Tierversuche in der Lehre

Jedes Jahr werden alleine in deutschsprachigen Ländern hunderttausende Tiere zu Lehrzwecken gequält und getötet (1, 2). Hierzu gehören sowohl Tierversuche – also Eingriffe an lebenden Tieren – als auch der sogenannte Tierverbrauch. Im „Tierverbrauch“ werden Tiere, z. B. für Sezierkurse, schon vor dem Eingriff getötet. Dabei demonstrieren und reproduzieren Sezierkurse lediglich längst bekanntes Lehrbuchwissen. Universitäten und Vertriebe für sogenannte Versuchstiere züchten und töten die Tiere entweder selbst – nachdem sie sie ihr kurzes Leben lang in kargen Käfigen gehalten haben – oder kaufen sie in Zoohandlungen, Schlachthöfen oder bei Tierhändlern.

Um was für Tiere handelt es sich? Was für Versuche werden gemacht?

Je nach Studiengang und Uni gibt es leider ein breites Spektrum an Tierarten, die für die Lehre missbraucht werden. Angefangen bei Wirbellosen wie Stabheuschrecken über Frösche, Regenwürmer und Fische, bis hin zu Kaninchen, Hühnern, Katzen, Ziegen und Pferden. Vor allem im Tiermedizinstudium werden auch große Säugetiere seziert, die zum Teil nur für diese Übungen von der Hochschule aufgekauft und getötet werden. Hochschwangere Kühe werden Landwirten abgekauft, damit unerfahrene und überforderte Studenten den Kaiserschnitt „üben“ können, den dann häufig Mutter oder Kind, manchmal auch beide, nicht überleben. Hühner werden in tierphysiologischen Übungen bei vollem Bewusstsein in eine Art warmen Ofen gesetzt, um zu demonstrieren, was passiert, wenn ihnen heiß wird. Schweine werden gezwungen, auf einem Laufband zu rennen, fast bis zur Erschöpfung, und Rinder, denen ein künstliches Loch in die Bauchwand operiert wurde, werden jahrelang immer wieder von Studenten benutzt, um Pansensaft abzuzapfen und zu untersuchen. Im Biologiestudium werden Mäuse und Fische seziert, die ebenfalls extra für die Anatomiekurse ihr Leben lassen. Physiologische Übungen an Wirbellosen sind teils besonders grausam. So werden Tiere an den Flügeln auf Wachsbretter gepinnt oder der Länge nach aufgeschnitten, während sie bei vollem Bewusstsein sind. Aufgrund einer Lücke im Tierschutzgesetz, die diesen empfindsamen Tieren nicht den gleichen Schutz zumisst wie Wirbeltieren, sind solche Praktiken sogar erlaubt. In der Humanmedizin gibt es immer noch vereinzelt Fortbildungskurse am „Tiermodell“, wo bei lebenden Schweinen zum Beispiel künstlich eine tödliche Blutvergiftung ausgelöst wird, damit junge Mediziner die Effekte beobachten können.

Welche tierfreien Methoden gibt es? Was sind ihre Vorteile?

Humane und effektive tierfreie Methoden gewinnen in der Lehre der Lebenswissenschaften weltweit zunehmend an Bedeutung. Hiervon profitieren die wissenschaftlichen Fähigkeiten der Studierenden sowie deren Verständnis für Berufe in den Biowissenschaften. Gleichzeitig fördern diese Ansätze den Respekt gegenüber Tieren und stellen sicher, dass keinem Tier Schaden zugefügt wird. Tierfreie Lehrmethoden haben im naturwissenschaftlichen Unterricht zahlreiche pädagogische Vorteile gegenüber dem Einsatz von Tieren. Methoden wie interaktive Computerprogramme, qualitativ hochwertige Videos und lebensechte Modelle führen zu nachweislich besseren Lernergebnissen.

