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Die TOP 5 und die FLOP 5 der deutschen Veterinärämter in 2015

 
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PETAs Zusammenarbeit mit Amtstierärzten

Stand Januar 2016

Veterinärämter sind für die Überwachung und den Vollzug des Tierschutzgesetzes in Deutschland zuständig. PETA meldet den Behörden jeden Monat zahlreiche Fälle von Tierquälerei und kontrolliert, ob und wie die Behörden daraufhin im Sinne des Tierschutzgesetzes tätig werden. Während wir in vielen Fällen in kooperativer Zusammenarbeit mit Amtstierärzten sehr gute Erfolge für die Tiere erzielen konnten, gibt es noch immer viel zu viele Behörden, die das Tierschutzgesetz und die entsprechenden Verordnungen und Richtlinien nicht umsetzen. Ein Grundproblem ist das Fehlen einer neutralen Aufsichtsbehörde, welche schlecht arbeitende Amtstierärzte kontrolliert und maßregelt.
 
Im folgenden Ranking haben wir die Veterinärämter aufgeführt, die im Jahr 2015 aus unserer Sicht besonders positiv oder besonders negativ aufgefallen sind.
 
Anmerkung: Wir nennen hier die gesamte Behörde, auch wenn oftmals einzelne Amtstierärzte positiv oder negativ hervorstachen.

 

Top:

Dank dem Veterinäramt wurde der Hund aus seiner erbärmlichen Haltung befreit

1. Main-Kinzig-Kreis

Aus dem hessischen Bad Orb erreichte uns eine Meldung zu einem verwahrlosten Hund, der auf einer heruntergekommenen Weide leben musste. Der Hund kratzte sich wie verrückt und sein Fell war dermaßen verfilzt, dass er kaum aufstehen konnte. Futter und Wasser standen ebenfalls nicht zur Verfügung. Das Veterinäramt des Main-Kinzig-Kreis reagierte sehr schnell auf unsere Meldung und beschlagnahmte den Hund. Dieser wurde im Tierheim Gelnhausen untergebracht. Dort wurde er erst einmal geschoren und medizinisch versorgt. Insgesamt wurden dem Hundehalter drei Hunde weggenommen.
Tote Ferkel in einem Ferkelaufzuchtbetrieb

2. Lippe

Nach einer Undercover-Ermittlung durch PETA Deutschland in einem Ferkelaufzuchtbetrieb im Kreis Lippe erstattete die Tierrechtsorganisation Strafanzeige gegen den Betrieb, der vor Jahren sogar schon einmal abgebrannt war. Die Staatsanwaltschaft Detmold gab das Verfahren dann an das Veterinäramt des Kreises Lippe ab, welches eine umfassende Untersuchung vornahm. In einer detaillierten, mehrseitigen Stellungnahme wurden Mängel mit Auswertung des PETA-Videomaterials sowie einer daraufhin vorgenommenen unangekündigten Betriebskontrolle aufgelistet, z. B. eine unzureichende Ausgestaltung der Krankenbucht wegen Fehlens trockener und weicher Einstreu, „Lagerung“ toter Tiere im Stallgang, Aufhängung eines Schweines mit Ohrmarke an einer Beschäftigungskette, nicht ausreichendes Beschäftigungsmaterial, unvorschriftsmäßige Lagerung von Antibiotika und Medikamenten. Der hierzu erlassene Bußgeldbescheid wurde rechtskräftig (Az.: 390.V.02.04.03 – 22 Js 789/14). Zudem nahm das Veterinäramt Lippe Kontakt mit der PETA-Rechtsabteilung auf – mit Einladung ins Amt, wo dieser Fall in großer Runde fachlich diskutiert wurde.
Hunde wurden zeitweise in diesem Kaninchenkäfig gehalten

3. Tuttlingen

Eine Meldung aus Trossingen erreichte uns im April 2015. Mehrere Hunde wurden täglich über Stunden in einen Kaninchenkäfig gesperrt. Bei einer unangekündigten Kontrolle des Veterinäramtes des Landkreises Tuttlingen gab der Hundehalter zu, dass die Hunde zeitweise in den Kaninchenstall eingesperrt wurden. Diese Art der Haltung wurde vom Amt untersagt. Zudem wurde ein Bußgeldverfahren eingeleitet.
Elefantenhaltung auf dem LKW bei Zirkus Charles Knie

