australien nach einer Strafanzeige von PETA USA für derartige Misshandlungen erstmals vor Gericht mit einer Geldstrafe und einem Tierhaltungsverbot verurteilt. (7,8)
 
In den letzten Jahren hat sich unter Scherern zudem der Missbrauch von Drogen und Alkohol während der Arbeitszeit zu einem der größten Probleme der australischen Wollindustrie entwickelt. (9) Durch die mangelhafte Sorgfalt der Scherer unter Drogeneinfluss wird die Gesundheit der Schafe zusätzlich gefährdet
Verletzte Schafe auf einem Schurbetrieb in Chile.

Wolle aus Deutschland

Auch in Deutschland berichten Schafhalter von Schlägen, Gewalt oder gar Genickbruch von Schafen bei der Schur. (10) Gewalt und die Vernachlässigung ganzer Herden sind auch hierzulande keine Seltenheit. Verletzte Tiere humpeln über die Weide, schwitzen im Hochsommer unter einer dicken Wolldecke oder scharen sich um leere Wassertröge. PETA hat schon gegen mehrere Schäfer Strafanzeige erstattet.
 
Im internationalen Vergleich produziert Deutschland mit knapp 1,6 Millionen Schafen jedoch sehr wenig Wolle. Da sie zumeist grob und kratzig ist, wird sie oftmals im Ausland zu Filz, Teppichen, Pellets oder Dämmmaterial weiterverarbeitet und nicht in der Bekleidungsindustrie eingesetzt. (11,12) In Deutschland werden vor allem Lämmer für ihr Fleisch und die Lammfellproduktion gezüchtet und geschlachtet, da der Wollverkauf meist unrentabel ist. 2016 wurden 950.000 Lämmer von ihren Müttern getrennt und in deutschen Schlachthöfen getötet. (13) Danach wird ihnen die Haut vom Körper geschnitten und ihr Pelz als Lammfell oder Babydecken verkauft.
 

Lebendexport und Schlachtung

Wenn die Wollproduktion der Schafe nachlässt, werden auch die älteren Tiere mit etwa sechs Jahren zum Schlachten verkauft. Ihre natürliche Lebenserwartung liegt je nach Rasse bei bis zu 20 Jahren. (14) Im Schlachthof erwartet die Fluchttiere eine kahle, fremde Umgebung, in der sie mitansehen müssen, wie ihre Artgenossen an den Vorderbeinen aufhängt werden und ihnen die Kehle durchgeschnitten wird. Bis zu 100.000 Schafe sind allein in Deutschland noch bei vollem Bewusstsein, während sie ausbluten, da die Betäubung per Elektroschock häufig fehlschlägt. (15)
 
Abermillionen Schafe werden jedoch nicht in einem nahegelegenen Schlachthaus getötet, sondern auf Schiffe verfrachtet und auf eine lange, beschwerliche Reise geschickt. Australien ist weltweiter Exportmeister im Lebendtransport von Schafen. Das Verladen und die anschließende Reise auf dem Schiff sind für die Tiere enorm stressig und verursachen Aggressionen und Angst. Dicht gedrängt werden bis zu 75.000 Schafe auf ein Schiff gesperrt. (16) An Bord stehen die Tiere teils mehrere Wochen in ihren eigenen Fäkalien, sind Temperaturen von bis zu 40° Celsius ausgeliefert und bekommen ungewohnte Nahrung in Form von Pellets, die sie häufig ablehnen. Viele Tiere sterben unterwegs an den Folgen eines Hitzeschlags oder erliegen Stress, Traumata und Erkrankungen. (17)
 
Wer die Reise überlebt, endet fast immer in Afrika oder den Ländern des Mittleren Ostens wie Kuwait, Katar und Jordanien. Dort werden die Tiere unter Schlägen und Tritten verladen und zu Schlacht- oder Hinterhöfen gekarrt, wo ihnen ohne Betäubung und mit teils stumpfen Messern die Kehle aufgeschnitten wird. Dieser qualvolle Tod wäre in Australien oder Deutschland illegal und verletzt die Standards der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) über den Umgang, den Transport und das Schlachten von Tieren. (18) Dennoch geht das lukrative Geschäft mit dem Lebendtransport weiter und allein 2015 wurden 1,9 Millionen Schafe von Australien aus verschifft. (19) Jeder Kauf eines Produkts aus australischer Wolle unterstützt dieses grauenvolle Ende der empfindsamen Lebewesen.
 