Beim Sezieren von Tieren oder in Experimenten am lebenden Tier haben Studierende nur eine einzige Gelegenheit, eine bestimmte Prozedur durchzuführen und die notwendigen Inhalte zu erlernen. Mit tierfreien Methoden können sie das Lehrmaterial so oft wiederholen, bis sie wirklich sachkundig und souverän auf einem Gebiet sind. Zudem sind Studierende nicht abgelenkt, weil sie gerade ein Tier verstümmeln oder ihm schweren Schaden zufügen. Sollen sie etwa das Innere eines Regenwurms wiedergeben, geschieht dies meist anhand von Abbildungen, ohne sich am kurz zuvor sezierten Wurm zu orientieren, da in diesem kaum etwas zu erkennen ist. Viele Softwareprogramme enthalten Module, die genau erläutern, wie der lebende Körper funktioniert und Informationen über Ökologie und Verhalten beinhalten – nichts davon kann durch das Sezieren eines Tierkadavers gelehrt werden.

Nahezu jede vergleichende Peer-Review kam zu dem Schluss, dass die Resultate von Studierenden sowie Schülerinnen und Schülern, denen grundlegende und weiterführende biomedizinische Konzepte und Fähigkeiten anhand tierfreier Methoden vermittelt wurden, gleich oder besser als die Ergebnisse Gleichaltriger waren, die mit Tieren im Labor arbeiteten (3,4,5). Die Analyse einer komparativen Studie ergab, dass „sich die mit der alternativen Lehrmethode in Zusammenhang stehenden Ergebnisse in allen 17 untersuchten Studien nicht gravierend von den mit der konventionellen Methode erbrachten Ergebnissen unterschieden oder besser waren. Eine weitere systematische Prüfung ergab, dass sowohl Schülerinnen und Schüler, die anhand tierfreier Methoden unterrichtet wurden, ein „besseres Verständnis komplexer biologischer Prozesse sowie eine gesteigerte Lerneffizienz und bessere Prüfergebnisse aufwiesen“ (6). Der Studie zufolge hätten sich auch Selbstvertrauen und Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler erhöht; weiterhin seien sie besser auf die Arbeit im Labor vorbereitet worden und hätten Informationen besser abrufen und kommunizieren können. Drei aktuelle Studien aus US-Universitäten belegen, dass Studierende, die Körpersysteme aus Ton modellierten, die entsprechenden Teile der menschlichen Anatomie wesentlich besser identifizieren konnten als Kommilitonen, die Tiere sezierten (7,8). Eine weitere Studie kam zu dem Schluss, dass Studierende, die Ton modellierten, genauso gut abschnitten wie ihre Altersgenossen, die Tiere sezierten (9).

Tierfreie Lehrmethoden bereiten Studierende zudem besser auf Berufsfelder im medizinischen Bereich vor, denn in den entsprechenden Ausbildungen werden derartige Lehrmethoden verstärkt eingesetzt. Fast 98 Prozent der medizinischen Fakultäten in den USA – einschließlich hoch angesehener Institute wie Harvard, Yale und Stanford – haben die Nutzung von Tieren im Unterricht bereits eingestellt. In den USA gibt es keine medizinische Fakultät, die von Studierenden verlangt, ein Tier zu seziere (10,11,12). Die Ausbildung zum Chirurgen ist problemlos möglich, ohne auch nur ein einziges lebendiges oder totes Tier aufgeschnitten zu haben.

Tierfreie Lehrmethoden sind effizienter und kostengünstiger, während sie gleichzeitig besser auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten werden können und es ermöglichen, Übungen beliebig oft zu wiederholen. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass computerbasierte Lehrmethoden „akademischen und nicht-akademischen Mitarbeitern Zeit sparten […] als kostengünstiger betrachtet wurden und als effektive und angenehme Lernerfahrung für die Studenten […] zu einer erheblichen Reduzierung der Nutzung von Tieren beitrugen.“ (13,14,15)

Auch entfallen die kostspielige Entsorgung organischen Materials, die obligatorischen Sicherheitseinweisungen sowie der Aufbau und die Reinigung des Sezierbestecks. Zudem sind Fehler im Umgang mit Tierkörpern, Scheren oder Skalpellen ausgeschlossen (15). Ein weiterer wichtiger Punkt: Ein Tier – ob tot oder lebendig – können Studierende nur ein einziges Mal verwenden. Tierfreie Ressourcen hingegen können über mehrere Jahre hinweg eingesetzt werden. Einige Programme sind sogar kostenfrei erhältlich. Eine umfassende Liste verfügbarer Produkte finden Sie auf Studieren-ohne-Tierversuche.

