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Eisbären im Zoo: So sehr leiden die Riesen unter der Gefangenschaft

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Eisbären sind die zweitgrößten Landraubtiere der Welt. Die Einzelgänger haben in freier Wildbahn ein Streifgebiet, das mehrere hundert bis mehrere tausend Quadratkilometer umfassen kann [1]. Am Tag legen sie bis zu 30 Kilometer zurück [2]. Kaum ein Tier leidet so offensichtlich in Gefangenschaft wie sie, trotzdem müssen noch etwa 30 Eisbären ihr Dasein in deutschen Zoos fristen. Wir erklären, warum Eisbären ausschließlich in die freie Wildbahn gehören.

Natürliche Verhaltensweisen werden verwehrt

Die Größe eines Zoogeheges entspricht im Mittel nur etwa einem Millionstel des Reviers von Eisbären in der Natur [3]. Bildlich gesehen haben alle 34 Eisbären in deutschen Zoos nur 9.512 Quadratmeter Lauffläche zur Verfügung (Stand 2008), das entspricht der kleinen Rasenfläche um die Berliner Siegessäule [4]. Zum daraus resultierenden Bewegungsmangel kommt hinzu, dass Eisbären ihr Bedürfnis nach Nahrungssuche und Jagdverhalten sowie freier Partnerwahl in Gefangenschaft nicht ausleben können.
 
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Stereotype Verhaltensweisen sind die Regel

Doch Eisbären leiden nicht nur unter Bewegungsmangel, Enge und Beschäftigungslosigkeit, sondern zudem unter besonders schweren Verhaltensauffälligkeiten [3]. Diese lassen sich beispielsweise am Im-Kreis-Laufen oder Kopfwippen vieler Tiere erkennen. Die in vielerlei Hinsicht reizarmen Zoogehege sind für das seelische Leid der Eisbären verantwortlich. Verschiedenen wissenschaftlichen Studien zufolge weisen mindestens 55 bis 77 Prozent der Eisbären in Zoohaltung Verhaltensstörungen auf [5,6]. In einer Fallstudie verbrachte ein männlicher Eisbär ganze 77 Prozent seiner täglichen Aktivität entweder mit stereotypem Laufen oder Schwimmen [7]. Im Jahr 2008 schaute PETA sich die damaligen 12 deutschen Eisbärenhaltungen an, um insbesondre die drei häufigsten Verhaltensstörungen bei Eisbären zu ermitteln. Das Ergebnis der 1-2-tägigen Besuche in den einzelnen Zoo war erschreckend: Von 34 Eisbären zeigten 24 Individuen im Verlauf unserer Recherchen eine dieser drei Formen von Stereotypien (Filmaufnahmen liegen vor) [4]. Auch neuere, vermeintlich „große“ Gehege können den Bedürfnissen der Tiere nicht gerecht werden: So filmten Besucher im Jahr 2018 bereits kurz nach der Eröffnung des Polariums im Rostocker Zoo ein Tier mit Verhaltensstörungen, und auch der Zoo selbst gibt zu, dass der Eisbär-Mann Akiak Stereotypien zeigt [8].
 

Nachzucht ohne Aussicht auf Auswilderung

Eisbärenbabys dienen Zoos vor allem als Besuchermagneten. Deshalb werden Eisbären in Zoos immer wieder nachgezüchtet – mit gravierenden Folgen. Die Jungtiersterblichkeit in Gefangenschaft ist mit über 60 % sehr hoch [3]. Und das, obwohl die Eisbären im Zoo in vermeintlich geschützter Umgebung ohne Hunger aufwachsen und bei Verletzungen oder Krankheit versorgt werden – die Sterblichkeitsrate ist mindestens genauso hoch wie in freier Wildbahn. So wurden seit 2005 in deutschen Zoos 32 Eisbären geboren und nur 14 haben überlebt. Drei der Überlebenden sind bereits in jungem Alter gestorben. In freier Wildbahn kommen nach Schätzungen etwa ein Drittel der schwangeren Eisbärfrauen ohne Nachwuchs aus ihrer Geburtshöhle zurück [9]. Hinzu kommt, dass bei der Nachzucht von Eisbären keinesfalls die Rede von Artenschutz sein kann, denn die Zucht ist nicht auf Auswilderung ausgelegt. Selbst verwaiste Eisbärenbabys, die noch im natürlichen Lebensraum geboren wurden, haben keine Chance auf Wiederauswilderung. Ihre Überlebenschancen wären nach dem Leben in Gefangenschaft zu gering [10].

Leid durch Klimawandel – auch im Zoo

Eisbären leiden nicht nur in ihrer Heimat unter dem Klimawandel. Auch die Hitze in Deutschland setzt ihnen enorm zu. Temperaturen bis zu 40 Grad, die in Deutschland immer häufiger werden, sind bereits lebensbedrohlich für Eisbären. Sie sind an ein Leben bei zweistelligen Minustemperaturen im Eis angepasst, die Sommerhitze in Deutschland ist für sie die reinste Qual. Das kann bis zum Tod führen – 2012 starb ein Eisbär im Zoo von Buenos Aires bei 35 Grad an Hitzestress.
 
