Nur noch wenig Zeit: Tierversuche beenden
Der Zähler ist abgelaufen.

Nach Beißvorfall: Heimatlose Hunde in der Türkei in Gefahr?

Laut Medienberichten wurde am 22. Dezember in der türkischen Stadt Gaziantep die 4-jährige Asiye Ateş von Pitbulls angegriffen und schwer verletzt. Das Kind wurde ins Krankenhaus gebracht und dort behandelt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan rief die Gemeinden im Land nach dem Vorfall öffentlich dazu auf, heimatlose Hunde in der Türkei von den Straßen einzufangen und sie in die Tierheime zu bringen [1].

Wenige Tage später – am 27.12.2021 – schickte das Ministerium für Umwelt, Urbanisierung und Klimawandel zusätzlich ein Rundschreiben [2] an die Gouverneur:innen der 81 türkischen Provinzen. Das amtliche Dokument forderte die Gemeinden auf, Inspektionen über sogenannte gefährliche Tiere auf den Straßen durchzuführen und freilaufende Hunde in Rehabilitationszentren zu bringen, wo sie kastriert und nach Bedarf resozialisiert werden sollten.

Menschengemachtes Leid für „Kampfhunde“

Pitbulls und andere sogenannte „Kampfhunde“ sind wahrscheinlich die am meisten verleumdeten Hunde auf dem Planeten. Sie wurden gezüchtet, um zu kämpfen – der Mensch hat ihre Bereitschaft zur Aggressivität selektiert und durch Zucht verstärkt. Daher ist es auch so, dass die meisten Menschen, die sie haben, sie aus schändlichen Gründen halten und züchten – zum Beispiel für illegale Hundekämpfe.

Trotzdem ist es falsch, diese Hunde pauschal zu verurteilen – die Einschätzung, ob ein Hund aggressiv ist und warum, ob er resozialisierbar ist oder nicht, darf nur von ausgebildeten und zertifizierten Hundetrainer:innen getroffen werden, die nach dem neuesten Stand der Wissenschaft umfassend kynologisch gebildet sind. Kein Amt, kein Politiker und kein Bürgermeister darf diese Entscheidung treffen können und damit über das Leben der Tiere entscheiden.

Pitbull hinter einem Gitterzaun
Sogenannte „Kampfhunde“ leiden oftmals unter Stigmatisierung.

Rechtslage in der Türkei

Artikel 6 des türkischen Tierschutzgesetzes besagt, dass heimatlose Tiere nur zur Kastration/Sterilisation, Behandlung oder bei aggressiven Tieren zur Resozialisierung bzw. Vermittlung eingefangen und in städtischen Zentren untergebracht werden dürfen. Nach der Kastration müssen die Tiere wieder dorthin zurückgebracht werden, wo man sie eingefangen hat. [1]

Die Tierheime in der Türkei funktionieren in dem Sinne schlicht als sogenannte Rehabilitationszentren, in denen Hunde kastriert, registriert und bei Bedarf behandelt oder weitervermittelt werden können. Der Aufenthalt in den Rehabilitationszentren sollte laut Gesetz dementsprechend nur kurzfristig erfolgen. Die urbanen Räume zählen somit zum Lebensraum der Tiere, wohin sie mit einer Ohrmarke versehen zurückgebracht werden sollen.

„Herrenlose und entkräftete Tiere müssen zwingend unverzüglich zu den von den regionalen Verwaltungen gegründeten bzw. genehmigten Tierheimen gebracht werden. Diese Tiere sollen in erster Linie in diesen Auffangstellen des Verwaltungsbezirkes aufgenommen, dort kastriert und geimpft, rehabilitiert und registriert werden. Dann können sie am Fundort wieder ausgesetzt werden.“

Tierschutzgesetz Türkei, Art. 6

Hinzu kommt auch, dass die Türkei das Europäische Übereinkommen zum Schutz von Heimtieren bereits im Jahr 2004 unterzeichnet und seit 2006 ratifiziert hat. Dieses schreibt vor, dass heimatlose Tiere durch humane Methoden kastriert werden und ihnen Schmerzen erspart werden müssen. Auch die Internationale Organisation für Tiergesundheit (OIE) legt in ihren Richtlinien fest, dass flächendeckende Kastrationsprogramme und eine Meldepflicht für tierische Mitbewohner die einzige Möglichkeit sind, die Anzahl von Tieren auf der Straße zu regulieren.

