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Wolle aus Deutschland – alle Informationen

Schaf wird verletzt bei der Schur
Viele Menschen bringen australische Wolle mit verstümmelten Lämmern in Zusammenhang, denen beim sogenannten Mulesing große Fleischstücke vom Hinterteil geschnitten werden. Bei heimischer Wolle hingegen überschattet das Klischee glücklicher Schafe auf grünen Wiesen die Realität von Millionen Schafen. Denn auch in Deutschland werden Schafe schmerzhaften Amputationen unterzogen, leiden an Vernachlässigung und Krankheiten und werden im Schlachthof gewaltsam getötet. Dieses Feature zeigt das das versteckte Leid der Schafe in Deutschland auf.

Wollproduktion in Deutschland

In Modegeschäften oder Wollläden ist heute kaum noch deutsche Wolle zu finden. Sie ist meist zu grob und kann mit der feinen, weißen Wolle aus Ländern wie Neuseeland oder Australien qualitativ und preislich nicht mithalten. Oftmals wird deutsche Wolle daher direkt zum Waschen, Kämmen, Spinnen und Weiterverarbeiten ins Ausland transportiert. [1] China ist der größte Wollveredler der Welt und verarbeitet grobe Wolle zu Teppichen, Industriefilz, Wollpellets oder Dämmmaterial weiter. Dadurch erzielen deutsche Schafhalter nur noch knapp 2 Prozent ihres Einkommens mit dem Wollverkauf. [2]

Die Schur – eine Qual für Schafe

Dennoch müssen die meisten Schafe in Deutschland geschoren werden, da ihnen durch Qualzucht der natürliche Fellwechsel geraubt wurde. Schafe haben einen ausgeprägten Fluchtinstinkt und versuchen zu fliehen, sobald sich ihnen jemand nähert und sie festhält. Herzfrequenz und Cortisolspiegel der Tiere sind während und nach der Schur messbar erhöht. [3] Damit sie stillhalten, werden sie oftmals grob angepackt und zu Boden gedrückt. Wehren sich die Schafe, versetzen ihnen ungeduldige Scherer oftmals Schläge mit den Schurmaschinen oder treten die Tiere. Kleinere Schnittwunden lassen sich auch bei der sanftesten Schur nicht vermeiden. Die Annäherung fremder Personen löst in den Tieren zusätzliche Panik aus, weshalb die in ländlichen Gegenden weit verbreiteten Schafschurfeste oder Schurwettbewerbe mit vielen Zuschauern für die Tiere eine Tortur sind.
 

Warum werden in Deutschland noch immer Schafe ohne Fellwechsel gezüchtet?

Obwohl sich die Produktion für Wolle finanziell nicht mehr lohnt, halten viele Schafhalter an Tieren ohne natürlichen Fellwechsel fest. Als Begründung wird oftmals der Erhalt dieser „Rassen“ als Teil deutscher Kulturgeschichte angegeben. Wie beim Stierkampf dient Kultur hier als Ausrede für Tierqual. Der Erhalt eines Schafes ohne natürlichen Fellwechsel hat nichts mit Kultur oder Artenschutz zu tun, sondern verursacht lediglich Leid. Immer wieder sterben Schafe vor der Schur an Überhitzung oder erfrieren ohne ihr schützendes Fell bei unerwarteten Kälteeinbrüchen.

Qualvolle Standardprozeduren in deutschen Schafbetrieben

Unabhängig von ihrer Nutzung werden Schafe auch in Deutschland grausamen Standardprozeduren ausgesetzt. Verbreitete Schafrassen wie das Merino-Landschaf haben aufgrund der ursprünglichen Züchtung auf Wolle oftmals einen behaarten, langen Schwanz. Dadurch verschmutzt das Hinterteil der Tiere leicht, was zu Erkrankungen, wie dem Fliegenmadenbefall, führen kann. Obwohl sich dies mit verschiedenen schmerzfreien Möglichkeiten verhindert lässt (allem voran die Wahl von Tieren mit kurzem Schwanz), wird den meisten Lämmern kurz nach der Geburt ein enger Gummiring um den Schwanz gelegt, der die Blutzufuhr unterbricht, bis ihr Schwanz nach 2-3 schmerzerfüllten Wochen abfällt. Zudem werden die Ohren der Tiere zur Kennzeichnung durchbohrt, männlichen Tieren werden ohne Betäubung die Hoden entfernt, und einigen Schafe werden die Hörner abgebrannt.