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Die Haltung von Eisbären ist rückläufig

Obwohl die gravierenden Folgen der viel zu kleinen Gehege in Zoos bekannt sind, züchten die Zooverantwortlichen weiterhin Tiere in diese Leid verursachende Umgebung hinein. Dennoch zeichnet sich eine positive Entwicklung ab, denn die Zahl der Zoos, die Eisbären halten, nimmt seit Jahren weiter ab [4]. Beispielsweise entschied die Stuttgarter Wilhelma nach dem Tod der Eisbärin Corinna, die Eisbärenhaltung „bis auf weiteres auszusetzen“: Die notwendige Gehegemodernisierung wäre zu aufwändig und die Fläche solle stattdessen anderweitig genutzt werden [11]. Der Zoodirektor Thomas Kölpin bezog mit den folgenden Worten Stellung: „Das Verhalten unserer Bären war am Ende nicht optimal, es sind leichte Stereotypien aufgetreten, dafür haben wir immer mehr Kritik geerntet. Insofern waren wir uns schnell einig, keine Eisbären mehr zu halten.“ [12] Auch der Zoo Wuppertal hat bereits die Entscheidung getroffen, die Eisbärenhaltung zu beenden. Schon 2014 war den Zooverantwortlichen bewusst, dass die Eisbärenanlage mangelhaft ist [13]. So wird es in absehbarer Zeit nur noch 11 Eisbärenhaltungen in Deutschland geben. Wir von PETA setzen uns dafür ein, dass bald gar kein Eisbär mehr in Zoo-Gefangenschaft leiden muss.

Was Sie tun können

Eisbären können in Gefangenschaft niemals artgerecht gehalten werden. PETA Deutschland fordert das Ende der Eisbärenzucht, damit die Haltungen mittelfristig auslaufen. Helfen Sie uns mit Ihrer Unterschrift, das Leid der Eisbären in Zoos zu beenden.



[1] Auger-Méthé, M. et al. (2015). Home ranges in moving habitats: Polar bears and sea ice. Ecography. 39. 10.1111/ecog.01260. Online unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1111/ecog.01260 (eingesehen am 07.08.2020)
[2] Polar Bears International: Habitat, https://polarbearsinternational.org/polar-bears/habitat/ (eingesehen am 07.08.2020)
[3] Clubb, R. & Mason, G. (2003). Animal Welfare: Captivity effects on wide-ranging carnivores. Nature. 425. 473-4. 10.1038/425473a.
[4] PETA Deutschland e.V.: Was Sie schon immer nicht wissen wollten?! https://www.peta.de/mediadb/eisbaer-peta-recherche-2010.pdf (eingesehen am 07.08.2020)
[5] Van Keulen-Kromhout, G. (1978). Zoo enclosures for bears: Their influence on captive behavior and reproduction. International Zoo Yearbook. 18. 177-186.
[6] Stephan, U. (2006). Dissertation: Untersuchungen an Eisbären in europäischen zoologischen Gärten: Verhalten und Veränderungen von Stresshormon-Konzentrationen unter Berücksichtigung der Gehegegröße und Gruppenzusammensetzung, https://d-nb.info/1003448658/34 (eingesehen am 07.08.2020)
[7] Wechsler, B. (1991). Stereotypies in polar bear. Zoo Biology. 10. 177-188. 10.1002/zoo.1430100209.
[8] 45 Min: Das System Zoo. TV-Beitrag Norddeutscher Rundfunk, ausgestrahlt am 25.05.2020, https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/video-podcast/Das-System-Zoo,minuten3296.html (eingesehen am 12.08.2020)
 [9] Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Eine artgerechte Eisbärenhaltung im Zoo ist nicht möglich“, https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/eine-artgerechte-eisbaerenhaltung-im-zoo-ist-nicht-moeglich-14913604.html (eingesehen am 07.08.20)
[10] National Geographic: Polar Bears International to Open Rescue and Rehabilitation Center, https://blog.nationalgeographic.org/2010/09/07/polar-bears-international-to-open-rescue-and-rehabilitation-center/ (eingesehen am 07.08.2020)
[11] Wilhelma: Neuzugänge: Wilhelma bereitet sich auf erstmalige Gepardenzucht vor, https://www.wilhelma.de/nc/de/aktuelles-und-presse/pressemitteilungen/2020/18022020-vorbereitung-der-gepardenzucht.html (eingesehen am 07.08.2020)
[12] Stuttgarter Zeitung: Wilhelma setzt auf Geparden und Koalas, https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.zuchtprogramm-in-stuttgarter-zoo-wilhelma-setzt-auf-geparden-und-koalas.4a652782-882d-4076-ae5c-e7a0d8c21883.html (eingesehen am 07.08.2020)
[13] Der Westen: Wuppertals Zoo überlegt, seine Eisbären abzugeben, https://www.derwesten.de/region/wuppertals-zoo-ueberlegt-seine-eisbaeren-abzugeben-id9906334.html (eingesehen am 07.08.2020)