Das Schicksal der türkischen „Listenhunde“

Im Sommer 2021 wurden in der Türkei Erwerb sowie Zucht und Handel mit einigen Hunderassen verboten. Nach dem bereits genannten Beißvorfall in Gaziantep im Dezember 2021 wurde die Liste der als gefährlich abgestempelten Hunde schlagartig um einige Hunderassen erweitert. Die im Sommer zuvor beschlossene Frist für die Chippflicht und Kastration der so genannten Listenhunde zum 14.01.2022 kam für viele Hundehalter:innen somit sehr kurzfristig. Viele tierische Mitbewohner, die plötzlich auf der erweiterten Liste landeten, wurden dann innerhalb von den verbleibenden 3 Wochen der Frist ausgesetzt oder in einem sogenannten „Tierheim“ abgegeben – alleine in Istanbul wurden circa 70 Tiere ausgesetzt.

Im Tierheim erwarten die Hunde unwürdige Lebensbedingungen ohne Chance auf Adoption oder Vermittlung – denn diese ist seit dem 14.01.2022 gesetzlich für diese Hunde verboten. Heimatlos gewordene Vierbeiner sterben in den Sheltern häufig an unbehandelte Krankheiten, Beißattacken mit unversorgten Wunden, mangelnder Nahrung und leiden unter der unglaublichen Enge in den Gehegen. Überleben Tiere trotz dieser widrigen Voraussetzungen, sind sie dazu verurteilt, unter großen Entbehrungen vor sich hin zu vegetieren. Ein echtes Leben ist diese Existenz zumeist nicht!

Hund ist angekettet
Im Tierheim erwarten „Listenhunde“ unwürdige Lebensbedingungen.

PETA appelliert an die türkische Regierung, die Kosten für die Kastration von so genannten Listenhunden staatlich zu finanzieren. Damit würde man den finanziellen Druck von Halter:innen nehmen und für die Hunde die Chance erhöhen, ihr Zuhause zu behalten.

Reaktionen von Tierschutz­organisationen

In einer menschendominierten Welt ist das Verhältnis zu anderen Tieren davon geprägt, dass deren Grundbedürfnisse nicht berücksichtigt werden. Tierschutz- und Tierrechtsgruppen in der Türkei haben nach dem Beißvorfall ausdrücklich davor gewarnt, den Fall dafür zu instrumentalisieren, heimatlose Hunde durch Gewalt und Massentötungsaktionen aus ihrem Lebensraum in den Städten zu entfernen – vor allem vor dem Hintergrund, dass es sich laut Medienberichten bei den Tieren, die das Mädchen attackiert haben, um Tiere aus privater Haltung handelt und nicht um Straßenhunde. [4]

Das Thema wurde schnell zu einem Twitter-Hashtag-Protest, bei dem Tausende von besorgten türkischen Bürger:innen Erdoğans Äußerungen kritisierten und hinterfragten, warum der Vorfall zu einem Mittel wird, um heimatlose Tiere ins Visier zu nehmen. Anfang Januar wurden vermehrt gesetzeswidrige Abhol- und Tötungsaktionen von sozialverträglichen heimatlosen Hunden und sogar Katzen dokumentiert. Anschließend fanden am 9.1.2022 in Ankara und Istanbul Straßenproteste gegen das grausame und illegale Vorgehen der lokalen Behörden und die zunehmende Gewalt gegenüber Tieren auf der Straße statt.

PETA Deutschland wendet sich mit Brief an Präsident Recep Tayyip Erdoğan

PETA Deutschlands 2. Vorsitzender Harald Ullmann wandte sich mit einem Schreiben an den türkischen Präsidenten und appellierte für eine humane Lösung, um ein friedliches Miteinander zwischen Hunden und Menschen in der Türkei zu ermöglichen. Der Brief enthält auch Maßnahmen, die diesen Weg weiterhin möglich machen: flächendeckende Kastrationsprogramme, die von fachlich ausgebildeten Tierärzt:innen durchgeführt werden, Förderung von Adoptionen im Land sowie Bildungsprogramme für einen ethischen Umgang mit allen Tieren und ergänzend ein Ende des Handels mit tierischen Mitbewohnern.

