Wolle: Was Sie über die Tiere in der Wollindustrie wissen sollten

Hört man den Begriff „Wolle“, dann denken die meisten von uns vermutlich an Schafe. Bei einer Milliarde Schafe, die auf unserem Planeten leben, ist das nicht wirklich verwunderlich. Obwohl ein Großteil dieser Tiere in Asien lebt, ist Australien mit 68 Millionen geschorener Schafe im Jahr (Saison 2019/2020) das größte Exportland für Wolle und produziert rund 25 Prozent der weltweit gehandelten Schafswolle. [1] Weitere große Wollexporteure sind China und Neuseeland. Für ihr Fleisch und ihre Wolle werden Schafe auf der ganzen Welt massenhaft gezüchtet, wobei das Wesen des einstigen Wildschafes (Mufflon) zuchtbedingt massiv verändert und den menschlichen Zwecken angepasst wurde.

Neben Schafen wurden aber auch andere Tiere speziell für die Wollproduktion gezüchtet und werden von der Wollindustrie jedes Jahr millionenfach ausgebeutet, gequält und getötet: Ziegen für Kaschmir und Mohair, Kaninchen für Angorawolle und Alpakas für Alpakawolle. In diesem Artikel finden Sie Hintergrundinformationen über die Wollindustrie und zu Missständen rund um das Tierqualprodukt Wolle.

Inhaltsverzeichnis

Folgenschwere Überzüchtung für Wolle

Um aus dem Fell von Schafen Wolle herzustellen, wurden die Haare der Tiere früher während des natürlichen Fellwechsels ausgezupft. Da der Mensch die Tiere jedoch noch besser „nutzbar“ machen wollte, züchtete er dem Wildschaf diesen Fellwechsel einfach weg. Nach der Erfindung des Schermessers wurde den Tieren zudem ein ständiges Vlieswachstum angezüchtet, um möglichst viel weiche Unterwolle nutzen zu können. [2] Neben Schafen wurden auch Alpakas, Angoraziegen (Mohair) und das Angorakaninchen durch die nun notwendige Schur vom Menschen abhängig gemacht. Bei vorzeitigen Hitzewellen können die Tiere durch ihr unnatürlich starkes Haarwachstum an Hitzschlag sterben. Schert man zu früh, besteht die Gefahr, dass sie bei unerwarteten Kälteeinbrüchen erfrieren.

Ebenfalls angezüchtet ist der lange Schwanz vieler Schafrassen. Dies führt jedoch dazu, dass der Bereich rund um Schwanz und Anus schnell verschmutzt und sich Fliegenmaden in das umliegende Gewebe einnisten können. Anstatt die qualvolle Zucht einzustellen, wird Lämmern standardmäßig mit einem heißen Brenneisen der Schwanzwirbel abgetrennt. Vielfach wird auch ein sehr enges Gummiband angebracht, das die Blutzufuhr unterbricht, wodurch der abgestorbene Schwanzteil nach zwei bis drei Wochen abfällt. Beide Methoden sind äußerst schmerzhaft und führen dazu, dass die jungen Schafe immer wieder unruhig aufspringen und sprichwörtlich versuchen, ihren Schmerzen davonzulaufen. [3]

Schafe eingepfercht in enge Ställe auf einer Farm
Viele Menschen haben beim Gedanken an Wolle saftig-grüne Wiesen und glückliche Schafe im Kopf. Doch die Realität sieht für die Tiere ganz anders aus.

Missstände auf Farmen der Wollindustrie

Die heutigen Schafherden bestehen gewöhnlich aus Tausenden von Tieren. Dadurch wird es unmöglich, den individuellen Bedürfnissen der Schafe nachzukommen oder Krankheiten wie Schmeißfliegenbefall, Fußfäule und Infektionen zu behandeln. Durch die mangelnde Pflege sind die Todesraten bei Schafen teilweise extrem hoch und betreffen in Australien bis zu 77 Prozent der neugeborenen Tiere innerhalb einer Herde. Etwa 15 Millionen Lämmer sterben dort jedes Jahr während der Geburt, an qualvollem Hunger oder erfrieren ungeschützt auf der Weide. [4, 5] Ein Grund dafür sind Überzüchtungen, die vor allem die Qualität des Felles im Auge haben und Mehrlingsgeburten mit erhöhten Todesraten fördern.

