„Dafür brennt mein Herz“ | PETA-Reportage

Das letzte Jahr war anders als die anderen. Die Corona-Pandemie hat die Arbeit von Tierschützer:innen in Rumänien und auf der ganzen Welt erschwert, was sich leider auf die Gesundheit und das Leben vieler Tiere ausgewirkt hat. Reisen waren weltweit nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Deutlich mehr Welpen als sonst kamen zur Welt, denn Kastrationsaktionen waren nur in begrenztem Umfang möglich. Menschen verloren ihre Arbeit, konnten ihre Tiere nicht mehr versorgen – und das in einem Land, in dem mehr als 30 Prozent von Armut bedroht sind. Tierhalter:innen setzten ihre Tiere aus, weil sie sich nicht mehr um sie kümmern konnten. Allein in Bukarest lebten schon vor der Pandemie 40.000 bis 60.000 sogenannte Straßenhunde.

Doch trotz der Corona-Pandemie war und ist das Team von PETA HELPS ROMANIA vor Ort und rettet Tiere, die so oft keine Stimme haben – die nicht gesehen, nicht gehört werden. Das karitative Tierschutzprojekt kümmert sich nicht nur um Hunde und Katzen, sondern ist auch in den Bereichen Bildung und politische Arbeit aktiv. So unterrichtet das Team an rumänischen Schulen beispielsweise mehr als 4.000 Kinder im Jahr zum Thema Tierschutz und zeigt ihnen einen respektvollen Umgang mit Tieren auf. Daneben steht PETA HELPS ROMANIA in engem Kontakt mit rumänischen Politiker:innen, um die Situation der Tiere nachhaltig zu verbessern.

Zum Team von PETA HELPS ROMANIA gehört auch Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei PETA Deutschland. Für Jana ist es seit mehr als einem Jahr die erste Reise nach Rumänien. Vor der COVID-19-Pandemie unterstützte die gelernte Tierarzthelferin PETAs Rumänien-Team etwa alle zwei Monate, doch das war nun seit Längerem nicht möglich. Aber auch in Deutschland setzt sich Jana für PETA HELPS ROMANIA ein, denn sie klärt hierzulande über die wichtige Kampagne auf, die politische Veränderungen bewirken und die Arbeit für die Tiere in Rumänien verbessern soll.

Rumäniens Tierheime: Nach 14 Tagen werden die Hunde getötet

PETA HELPS ROMANIA bietet seit 2018 an wechselnden Orten in Rumänien kostenlose Kastrationsaktionen für Tiere an. Darüber hinaus setzen sich die Mitarbeiter im Rahmen einer Bildungskampagne und auf politischer Ebene für die Tiere ein. In diesem Land mit seinen knapp 20 Millionen Einwohner:innen leben unzählige heimatlose Hunde, die Tierquälerei schutzlos ausgeliefert sind, oftmals verletzt und im schlimmsten Fall sogar getötet werden. Der rumänische Staat finanziert Tötungsstationen, in denen sogenannte Straßenhunde unter widrigsten Umständen untergebracht werden. Wenn sie von ihren ursprünglichen Halter:innen nicht innerhalb von rund 14 Tagen abgeholt werden, werden sie auf grausame Weise getötet. Die Einrichtungen erhalten für jeden Hund staatliche Unterstützung für die artgerechte Unterbringung, Versorgung mit gesunder Nahrung und nötige medizinische Behandlung.

Soweit die Theorie – die traurige Realität sieht allerdings völlig anders aus. Wie Jana Hoger erzählt, sind in jedem Zwinger 10 bis 20 Hunde untergebracht, die sich gegenseitig angreifen, beißen und nach kurzer Frist meist qualvoll getötet werden. Jana sitzt auf einer hellen Couch im Stuttgarter Büro von PETA Deutschland. In dieser freundlichen und angenehmen Atmosphäre sind die PETA-Mitarbeiter:innen bei ihrer täglichen Arbeit mit unvorstellbarem Tierleid konfrontiert. Janas Augen verengen sich, sie legt die Stirn in ernste Falten. „Die Tötungen werden von Firmen durchgeführt, die im Auftrag der Stadt arbeiten. Oftmals gehen diese Firmen aber noch Verträge mit anderen Städten und Gemeinden ein, um auch dort Hunde einfangen zu können. Die Mitarbeitenden vieler Tötungsstationen fangen so viele Hunde wie möglich ein, denn für jeden Hund kassieren die Unternehmen Geld – Geld, das definitiv nicht zum Wohl der Tiere eingesetzt wird.“

frau haelt hund im arm
hund am gitter
zwei hunde in einem zwinger
hund in einem kaefig
hund

Nicht jeder Hund muss vermittelt werden – aber kastriert!

