Video: Verhaltensstörungen und skandalöse Tierabgaben im Tierpark

Seit Jahren erhalten wir bei PETA Deutschland regelmäßig Hinweise von Whistleblower:innen zum Tierpark Nadermann. Im November 2023 dokumentierten wir daraufhin selbst vor Ort schlechte Haltungsbedingungen und Verhaltensstörungen bei mehreren Tieren im Zoo, die nach unserer Einschätzung auf seelisches Leid hinweisen. Wir haben daher Strafanzeige gegen die Tierparkverantwortlichen erstattet.

Wie wir durch Anfragen bei der zuständigen Veterinärbehörde und dem Bundesamt für Naturschutz außerdem herausfinden konnten, hat sich der Tierpark sogar zahlreiche seiner Großkatzen durch Abgabe oder Verkauf in den Irak entledigt.

Wir appellieren an die Tierparkbetreiber, die verbleibenden Raubkatzen an seriöse Auffangstationen abzugeben, um die Haltungen zu beenden, und auch von den Plänen für ein Affen-Streichelgehege abzusehen.

Zwei Tiger und ein Löwe zeigen deutliche Verhaltensstörungen

Der privat geführte Tierpark in Delbrück bei Paderborn wird von der Familie Nadermann betrieben. Vor allem die erschütternden Haltungen der Raubkatzen wurden PETA seit 2012 wiederholt durch zahlreiche Whistleblower:innen gemeldet. Deren Schilderungen zu den beengten Gehegen lassen vermuten, dass die geltenden Haltungsvorgaben gemäß dem „Säugetiergutachten“ (BMEL, 2014) zumindest zeitweise wahrscheinlich deutlich unterschritten wurden. [1]

  • Whistleblower-Meldung vom Juli 2021

    „Als Besucher ist man allerdings sehr schockiert über die Zustände dort. Gehege viel zu klein, keine artgerechte Haltung, ständig wird Popcorn von den Besuchern in die Gehege geworfen. Die Erdmännchen leben in einem Stall, kein Auslauf nach draußen. Die Geparden leben in einem so engen Gehege, das habe ich noch nie gesehen.“

    Whistleblower-Meldung vom Juli 2021

  • Whistleblower-Meldung vom August 2020

    „Die Zustände dort für die Tiger, Löwen und G[e]ier sind inakzeptabel. Sie haben dort heruntergekommene Gehege, leben dort auf kleinstem Raum und wirken verhaltensgestört, depressiv. Der Löwe ging für eine Stunde lang z.B. an der gleichen Stelle auf und ab.“

    Whistleblower-Meldung vom August 2020

  • Whistleblower-Meldung vom Juli 2012

    „Der private Tierpark hat ziemlich viele große Raubkatzen u.a. Tiger, Löwen, Geparde, Panther, die in sehr beengten und schlichten Gehegen eingesperrt sind. Gehege bieten außerdem keine Rückzugsmöglichkeiten, sodass die Tiere ständig den Besuchern ausgesetzt sind. Löwen und Geparde stehen unter Stress, laufen ununterbrochen am Zaun auf und ab und brüllen.“

    Whistleblower-Meldung vom Juli 2012

Im November 2023 dokumentierten wir vor Ort stereotype Verhaltensweisen bei mehreren Tieren, die auf enormes psychisches Leid hinweisen. In den aktuellen Aufnahmen zeigen die beiden Tiger starke Verhaltensstörungen in ihrem winzigen Gefängnis. Die Tiere sind zudem sichtlich gestresst durch den Lärm und Trubel im Tierpark und springen sogar gegen die Gitter.  Auch Löwenmann Kasper läuft stereotyp am Gehegezaun auf und ab. Das Gehege der Leoparden wirkt ebenfalls klein, heruntergekommen und verfallen.

Laut einem Medienbericht wurden erst im September 2023 drei Tiger, drei Pumas und vier Leoparden abgegeben – was bedeutet, dass die Situation der Tiere bis vor wenigen Monaten sogar noch beengter und prekärer war. [2]

Geparde brachen aus ihrem kleinen Gefängnis aus

Auch das Gehege der Geparden erscheint mit schätzungsweise weniger als 100 Quadratmetern Außenfläche geradezu winzig; erhöhte Liegeflächen fehlen ebenso. Gemäß „Säugetiergutachten“ wären mindestens 200 Quadratmeter vorgeschrieben – und selbst das könnte die Bedürfnisse der Tiere nicht einmal ansatzweise erfüllen.

Ende Oktober 2023 brachen sogar zwei Geparde beim Transportkistentraining durch eine geöffnete Tür aus ihrem Gehege aus. Eines der Tiere erbeutete im benachbarten Gehege ein Meerschweinchen, bevor die Geparde wieder eingefangen wurden.[3]

Gepardengehege im Tierpark Nadermann
Das Gehege der Geparden kann den Tieren in keiner Weise gerecht werden.

