Viele Menschen, denen Tier- und Klimaschutz wichtig sind, erhoffen sich, dass sogenanntes Laborfleisch – auch In-vitro-Fleisch oder Clean Meat genannt – einen Ausweg aus der industrialisierten Tierhaltung darstellen könnte. Ein Stück Fleisch aus Zellkultivierung, ohne das damit verbundene Tierleid zu produzieren, ohne das Schwänzekupieren, Schnäbelkürzen, Einsperren in Käfigen oder auf dreckigen Spaltenböden, ohne das enorme Leiden bei den Transporten und im Schlachthof, ohne die immense Umweltverschmutzung und Klimabelastung – das wäre wirklich ein riesiger Fortschritt.
2013 stellte ein niederländisches Unternehmen den ersten Burger aus zellkultiviertem Rindfleisch vor. Welche Fortschritte im Bereich Laborfleisch gab es seitdem? Und: Sind diese für einen veganen Lebensstil moralisch vertretbar?
Laborfleisch: Wie wird In-vitro-Fleisch hergestellt?
Bei In-vitro-Fleisch handelt es sich grundsätzlich um dasselbe Fleisch, das bereits heute konsumiert wird. Nur wird dieses aus tierischen Zellen produziert, ohne dass dafür ein Tier getötet werden muss. Die dafür notwendigen vermehrungsfähigen Zellen stammen entweder aus Zellbanken oder werden Tieren unter lokaler Betäubung per Gewebeabnahme (Biopsie) entnommen. [1] Dabei handelt es sich um Muskelstammzellen und Fettstammzellen. Für die Vermehrung dieser Zellen werden Bioreaktoren benötigt, die den tierischen Körper ersetzen. Diese ähneln Fermentern, wie sie beim Brauen von Bier eingesetzt werden.
Zusätzlich bedarf es einer Nährlösung, auf der sich die Zellen vermehren können, sowie einer „Gerüstsubstanz“, auf der die Zellen eine dreidimensionale Struktur ausbilden können. Die Zellen vermehren sich also durch Zellteilung, gliedern sich in Muskelzellen auf, entwickeln sich dann zu Muskelfasern und werden schließlich zusammengefügt. [2] Mit einer einzigen Biopsie können mehrere Tonnen Fleisch hergestellt werden. [3]
Zu Beginn der Forschung bestand die Nährlösung aus fetalem Kälberserum. Die Herstellung von fetalem Kälberserum ist jedoch mit großem Tierleid verbunden und entspricht damit natürlich nicht dem Grundgedanken von kultiviertem Fleisch. Einer schwangeren Kuh wird dafür unmittelbar nach der Tötung im Schlachthof der Fötus aus der Gebärmutter geschnitten. Dem lebenden und unbetäubten Kalb wird dann alles Blut entnommen, in der Regel durch einen Stich mit einer Nadel direkt ins Herz. [4]
Heute stehen bereits eine ganze Reihe von tierfreien Alternativen zur Verfügung. Sie basieren entweder auf rein pflanzlichen Nährlösungen, werden aus menschlichem Blut oder synthetisch hergestellt. Auf der Webseite der Universität Utrecht werden über 700 Einträge zu tierfreien Nährmedien und Produkten aufgelistet. [5]
Ist In-vitro-Fleisch und Clean Meat in Deutschland erlaubt?
Bei In-vitro-Fleisch handelt es sich um ein sogenanntes Novel Food (neuartiges Lebensmittel), das in Deutschland bzw. der EU eine Zulassung durch die Europäische Kommission benötigt. Die Novel-Food-Verordnung regelt die Markteinführung neuartiger Lebensmittel in der EU, um einen funktionierenden Binnenmarkt, die menschliche Gesundheit und die Interessen von Verbrauchenden zu schützen. [1]
Erste Anträge wurden bereits gestellt: So hat das französische Startup Parima im Sommer 2024 eine Zulassung für seine kultivierte Entenleberpastete beantragt. [6] Das niederländische Unternehmen Mosa Meat, das zu den Pionieren auf dem Gebiet gehört, folgte Anfang 2025 mit einem Antrag auf Zulassung von kultiviertem tierischem Fett. [7] Das Zulassungsverfahren dauert mindestens 18 Monate und kann Kosten von mehreren Millionen Euro verursachen. [1]
Wo ist In-vitro-Fleisch bereits zugelassen?
- Bereits seit 2020 sind aus kultiviertem Hühnerfleisch geformte Produkte von Upside Foods oder Good Meat in Singapur zugelassen.
- Seit 2023 sind diese auch in den USA erhältlich.