Zwar erfolgt die Haltung von Alpakas und Ziegen meist in kleineren Herden, aber auch hier kommt es regelmäßig zu hohen Todesraten, da die tierärztliche Versorgung in vielen Ländern mangelhaft und eine angemessene Unterbringung sowie Pflege der Tiere nicht gewährleistet ist. [6] Angorawolle kommt zu etwa 90 Prozent aus China. Dort leben die sozialen Angorakaninchen auf Farmen, wo sie in winzigen Einzelkäfigen, isoliert von ihren Artgenossen, gehalten werden. Alle drei Monate werden die Kaninchen aus ihren Käfigen gezerrt, um ihnen das Fell gewaltsam abzuschneiden oder aus der Haut zu reißen. Dabei erleiden sie nicht nur massive Verletzungen, viele Angorakaninchen sterben auch an Herzversagen.

Schmerzhafte Verstümmelungen für Wolle

Zudem müssen fast alle Tiere, mit denen die Wollindustrie Profite erwirtschaften will, schmerzhafte Standardprozeduren über sich ergehen lassen. Meist wird direkt nach der Geburt eine Ohrmarke angebracht, die mit einem Tacker durch die Haut der Tiere gestochen wird. Männliche Lämmer und Kitze werden zudem ohne Betäubung kastriert. Hierfür werden entweder Gummiringe um die Hodensäcke gelegt, um die Blutzufuhr abzutrennen, oder die Samenleiter sowie die angrenzenden Blutgefäße und Nervenstränge werden direkt mit einer Metallzange abgequetscht. Die Tiere laufen aufgrund der Schmerzen oftmals stark gekrümmt, verkriechen sich in Ecken oder können sich nicht ohne Leid bewegen. Kaum auf der Welt werden die Hornansätze von Schafen und Ziegen mit einem glühenden Eisen oder mittels einer ätzenden Chemikalienpaste entfernt.

Verschiedene Werkzeuge, die in der Wollindustrie zum Einsatz kommen
Mit Werkzeugen wie diesen werden Schafe standardmäßig verstümmelt.

Die Qualen des Mulesing

Die in Australien meistverbreitete Schafrasse ist das Merinoschaf, eine speziell gezüchtete Rasse mit sehr feiner Wolle. Damit jedes einzelne Tier noch mehr Wolle erzeugen kann, wurde den Merinoschafen eine besonders faltige Haut angezüchtet. In diesen Hautfalten sammeln sich Urin und Feuchtigkeit an – vor allem am Hinterteil. Von der Feuchtigkeit angezogene Fliegen legen in den Hautfalten ihre Eier ab, deren ausgeschlüpfte Larven die Schafe bei lebendigem Leib auffressen. Um einen solchen „Fliegenmadenbefall“ zu verhindern, nehmen australische Farmer an den Jungtieren eine äußerst schmerzhafte Prozedur vor – das sogenannte Mulesing.

Beim Mulesing werden den Lämmern ohne Betäubung große Fleischstreifen von den Hinterbeinen und im Bereich des Schwanzes abgeschnitten. Dadurch soll eine glatte, vernarbte Fläche entstehen und der Fliegenbefall vermieden werden. Die Realität zeigt jedoch das genaue Gegenteil. Die offenen, blutigen Wunden der Schafe werden oft noch vor dem Abheilen von Fliegen befallen oder es bilden sich Infektionen. 2019 wurden noch immer 89 Prozent der australischen Schafe durch das Mulesing verstümmelt. [7]

Schafe und Lämmer mit blutigen Schwänzen
Arbeiter schneiden den Lämmern tellergroße Fleischstücke aus dem Bereich rund um den Schwanz – oftmals ohne jegliche Schmerzmittel.

Die Tortur der Schur

Auch bei der Schur kommt es häufig zu Verletzungen der Tiere. Arbeiter werden gewöhnlich nicht nach Stunden, sondern nach der Zahl geschorener Tiere bezahlt. Erfahrene Schafscherer fertigen bei hoher Geschwindigkeit bis zu 250 Tiere am Tag ab. Tiere wie Alpakas, Schafe, Ziegen oder Kaninchen, die für die Wollindustrie ausgebeutet werden, sind Fluchttiere und wehren sich mit aller Kraft gegen diese Prozedur. Damit die Scherer ihre Arbeit verrichten können, müssen die Tiere bewegungsunfähig gemacht werden. Diese Fixierung führt bei den Tieren jedoch zu enormem Stress und panischer Angst. Zudem verursacht das Scheren im Akkord immer wieder blutige Wunden.

