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Eier von freilaufenden Hühnern, Bio-Fleisch, -Eier und -Milchprodukte: Alles nur Schwindel?

Stand April 2014
Eine 2007 veröffentlichte Umfrage des Eurobarometers fand heraus, dass ein Großteil der Europäer für eine bessere Behandlung von so genannten Nutztieren der Fleisch-, Milch- und Eierindustrie sind. Danach würden 62 Prozent der EU-Bürger ihre Kaufgewohnheiten ändern, um tierschutzfreundliche Erzeugnisse zu kaufen und zahlreiche Befragte wünschen sich eine Etikettierung der Lebensmittel unter Berücksichtigung von Tierschutzstandards (1).

Immer mehr Menschen werden sich also des Grauens der Intensivtierhaltung bewusst und möchten durch ihr Kaufverhalten Einfluss auf den Tierschutz nehmen. Doch das führt auch dazu, dass Firmen ihre Produkte mit „von glücklichen Tieren“, „freilaufend“ und „natürlich“ auszeichnen oder eine idyllische Bauernhof-Welt auf ihren Verpackungen abbilden, die nicht mit der entsetzlichen Realität der Intensivtierhaltung übereinstimmt. Diese Begriffe sind gesetzlich nicht geschützt und sind oft reine Marketingstrategie.

Wahr ist, dass der Lebensmittelmarkt mittlerweile reichlich mit Bioprodukten angefüllt ist, doch falsche Schlussfolgerungen sind hier eben viel zu schnell gezogen. Denn viele der angeblich „glücklichen Tiere“ werden trotzdem verstümmelt und müssen lange Transporte zum Schlachthof überstehen. Auch wenn sie vielleicht ein besseres Leben als ihre Artgenossen in der Intensivtierhaltung hatten, es wird ihnen dennoch vorzeitig und auf grausame Weise genommen(2). Sehen Sie dazu Undercover-Aufnahmen aus einer angeblichen Vorzeige-Bio-Schlachterei in Baden-Württemberg.

„Freilandhaltung”
Freilandhaltung wird vor allem mit Hühnern assoziiert. Seit es 2004 die europaweite Kennzeichnungspflicht von Eiern gibt, kann theoretisch jedes Ei zu seinem Legehennenbetrieb zurückverfolgt werden. Von 0 bis 3 kann der Konsument wählen, ob er nun ein Ei aus Öko-, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung im Einkaufswagen hat (4). Doch unabhängig von der Aufschrift sind fürs Eierlegen gezüchtete Hennen in den ersten Wochen bzw. letzten Minuten ihres Lebens gleich. Millionen „verbrauchte“ Hühner werden jährlich im Fließbandverfahren in Schlachthöfen umgebracht. Hennen, die nicht für die Eier- oder Fleischproduktion ihr Leben lassen müssen, können älter als 10 Jahre werden. Auch die männlichen Küken fallen der Industrie zum Opfer: Über 50 Millionen männliche Küken werden jährlich entweder in einem Hochgeschwindigkeits-Schredder umgebracht oder vergast, weil sie für die Eierindustrie wertlos sind.
Daneben gibt es auch Freilandhaltung anderer Tiere, wie etwa die von Rindern und Schafen. Sicher ist das Leben auf einer Wiese an der frischen Luft schöner, doch problemlos ist es auch – vor allem im Winter – nicht. Außerdem lässt es den Käufer glauben, dass die Produkte ohne jegliches Tierleid zustande kamen, was nicht der Wahrheit entspricht.