- Das vom Unternehmen Aleph Farms entwickelte kultivierte Rindfleisch ist bereits seit Anfang 2024 in Israel auf dem Markt, Anträge auf eine Zulassung in Großbritannien und der Schweiz laufen.
- Zugelassen ist in Großbritannien hingegen schon seit 2024 auf kultiviertem Hühnerfleisch basierende Nahrung für tierische Mitbewohner von Meatly.
- Seit 2025 ist kultiviertes Wachtelfleisch außerdem in Australien und Neuseeland genehmigt.
- Im Sommer 2025 haben zudem kultivierter Lachs von Wildtype und kultiviertes Schweinefett von Mission Barns die Zulassung in den USA erhalten. [8]
- Als bislang einziges EU-Land haben die Niederlande 2023 die öffentliche Verkostung von kultiviertem Fleisch erlaubt. [9] Bislang ebenfalls einzigartig in den Niederlanden ist, dass ein Landwirt nun auf seinem eigenen Hof eine Produktionsanlage für Zellkultivierung eingerichtet hat und überzeugt ist: „Als Landwirt muss man vorausschauend denken, besonders in der heutigen Zeit.” [10]

Internationale Fleischlobby fühlt sich durch zellkultiviertes Fleisch bedroht
Jedoch ist nicht nur das unnötige Töten und Essen von Tieren mittlerweile zu einem gesellschaftlichen Politikum geworden, sondern auch die Zulassung von In-vitro-Fleisch entwickelt sich zu einer nationalen Identitätsfrage. Staaten wie Italien oder Ungarn sehen durch das Alternativprodukt die eigene „Kultur und Identität“ in Gefahr und brachten bereits ein Verbot ins Spiel. [11]
In sieben amerikanischen Bundesstaaten, darunter Florida, wurden zellkultivierte Produkte bereits verboten. Doch selbst die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) stellte bereits 2022 klar, dass von Upside Foods hergestelltes Hühnerfleisch „genauso sicher wie vergleichbare Lebensmittel, die mit anderen Methoden hergestellt wurden“, ist. [12]
Die weltweite Fleischlobby sieht ihr auf Ausbeutung, Leid und Tod basierendes Milliarden-Geschäft gefährdet, wäre jedoch so viel besser damit beraten, diese innovative Produktionskraft zu ihrer eigenen zu machen. Denn der Markt für zellkultiviertes Fleisch wird bis 2050 mit einer Umsatzstärke von über 500 Milliarden US-Dollar prognostiziert. Für den europäischen Raum wird geschätzt, dass kultiviertes Fleisch bis 2050 jährlich 85 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung der EU beitragen kann. [13]
Welche Nachteile hat Fleisch aus dem Labor?
Das anfängliche ethische Dilemma, tierische Stammzellen nur mit fetalem Kälberserum als Nährmedium vermehren zu können, konnte soweit aufgelöst werden. Pflanzliche, synthetische oder aus menschlichem Blut hergestellte Alternativen bestehen bereits rund um den Globus. Was bis heute schwer abschätzbar bleibt, ist der tatsächliche Energieverbrauch der In-vitro-Produktion. Energieintensiv gestaltet es sich sowohl, die Temperatur in den Fermentern aufrechtzuerhalten als auch Nährmedien biotechnologisch herzustellen.
Eine Studie zur ex-ante Ökobilanz der kommerziellen Herstellung von zellkultiviertem Fleisch kam zu dem Ergebnis, dass bei der Zellkultivierung vor allem der Energie-Mix unter Verwendung von erneuerbaren Energien entscheidend ist. [14] Wird die Produktion erst einmal hochskaliert, also massentauglich angelegt, werde sich auch der Energieaufwand verringern. [12]

Welche Vorteile hat In-vitro-Fleisch: Ist Laborfleisch umweltfreundlich?
Abgesehen von den Milliarden Tieren, die weltweit jedes Jahr vor einem gewaltsamen Tod geschützt werden können, hat in vitro hergestelltes Fleisch vielfältige Vorteile für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit. Ökobilanzen weisen aus, dass durch Zellkultivierung 93 Prozent der Emissionen, 95 Prozent der Landfläche und 78 Prozent des Wassers eingespart werden können. [15] Weil bei der Herstellung keine Gülle anfällt, fällt auch die Klimabilanz ohne Nitrat- und Lachgasemissionen deutlich geringer aus.