4. Veterinäramt der Stadt Darmstadt

Im selbsternannten „Vorzeigezirkus“ Charles Knie wurden drei Elefanten zwischen den häufigen Ortswechseln bis zu 18 Stunden auf dem Lkw belassen – selbst bei nur einstündiger Fahrtdauer. PETA Deutschland e.V. hatte den Sachverhalt schon im Sommer 2012 dokumentiert und immer wieder bemängelt. Weil dies eine Tortur für die bewegungsfreudigen Rüsseltiere darstellt, recherchierte das Veterinäramt Darmstadt den Sachverhalt während eines dortigen Gastspiels und leitete noch 2012 ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen die Zirkusverantwortlichen ein. Da die Zirkusverantwortlichen Widerspruch gegen den Bußgeldbescheid einlegten, wurde der Fall erst im Juni 2015 vor dem Amtsgericht Darmstadt verhandelt. Der Prozess endete mit einer Verurteilung des Elefantenhalters R. Errani zur Zahlung einer Geldbuße in Höhe von 150 Euro. Das Amtsgericht bestätigte die Auffassung des Veterinäramtes, dass den Elefanten erhebliches Leid zugefügt wurde, weil sie nach Ankunft am Zielort nicht sofort aus dem Transporter gelassen wurden. Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig (Az. 233 OWi 8200 Js 40305/13 AG Darmstadt).
Qualvolle Zucht-Nacktkatze

5. Bezirksveterinäramt Berlin-Spandau

Das Veterinäramt Berlin-Spandau hat ein bahnbrechendes Gerichtsurteil gegen die Vermehrung sogenannter Qualzuchten im Heimtierbereich erstritten. Die engagierten Amtstierärzte hatten einer Züchterin die Nachzucht von sogenannten Nacktkatzen untersagt und ordneten die Kastration von Kater Willi an. Nacktkatzen haben weder Fell noch Tasthaare im Gesicht, die als Sinnesorgan gelten. Die Züchterin zog vor das Berliner Verwaltungsgericht, welches im September 2015 jedoch die Auffassung des Veterinäramtes bestätigte.

In einem weiteren Fall erteilte das Spandauer Veterinäramt dem Wanderzirkus Moreno im Juni 2015 zahlreiche Auflagen wegen seiner mangelhaften Tierhaltung. So wurde eine Ponymutter samt Fohlen an den Tierschutz vermittelt. Darüber hinaus erhielt der Zirkus zahlreiche Auflagen für größere Gehege und ordentliche Hufpflege sowie eine Abgabeverfügung für einen verhaltensgestörten Scheckhengst.
 

Flop:

Bis zum Bauch standen die Tiere in ihren eigenen Fäkalien

1. Veterinäramt Nordsachsen

Im November erreichte uns eine Whistleblower-Meldung aus dem sächsischen Langenreichenbach. Schweine würden unter unsagbar schlimmen Bedingungen in einem einsturzgefährdeten, stark verschmutzten Stall gehalten. Die Schweine stünden bis zum Bauch in ihren eigenen Exkrementen und hätten durch die katastrophale Haltung teilweise schon entzündete Beine. Fotos belegten die Meldung des Whistleblowers. Das zuständige Veterinäramt versicherte uns im Rahmen eines Telefonats, dass der Landwirt keine Schweine mehr halte, da der Stall dafür nicht geeignet sei und der Halter sowieso ein Schweinehalteverbot habe. Die uns zugesandten Fotos seien definitiv veraltet. Zwei Stunden nach diesem Telefonat teilte uns der Whistleblower mit, dass das Veterinäramt vor Ort war und sich selbst davon überzeugen konnte, dass eben doch noch Schweine gehalten wurden. Dem Halter wurde eine Frist gesetzt, zu der er die Tiere abgeben muss, ansonsten würde das Veterinäramt handeln und die Schweine abholen. Was eigentlich ein guter Ansatz des Amtes war, entwickelte sich zu einer Farce: Immer wieder wurde die vorgegebene Frist verlängert, während die Schweine weiterhin unter den schlimmen Bedingungen leiden mussten. Ob die Schweine inzwischen abgegeben wurden oder ob der Landwirt sie nur vorübergehend woanders untergebracht hat, ist leider nicht bekannt. Daher ist das Veterinäramt dieses Jahr unter den 5 Flops zu finden.
Männliche Küken werden aussortiert und geschreddert.

