Update vom 17. April 2026
Deutschland braucht Strategien für den Ausstieg aus Tierversuchen: PETAs Empfehlungen
Nachdem mit der Ampel-Koalition erstmalig das Thema Tierversuche und deren strategische Reduktion in einem Koalitionsvertrag auf Bundesebene vorkam, sucht man im Koalitionsvertrag der seit Mai 2025 bestehenden Koalition aus CDU, CSU und SPD vergeblich nach vergleichbaren Ambitionen. [1] Tierversuche finden lediglich im Bereich „Innovationsfreiheit“ Erwähnung, wo im Rahmen der „Entfesselung“ der Forschung von „kleinteiliger Bürokratie“ Pläne zur Schaffung eines eigenständigen Gesetzes für „wissenschaftliche Tierversuche“ präsentiert werden. Im Themenbereich Tierschutz bleiben Tiere, die für wissenschaftliche Zwecke missbraucht werden, unerwähnt. Der Fokus liegt also darauf, die Forschenden zu unterstützen, die nicht-einheitliche Strukturen und hohe bürokratische Hürden bei der Genehmigung von Tierversuchen bemängeln. Wissenschaftler:innen, die mehr Förderung und Unterstützung für tierfreie Forschung fordern, sowie diejenigen, die Tierversuche aus ethischen Gründen ablehnen und strategische Maßnahmen für deren Reduktion und langfristige Abschaffung vorschlagen, bleiben ungehört.
Dabei schließen sich die Stärkung eines modernen Wissenschaftsstandorts und die Etablierung einer ethisch vertretbaren, tierfreien Forschung nicht aus – im Gegenteil: Sie können Hand in Hand gehen, denn tierfreie Forschungsmethoden sind die Voraussetzung für eine zuverlässigere, humanrelevantere Forschung. Dazu muss man parallel Maßnahmen ergreifen, die einerseits Methoden ohne Tiernutzung schneller in die breite Anwendung bringen und andererseits solche, die Tierversuche sukzessive beenden. Diese Maßnahmen müssen zentral koordiniert, begleitet und überwacht werden, um langfristig erfolgreich zu sein und alle relevanten Akteur:innen mit einzubeziehen.

Als Teil unserer wissenschaftspolitischen Arbeit in Deutschland haben wir ein Positionspapier erarbeitet, welches genau solche strategischen Maßnahmen in drei Bereichen benennt:

1. UMDENKEN UND NEUAUSRICHTEN: Sicherstellung, dass alle möglichen regulatorischen Maßnahmen ergriffen werden, um Tierversuche zu reduzieren und gleichzeitig tierversuchsfreie Ansätze zu priorisieren.

2. FINANZIEREN UND AUSTAUSCHEN: Aufstockung der finanziellen Mittel und Verbesserung des Datenaustauschs für die Entwicklung und Anwendung tierversuchsfreier Methoden.

3. KOMMUNIZIEREN UND ZUSAMMENARBEITEN: Ermöglichung eines Wandels durch Förderung des Dialogs innerhalb der Gesellschaft, um sicherzustellen, dass alle Interessengruppen miteinander verbunden und in den Prozess einbezogen sind.
Die Umsetzung dieser Maßnahmen ebnet den Weg für eine zukunftsfähige Wissenschaft, denn diese ist tier(versuchs)frei!