Janas Blick wird freundlicher, fast optimistisch. „Wir informieren die Menschen vor Ort. Wir erklären ihnen, wie wichtig es ist, dass sich ihre Tiere nicht vermehren. Und wir weisen sie darauf hin, dass für Hunde in Rumänien eine Kastrationspflicht gilt – viele Menschen wissen das gar nicht. Die meisten Hundehalter:innen nehmen die Gespräche mit uns positiv auf. Es gibt auch Anwohner:innen, die in ihrer jeweiligen Gegend heimatlose Hunde versorgen. Sie behalten die Tiere im Blick und versorgen sie regelmäßig mit Nahrung . Die Hunde haben feste Schlaf- und Essplätze, die meisten kommen so weit gut zurecht. Nicht jeder heimatlose Hund muss an Menschen vermittelt werden, aber jeder Hund muss kastriert werden – denn es gibt so viele, die in Not sind. Gemeinsam schaffen wir es, ihr Leid zu verringern.“

zwei menschen versorgen einen hund
hund in einem gitter schaut in die kamera
ein mensch traegt einen schlafenden hund
hunde in einem gitter

Janas Rumänien-Reise: Schon am Flughafen die ersten hilfebedürftigen Tiere

Es ist früh am Morgen, an diesem Mittwoch im Spätsommer 2021. Der schwarze, unauffällige Koffer mit dem silbernen Reißverschluss ist gepackt. Jana reist mit kleinem Gepäck, denn wenn sie in den Flieger einsteigt, der sie in die rumänische Hauptstadt Bukarest bringt, will sie für Notfälle vorbereitet sein. „Nach der Landung sehen wir auf dem Weg vom Flughafen zu unserer Station oft schon erste Tiere am Straßenrand, die Hilfe brauchen“, erzählt Jana. „Und klar, wir helfen ihnen“, lacht die 33-jährige Stuttgarterin und sagt, sie fühle sich freudig, positiv aufgeregt.

Die Campaignerin liebt die Arbeit in Rumänien und das Team, das 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche für Tiere und Menschen im Einsatz ist. PETA HELPS ROMANIA besteht aus derzeit dreizehn Personen. Dazu gehören Mitarbeitende wie Tierärzt:innen, Referent:innen für das Schul- und Bildungsprogramm, zwei Direktorinnen, Tierarzthelfer:innen und Assistent:innen, die Termine vereinbaren und die Kampagnen planen. Um die Arbeit für die Rechte der Tiere voranzutreiben, arbeitet PETA HELPS ROMANIA auch mit Anwält:innen zusammen. Mit ihrer Unterstützung können mehr Fälle von Tierquälerei angezeigt und bis zum Ergebnis der Strafanzeige nachverfolgt und betreut werden. Die Jurist:innen unterstützen zudem den Austausch der Tierschützer:innen mit Behörden und Polizei.

zwei frauen untersuchen einen hund
hund ist in einer huette und frau davor
frau streichelt einen hund

Kastrationen, Krankheiten und Unfälle: „Wir wissen nie, was der Tag bringt“

Die Kastrationskampagne wird von den Menschen in Rumänien weitgehend positiv aufgenommen. Vielen Tierhalter:innen fehlt das Geld, um ihre Tiere kastrieren zu lassen. Andere wissen nicht, wozu eine Kastration notwendig ist oder sorgen sich um die Folgen nach dem Eingriff. PETA HELPS ROMANIA klärt die Menschen auf und kümmert sich um die medizinische Betreuung der Tiere. „Man weiß nie genau, wie viele Menschen am Tag zu uns kommen – und vor allem, wie viele Tiere sie mitbringen. Manche melden sich an, andere nicht. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Menschen das Angebot unserer Kampagne annehmen. In einigen Gegenden Rumäniens kommen die Leute gerne zu uns, in anderen braucht es zwei oder drei Anläufe. Manchmal warten Tierhalter:innen erst ab, ob die Nachbarn ihre Tiere behandeln lassen, bevor sie selbst mit ihren eigenen Tieren kommen“, erzählt Jana nachdenklich. „Ich bin immer gespannt darauf, und auch ein bisschen aufgeregt, was uns erwartet. Neben den geplanten Kastrationen kommen auch Menschen mit Tieren zu uns, die absolute Notfälle sind. Tumore, Unfälle und Krankheiten sind keine Seltenheit. Parasitenbefall steht an der Tagesordnung. Wir wissen nie, was der Tag bringt“, erzählt Jana weiter.  

