Warum sich Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen und wir schleunigst eine Alternative brauchen

92 bis 95 Prozent: So hoch ist der Anteil medizinischer Wirkstoffe, die zwar im Tierversuch funktionieren, jedoch niemals auf den Markt kommen – weil das Medikament beim Menschen nicht wirkt oder unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Tierversuche sind schon aus ethischen Gründen abzulehnen, doch aufgrund dieser mangelnden Übertragbarkeit bergen sie zudem Risiken: Ein Ergebnis bei Tieren sagt absolut nichts darüber aus, was beim Menschen passieren wird! Trotzdem sind bei der Medikamentenentwicklung Tierversuche unsinnigerweise gesetzlich vorgeschrieben. Dadurch wird die Pharmaindustrie rechtlich formell abgesichert und Patienten ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt. Es wird Zeit, dass zur Entwicklung von Medikamenten neue tierfreundliche Methoden entwickelt und gefördert werden, die wirklich verlässlich sind und Rückschlüsse auf den Menschen erlauben – ein Anknüpfpunkt wären zum Beispiel Systeme wie der „human-on-a-chip“.

Wie funktioniert die Zulassung eines neuen Medikaments?

Insgesamt dauert es im Schnitt mehr als 10 Jahre, bis ein Medikament auf den Markt kommt. Ein Schritt auf dem Weg zur Zulassung eines neuen Medikaments ist die präklinische Prüfung neuer Wirkstoffe, die in Tierversuchen erfolgt. Hier wird vor allem die Toxizität getestet, also inwiefern der Wirkstoff ein Sicherheitsrisiko für den Menschen darstellen könnte. Und das ist schon das erste Problem – anhand von Ergebnissen aus Tierversuchen lassen sich keine verlässlichen Aussagen für den Menschen treffen. Mindestens 30 % der toxischen Effekte, die beim Menschen auftreten, werden durch die Tierversuche nicht vorhergesagt! [1]

Darauf folgen die klinischen Studien, unterteilt in Phase I (bzw. 0) bis Phase IV. In Phase I werden allerdings nur sehr wenige Personen getestet – einfach, weil es durch den vorhergehenden Tierversuch keine Garantie dafür gibt, dass ein Wirkstoff verträglich und sicher ist! Somit wird gewissermaßen jeder neue Wirkstoff „am Menschen getestet“. Viele Wirkstoffe werden auch in späteren klinischen Phasen aussortiert, beispielsweise, weil erst in der breiten Anwendung seltene Nebenwirkungen entdeckt werden.

Warum passieren nicht viel häufiger Pharmakatastrophen?

Pharmaskandale (siehe Contergan, TGN1412 oder Viagra) sind „nur“ alle paar Jahre in den Nachrichten. Ein Grund dafür ist, dass es nach dem Tierversuch genügend Auffangnetze gibt, um Katastrophen zu verhindern – denn der Tierversuch selbst bietet keinerlei Sicherheit. So werden neuartige Testsubstanzen üblicherweise nicht mehreren Personen gleichzeitig verabreicht, sondern mit der niedrigsten Dosis zunächst die Reaktion eines ersten Probanden abgewartet: eine Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde [2]. Außerdem wurde die Anfangsdosis, die Testpersonen verabreicht wird, reduziert: Sie soll sich an der Konzentration orientieren, bei der gerade noch ein messbarer Effekt zu erwarten ist, anstatt sich, wie vorher, an der Konzentration zu orientieren, die in Tierversuchen keine Nebenwirkungen hervorgebracht hat [3]. Das verdeutlicht, dass eine schädliche Wirkung beim Menschen nicht anhand von Tierversuchen ausgeschlossen werden kann.

Der geringe Prozentsatz an Medikamenten, der es bis zur Markteinführung schafft, spiegelt das Grundproblem des Tierversuchs auch ohne tägliche Katastrophen wider: Die Übertragbarkeit der Ergebnisse ist schlichtweg nicht gegeben.

Der Mensch ist keine 70-kg-Ratte

Als Säugetiere teilen wir natürlich viele Eigenschaften bezüglich Körperbau oder physiologischen Vorgängen mit unseren kleinen Verwandten. Viele – aber einfach nicht alle. Ein kleines Detail im Stoffwechsel reicht aus, um eine komplett unterschiedliche Reaktion auf eine bestimmte Substanz zu bewirken. Selbst zwischen Tieren der gleichen Art gibt es oft gravierende Unterschiede! Ergebnisse aus Tierversuchen sind kaum replizierbar [4]. Inzwischen weiß man sogar, dass selbst Frau und Mann ganz unterschiedlich auf medizinische Wirkstoffe reagieren – wie sollen da Tierversuche verlässliche Ergebnisse für den Menschen liefern können?

Das Fazit: Tierversuche finden ganz einfach im falschen Organismus statt. Die Wissenschaft ist gefragt, um endlich Alternativen zu finden, die für den Menschen relevante Ergebnisse liefern und Tierversuche als einen der ersten Schritte beim Testen neuer Medikamente in der breiten Anwendung ersetzen können!

Was Sie tun können

Im Rahmen dieser Blogserie veröffentlichen wir in regelmäßigen Abständen Informationen zu Argumenten, die gegen Tierversuche sprechen. Bitte informieren Sie auch Familie, Freunde und Bekannte über die vorherrschenden Missstände!

Momentan haben Sie außerdem eine außergewöhnliche Chance: Noch bis zum 31. Oktober läuft unsere weltweite Kampagne gegen Tierversuche, mit der wir unseren Einsatz gegen diese grausame Industrie verstärken wollen. Jede Spende wird bis zu einem Zielbetrag von 500.000 Euro verdoppelt! Mit Ihrer Spende können wir unter anderem weitere Tierquälerei in Versuchslaboren aufdecken, die tierversuchsfreie Forschung fördern und Unternehmen, die Tierversuche durchführen lassen, von Alternativmethoden überzeugen. Bitte nutzen Sie deshalb heute die Chance, Ihre Spende verdoppeln zu lassen – noch bis zum 31. Oktober!



Quellen:
[1] Greaves, P., Williams A., Eve M., 2004: First dose of potential new medicines to humans: how animals help. Nature Reviews Drug Discovery, vol. 3, pp. 226–236.
[2] https://www.gen-ethisches-netzwerk.de/richtlinie-ohne-richtungswechsel
[3] EMEA (Europ. Arzneimittelbehörde), 2007: Guideline On strategies to identify and mitigate risks for first-in-human clinical trials with investigational medicinal products.
[4] Video, WIST-Kongress 2016: Prof. Thomas Hartung: Der Mensch ist keine 70-kg-Ratte - Die Validität von Tierversuchen. https://www.youtube-nocookie.com/embed/jeQ58UZdx8k

 

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Die Blogartikel zu den Themen Tierrechte und veganem Lifestyle sind von und mit den Mitarbeitern von PETA Deutschland e.V. und weiteren Koautoren.