Frau operiert einen Hund
Kastrationen sind wichtig, um der Population ungewollter Tiere gerecht zu werden und Leid zu mindern.

Gesetzesverstöße und Gewalt gegen Hunden

Da es in der Türkei keine Tierheime gibt, in denen Hunde auf Dauer aufgenommen, artgerecht untergebracht, versorgt und dann vermittelt werden können, liegt die Befürchtung nahe, dass die Tiere nach ihrer Gefangennahme ein leidvolles Leben oder ein grausamer Tod erwartet. Denn die Kastrationszentren sind diesen großen Aufgaben nicht gewachsen. Über soziale Medien häufen sich derzeit Berichte über gesetzeswidrige Einfangaktionen von heimatlosen Tieren in der Türkei.

Nach Erdoğans Rede wies am Folgetag die Anwaltskammer Izmir in einer Pressekonferenz darauf hin, dass das Einsammeln von Hunden von den Straßen gegen das türkische Tierschutzgesetz verstößt. [5] Zwei Tage später gab es eine gemeinsame Erklärung der 62 Anwaltskammern in der Türkei, die zu einer Respektierung des natürlichen Raums der Tiere aufrief und vor Gewalt warnte. [6]

Die Jurist:innen betonten, dass das Einsperren von Hunden in Tierheimen gegen das Gesetz verstößt. Die Anwaltskammer Ankara hat eine 24/7-Hotline errichtet, wo Rechtswidrigkeiten gemeldet werden können. [7] Auf Tierschutz spezialisierte Rechtsanwält:innen bieten praktische Ratschläge, wie jede Person, die Zeug:in von Gewalt gegenüber registrierten heimatlosen Tieren und ihrer rechtswidrigen Einsammlung wird, eine Strafanzeige selbst stellen kann. [8] In den vergangenen zwei Wochen wurden Strafanzeigen wegen illegaler Einsammlungen von heimatlosen Tieren gegen 15 Gemeinden gestellt sowie gegen einzelne Mitarbeitende wegen Gesetzesverstößen im Umgang mit heimatlosen Tieren.

Aktuell laufende Strafanzeigen

Gewalt gegen Tiere traumatisiert auch Kinder

Gewalt an heimatlosen Tieren verstößt nicht nur gegen das türkische Gesetz und den Gedanken eines respektvollen Umgangs mit fühlenden Lebewesen, sondern hinterlässt bei Kindern, die dieser Gewalt öffentlich ausgesetzt werden, nachhaltige Traumata. Nach einem Bericht der European Link Coalition, verurteilte der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen im Mai 2021 die Massentötungen und Gewalt gegen heimatlose Hunde durch die tunesischen Behörden als einen Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention. [9]

Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder, die Gewalt an anderen Lebewesen mitansehen mussten, im späteren Leben an tiefgreifenden Traumata und Verhaltensstörungen leiden und selbst gewalttätig gegenüber anderen Menschen werden. Die Wissenschaft und das Gesetz sind sich in diesem Punkt einig – Gewalt und Mord trägt nicht zu einem friedlichen Miteinander bei.

Was Sie tun können

  • Unterstützen Sie bitte niemals den Handel mit „Haustieren“. Züchter:innen möchten mit den Tieren möglichst großen Profit machen, dabei rückt das Wohl der Tiere immer in den Hintergrund. Geben Sie stattdessen einem Tier aus den deutschen Tierheimen oder aus dem Auslandstierschutz eine Chance auf ein besseres und artgerechtes Leben.
  • Klären Sie auch Familienmitglieder und Freund:innen darüber auf, dass jedes Tier ein einzigartiges, facettenreiches Individuum ist, mit dem der Mensch eine tiefe Beziehung aufbauen kann – ganz unabhängig von der Rasse.