Warum möchten Studierende keine Versuche machen?

Viele Studierende der Lebenswissenschaften möchten aus persönlichen oder aus Tierschutzgründen keine Tiere sezieren. Studierende, die aus Gewissensgründen nicht am sogenannten Tierverbrauch teilnehmen, erhalten an vielen deutschen Hochschulen keinen Leistungsnachweis im jeweiligen Kurs (16). Untersuchungen haben gezeigt, dass sich viele Jugendliche und Erwachsene unterschiedlicher Ausbildungsstufen bei der sogenannten Nutzung von Tieren unwohl fühlen. Junge Menschen Tiere sezieren zu lassen und dies als „Wissenschaft“ zu bezeichnen, kann zu Gefühllosigkeit gegenüber Tieren und der Natur führen und junge Erwachsene sogar davon abbringen, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen (17,18,19). Aus Gallup-Umfragen von 2001 bis 2013 geht hervor, dass die Anzahl junger Menschen, die Tierversuche ablehnen, von 31 auf 54 Prozent gestiegen ist (20). Studien zeigen, dass viele Studierende Tiere nur widerwillig sezieren – vielleicht aus Angst vor echten oder eingebildeten Strafen oder Ausgrenzung durch andere Kursteilnehmer oder gar die Kursleitung. Nur wenige teilen ihre ethischen Bedenken mit (21,22).

Aus diesem Grund müssen Lehrkräfte und Dozierende klar die Botschaft vermitteln, dass Schüler und Studierende ihre persönliche Einstellung nicht aufgeben müssen, um Naturwissenschaften zu erlernen (23). Wenn es zwei Möglichkeiten gibt, ein Ziel zu erreichen, ist nach unserem ethischen Grundverständnis immer die Variante zu bevorzugen, bei der niemandem geschadet wird. Das Sezieren von Tieren aufzugeben, öffnet einer neuen Generation Tür und Tor, Naturwissenschaften aus einer humanen Perspektive kennenzulernen (24).

Auch viele Lehrende sprechen sich gegen das Sezieren von Tieren aus. Als Gründe führen sie gesundheitliche Bedenken und Sicherheitsrisiken an. Kosten und die Unfähigkeit, die Tötung von Tieren zu rechtfertigen, spielen ebenfalls eine Rolle (25).

Was können Betroffene tun?

Studierende können dieses Tierleid vermeiden, indem sie sich für eine tierfreie Lehre an ihrer Universität einsetzen und sich von Sezierkursen befreien lassen. Auch Fachinstitute an Universitäten können den „Tierverbrauch“ verhindern und gleichzeitig die Lernerfahrung ihrer Studierenden verbessern.

Den „Tierverbrauch“ im schulischen oder universitären Bereich durch eine oder mehrere der zahlreichen tierfreien Lehrmethoden zu ersetzen, hat mehrere Vorteile: Es werden weniger Tiere in freier Wildbahn gefangen oder gezüchtet, nur um schließlich getötet und seziert zu werden; Schüler und Studierende haben eine effektivere und umfassendere Lernerfahrung; ihnen wird Respekt gegenüber Tieren und der Natur vermittelt und die kostbaren Ressourcen von Universitäten und Instituten werden geschont.
Weitere Informationen, sowie eine kostenlose Broschüre finden Sie auf Studieren-ohne-Tierversuche.




