Eier von freilaufenden Hühnern, Bio-Fleisch, -Eier und -Milchprodukte: Alles nur Schwindel?

Immer mehr Menschen werden sich der verheerenden Zustände in der Intensivtierhaltung bewusst und wollen durch ihr Kaufverhalten Einfluss auf den Tierschutz nehmen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2018 wird deutlich, dass einer der Hauptgründe für den Kauf von Bioprodukten eine „artgerechtere Tierhaltung“ darstellt. (1) Leider führt diese Entwicklung jedoch dazu, dass viele Hersteller ihre Produkte mit Werbeaussagen wie etwa „natürlich“, „von glücklichen Tieren“ oder „freilaufend“ versehen oder auf ihren Verpackungen eine Bauernhof-Idylle abbilden, die der entsetzlichen Realität der konventionellen Haltung in jeder Hinsicht widerspricht. Solche irreführenden Aussagen und Abbildungen sind gesetzlich nicht geschützt und dienen oftmals einzig und allein als Marketingstrategien.

Wahr ist, dass der Lebensmittelmarkt heutzutage reichlich mit Bioprodukten gefüllt ist. Doch leider verleitet der Begriff „Bio“ Verbraucher immer wieder zu falschen Schlussfolgerungen, denn viele der angeblich „glücklichen“ Tiere werden nicht annähernd ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten und oftmals langen, qualvollen Transporten zum Schlachthof ausgesetzt. Auch wenn sie vielleicht ein etwas besseres Leben als ihre Leidensgenossen in der Intensivtierhaltung hatten, wird ihnen dieses Leben dennoch vorzeitig und auf grausame Weise genommen – denn alle Betäubungsmethoden bedeuten Stress oder Schmerzen für die Tiere. Sehen Sie dazu Undercover-Aufnahmen aus einer angeblichen Vorzeige-Bio-Schlachterei in Baden-Württemberg.

„Freilandhaltung”

Der Begriff Freilandhaltung wird vor allem mit Hühnern assoziiert. Seit 2004 die europaweite Kennzeichnungspflicht von Eiern eingeführt wurde, kann theoretisch jedes Ei zu dem entsprechenden Legehennenbetrieb zurückverfolgt werden. Anhand der Ziffern 0 bis 3 kann der Konsument nun wählen, ob er sich Eier aus Öko-, Freiland-, Boden- oder Käfighaltung in den Einkaufswagen legen möchte. Doch ganz gleich, mit welcher Aufschrift ein Ei letztlich gekennzeichnet wird: Für alle Hennen, die zum Eierlegen gezüchtet werden, verlaufen die ersten Wochen und die letzten Minuten ihres Lebens gleich. Jahr für Jahr werden Millionen „verbrauchte“ Hühner im Fließbandverfahren in Schlachthöfen umgebracht. Und auch die männlichen Küken fallen der Industrie zum Opfer: Über 50 Millionen männliche Küken werden jährlich vergast, weil sie für die Eierindustrie wertlos sind.

Neben Hühnern leben auch einige andere „Nutztiere“ in Freilandhaltung, wie etwa Rinder und Schafe. Auch wenn das Leben auf einer Wiese an der frischen Luft angenehmer ist, so ist die Haltung doch nicht problemlos – vor allem nicht im Winter. Beispielsweise ist die Anbindehaltung von Rindern über die Wintermonate auch bei ökologischer Haltung erlaubt. Außerdem verleitet der Begriff „Freilandhaltung“ den Verbraucher zu der falschen Annahme, dass Tierprodukte aus dieser Haltungsform keinerlei Tierleid verursachen würde – was nicht der Wahrheit entspricht.

"Biologische Erzeugung"

In Deutschland stammen lediglich 0,5 bis 4 Prozent der „Nutztiere in der Mast“ aus der Bio-Landwirtschaft (2). Das EU-Bio-Siegel spiegelt in diesem Bereich den Mindeststandard für „Bio“ wider. Unter dem EU-Bio-Siegel sind beispielsweise die ökologische und konventionelle Bewirtschaftung parallel im gleichen Betrieb erlaubt, was dem Missbrauch Tür und Tor öffnet (3). Die biologische Landwirtschaft kommt vor allem dem Boden zugute, da weniger bis keine Dünger und Pestizide eingesetzt werden. Hinsichtlich der Tierschutzbestimmungen hingegen sind unter dem EU-Bio-Siegel viele Bereiche nicht tierschutzgerecht geregelt – so beispielsweise die Nutzung von Qualzuchtrassen oder die Haltung von sehr großen Tiergruppen auf zu engem Raum.