Weitere Tierarten in der Wollindustrie

Ganz gleich, ob Schafswolle, Angora, Kaschmir, Mohair, Vikunja oder Shahtoosh – die Herstellung von Wolle jeder Art ist für die Tiere mit sehr viel Leid verbunden.
 
Angorawolle stammt von sogenannten Angorakaninchen und kommt zu etwa 90 Prozent aus China. Dort leben die Tiere auf Farmen, wo sie in winzigen Einzelkäfigen, isoliert von ihren Artgenossen, gehalten werden. Alle drei Monate werden die Kaninchen aus ihren Käfigen gezerrt, um ihnen das Fell gewaltsam aus der Haut zu reißen. Undercover-Aufnahmen von PETA Asia zeigen, wie die Kaninchen dabei vor Schmerzen schreien und viele Tiere danach in eine Art Schockstarre verfallen. Zur Schur und zum Rupfen werden die nervösen Fluchttiere gewaltsam an Bretter gefesselt. Dabei erleiden sie nicht nur massive Verletzungen, viele Angorakaninchen auch sterben an Herzversagen. Zwei bis fünf Jahre werden die Tiere auf diese Weise ausgebeutet. Wenn sie nicht mehr profitabel sind, wird ihnen die Kehle durchgeschnitten und ihr Körper verkauft.

Gerupftes Kaninchen auf einer Angorafarm in China. Die Wolle wurde als „artgerecht“ verkauft.

Die schlechte Umweltbilanz von Wolle

Wolle schneidet auch im Hinblick auf die Umwelt enorm schlecht ab. Durch ihre Ausscheidungen produzieren Schafe jede Menge Methan und fördern dadurch die globale Erwärmung. Die massenhafte Zucht der Tiere verschlingt eine Menge Ressourcen in Form von Futtermitteln, Wasser und Land. Abgrasung, Bodenerosion und die Verwandlung ganzer Landstriche in Wüsten sind die Folge dieser intensiven Tierhaltung. Nicht ohne Grund schneidet konventionelle Wolle in ökologischen Vergleichsstudien, die herkömmliche Textilfasern miteinander vergleichen, mitunter am schlechtesten ab. Selbst synthetische Stoffe auf Erdölbasis sind umweltfreundlicher als Wolle. (20,21)
 
Wenig bekannt sind die sogenannten Chemiebäder, durch die viele Schafe zum Schutz vor Parasiten und Pilze gezogen werden. Dabei wird jedes Schaf in einer giftigen Brühe gebadet, die anschließend aufwendig entsorgt werden muss und Böden und Gewässer stark verschmutzt.
 

Alternativen zu Schafswolle

Zum Glück muss außer einem Schaf niemand Wolle tragen. Der Handel bietet heute eine Fülle ausgezeichneter, tierleidfreier Alternativen zu Wolle an. Klassische Stoffe wie Baumwolle, Leinen, Sisal und innovative Materialien wie atmungsaktives Tencel, pflegeleichtes Polyestervlies oder Sojaseide sind nur eine kleine Auswahl des breiten Angebots. Prüfen Sie die Etiketten in Modegeschäften und Strickwarenläden gezielt nach diesen tierfreundlichen Materialien und fragen Sie regelmäßig aktiv bei Herstellern und Händlern nach diesen Produkten.
 