"Biologisch"
Das neue EU-Bio-Siegel ist mit der EG-Öko-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 verknüpft, die seit Januar 2009 einige Neuerungen erfahren hat und in manchen Bereichen noch mehr ausgeweitet wurde. So ist etwa eine Teilumstellung möglich, was eine parallele konventionelle Bewirtschaftung in einem Betrieb erlaubt, was dem Missbrauch Tür und Tor öffnet. Was nun die Tierschutzbestimmungen angeht, so sind viele Bereiche nicht geregelt oder werden durch Richtlinien anderer Auszeichnungen übertroffen. Deshalb ist das Bio-Siegel sicher nicht mit absoluten Tierschutzvorschriften gleichzusetzen, sondern spiegelt vielmehr den Mindeststandard für „Bio“ wieder. Auch ist die Anwendung von Gentechnik grundsätzlich verboten, doch Ausnahmen bestätigen die Regel: Tierarzneimittel, Zusatzstoffe für Lebensmittel oder Futtermittel, die mit Hilfe von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) produziert wurden, dürfen unter Umständen dennoch angewandt werden (2, 3, 4, 8). Die biologische Landwirtschaft soll in erster Linie dem Boden zu Gute kommen, da weniger Dünger und Pestizide eingesetzt werden, Weitreihenanbau und Gründünger die Böden schonen sollen. Das EU-Bio-Siegel regelt die für alle gültigen Mindestanforderungen.

Daneben gibt es einige Bioanbauverbände, die ein höheres Maß an Standards vorschreiben, wie etwa Neuland, Bioland oder Demeter. Hier werden Haltungsbedingungen wie Auslauf und Stallbeschaffenheit genauer geregelt, sowie mehr Wert auf biologisches Futter gelegt. Eingriffe an Tieren sind stark reduziert, kommen aber noch vor. Auch hier ist die Anbindehaltung bei den sogenannten Milchkühen weit verbreitet. Bei einigen Zusammenschlüssen soll der Schlachthof nicht zu weit entfernt sein und der Stress für die Tiere bei Tiertransporten reduziert werden (4). Ganz vermeiden kann man das jedoch nie. Man darf nicht vergessen, dass der Biomarkt gehörig unter Druck steht. Für viele Bauern rechnet sich eine Umstellung nicht, da der Wettbewerb zu groß ist. Und diejenigen, die angeben „Bio“ zu sein, sind es in Wirklichkeit nicht. Da die Kontrollen nicht effizient sind, kann diese Tatsache oftmals unerkannt bleiben (2, 7).
Lediglich 2-4% der Tiere in Deutschland stammen überhaupt aus der Bio-Landwirtschaft.
Aber auch so macht es für die Tiere keinen großen Unterschied. Schließlich kamen sie auf die Welt, um später auf dem Teller zu landen, und Schlachtung bedeutet immer den vorzeitigen grausamen Tod. „Bio-Schweine“ beispielsweise werden etwas später, nämlich 3 Wochen später, von ihrer Mutter getrennt und sie leben 2 Monate länger. Sie bekommen zwar besseres Futter und haben einen Auslauf, doch auch „Biobauern müssen rechnen“ (5). Ihr Ende am Schlachthof unterscheidet sich nicht von dem ihrer konventionell gehaltenen Artgenossen.

Bio-Eier und das Problem mit den Küken
Jedes Jahr werden 50 Millionen männliche Küken vergast oder in den Schredder geworfen. Sie sind die Brüder von Legehennen und werden zur Eierproduktion nicht benötigt. Für die Fleischindustrie ist diese Züchtung nicht „wirtschaftlich“ genug, denn für die Fleischproduktion werden Hühner mit viel Brustmuskulatur gezüchtet. Hühner für die Eierindustrie werden auf Legeleistung gezüchtet und männliche Tiere legen ja bekanntlich keine Eier. Diese Problematik ist auch Bio-Eier-Produzenten bekannt, doch das Schreddern und Vergasen männlicher Küken ist immer noch Alltag. Auch große Bio-Verbände versuchen, diese Problematik wie folgt abzutun:
„Es gibt bei uns in Deutschland, so weit uns bekannt, im gesamten Ökolandbau keine brauchbaren Zweinutzungsrassen, bei denen die männlichen Küken in größerem Umfang zur Mast verwendet werden können. Das ist noch eine gemeinsame Aufgabe des Ökolandbaus für die Zukunft - diese Themen werden auch in BÖLW-Treffen besprochen.“ (BÖLW= Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft)

