Robbenjagd Kanada: So grausam ist das Abschlachten der Robben

Jedes Frühjahr ziehen schwangere Robben Richtung Norden, um ihre Jungen an den Küsten von Labrador, Neufundland, Baffin Island und Pribilof Island in Alaska zur Welt zu bringen. Doch bevor ihr Nachwuchs die zwölfte Lebenswoche erreicht, werden die Kinder auf grausame Weise von kommerziellen Robbenjägern abgeschlachtet. In den vergangenen Jahren legte die kanadische Regierung sogenannte Fangquoten von bis zu 400.000 Robben pro „Saison“ fest. (1) Seit der Einführung der ersten Importverbote für kommerzielle Robbenprodukte im Jahr 2010 ist die Zahl der getöteten Tiere stark zurückgegangen. Während 2006 noch 355.000 Tiere abgeschlachtet wurden, meldete das kanadische Fischereiministerium für 2016 den Tod von 66.800 Sattel- und 1.612 Kegelrobben. (2)

So grausam sind die Methoden der Robbenjäger

Moderne Robbenjäger verwenden Hubschrauber, um herauszufinden, wohin die Robben gezogen sind. Hat man den Standort der Tiere ermittelt, werden Eisbrecher mit Robbenjägern losgeschickt, um sie zu töten. Die gängigsten Methoden sind das Erschießen vom Schiff aus oder das Erschlagen auf dem Eis mit einem Hakapik – einer Art Holzschläger, an dessen Spitze sich ein Metallhaken befindet. Die Jäger versuchen, die Tiere durch einen gezielten Schlag bewusstlos zu machen, oder zertrümmern ihre Schädel. Ist die Robbe bereits so alt, dass sie eine ausreichende Fettschicht aufgebaut hat, durchdringt der Metallhaken lediglich diese Fettschicht und erreicht den Schädel nicht einmal. Vermehrt werden die Tiere auch vom Schiff aus mit Gewehren erschossen. Durch das Schwanken der Eisbrecher auf dem Wasser ist ein genaues Zielen fast unmöglich. Oftmals schießen die Jäger mehrmals auf ein Tier ein, bis es wirklich tot ist, oder sie verletzen es schwer.

Viele Robben versinken schwer verletzt im Meer

Viele Robben versuchen, sich vor den Angriffen der Jäger ins Meer zu retten, nachdem sie von den Robbenjägern angeschossen oder mit Knüppeln schwer verletzt wurden. Dort sterben die Tiere qualvoll an Blutverlust oder Infektionen. Das kanadische Fischereiministerium geht davon aus, dass zusätzlich zur Fangquote mindestens 5 % der Tiere während der Jagd schwer verletzt fliehen. Bei älteren Robben versinkt sogar für jede gefangene Robbe ein weiteres Tier elendig im Meer. (3) Diese „verlorenen“ Tiere werden nicht einmal in den vom Ministerium veröffentlichten Fangzahlen berücksichtigt, sondern unter dem Begriff „struck and lost“ willentlich als Kollateralschaden hingenommen.

Werden auch Babys bei der Robbenjagd getötet?

Lange Zeit haben die Robbenjäger vor allem neugeborene Tiere vor dem 12. Lebenstag getötet – die sogenannten Whitecoats (Weißmäntelchen). Bis zu diesem Alter haben die Tiere ein weißes Fell, das sie nach ihrer Geburt vor der arktischen Kälte schützt. Sie sind körperlich noch nicht in der Lage, vor den Robbenjägern zu fliehen. Diese Besonderheit der Natur wurde den Babys zum Verhängnis, da ihr weiches Fell auf dem Pelzmarkt sehr beliebt ist. 1983 wurde dank des Drucks durch Tierschutzorganisationen ein Verbot der Jagd auf Whitecoats verhängt, welches die Neugeborenen bis heute vor den kanadischen Robbenjägern schützt. Allerdings wechselt das Fell der Tiere nach 14 Tagen seine Farbe und wird grau. Ab dann sind sie für alle lizenzierten Robbenjäger zum Abschuss freigegeben. Ein Großteil aller bejagten Robben sind daher zwischen 14 Tagen und 3 Monaten jung.

Warum werden Robben in Kanada bejagt?