Denn auch das ist PETA HELPS ROMANIA: Das Rumänien-Team leistet Aufklärungsarbeit zum Thema Hunde- und Katzen-Kastrationen und führt die Eingriffe durch – aber es behandelt auch tierische Notfälle. Tiere, die nach Notfallmaßnahmen nicht von ihren Halter:innen versorgt werden können, finden in unserer Notunterkunft eine sichere Unterbringung. Dort gibt es auch eine Quarantänestation, auf der beispielsweise Welpen mit Parvovirose behandelt werden. Bei dieser hoch ansteckenden und oft tödlichen Viruserkrankung ist die Einhaltung von strikten Hygienemaßnahmen extrem wichtig. Die Notunterkunft bietet dafür einen trockenen und geschützten Ort – auch für mehrtägige Aufenthalte.

hund wird untersucht
hund schaut in die kamera
hunde sitzen im kaefig in einem transporter
hunde im kaefig
hundewelpen in einem gitter

Kastrationen in Tourismuszentren, Turnhallen und Rathäusern

An diesem Tag wird das Team seinen ersten Halt in dem rumänischen Dorf Micești einlegen. Wenn Jana ankommt, wird schon alles aufgebaut sein. Das Rumänien-Team hat sich in den letzten Wochen intensiv damit beschäftigt, die Kampagne zu planen, Termine zu vereinbaren, die Eingriffe und die Notfallversorgung vorzubereiten. Die Kastrationen werden meist in Tourismuszentren, Turnhallen oder Rathäusern durchgeführt. „Die Räume werden in kürzester Zeit zu mobilen Tierarztpraxen umgebaut. Die Menschen kommen mit Schubkarren oder tragen ihre Hunde auf dem Arm – denn Hunde in Rumänien sind es nicht gewohnt, an der Leine zu laufen. Manche bringen Katzen und kleine Hunde auch in einer Tasche.“ Das Team nimmt die Tiere auf, erstellt einen Erstbericht, informiert die Tierhalter:innen über mögliche Komplikation während und nach dem Eingriff und über die weitere Versorgung. Wenn Tiere wegen Parasiten oder anderen Krankheiten Medikamente brauchen, werden diese zur Nachversorgung kostenlos bereit gestellt.

Jana erinnert sich an die letzte Aktion: Eine Familie brachte ihre Katze – in einer Tüte. Es war sofort klar, dass das Tier vermutlich direkt nach der Kastration wieder Freigang haben würde, denn die Tierhalter:innen hatten keine Möglichkeit, ihre Katze die ersten Tage nach der OP in der Wohnung zu halten. „Ich sprach mit den beiden Kindern der Familie, die an der Kampagne interessiert waren und denen das Wohl ihrer Katze sehr am Herzen lag“, so Jana. „Sie sagten, dass sie die frisch operierte Katze nicht im Haus pflegen könnten. Also boten wir an, sie bei uns aufzunehmen, damit sie sich in Ruhe von der Narkose erholen kann. Das hat die Familie gerne angenommen. Zusätzlich gaben wir ihnen Infomaterial mit.“

Jana berichtet, dass die Menschen in Rumänien für einen anderen Umgang mit Tieren offen sind, und sagt: „Wir informieren Menschen jeden Alters über Tierschutz und Tierrechte.“ Vielen fehle es an finanziellen Mitteln, anderen an Wissen. „Traditionen“ seien in Rumänien noch immer vorherrschend. Leider sei es völlig normal, einem Hund im Hof an der Kette zu halten – allein, ohne soziale Kontakte, nicht einmal zu Menschen. Offenbar machen das in Rumänien noch immer viele so.