Tierpark Nadermann gibt Großkatzen an Zoo im Irak ab

Im März 2022 kündigen die Tierparkverantwortlichen bereits an, Tiere aus Kostengründen und aufgrund der Haltungsanforderungen abgeben zu wollen:

 „Von den allermeisten Raubtieren werden wir uns trennen müssen, weil die Auflagen, die inzwischen gelten, für einen so kleinen Park schwierig umzusetzen sind.“ [4]

Christoph Nadermann, Tierparkbetreiber seit 2023

Von den fünf Tigern sollten drei in den Nahen Osten abgegeben werden. [5] Wie uns von PETA seitens der Veterinärbehörde des Landkreises Paderborn [6] bestätigt wurde und in Übereinstimmung mit den beim Bundesamt für Naturschutz vorliegenden Daten über Ausfuhrgenehmigungen [7] hat der Tierpark in 2023 insgesamt drei Tiger, drei Pumas und vier Leoparden an einen oder mehrere Zoos im Irak abgegeben. Die Ausfuhr der Pumas erfolgte zu kommerziellen Zwecken. [7] Die Tiere in ein Krisengebiet zu verkaufen, ist skandalös, denn dort werden die Tiere vermutlich sogar unter noch schlimmeren Bedingungen eingesperrt.

Rote und weisse Tiger sitzen auf einem erhoehten Steg im Gehege im Tierpark Nadermann
Der Tierpark Nadermann hat unter anderem drei Tiger in den Irak abgegeben.

Qualzucht von weißen Löwen für Profite

Für die Tierparkverantwortlichen sind Tiere offenbar wie Ware, die man gewinnbringend verkaufen kann. Im Jahr 2019 wurden im Tierpark Nadermann fünf weiße Tigerbabys geboren. Weiße Tiger gelten als Qualzuchten, die häufig mit schweren gesundheitlichen Schäden zur Welt kommen oder verfrüht versterben. Aufgrund der seltenen Fellfarbe lässt sich mit diesen Tieren jedoch viel Profit erwirtschaften.

In einem Medienbericht äußerte der damalige Tierparkchef Reinhold Nadermann, der Tierpark könne die Jungtiere aufgrund von Platzmangel nicht behalten. Man plane daher, die Tierkinder nur rund acht Monate bei der Mutter zu lassen und dann an andere Parks zu verkaufen, für zwei Tiere gebe es bereits „Abnehmer“ in Ungarn. Allerdings seien weiße Tiger kein „Sechser im Lotto“ mehr: „Vor 15 Jahren wurden noch 10.000 Euro für solche Tiere bezahlt, aber diese Zeiten sind vorbei“, so Reinhold Nadermann, Tierparkchef in 2019. [8]

Rettung für Schimpansen in 2015, doch Tierqual in Delbrück geht weiter

Vor einigen Jahren stand der Privatzoo bereits wegen der unzureichenden Haltungsbedingungen der beiden Schimpansen Kaspar und Uschi in der Kritik. Nachdem wir von PETA gemeinsam mit weiteren Tierrechts- und Artenschutzorganisationen für ein Ende der tierschutzwidrigen Haltung eingesetzt hatten, wurde das Geschwisterpaar 2015 in eine Auffangstation in Großbritannien überführt.

Doch andere Tiere leiden in Delbrück weiterhin. Die Erdmännchen beispielsweise haben noch nicht einmal ein Außengehege. [4] Auch die Berberaffen wirken in ihrem beengten, trostlosen Gehege apathisch; eines der Tiere läuft stereotyp dieselbe Strecke auf und ab. Zudem müssen sie auch noch den Lärm der direkt nebenan laut dudelnden Spielautomaten ertragen.

Obwohl schon die 2015 vermittelten Schimpansen durch Fehlernährung übergewichtig waren, können Besucher:innen noch immer im Tierpark Popcorn als „Tierfutter“ kaufen [9] – und dieses selbst an Tiere wie die im Park umherlaufenden Enten verfüttern, für die eine enorme Gesundheitsgefahr besteht, weil sie daran ersticken können.

Tierpark plant begehbares Affen-Streichelgehege – trotz Geldnöten

Obwohl der Tierpark offenbar bereits „hoch verschuldet“ ist [4], plant die neue Geschäftsführung nun Umbaumaßnahmen – unter anderem soll ein Gehege entstehen, in dem das Zoopublikum Affen füttern und streicheln könne. [2] Dafür sollen die Javaneraffen abgegeben werden und die Affenart „gewechselt“ werden.

Affen und andere Wildtiere sind kein „Entertainment-Programm“, das man nach Belieben auswechseln kann. Außerdem birgt der direkte Kontakt große Gesundheitsrisiken für Mensch und Tier. Ähnliche Projekte zu „Affenstreichelgehegen“ sind daher bereits in Amöneburg und Frielendorf nach starker Kritik von Bürger:innen und Tierschutzorganisationen in den letzten Jahren gescheitert.

Wie Sie Tieren im Zoo helfen können

Das Zoopublikum lernt durch die Zurschaustellung von Tieren in Gefangenschaft nichts über ihr natürliches Verhalten. Denn viele der Zoobewohner sind aufgrund der artwidrigen Bedingungen verhaltensgestört. So können Sie helfen:

  • Bitte besuchen Sie keine Tierparks und Zoos.
  • Klären Sie Freund:innen, Verwandte und Bekannte über das Tierleid auf und bitten Sie sie, ebenfalls keine Zoos zu besuchen.
  • Wenn Sie Zeug:in von Tierquälerei werden, melden Sie die Missstände bitte umgehend der zuständigen Veterinärbehörde oder über unser Whistleblower-Formular.