Auf unsere persönliche Nachfrage bekamen wir eine weitere Antwort:
„[D]a haben Sie ein schwieriges Thema in der Geflügelhaltung angesprochen.
Das Aussortieren der männlichen Küken findet auch vor der Erzeugung von Bio-Junghennen statt; dies allerdings nicht im Biobetrieb, sondern in der Brüterei, die in aller Regel nicht der Biokontrolle unterliegt. Erst ab Lieferung der Küken an den Biobetrieb wird das Tier zum Biotier. Ökologische Elterntierhaltungen und Brütereien gibt es bisher kaum. Ein Hauptgrund für dieses Problem ist, dass der Geschlechtsdimorphismus bei Nutzgeflügel sehr stark ausgeprägt ist. Das heißt konkret, die männlichen Legehybriden sind für die Mast nicht einsetzbar. Die gesamte Nutzgeflügelgenetik ist zudem weltweit in der Hand von nur vier Firmen, so dass eine Zucht auf der Ebene Landwirtschaft hier - anders als z.B. beim Rind - nicht mehr stattfindet. Einzig bei der Rassegeflügelzucht findet eine Art bäuerliche Zucht statt, allerdings eher auf Schönheitsmerkmale. Wir haben auch als Biobauern also keinen Zugriff auf die Genetik.
Seit Jahren bemühen wir uns, hier Abhilfe zu schaffen und zumindest die Zahl der getöteten Küken zu reduzieren, indem z.B. die Nutzungsdauer der Legehennen verlängert wird (durch Legepause und Mauser). Zweinutzungsgeflügel konnte bisher nicht erfolgreich am Markt platziert werden, da die Schlachtkörper und die Legeleistung der Tiere zu schlecht sind.“

Weitere Auszeichnungen im Handel
Je nach Lebensmittelgeschäft gibt es weitere Gütesiegel, die zumeist „Natur“ oder „kontrolliert“ im Namen tragen. Aber keine dieser Auszeichnungen schließt Misshandlungen oder Verstümmelungen an Tieren gänzlich aus oder hat etwas mit den Lebensbedingungen der Tiere oder ihrem Zustand während Transport oder Schlachtung zu tun(4). Sie sind nicht gesetzlich geschützt und müssen sich nicht einmal zwingend den Standards des EG-Öko-Siegels anschließen.

Was Sie tun können
Aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Auszeichnungen mit verschiedenen Definitionen und Regulierungen ist es schwierig zu wissen, welche Produkte die „humansten” sind. Ob nun "Bio" oder "Öko": Leider ist bei den am weitest verbreiteten Auszeichnungen das Zufügen körperlichen Schmerzes, wie z.B. die Kürzung des Schnabels oder Schwanzes, die Beschneidung von Zähnen und das Abtrennen von Hörnern zumindest in „Ausnahmefällen“ jeweils immer erlaubt. Was aber eine solche Ausnahme rechtfertigt, ist dehnbar. Auch kann keine absolute Gewährleistung der Standards erbracht werden.
Alle Tiere in der Lebensmittelproduktion müssen Leid ertragen – von der „freilaufenden” Henne, bis hin zu der „human aufgezogenen“ Milchkuh, deren Kalb an einen Produzenten von Kalbfleisch verkauft wird (6). Die einzig wirklich humane Lösung ist es vegane Alternativen zu Fleisch, Eiern und Milchprodukten zu wählen. Bestellen Sie unser kostenloses Veggie Starter Kit mit Informationen zu „falschem“ Fleisch, Eiersatzprodukten und veganem Käse unter 07156/178280 oder unter GoVeggie.de.


Quellen
(1) Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz: „Informationsblatt Tierschutz“, 2007, unter: http://ec.europa.eu/food/animal/welfare/factsheet_farmed03-2007_de.pdf
(2) Bonstein, Julia, et al.: „Alles Bio, oder was?“, Der Spiegel, 36/2007, S. 24-40.
(3) Foodwatch.de
(4) Pro Vieh: „Einkaufsratgeber“ und „Einkaufshilfe“, 2007
(5) Sellmair, Nikola/ Björn Lux: „Das kurze Leben von Ferkel 0146“, Der Stern 43/2007, S. 188-196.
(6) Haferbeck, Edmund: „Tiere in der ökologischen Landwirtschaft – Glück im Unglück? in: Tierrechte 3.01, September 2001

(7) Die große Bio-Illusion unter: http://www.zeit.de/2002/24/200224_oeko-skandal_xml aus dem Jahr 2002 (19.04.2011)
(8) EU-Bio-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 erneuert ab 1.1.2009