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Ampelregierung 2021 bis 2025
Update vom 23. Mai 2025
Ehemalige Bundesregierung veröffentlicht Reduktionsstrategie nicht wie geplant
Knapp drei Jahre nach Beginn der Regierungszeit der Ampelkoalition begann das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter Federführung des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) den Beteiligungsprozess zur Entwicklung der Reduktionsstrategie. Dazu wurden im September 2024 Expert:innen aus Industrie, Wissenschaft und Tierschutzorganisationen zu einer zweitägigen Auftaktveranstaltung nach Berlin geladen. Im Rahmen des Events wurden Arbeitsgruppen zu den drei Schwerpunktthemen biomedizinische Grundlagenforschung, regulatorische Pharmakologie und Toxikologie sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung gebildet, die im Anschluss Konzeptpapiere mit konkreten Vorschlägen erarbeiteten, die in die Reduktionsstrategie einfließen sollten. Auch Wissenschaftler:innen von PETA Deutschland waren in diesen Gruppen vertreten und beteiligten sich aktiv an der Gestaltung der Arbeit. Erklärtes Ziel des BMEL war es, die Reduktionsstrategie im ersten Halbjahr bzw. zum Internationalen Tag zur Abschaffung von Tierversuchen (24. April) zu veröffentlichen. [5]
Womit zu diesem Zeitpunkt niemand rechnete, war der Bruch der Ampelkoalition im November 2024, was Neuwahlen im Februar 2025 nach sich zog und im Mai 2025 zur Bildung einer neuen Regierung aus CDU/CSU und SPD führte. Bis dahin war es der vorübergehenden Minderheitsregierung aus SPD und Grünen unter dem amtierenden Minister Özdemir nicht gelungen, die Reduktionsstrategie wie geplant zu veröffentlichen. Die neue Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag keine Pläne offengelegt, die Entwicklung dieser Reduktionsstrategie weiterzuführen. [6] In einer gemeinsamen Pressemitteilung mit anderen beteiligten Tierschutzorganisationen in Deutschland hat sich PETA daher an die neue Regierung gewandt und die Weiterführung der Strategie mit Blick auf das Staatsziel Tierschutz im deutschen Grundgesetz als unabdingbaren Schritt gefordert, um Deutschland als Forschungs- und Wirtschaftsstandort zukunftsfähig zu machen. [7]
Update vom 02. Februar 2024
Bundesregierung stellt erstmalig Budget für die Entwicklung einer Reduktionsstrategie bereit
Nach zwei Jahren Amtszeit hat die Ampel-Regierung sich der Entwicklung der Reduktionsstrategie erstmalig öffentlich gewidmet. Im Haushaltsbudget für 2024 sind im Einzelplan des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) [4], welches mit dem Referat „Tierschutz“ für Tierversuche zuständig ist, eine Million Euro unter dem Titel „Maßnahmen zur Reduktion von Tierversuchen“ vermerkt. Insgesamt ist eine weitere Million Euro für die Folgejahre bis 2027 vorgemerkt.
In diesem Zusammenhang übergaben wir von PETA Deutschland bereits Ende letzten Jahres, am 28. November, eine Petition zur Entwicklung eines Ausstiegsplans mit mehr als 200.000 Unterschriften an einen Vertreter des BMEL.
Mit der Petition fordern wir und unsere Unterstützenden eine Modernisierung der Wissenschaft. Die Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen sprach in einer Pressemitteilung Ende September 2023 davon, dass mit dieser Erstfinanzierung die Reduktionsstrategie erarbeitet und mit deren Umsetzung begonnen werden kann. Zu den weiteren Punkten im Koalitionsvertrag, wie der verstärkten Forschung zu Alternativen und der Etablierung des ressortübergreifenden Kompetenznetzwerks, wurde noch nichts bekannt.
Originaltext vom 04. Juli 2023
PETAs Empfehlungen und Erwartungen an SPD, Grüne und FDP zur Reduktion von Tierversuchen
Im Dezember 2021 nahmen die SPD, die Grünen und die FDP das folgende Vorhaben in ihre Koalitionsvereinbarung auf: „Wir legen eine Reduktionsstrategie zu Tierversuchen vor. Wir verstärken die Forschung zu Alternativen, ihre Umsetzung in die Praxis und etablieren ein ressortübergreifendes Kompetenznetzwerk.“ [2]
Wir von PETA unterstützen das Ansinnen, Tierversuche in der Wissenschaft ab sofort zu reduzieren und schlussendlich gänzlich zu ersetzen. Abgesehen davon, dass derartige Versuche unethisch sind, bieten neue, tierfreie Methoden innovativere Ansätze und oftmals schlichtweg bessere Daten zum Schutz der menschlichen Gesundheit und der Umwelt. Diese Ansätze reflektieren die menschliche Biologie besser – die Ergebnisse aus Tierversuchen lassen sich hingegen aufgrund der biologischen Unterschiede oft nicht auf den Menschen übertragen.
Im Januar 2023 schickten wir von PETA Deutschland Briefe an die zuständigen Ministerien, in denen Erwartungen und Empfehlungen hinsichtlich der Durchsetzung des oben zitierten Vorhabens dargelegt wurden. Die Erläuterungen basieren auf PETAs Research Modernisation Deal (RMD) – unserer Strategie zum stufenweisen Ausstieg aus Tierversuchen.
