Tierwohl-Label der Bundesregierung: Verbraucher­täuschung?

Mit einem staatlichen „Tierwohlkennzeichen“ will das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Deutschland in Sachen Tierwohl in der Schweinehaltung zum Vorreiter machen. [1] Tatsächlich handelt sich jedoch nur um ein weiteres Siegel, das dem Verbraucher beim Kauf von Schweinefleischprodukten das schlechte Gewissen nehmen soll.

Geplantes Tierwohl-Label reine Verbrauchertäuschung?

Laut BMEL ist das geplante Tierwohlkennzeichen eine Auszeichnung für Produkte, die über die gesetzlichen Vorgaben hinaus für mehr Tierwohl in der Intensivtierhaltung stehen. [1] Somit können Produkte das Label erhalten, sobald die gesetzlichen Mindestanforderungen bei der Tierhaltung auch nur geringfügig überschritten werden. Das Siegel soll den Verbraucher eigentlich über verbessertes Tierwohl informieren und einen Unterschied erkennbar machen. [1] Tatsächlich wird der Konsument jedoch nicht darüber aufgeklärt, in welchem Ausmaß die Tiere von Verbesserungen profitieren. Und für die Schweine unterscheiden sich die Lebensbedingungen zwischen einer Haltung, die mit dem Tierwohlkennzeichen ausgezeichnet wird, und der herkömmlichen Tierhaltung kaum.

Das für die Industrie freiwillige Label sollte 2020 zunächst für Schweinefleisch eingeführt werden, bevor es auch für die Rinder- und Geflügelhaltung umgesetzt wird. Bisher sind noch keine mit dem Tierwohlkennzeichen versehene Fleischprodukte im Handel erhältlich. Bekannt ist jedoch, dass die Kennzeichnung drei Stufen umfassen wird, die den Verbraucher über die Haltungsbedingungen von der Geburt des Tieres bis zur Tötung im Schlachthof informieren sollen. [3]

Im Mai 2021 wurde im Bundestag über die Tierwohlkennzeichnung zur Schweine-Verordnung entschieden. Dabei wurde unter anderem erkannt, dass die von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner angepriesenen „Verbesserungen“ so marginal wären, dass sie das Leid der Schweine nicht mildern. Deshalb wurde mehrheitlich gegen den Entwurf gestimmt. PETA begrüßt die Entscheidung, denn der verbrauchertäuschende Vorstoß vor den Bundestagswahlen hätte dazu geführt, dass Fleisch von Schweinen mit kupierten Schwänzen, die auf engstem Raum auf Spaltenböden gehalten werden, auch noch mit einem Tierwohl-Label versehen wird. Zudem wird die leidvolle Sauenhaltung im Entwurf nicht beachtet und auch die qualvolle CO2-Betäubung im Schlachthof weiter ermöglicht.

Schwein in der CO2 BetäubungskammerVGT.at - Verein Gegen Tierfabriken
Die Mehrzahl der Schweine in der Fleischproduktion wird vor der Tötung im Schlachthof mithilfe von Kohlenstoffdioxid betäubt.

Label gaukelt mehr Tierwohl vor – doch „Mehr Platz“ bedeutet weiterhin fast kein Platz

Das staatliche Tierwohlkennzeichen soll dem Verbraucher deutlich aufzeigen, bei welchen Produkten höhere als die gesetzlichen Standards bei Haltung, Transport und Schlachtung von Tieren eingehalten werden. [3] Mit dem dreistufigen System wird dem Verbraucher Transparenz bezüglich der verschiedenen Haltungsformen in der Schweinemast vorgegaukelt. So wird beispielsweise mit mehr Platz und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere geworben, obwohl die Umsetzungen sich kaum von den Mindeststandards unterscheiden.

Betriebe der Stufe 1 erhalten mit dem Label eine „Auszeichnung“, obwohl das grausame Kupieren der Ringelschwänze weiterhin erlaubt ist und für jedes Schwein lediglich eine Fläche von 0,9 Quadratmeter eingeplant werden muss. [4] In Stufe 3, der höchsten Stufe, hat ein 100 Kilogramm schweres Schwein statt der gesetzlich vorgeschriebenen 0,75 Quadratmeter beispielsweise 2 Quadratmeter Platz zur Verfügung – inklusive 0,5 Quadratmeter Auslauf. [3] Doch auch diese Fläche ist für ein großes Schwein viel zu klein und bedeutet massive Tierquälerei.

Auch die anderen Kriterien sind lediglich marginale Verbesserungen, die am grundsätzlich tierquälerischen System der deutschen Schweinehaltung wenig ändern. Von Tierschutz oder gar Tierwohl kann somit kaum die Rede sein.

Das Problem: Tierwohl ist Auslegungssache

Eigentlich müsste jedem Verbraucher klar sein, dass ein Leben in solchen industriellen Anlagen für die Tiere alles andere als artgerecht ist. Was in deutschen Zuchtanlagen und Mastbetrieben wirklich passiert, lässt sich jedoch nur erahnen, denn Kontrollen finden viel zu selten statt. Immer wieder lösen verdeckte Aufnahmen, vor allem aus Schweinemastbetrieben, Skandale aus, sorgen für öffentliche Diskussionen und geben uns den Anreiz, unsere Ernährung nachhaltig zu ändern.