Kinder lernen respektvollen Umgang mit Tieren im Unterricht

PETA HELPS ROMANIA verfolgt außerdem eine Bildungskampagne und geht damit an Schulen. Dank der Arbeit von PETA und unserem rumänischen Partner EDUXANIMA wird an etlichen Schulen im Fach Sozialkunde mittlerweile auch Tierschutzunterricht angeboten. In diesen Schulstunden lernen Kinder einen respektvollen Umgang mit Tieren. „Das kommt sehr gut an. Ich habe in solchen Klassen schon persönlich Kindern zugehört, die davon erzählen, was sie traurig macht, wenn sie an Tiere denken. Einige haben erkannt, dass es einem Hund nicht gut geht, wenn er immer alleine draußen ist. Die jetzige Generation wird sich wohl nicht mehr stark verändern, aber die Bildungsarbeit unserer Kampagne verändert das Denken – vor allem bei der nächsten Generation“, strahlt Jana. „Wir sehen, dass unsere Arbeit ankommt, angenommen wird – und dass viele Tiere dadurch nicht nur ein besseres Leben führen, nein, auch gerettet werden.“

Ausgesetzte Welpen haben es besonders schwer

Was besonders schlimm sei, erzählt Jana, sind die ausgesetzten Welpen am Straßenrand. Die Tierkinder wissen oft gar nicht, was los ist und was als nächstes passiert. Die meisten sind freundlich und zugänglich – aber zu klein, um zu verstehen, wie sie sich selbst schützen können. Diese notleidenden Welpen werden von PETA HELPS ROMANIA aufgenommen, in der Notunterkunft versorgt oder an die Tierhilfe Hoffnung e.V., eine befreundete Tierschutzorganisation, abgegeben. Dort werden sie gut gepflegt und später in ein neues Zuhause vermittelt.

Bevor es zurück ins hektische Gewimmel am Bukarester Flughafen und dann Richtung Deutschland geht, besucht Jana immer noch einen ganz besonderen tierischen Freund. „Wir haben Craiu vor einigen Jahren in einer Tötungsstation kennengelernt. Der Rüde hatte große Angst, war stark zerbissen und in einem katastrophalen Zustand. Wir haben ihn mitgenommen – er hätte in diesem Zustand nicht mehr lange gelebt.“ Der rot-bräunliche Hund mit den weißen Flecken ist gezeichnet, seine Vergangenheit ist ihm deutlich anzusehen. „Ich verbringe immer noch Zeit mit ihm, er lebt in unserer Notunterkunft. Heute geht es ihm gut, auch wenn es noch lange dauern wird, bis seine seelischen Narben verheilt sind. Dank unserer Unterstützer:innen können wir Hunden wie Craiu helfen. Dafür bin ich unendlich dankbar.“

Weniger Hunde und Katzen dank Kastrationen

Kastrationen verhindern ungewollte Geburten und tragen nachweislich dazu bei, unzähligen Tieren ein leidvolles Leben zu ersparen. Wenn immer weniger Hunde auf den Straßen leben, werden auch die mafiösen Machenschaften der Tierfänger immer stärker eingeschränkt – und vielleicht eines Tages ja ganz beendet. Und wenn die Population der heimatlosen Hunde und Katzen nach und nach schrumpft, ist es möglich, den verbleibenden Tieren mit den verfügbaren Mitteln gezielter zu helfen. Auch Krankheiten, von denen viele tödlich verlaufen, lassen sich so besser eindämmen.

Menschen, denen es Spaß macht, Tiere zu quälen, zu schlagen, zu verbrennen oder anzufahren, wird das Handwerk gelegt, wenn sich Respekt und Empathie für Tiere immer weiter verbreiten. „Wenn wir merken, dass sogenannte Straßenhunde in Symbiose mit den Anwohner:innen leben, macht uns das sehr glücklich. Diese Menschen setzen sich für die Tiere ein, teilen ihr Essen mit ihnen, versorgen die Rudel und melden sich bei uns, wenn sie Unterstützung brauchen. Da diese Hunde in der Regel kastriert sind, können sie in einem harmonischen Verband leben.“

Helfen auch Sie Hunden in Rumänien!

Mit PETA HELPS ROMANIA können wir jedes Jahr rund 8.000 Tieren in Rumänien helfen. Die Bildungsarbeit der Kampagne zeigt deutlich, dass ein Umdenken stattfindet. Wenn Menschen, die ihre Hunde bisher allein und schutzlos an einer Kette im Garten gehalten haben, offen für Gespräche sind, dann verbessern sie auch die Lebensbedingungen der Tiere. Die meisten verstehen dann, dass Hunde als empfindungsfähige Lebewesen auf soziale Kontakte und eine ausreichende Versorgung angewiesen sind. „Und genau deswegen liebe ich meine Arbeit: Ich sehe, dass wir alle gemeinsam etwas Großes bewirken – auch wenn unser Weg noch sehr lang und steinig ist. Und unsere Unterstützer:innen machen all das möglich. Vielen Dank!“