Zahlreiche internationale Undercover-Recherchen von PETA deckten auf, dass Arbeiter Schurwunden einfach vor Ort mit Nadel und Faden vernähten, ohne den Tieren dabei Schmerzmittel zu verabreichen. Tiere wurden während der Schur geschlagen und verstümmelt. Verletzte und unprofitable Schafe wurden vor den Augen ihrer Artgenossen einfach erschossen und zerhackt. Nach einer Strafanzeige von PETA USA im Jahr 2016 wurden Scherer in Australien für derartige Misshandlungen erstmals von einem Gericht mit einer Geldstrafe und einem Tierhaltungsverbot verurteilt. [8, 9] Ähnliche schockierende Misshandlungen stellten PETA und ihre internationalen Partnerorganisationen auch bei der Produktion von Mohair, Kaschmir, Alpakawolle oder Angorawolle fest.  

Schaf blutet bei der Schur
PETA Asien
Kaninchen wird geschert

Wolle aus Deutschland

Auch in Deutschland berichten Schafhalter von Schlägen, Gewalt oder gar Genickbruch von Schafen bei der Schur. [10] Gewalt und die Vernachlässigung ganzer Herden sind auch hierzulande keine Seltenheit. Verletzte Tiere humpeln über die Weide, schwitzen im Hochsommer unter einer dicken Wolldecke oder scharen sich um leere Wassertröge. PETA hat schon gegen mehrere Schäfer Strafanzeige erstattet.

Im internationalen Vergleich produziert Deutschland mit knapp 1,6 Millionen Schafen jedoch sehr wenig Wolle. Da sie zumeist grob und kratzig ist, wird sie oftmals im Ausland zu Filz, Teppichen, Pellets oder Dämmmaterial weiterverarbeitet und nicht in der Bekleidungsindustrie eingesetzt. [11, 12] In Deutschland werden vor allem Lämmer für ihr Fleisch und die Lammfellproduktion gezüchtet und getötet, da der Wollverkauf meist unrentabel ist. 2019 wurden 980.000 Lämmer von ihren Müttern getrennt und in deutschen Schlachthöfen getötet. [13] Nach der Tötung wird ihnen die Haut vom Körper geschnitten und ihr Pelz als Lammfell oder Babydecken verkauft.

Die Haltung von Tieren für die Produktion von Alpakawolle, Angora, Mohair oder Kaschmir in Deutschland ist im Vergleich zum Weltmarkt unbedeutend und bildet maximal einen winzigen Nischenmarkt. Aber auch hier endet das kurze Leben der Tiere in einem Schlachthof, wenn ihr Wollwachstum abnimmt und nicht mehr genug Profit für die Wollindustrie abwirft.

Lebendexport und Schlachtung

Wenn die Wollproduktion von Alpakas, Ziegen oder Schafe nachlässt, werden auch die älteren Tiere mit etwa sechs Jahren im Schlachthaus getötet. Ihre natürliche Lebenserwartung hingegen liegt je nach Tierart zwischen 20 und 25 Jahren. [14] Im Schlachthof erwartet die Fluchttiere eine kahle, fremde Umgebung, in der sie mitansehen müssen, wie ihre Artgenossen an den Vorderbeinen aufhängt werden und ihnen die Kehle durchgeschnitten wird. Bis zu 100.000 Schafe sind allein in Deutschland noch bei vollem Bewusstsein, während sie ausbluten, da die Betäubung per Elektroschock häufig fehlschlägt. [15] Auch Alpakas, Ziegen oder Kaninchen werden oftmals ohne Betäubung getötet, indem ihnen vor ihren Artgenossen die Kehle aufgeschlitzt wird und sie langsam ausbluten.

Schaf liegt auf der Ladefläche eines Transporters
Kein Tier überlebt die Wollindustrie.