Weitere Informationen rund um tierfreundliche Materialien finden Sie auf veganemode.info

 

Quellen

(1) Australian Wool Innovation Limited (2017): Australien Wool Production Forecast Report. https://www.wool.com/globalassets/start/market-intelligence/wool-production-forecasts/awpfc-forecast-report-2017-april.pdf
(2) Gibson-Roberts, Priscilla (2000): Scandinavian Sheep. Knitters Magazine
(3) Kuhnle, Elena et al. (2017): Lammerkupieren (k)ein Problem? Badische Bauern Zeitung. http://www.badische-bauern-zeitung.de/laemmerkupieren-k-ein-problem
(4) Forbes, Brien D. et. al. (2016): Neonatal lamb mortality: factors associated with the deathof Australian lambs. Animal Production Science. CSIRO Publishing
(5) Neales, Sue (2012): End to the silence about 15 million dead lambs. The Australian. http://www.theaustralian.com.au/news/nation/end-to-the-silence-about-15-million-dead-lambs/news-story/dcfd08eddf63e33380a5f26004c596bf
(6) New Merino (2016): Non-mulesed wool supply. https://newmerino.com.au/mulesing-statistics/
(7) PETA (2016): Victory! World first: shearers charged for abusing sheep. http://www.peta.org.au/news/victory-wool-worker-charged-abusing-sheep/
(8) McFadden, Erin (2017): Shearers fined, barred from sheep after animal cruelty caught on hidden camera. The Age. http://www.theage.com.au/victoria/shearers-fined-barred-from-sheep-after-animal-cruelty-caught-on-hidden-camera-20170331-gvanqm.html
(9) Cunningham, Melissa (2017): Billboard warns: 'Shearing and drugs don't mix'. The Age. http://www.theage.com.au/victoria/billboard-urges-shearers-to-report-drug-use-20170329-gv8ztc.html
(10) Sezgin, Hilal (2014): „Blutige Wolle“, Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 14.07.2014.
(11) Statistisches Bundesamt (2016): Tiere und tierische Erzeugung. Betriebe mit Schafen und Schafbestand für November 2015/2016. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/LandForstwirtschaftFischerei/TiereundtierischeErzeugung/Tabellen/BetriebeSchafBestand.html
(12) Lenk, Joachim (2014): „Wenig Geld für viel Wolle“, Alb Bote. http://www.swp.de/muensingen/lokales/muensingen/Wenig-Geld-fuer-viel-Wolle;art5701,2699085
(13) Statistisches Bundesamt (2017): Fleischerzeugung erreicht im Jahr 2016 erneut Höchstwert. Pressemitteilung Nr. 042 vom 07.02.2017
(14) Weigl, Richard 2005: „Longevity of Mammals in Captivity; from the Living Collections of the World“, Kleine Senckenberg-Reihe 48: Stuttgart.
(15) Bayrische Staatszeitung (2016): Fehlbetäubungen lassen sich "nie gänzlich ausschließen". http://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/landtag/detailansicht-landtag/artikel/fehlbetaeubungen-lassen-sich-nie-gaenzlich-ausschliessen.html
(16) Sibson, Ellie (2017): Live export sheep stressed and seasick in shipping pens, Queensland study finds. ABC. http://www.abc.net.au/news/2017-03-11/live-exports-sheep-stressed-in-shipping-pens-study-finds/8240532
(17) Australian Department of Agriculture (2013): „Mortality Investigation Report 46: Sheep Exported to Qatar and the United Arab Emirates - September 2013“. http://www.agriculture.gov.au/export/controlled-goods/live-animals/livestock/regulatory-framework/compliance-investigations/investigations-mortalities/report-46
(18) World Organisation For Animal Health: „International Standards“. http://www.oie.int/en/international-standard-setting/overview/
(19) Meat & Livestock Australia Limited (2016): Fast Facts. Australia’s sheep industry. https://www.mla.com.au/globalassets/mla-corporate/prices--markets/documents/trends--analysis/fast-facts--maps/mla_sheep-fast-facts-2016.pdf
(20) Brown & Wilmanns Environmental (2013): Environmental benchmark for fibres. Version 2.1. Made By. Santa Barbara, California. http://www.made-by.org/wp-content/uploads/2014/03/benchmark_environmental_condensed_16_12_2013_pdf_16845.pdf
(21) Global Fashion Agenda & The Boston Consulting Group (2017): Pulse of the fashion industry. https://www.copenhagenfashionsummit.com/wp-content/uploads/2017/05/Pulse-of-the-Fashion-Industry_2017.pdf