Neben dem EU-Bio-Siegel gibt es einige Bioverbände, die ein höheres Maß an Standards vorschreiben, wie etwa Neuland, Bioland oder Demeter. Hier werden Haltungsbedingungen wie Auslauf und Stallbeschaffenheit genauer geregelt. Eingriffe an Tieren sind zwar stark reduziert, werden aber dennoch vorgenommen. Auch bei diesen Bioanbauverbänden ist die Anbindehaltung bei sogenannten Milchkühen weit verbreitet. Einige Zusammenschlüsse schreiben vor, dass der Schlachthof nicht zu weit entfernt sein und der Stress für die Tiere bei Tiertransporten reduziert werden soll. Ganz vermeiden lässt sich dieser Stress jedoch nie – und der Tod im Schlachthaus ist immer mit Schmerz und Leid verbunden. Der Biomarkt steht unter hohem Druck, und für viele Bauern rechnet sich eine Umstellung nicht, da der Wettbewerb zu groß ist. Ineffiziente Kontrollen bieten zudem Schlupflöcher für konventionell geführte Betriebe, sich fälschlicherweise als „Bio-Betriebe“ zu vermarkten (4).

Bio-Eier und das Problem mit den Küken

Jedes Jahr werden alleine in Deutschland 50 Millionen männliche Küken direkt nach der Geburt in der Brüterei vergast. Es handelt sich dabei um die Brüder der Legehennen, die bekanntlich keine Eier legen und für die Eierindustrie somit wertlos sind. Auch für die Fleischindustrie sind diese Tiere unrentabel, da Hühner für die Eierindustrie auf Legeleistung gezüchtet werden und Tiere dieser Zuchtlinien weniger Fleisch ansetzen als jene, die für die Fleischproduktion gezüchtet werden.

Diese Problematik ist auch Bio-Eier-Produzenten bekannt, und so ist das Vergasen männlicher Küken weiterhin trauriger Alltag. Große Bioverbände versuchen, diese Problematik wie folgt abzutun: „Es gibt bei uns in Deutschland, soweit uns bekannt, im gesamten Ökolandbau keine brauchbaren Zweinutzungsrassen, bei denen die männlichen Küken in größerem Umfang zur Mast verwendet werden können. Das ist noch eine gemeinsame Aufgabe des Ökolandbaus für die Zukunft - diese Themen werden auch in BÖLW-Treffen besprochen.“ (BÖLW= Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft)

Auf persönliche Nachfrage erhielten wir folgende Antwort: „[D]a haben Sie ein schwieriges Thema in der Geflügelhaltung angesprochen. Das Aussortieren der männlichen Küken findet auch vor der Erzeugung von Bio-Junghennen statt; dies allerdings nicht im Biobetrieb, sondern in der Brüterei, die in aller Regel nicht der Biokontrolle unterliegt. Erst ab Lieferung der Küken an den Biobetrieb wird das Tier zum Biotier. Ökologische Elterntierhaltungen und Brütereien gibt es bisher kaum. Ein Hauptgrund für dieses Problem ist, dass der Geschlechtsdimorphismus bei Nutzgeflügel sehr stark ausgeprägt ist. Das heißt konkret, die männlichen Legehybriden sind für die Mast nicht einsetzbar. Die gesamte Nutzgeflügelgenetik ist zudem weltweit in der Hand von nur vier Firmen, so dass eine Zucht auf der Ebene Landwirtschaft hier - anders als z.B. beim Rind - nicht mehr stattfindet. Einzig bei der Rassegeflügelzucht findet eine Art bäuerliche Zucht statt, allerdings eher auf Schönheitsmerkmale. Wir haben auch als Biobauern also keinen Zugriff auf die Genetik.

Seit Jahren bemühen wir uns, hier Abhilfe zu schaffen und zumindest die Zahl der getöteten Küken zu reduzieren, indem z.B. die Nutzungsdauer der Legehennen verlängert wird (durch Legepause und Mauser). Zweinutzungsgeflügel konnte bisher nicht erfolgreich am Markt platziert werden, da die Schlachtkörper und die Legeleistung der Tiere zu schlecht sind.“

Was Sie tun können

Alle Tiere in der Lebensmittelproduktion sind Leid ausgesetzt – von der „freilaufenden” Henne bis hin zur „human aufgezogenen“ Kuh, deren Kalb an einen Kalbfleischproduzenten verkauft wird. Die einzig wirklich tierfreundliche Lösung ist der Konsum veganer Alternativen zu Fleisch, Eiern und Milchprodukten, die heutzutage in großer Vielfalt im Handel erhältlich sind. Das kostenlose Veganstart-Programm von PETA unterstützt Sie 30 Tage lang mit Tipps und Tricks beim spielend leichten Umstieg auf eine gesunde, köstliche vegane Ernährung.
 
  

(1) statista: „Was sind die Gründe, die Sie dazu veranlassen, Bio-Produkte zu kaufen?“, 2018, unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2419/umfrage/bioprodukte-gruende-fuer-den-kauf/ (abgerufen am 13.3.2019)
(2) ökolandbau.de, Das Informationsportal: „Strukturdaten 2016 – Tierhaltung“, 6.10.2017, unter: https://www.oekolandbau.de/service/zahlen-daten-fakten/ami-marktstudie-2016/tierhaltung/ (abgerufen am 14.3.2019)
(3) EU-Bio-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 erneuert ab 1.1.2009
(4) Bonstein, Julia, et al.: „Alles Bio, oder was?“, Der Spiegel, 36/2007, S. 24-40.