2. Veterinäramt Cuxhaven

Die Cuxhavener Firma Lohmann ist auf die Züchtung von Hybridrassen bei Geflügel spezialisiert. Diese sogenannten Turborassen sind derart auf Leistungsparameter getrimmt, dass bei den Legerassen für die Eiproduktion die männlichen Eintagsküken „weggeworfen“ werden, weil sie keine Eier legen können. Außerdem setzen sie – im Gegensatz zu den „Turborassen“ für die Fleischproduktion desselben Konzerns – nicht schnell genug genügend Fleisch an.

Seit 2008 hat PETA Deutschland e.V. diese Praxis angeprangert und wegen des Tötens an sich und auch wegen der Art und Weise des Tötens Strafanzeigen erstattet – auch gegen die Verantwortlichen des Veterinäramtes Cuxhaven, die diese Praxis viele Jahre duldeten. Nachdem diese jahrelang von der Staatsanwaltschaft Stade geschont wurden, hat die Generalstaatsanwaltschaft Celle nunmehr in einem Bescheid von September 2015 festgestellt, dass auch die Behörde „Schuld“ trifft. Die Verantwortlichen des Veterinäramtes Cuxhaven verdanken allein dem Umstand, dass die Taten selbst schon fünf Jahre zurückliegen, dass keine Anklage erhoben wurde und dass das Verfahren so viel Eindruck hinterlassen hat, dass eine Wiederholungsgefahr ausgeschlossen ist. Zudem wurde ihnen zugestanden, es nicht besser gewusst zu haben (vermeidbarer Verbotsirrtum). Das Amtsgericht Cuxhaven stimmte der Einstellung zu.
Das Veterinäramt Cuxhaven hat diese im Grundsatz verbotene und tierquälerische Praxis der Tötung der Eintagsküken und die Art und Weise der Tötung jahrelang geduldet und behördlich abgesegnet. Dies führte dazu, dass kaum Sanktionen gegen diesen weltweit führenden Konzern ergriffen wurden. Obwohl die Straftaten eindeutig sind und PETA mit fachlich und rechtlich versierten Strafanzeigen gegen diese systemimmanente Tierquälerei vorgeht, führen diese wegen der behördlichen Duldung leider nur selten zu Erfolgen für die Tiere.
Erbärmliche Bärenhaltung ´ohne Beanstandung´ beim Kreisveterinäramt Esslingen

3. Kreisveterinäramt Esslingen

Bei einem Gastspiel des Circus Luna mit zwei verhaltensgestörten Bären und der Elefantendame Benjamin im Landkreis Esslingen im März 2015 hatten die Amtsveterinäre trotz Anzeige von PETA keine Beanstandungen. Vielmehr wurden die Bedenken der Tierrechtsorganisation in der Presse als übertrieben bezeichnet. Nur wenige Wochen später beurteilten andere Kreisveterinärbehörden den Sachverhalt vollkommen anders, erließen wegen der tierschutzwidrigen Situation eine Abgabeverfügung für die beiden Bären und erstatteten wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz sogar Strafanzeige gegen die Zirkusverantwortlichen. Für die Elefantin wurden strenge Auflagen für ein größeres Gehege erteilt. Für eine der beiden Bärinnen kam die Hilfe zu spät; der Zirkus hat sie noch im Juni einschläfern lassen.

Ein weiterer Fall betrifft Zirkus Kaiser, der Anfang Mai 2015 im Landkreis Esslingen gastierte. PETA bat das Kreisveterinäramt eindringlich, etwas gegen die Gefährdung durch die ständigen Tierausbrüche zu unternehmen. Das Veterinäramt antwortete jedoch: „Dass Tiere bei einer mobilen Einrichtung mal ausbrächen, sei zwar nicht schön, aber das kommt vor.“ Darauf folgend kam es – wie von PETA befürchtet – auch prompt zu gefährlichen Vorfällen: Ende Mai verursachte ein aus dem Zirkus entlaufenes exotisches Rind einen Auffahrunfall mit zwei Pkws, bei dem ein Sachschaden in Höhe von 4.000 Euro entstand. Im Juli musste eine Bahnstrecke bei Ulm gesperrt werden, weil ein Känguru des Zirkus auf den Gleisen umherlief.
Trauriges Ponykarussell auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart

4. Veterinäramt der Stadt Stuttgart

Seit Jahren ignorieren die Stuttgarter Amtsveterinäre PETAs Meldungen über Missstände bei den Ponykarussells auf den großen Volksfesten auf dem Cannstatter Wasen. Diese tierschutzfeindliche Haltung fand 2015 einen vorläufigen Tiefpunkt: Im April und Mai 2015 dokumentierten PETA-Ermittler die Situation für die Ponys auf dem Frühlingsfest anhand von über 100 Fotos sowie eines detaillierten Beobachtungsprotokolls erneut. Ergebnis: Die Betreiber hielten nicht einmal die vorgeschriebenen Pausenzeiten alle vier Stunden ein. Trotz der darauf folgenden Anzeige von PETA verlautbarte der Leiter der Veterinärbehörde, Dr. Thomas Stegmanns, ein halbes Jahr später in einem Zeitungsinterview [1], die Behörde habe noch nie Verstöße gegen das Tierschutzgesetz festgestellt. Dr. Stegmanns betätigt sich in seiner Freizeit als „passionierter Jäger“. [2] PETA sieht einen gravierenden Interessenkonflikt darin, dass der Leiter der Stuttgarter Tierschutzbehörde das Töten von Tieren zu seiner bevorzugten Freizeitbeschäftigung zählt
Für Wildtierhaltung im Zirkus: Veterinäramt Wetteraukreis

5. Kreisveterinäramt Wetteraukreis

Das Kreisveterinäramt und insbesondere Amtsleiter Dr. Rudolf Müller standen in den letzten Jahren wegen ihrer einseitigen Arbeitsweise zu Gunsten von Wildtierzirkusbetrieben wiederholt in der Kritik von PETA. 2015 hat sich Dr. Müller jedoch endgültig und unverhohlen auf die Seite seiner Zirkuskumpels geschlagen:
Anstatt sich in angemessener Neutralität zu üben, betont er im Januar 2015 in einem Leserbrief in der Wetterauer Zeitung, wie hingebungsvoll sich Zirkusbetriebe um ihre Tiere kümmern und dass die Kritik der Tierrechtler nur Stimmungsmache sei. Im Juni 2015 dann der offene Schulterschluss mit der Zirkusbranche: Obwohl Dr. Müller nicht in den Fall involviert ist, nimmt er als Beobachter an einem Prozess vor dem Amtsgericht Darmstadt gegen den Elefantenhalter des Zirkus Charles Knie wegen Tierquälerei teil. Demonstrativ gesellt er sich vor Ort zu den zahlreichen anwesenden Zirkuslobbyisten, zu denen er augenscheinlich beste Kontakte pflegt. Im Juli schließlich, dies offenbart eine Akteneinsicht, ruft Dr. Müller quer durch Deutschland ein Veterinäramt in Berlin an, wo zu dem Zeitpunkt der Zirkus Schollini mit verhaltensgestörten Elefanten gastierte. Unfassbar: Müller warnt seine Amtskollegen eindringlich vor der Landestierschutzbeauftragten und Tierschützern – obwohl der Fall überhaupt nicht in seine Zuständigkeit fällt.

Was Sie tun können

Bitte melden Sie Missstände und Tierquälerei konsequent der zuständigen Veterinärbehörde Ihrer Stadt oder Ihres Landkreises. Fassen Sie Ihre Beobachtungen detailliert und sachlich zusammen. Fertigen Sie möglichst Bild- und Videomaterial an. Nach Ihrer Meldung beim Veterinäramt sollten Sie unbedingt so lange nachfassen, bis der Missstand beseitigt ist (Fallbericht). Das kann ermüdend sein, ist aber die einzige Chance für das jeweilige Tier! In dieser Übersicht finden Sie ausführliche Tipps, wie Sie vorgehen sollten, wenn Sie Zeuge von Tierquälerei werden.



[1] www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.wasen-in-stuttgart-ponyreiten-in-der-kritik.63960a9d-9a47-4f1c-9627-1760468c93f9.html
[2] www.landesjagdverband.de/jagd-und-recht/praxis-wildbret-gewinnung/detail/artikel/wildbrethygiene-bei-drueckjagden/a/show/