Das Vorgehen der Ampel-Koalition zur Reduktion von Tierversuchen
Der wichtigste erste Schritt des Koalitionsvertrags besteht in der Einrichtung eines ressortübergreifenden Kompetenznetzwerks. Dieses Netzwerk sollte in Form einer Arbeitsgruppe entstehen, besetzt mit Bundestagsabgeordneten sowie Vertreter:innen der unterschiedlichen Ministerien und Bundesinstitute. Dies muss oberste Priorität haben – denn die Entwicklung einer Reduktionsstrategie für Tierversuche erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Regierungsstellen mit unabhängigen Verantwortungsbereichen und Mandaten.
Der Bereich Tierschutz obliegt in Deutschland dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Der Bereich Forschung hingegen wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verantwortet. Darüber hinaus sind auch das Gesundheitsministerium (BMG), das Ministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Ministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) und das Ministerium für Verteidigung (BMVg) mit Tierversuchen konfrontiert (z. B. Unbedenklichkeit von Arzneimitteln oder Pflanzenschutzprodukten) und müssen eingebunden werden. Klar geregelte Verantwortlichkeiten und eine enge Zusammenarbeit zwischen diesen Ministerien sind für die Initiierung des Kompetenznetzwerks entscheidend. Darüber hinaus sollten weitere Akteur:innen – z. B. aus der akademischen und industriellen Forschung, Förderorganisationen und Tierschutzorganisationen – ihre Perspektiven einbringen können.
Sobald das ressortübergreifende Kompetenznetzwerk etabliert ist, kann es die Entwicklung der Reduktionsstrategie anstoßen und begleiten. Für die Strategie selbst sind eine umfassendere und zielgerichtetere Finanzierung sowie die systematische und behördliche Unterstützung neuer, tierfreier Methoden nötig. Nur so lässt sich nicht nur die Entwicklung, sondern auch die breite Anwendung tierfreier Ansätze sicherstellen, um Tierversuche konsequent zu ersetzen
Tierversuche in Deutschland: Zahl der missbrauchten Tiere weiterhin hoch
Allein in Deutschland werden jährlich Millionen Tiere für „wissenschaftliche“ Zwecke missbraucht: 2024 belief sich die Zahl auf knapp 2 Millionen Tiere. Dazu kommen weitere 1,1 Millionen fühlende Lebewesen, die gezüchtet und getötet, aber nicht „verwendet“ wurden – insgesamt über 3 Millionen Tiere, die im Namen der „Wissenschaft“ starben. [3]
Tiere sind fühlende Lebewesen, ihr Missbrauch zu „wissenschaftlichen Zwecken“ ist daher unmoralisch und speziesistisch.
Ausstieg aus Tierversuchen jetzt!
Unterstützen Sie unsere Strategie zur Modernisierung der Forschung und zum Ausstieg aus Tierversuchen. Helfen Sie, die grausamen Tierversuche zu beenden.
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Quellen
[1] Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 2025. Zugriff am 14.04.2026. https://www.koalitionsvertrag2025.de/
[2] Koalitionsvertrag zwischen SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP. 2021. Zugriff am 27.06.2023. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/koalitionsvertrag-2021-1990800
[3] Deutsches Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R). Verwendung von Versuchstieren im Berichtsjahr 2024. Zugriff am 9.12.2025. https://www.bf3r.de/angebote/versuchstierzahlen/versuchstierzahlen-2024/
[4] Bundeshaushaltsplan 2024. Einzelplan 10 Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Zugriff am 23. Mai 2025. https://www.bundeshaushalt.de/static/daten/2024/soll/epl10.pdf
[5] Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Tierversuche durch Alternativmethoden nachhaltig reduzieren. Pressemitteilung Nr. 89/2024. Zugriff am 15. Mai 2025. https://www.bmel.de/SharedDocs/Archiv/Pressemitteilungen/2024/089-tierversuche.html
[6] Die Bundesregierung. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 6. Mai 2025. Zugriff am 15. Mai 2025. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/koalitionsvertrag-2025-2340970
[7] PETA Presseportal. Geplatztes Ampel-Versprechen: Reduktionsstrategie zu Tierversuchen nicht veröffentlicht. 12. Mai 2025. Zugriff am 15. Mai 2025. https://presseportal.peta.de/geplatztes-ampel-versprechen-reduktionsstrategie-zu-tierversuchen-nicht-veroeffentlicht/