Quellen:
1 Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Deutschland (2015: Verwendung von Versuchstieren im Jahr 2015)
2 Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Deutschland (2016: Verwendung von Versuchstieren im Jahr 2016)
3 Patronek, G. J., & Rauch, A. (2007: Systematic review of comparative studies examining alternatives to the harmful use of animals in biomedical education. Journal of the American Veterinary Medical Association, 230(1), 37-43.
4 Dissection alternatives. (2013: Retrieved June 5, 2013, from http://pcrm.org/research/edtraining/dissectionalt.
5 Knight, A. (2007): The effectiveness of humane teaching methods in veterinary education. Altex, 24(2/07), 91.
6 Waters, J. R., Van Meter, P., Perrotti, W., Drogo, S., & Cyr, R. J. (2005): Cat dissection vs. sculpting human structures in clay: An analysis of two approaches to undergraduate human anatomy laboratory education. Advances in Physiology Education, 29 (1), 27-34.
7 Motoike, H. K., O’Kane, R. L., Lenchner, E., & Haspel, C. (2009): Clay modeling as a method to learn human muscles: A community college study. Anatomical Sciences Education, 2(1), 19-23.
8 Waters, J. R., Van Meter, P., Perrotti, W., Drogo, S., & Cyr, R. J. (2011): Human clay models versus cat dissection: How the similarity between the classroom and the exam affects student performance. Advances in Physiology Education, 35(2), 227-236.
9 DeHoff, M. E., Clark, K. L., & Meganathan, K. (2011): Learning outcomes and student-perceived value of clay modeling and cat dissection in undergraduate human anatomy and physiology. Advances in Physiolo- gy Education, 35(1), 68-75.
10 Medical school curricula with live animal laboratories. (2013). Retrieved June 5, 2013, from http://www.pcrm.org/research/edtraining/meded/medical-schools- with-live-animal-laboratories.
11 The AMSA is made up of more than 68,000 medical students, pre-medical students, interns, residents, and practicing physicians from across the U.S.
12 House of Delegates 2013 Resolution. (2013). American Medical Student Association. Retrieved on February 4, 2016: http://amsasites.wpengine.com/wp-content/uploads/2015/03/ 2013PPP.pdf.
13 Dewhurst, D., & Jenkinson, L. (1995): The impact of computer-based alternatives on the use of animals in undergraduate teaching: A pilot study. ATLA: Alternatives to Laboratory Animals, 23(4), 521-530.
14 Predavec, M. (2001): Evaluation of E-Rat, a computer-based rat dissection, in terms of student learning outcomes. Journal of Biological Education, 35(2), 75-80.
15 Youngblut, C. (2001). Use of multimedia technology to provide solutions to existing curriculum problems: Virtual frog dissection (Doctoral dissertation).
16 https://www.openpetition.de/petition/online/tierverbrauch-recht-auf-verweigerung-fuer-studierende-der-universitaet-zu-koeln (letzter Aufruf: 03.11.2017)
17 Arluke, A., & Hafferty, F. (1996): From apprehension to fascination with “dog lab”: the use of absolutions by medical students. Journal of Cont- emporary Ethnography, 25(2), 201-225.
18 Solot, D., & Arluke, A. (1997): Learning the scientist’s role: Animal dissection in middle school. Journal of Contemporary Ethnography, 26(1), 28-54.
19 Stanisstreet, M., Spofforth, N., & Williams, T. (1993): Attitudes of under- graduate students to the uses of animals. Studies in Higher Education, 18(2), 177-196.
20 Goodman, J. R, & Borch, C. A. (2014): Trends in Americans’ attitudes toward animal testing: 2001-2013. Poster presented at the annual meeting of the American Association for the Advancement of Science, Chicago, Ill.
21 Oakley, J. (2012): Dissection and choice in the science classroom: student experiences, teacher responses, and a critical analysis of the right to refuse. Journal of Teaching and Learning, 8(2).
22 Oakley, J. (2013): “I didn’t feel right about animal dissection”: Dissec- tion objectors share their science class experiences. Society & Animals, 21(1).
23Lopresti-Goodman, S. M. (2012): Towards plasticity in brain science pedagogy. Psychology and Education, 49(3), 25.
24 Kramer, M. G. (2006): Humane education, dissection, and the law. Animal Law, 13, 281.
25 Oakley, J. (2012): Science teachers and the dissection debate: Perspectives on animal dissection and alternatives. International Journal of Environmental and Science Education, 7(2), 253-267.