Abermillionen Schafe und Ziegen werden jedoch nicht in einem nahegelegenen Schlachthaus getötet, sondern auf Schiffe verfrachtet und auf eine lange, beschwerliche Reise geschickt. Australien ist weltweiter Exportmeister im Lebendtransport von Schafen. Das Verladen und die anschließende Reise auf dem Schiff sind für die Tiere enorm stressig und verursachen Aggressionen und Angst. Dicht gedrängt werden bis zu 75.000 Schafe auf ein Schiff gesperrt. [16] An Bord stehen die Tiere teils mehrere Wochen in ihren eigenen Fäkalien, sind Temperaturen von bis zu 40° Celsius ausgeliefert und bekommen ungewohnte Nahrung in Form von Pellets, die sie häufig ablehnen. Viele Tiere sterben unterwegs an den Folgen eines Hitzschlags oder erliegen Stress, Traumata und Erkrankungen. [17]

Wer die Reise überlebt, endet fast immer in Afrika oder den Ländern des Mittleren Ostens wie Kuwait, Katar und Jordanien. Dort werden die Tiere unter Schlägen und Tritten verladen und zu Schlacht- oder Hinterhöfen gekarrt, wo ihnen ohne Betäubung und mit teils stumpfen Messern die Kehle aufgeschnitten wird. Dieser qualvolle Tod wäre in Australien oder Deutschland illegal und verletzt die Standards der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) über den Umgang, den Transport und das Schlachten von Tieren. [18] Dennoch geht das lukrative Geschäft mit dem Lebendtransport weiter, und allein 2019 wurden 1,1 Millionen Schafe von Australien aus verschifft. [19] Jeder Kauf eines Produkts aus australischer Wolle unterstützt dieses grauenvolle Ende der empfindsamen Lebewesen.

Transportschiff mit Schafen
Mehr als 1,1 Millionen Schafe werden jedes Jahr von Australien in die ganze Welt exportiert. 

Die schlechte Umweltbilanz von Wolle

Wolle schneidet auch im Hinblick auf die Umwelt enorm schlecht ab. Durch ihre Ausscheidungen produzieren Tiere wie Alpakas, Ziegen oder Schafe jede Menge Methan und fördern dadurch die globale Erwärmung. Die massenhafte Zucht der Tiere verschlingt eine Menge Ressourcen in Form von Futtermitteln, Wasser und Land. Abgrasung, Bodenerosion und die Verwandlung ganzer Landstriche in Wüsten sind die Folge dieser intensiven Tierhaltung. Auch der massive Einsatz von Pestiziden in der Tierpflege und im Landmanagement verschmutzt Böden und Gewässer. Nicht ohne Grund schneidet die Produktion tierischer Wolle in ökologischen Vergleichsstudien, welche die Produktion herkömmliche Textilfasern miteinander vergleichen, mitunter am schlechtesten ab. [20, 21]

Wenig bekannt sind die sogenannten Chemiebäder, mit denen viele Schafe und Ziegen zum Schutz vor Parasiten und Pilze behandelt werden. Dabei wird jedes Tier in einer giftigen Brühe gebadet oder mit Pestiziden eingesprüht, die Böden und Gewässer stark verschmutzen. Auch für die „Pflege“ der Weideflächen werden oftmals umweltschädigende Dünger und Pestizide eingesetzt.

Was Sie tun können

  • Erheben Sie Ihre Stimme für die Tiere: Bitte helfen Sie, noch mehr Menschen über das Leid der Tiere in der Wollindustrie zu informieren. Tragen Sie dazu bei, Unternehmen wie Allbirds dazu zu bewegen, Wolle und andere tierische Materialien auszulisten. Dank unserer Arbeit und dem Engagement zahlreicher Tierfreunde konnten bereits erste Erfolge erzielt werden.
  • Verwenden Sie Alternativen zu tierischer Wolle: Zum Glück müssen wir Menschen keine Wolle von Tieren tragen. Der Handel bietet heute eine Fülle an ausgezeichneten, tierleidfreien Alternativen zu Wolle an. Klassische Stoffe wie Baumwolle, Leinen, Sisal oder innovative Materialien wie atmungsaktives Lyocell (z.B. Tencel, Modal), pflegeleichtes Polyestervlies oder Sojaseide sind nur eine kleine Auswahl des breiten Angebots. Prüfen Sie in Modegeschäften und Strickwarenläden die Etiketten gezielt nach diesen tierfreundlichen Materialien und fragen Sie regelmäßig aktiv bei Herstellern und Händlern nach solchen Produkten. Weitere Informationen rund um tierfreundliche Materialien finden Sie auf veganemode.info.