Im Norden von Kanada und Alaska werden Robben von den Menschen schon seit mehr als 400 Jahren bejagt. Während einige wenige Eingeborene bis heute damit ihren Lebensunterhalt sichern, werden die meisten Tiere durch kommerzielle Jäger getötet. Ein Großteil des Gewinns wird mit dem weichen Pelz der Babyrobben bis zum Alter von 3 Monaten gemacht. Weitere Verwendungszwecke sind die Herstellung von Omega-3-Präparaten aus ihrem Fettgewebe oder die Verarbeitung ihrer Häute zu Leder. Die Penisse der männlichen Tiere gelten zudem in China, dem letzten relevanten Absatzmarkt für Robbenprodukte, als potenzförderndes Wundermittel. (4) Das Fleisch der Robben möchte kaum jemand essen. In den meisten Fällen wird der gehäutete Körper aufgrund der geringen Nachfrage nach Robbenfleisch einfach auf den Eisschollen zurückgelassen.

Warum unterstützt die kanadische Regierung die Robbenjagd?

Die Robbenjagd lohnt sich aus wirtschaftlicher Sicht längst nicht mehr, da bereits 36 Länder Import- und Handelsverbote für kommerzielle Robbenprodukte eingeführt haben – darunter auch die Länder der EU. Dennoch steckt die kanadische Regierung jährlich etwa 2,5 Millionen Dollar in die Überwachung des grausamen Massakers. (5) Zusätzlich werden viele weitere Millionen in den Ausbau neuer Absatzmärkte investiert, um die ungewollten Produkte loszuwerden. (6) Als Begründung stützt sich das kanadische Fischereiministerium auf die Aussage, dass die Robben durch ihren angeblich hohen Konsum von Kabeljau die Fischindustrie gefährden würden. Wissenschaftler betonen hingegen, dass Robben ein sehr breites Beutespektrum haben und sich vorwiegend von Fischarten wie dem Kapelan und anderen Meereslebewesen wie Krill oder Garnele ernähren und nicht für den Rückgang des kommerziell bejagten Kabeljau verantwortlich sind. (7,8,) Vielmehr sind Überfischung und Umwelteinflüsse wichtige Gründe für den Rückgang der Kabeljaupopulationen. (9)

Was Sie tun können

Die kanadische Regierung bleibt hart. Doch im 21. Jahrhundert sollte kein Tier mehr für Luxusprodukte wie Pelz oder als Sündenbock der Fischereiindustrie getötet werden. Sie können den Tieren helfen, indem Sie den kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau dazu auffordern, endlich Mitgefühl zu zeigen und das weltweit größte Massaker an Säugetieren endgültig zu beenden.



(1) Fisheries and Oceans Canada (2016): Harp Seal and Hooded Seal competitive fleet in Newfoundland and Labrador, Quebec, Gulf and Maritimes Regions. Online: http://www.dfo-mpo.gc.ca/decisions/fm-2016-gp/atl-03-eng.htm
(2) Fisheries and Oceans Canada (2016): Statistics on the seal harvest. Online: http://www.dfo-mpo.gc.ca/fm-gp/seal-phoque/seal-stats-phoques-eng.htm
(3) Fisheries and Oceans Canada. (2011). Current status of northwest Atlantic harp seals. Science Advisory Report 2011/070, S. 6. Online: http://www.dfo-mpo.gc.ca/Library/346317.pdf
(4) Macdonald, Michael (2015): Government looking at plan to revive seal penis sales. The Canadian Press, Halifax. Online: https://www.theglobeandmail.com/news/national/government-looking-at-plan-to-revive-seal-penis-sales/article24835392/
(5) Milman, Oliver (2016): Activists urge Justin Trudeau to phase out Canada's failing seal industry. The Guardian. Online: https://www.theguardian.com/environment/2016/mar/09/canada-seal-hunting-ban-animal-rights-activists-justin-trudeau
(6) Bassett, Deborah (2017): „Sealing“ the deal: Canada’s legacy of government subsidized cruelty continues. HuffPost. Online: https://www.huffingtonpost.com/deborah-bassett/sealing-the-deal-canadas-_b_818380.html?guccounter=1&guce_referrer_us=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&guce_referrer_cs=eMp4ELLK6szBDPUtWd6UDw
(7) Barry, Garrett (2017): No ‘strong’ indications harp seals are gobbling up all the northern cod: DFO scientist. CBC. Online: https://www.cbc.ca/news/canada/newfoundland-labrador/do-seals-really-eat-all-the-cod-dfo-says-not-1.4045080
(8) Kapel, F. O. (2000): Feeding habits of harp and hooded seals in Greenland waters. NAMMCO Scientific Publications 2: 50-64. Online: https://septentrio.uit.no/index.php/NAMMCOSP/article/view/2971/2844
(9) Greenham, Kyle (2019): The cull question: Part 1: Seal population not an obstacle for rebounding Newfoundland fishery, say experts. The Telegram. Online: https://www.thetelegram.com/news/local/the-cull-question-part-i-seal-population-not-an-obstacle-for-rebounding-newfoundland-fishery-say-experts-276358/