Da die Herstellung zellkultivierter Produkte außerdem kontrollierter und ohne den Einsatz von Antibiotika stattfindet, gelten sie im Vergleich zu Fleischprodukten von toten Tieren als sicherer und gesünder. [14] Die Risiken für Zoonosen und damit weitere mögliche Pandemien können durch diese alternative Lebensmittelherstellung nahezu ausgemerzt werden, Abhängigkeiten durch „Futtermittelimporte“ würden ebenso aufgelöst werden können. All dies trägt nicht zuletzt zu einer Versorgungsunabhängigkeit und damit zur Ernährungssicherheit in Deutschland bei.
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Quellen
[1] Heyl, K., Ekardt, F. Recht und Governance von In-vitro-Fleisch – insbesondere zur EU-Novel-Food-Verordnung. NuR 46, 319–325 (2024), https://doi.org/10.1007/s10357-023-4279-6 (eingesehen am 18.03.2026)
[2] Lebensmittelverband Deutschland: Zellkulturbasierte Fleischproduktion, https://www.lebensmittelverband.de/de/lebensmittel/technologie/in-vitro-fleisch (eingesehen am 18.03.2026)
[3] Verbraucherzentrale (23.08.2024): Clean Meat – ist Laborfleisch die Zukunft?, https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/lebensmittelproduktion/clean-meat-ist-laborfleisch-die-zukunft-65071 (eingesehen am 18.03.2026)
[4] Gstraunthaler, G. (2003): Alternatives to the use of fetal bovine serum: serum-free cell culture, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14671707 (eingesehen am 18.03.2026)
[5] Utrecht University (2026): Fetal Calf Serum-free Database, https://fcs-free.sites.uu.nl/ (eingesehen am 18.03.2026)
[6] Good Food Institute Europe (2024): GFI Europe begrüßt ersten offiziellen Zulassungsantrag für kultiviertes Fleisch in der Europäischen Union, https://gfieurope.org/de/blog/eu-zulassungsantrag-kultiviertes-fleisch/ (eingesehen am 18.03.2026)
[7] Süddeutsche Zeitung (23.01.2025): Niederländische Firma beantragt Zulassung für Laborfleisch-Zutat, https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/mosa-meat-laborfleisch-eu-zulassung-novel-food-li.3188303 (eingesehen am 18.03.2026)
[8] transgen.de (15.09.2025): Echtes Fleisch aus Zellkultur: Ohne Tierhaltung, aber mit viel High-Biotech, https://www.transgen.de/lebensmittel/2700.fleisch-zellkultur-biotechnologie.html (eingesehen am 18.03.2026)
[9] vegconomist (28.11.2025): Die Niederlande genehmigen als erstes EU-Land öffentliche Verkostungen von neuartigen, fermentierten Lebensmitteln, https://vegconomist.de/kultiviertes-fleisch-zellkultur-biotechnologie/fermentation/niederlande-fermentation/ (eingesehen am 18.03.2026)
[10] vegconomist (25.11.2025): Weltweit erste Farm für kultiviertes Fleisch startet in den Niederlanden in Zusammenarbeit mit RespectFarms, https://vegconomist.de/kultiviertes-fleisch-zellkultur-biotechnologie/kultiviertes-fleisch/kultiviertes-fleisch-niederlanden-respectfarms/ (eingesehen am 18.03.2026)
[11] topagrar (19.11.2025): In-vitro-Fleisch oder -Fisch: Welche Produkte sind wo bereits erlaubt?, https://www.topagrar.com/perspektiven/news/invitro-fleisch-fisch-produkte-zulassung-staaten-weltweit-h-20002690.html (eingesehen 18.03.2026)
[12] DerStandard (27.01.2026): Italien, Ungarn und einige US-Bundesstaaten verbieten Fleisch aus dem Bioreaktor. Warum eigentlich?, https://www.derstandard.at/story/3000000305852/italien-ungarn-und-einige-us-bundesstaaten-verbieten-fleisch-aus-dem-bioreaktor-warum-eigentlich (eingesehen am 18.03.2026)
[13] Good Food Institute (2024): Studie: In Deutschland könnte durch kultiviertes Fleisch ein neuer Markt von 16 Milliarden Euro entstehen, https://gfieurope.org/de/blog/marktpotenzial-kultiviertes-fleisch/ (eingesehen am 18.03.2026)
[14] Sinke, P., Swartz, E., Sanctorum, H. et al. Ex-ante life cycle assessment of commercial-scale cultivated meat production in 2030. The International Journal of Life Cycle Assessment 28, 234–254 (2023), https://doi.org/10.1007/s11367-022-02128-8 (eingesehen am 18.03.2026)
[15] Cleanthinking.de (05.01.2026): Mosa Meat: Der kultivierte Burger wird bezahlbar, https://www.cleanthinking.de/kultivierte-burger-clean-meat-revolution/ (eingesehen am 18.03.2026)