Schafe verdursten auf idyllischen Weiden  

Auch die Haltung der Tiere ist nur auf den ersten Blick idyllisch. Zwar verbringen die meisten Schafe in Deutschland den Großteil des Jahres auf einer Weide, doch im Winter werden sie meist im Stall gehalten. Stinkender Kot und Urin sammeln sich um die Tiere an und werden in der Regel erst entsorgt, wenn die Schafe wieder dauerhaft nach draußen dürfen. [4] Zudem mangelt es systematisch an der Versorgung einzelner Tiere. Die Todesrate bei Schafen ist teilweise extrem hoch und beträgt bei Lämmern in Deutschland 6 bis 13 Prozent, vielfach sogar noch mehr. [5,6] Oftmals lohnt es sich für die Schäfer finanziell nicht, Krankheiten zu behandeln, und so werden schwache oder kranke Tiere getötet oder ihrem Schicksal überlassen. Immer wieder erreichen uns Meldungen von toten Tieren, die vor leeren Wassertrögen verdurstet sind oder in der glühenden Sommerhitze schwitzen, da ihnen keine Unterstände oder Schattenplätze zur Verfügung gestellt werden.
 
Augenzeugen spielten uns Bilder von dutzenden toten Lämmern in der Kadavertonne einer deutschen Schäferei zu.

Der gewaltsame Tod der Schafe im Schlachthof

Ganz gleich, ob Schafe für die Produktion von Wolle, Fleisch, Milch oder als Landschaftspfleger missbraucht werden, eines haben sie alle gemeinsam: Ihr Leben endet nach einem langen, furchteinflößenden Transport im Schlachthof, wo Arbeiter ihnen mit einem Messer die Kehle durchschneiden. Von den jährlich knapp eine Million in Deutschland getöteten Schafen werden etwa 100.000 Tiere nicht richtig betäubt. [7] Sie sind noch bei Bewusstsein, wenn ihnen das Fell vom Körper geschnitten wird, damit es als Schaffell oder Leder verkauft und ein letztes Mal Profit aus der Haut und dem Haar der Tiere geschlagen werden kann.

Was Sie tun können

Bitte kaufen Sie keine tierischen Produkte – egal woher diese stammen. Tierleid lässt sich nur durch vegane Alternativen definitiv ausschließen. Als Alternativen zu Wolle eignen sich beispielsweise Modal, Acryl oder Sojaseide. 



Sollten Sie im Sommer eine Schafherde sehen, halten Sie bitte die Augen offen und überprüfen Sie, ob die Tiere mit ausreichend Wasser versorgt werden. Sind alle Tröge leer, dokumentieren Sie den Zustand und leiten Sie die Informationen umgehend an das zuständige Veterinäramt weiter und/oder füllen Sie unser Whistleblower Formular aus.

 

[1.] Verein Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL) 2012, Brief an Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner vom 05.04.2012. http://www.schafzucht-online.de/Schafwolle-VDL-kritisiert-die-Gesetze-zum-Umgang-mit-Wolle,QUlEPTMyNzQ5MzEmTUlEPTQ4MA.html, zuletzt eingesehen am 20.01.2020
[2] Praxis-Agrar (2019): Schafhaltung in Deutschland. Online: https://www.praxis-agrar.de/tier/schafe-und-ziegen/schafhaltung-in-deutschland/, zuletzt eingesehen am 20.01.2020
[3] Department of Animal Sciences (2014): Livestock Handling and Transport 4th edition. Colorado State University. Cabi. S. 205ff.
[4] Rahmann, Gerold (2010). Ökologische Schaf- und Ziegenhaltung 100 Fragen und Antworten für die Praxis. 3. Auflage. Online: https://www.uni-kassel.de/fb11agrar/fileadmin/datas/fb11/Dekanat/HonProf_Rahmann/Schafe-Ziegen-Skript.pdf, zuletzt eingesehen am 20.01.2020
[5] Weiß, Jürgen; Pabst, Wilhelm, Strack, Karl E. & Granz, Susanne, 2005: „Tierproduktion“, MVS Medizinverlage Stuttgart; 13. überarbeitete Auflage.
[6] Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein, 2012: „Tierzuchtzahlen“, Schleswig-Holstein, Rendsburg.
[7] Bayrische Staatszeitung (2016): Fehlbetäubungen lassen sich „nie gänzlich ausschließen“. http://www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/landtag/detailansicht-landtag/artikel/fehlbetaeubungen-lassen-sich-nie-gaenzlich-ausschliessen.html, zuletzt eingesehen am 20.01.2020