Kein einziges der Siegel auf dem Markt ändert etwas an den kargen und kotverdreckten Buchten, in denen die Schweine ihr Leben verbringen. Vielmehr werden immer neue Label eingeführt, die mit „Tierwohl“ werben, aber die offensichtlichen Missstände in diesen Betrieben ausklammern. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich kaum etwas verändert: Die Label werben mit scheinbar fortschrittlichen Tierschutzstandards, die in der Realität jedoch oftmals die gesetzlich vorgeschriebenen Bedingungen kaum überschreiten und nichts mit „mehr Tierwohl“ zu tun haben. Zudem ist davon auszugehen, dass auch hier die Kontrollen versagen werden, wie dies in der landwirtschaftlichen Tierhaltung seit Jahrzehnten der Fall ist.

Die Bundesregierung, allen voran Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, wird das staatliche Tierwohllabel, ähnlich wie das Bio-Label, nicht verpflichtend einführen. Zudem sind die Kriterien so unzureichend, dass beteiligte Tierschutzorganisationen im Entstehungsprozess teilweise aus Protest ausgetreten sind. All dies zeigt einmal mehr, dass die gesetzlichen Mindestanforderungen viel zu niedrig sind, viele Politiker stark von der Agrarlobby beeinflusst werden und wirtschaftliche Interessen weit vor dem Tierschutz stehen.

Auch weitere Siegel, wie etwa die „Initiative Tierwohl“, sollen dem Verbraucher das schlechte Gewissen beim Fleischkauf nehmen. Offenbar versucht die Fleischbranche mit der Vielzahl an Label auf die Veränderungen in unserer Gesellschaft zu reagieren, denn immer mehr Menschen lehnen es heute ab, Tiere für Fleisch, Milch und Eier auszubeuten und zu töten. Durch Siegel, Label, vermeintliche Verbesserungen und Werbeversprechen lassen sie sich jedoch eher zum weiteren Kauf dieser Produkte verleiten.

Selbst auf der Website des Landwirtschaftsministeriums wird eine Tierhaltung propagiert, die nicht der Wahrheit entspricht. Zu diesem Schluss ist eine Studie gekommen, die die Berichte des Ministeriums mit der Realität in den Ställen verglichen hat. [5]

Auch der Bundesrechnungshof übt scharfe Kritik

In einem noch unveröffentlichten Bericht mahnen Prüfer an, dass die Wirtschaftlichkeit des Labels nicht ausreichend geprüft wurde. Zudem werden die – auch in unseren Augen – fragwürdigen Ziele, die den Tierschutz betreffen, hinterfragt und treffend formuliert:

„Denn entweder sorge das aktuelle Tierschutzrecht für die Erfüllung des Staatsziels ‚Tierschutz‘ nach Artikel 20a des Grundgesetzes. In diesem Fall brauche es überhaupt kein Label. Wenn allerdings das Staatsziel nicht erfüllt werde, müssten die gesetzlichen Mindeststandards angehoben werden. Was nebenbei auch eine teure Werbekampagne überflüssig machen würde.“

Demnach kommen die Rechnungsprüfer zu der Empfehlung, dass die Pläne für das freiwillige Tierwohllabel der Bundesregierung nicht weiter verfolgt werden sollten. [6]

Es wurden hier also Zehntausende Euro für Werbemaßnahmen sowie viel Zeit vergeudet, die in tatsächliche Verbesserungen für die Tiere hätten investiert werden können. Doch passiert ist in den letzten Jahren nichts – und das ist wohl auch das Ziel einiger Politiker.

Auch beim QS-Siegel gilt: Profit steht immer über Tierwohl

Die 2001 gegründete QS Qualität und Sicherheit GmbH (kurz QS) will mit ihrem gleichnamigen QS-Siegel dafür sorgen, dass die Verbraucher angesichts wiederholter Lebensmittelskandale wieder mehr Vertrauen zu deutschen Lebensmitteln und insbesondere zu Fleisch gewinnen. [7] Doch was die meisten Verbraucher nicht wissen: Das viel umworbene QS-Siegel wird weder durch eine staatliche Stelle vergeben, noch werden in entsprechenden Betrieben unabhängige Kontrollen durchgeführt. Vielmehr hat sich die Industrie selbst ein Siegel verliehen, das auf fast jeder Fleischpackung zu finden ist und eine falsche Sicherheit vorgaukelt.

Tierwohl-Versprechen haben mit der Realität nichts zu tun – denn diese Realität bedeutet in den meisten Fällen, dass Tiere ein leiderfülltes Dasein in kargen, überfüllten Ställen inmitten ihrer eigenen Exkremente fristen. Zahlreiche Veröffentlichungen von Tierschutzorganisationen zeigen Aufnahmen von Missständen, die in QS-Ställen dokumentiert wurden. Dazu gehören verletzte, tote und stark verwesende Tiere, Tiere, die in ihren Exkrementen leben müssen, sowie hohe Medikamentengaben.

Kein Tier will sterben –unabhängig von der Haltungsform

Tierwohl-Label sind in den meisten Fällen nur mit geringfügigen Verbesserungen für die Tiere verbunden. Für den Großteil von ihnen sind die angeblich „verbesserten“ Bedingungen kaum wahrnehmbar. Die Siegel bieten somit keine merklichen Vorteile für die Tiere, noch machen sie ihre Lebensbedingungen für den Verbraucher transparenter.

PETA wertet „Tierwohl“-Label als Verbrauchertäuschung, denn kein Tier will wegen seines Fleisches oder zur Herstellung anderer tierischer Produkte vorzeitig getötet werden – ganz gleich, in welcher Haltungsform es leben musste.

Tierwohl-Label und -Siegel dienen eher dazu, das Gewissen der Verbraucher zu beruhigen, statt eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Sie verlangsamen den politischen Prozess hin zu wirklichen Veränderungen für die Tiere sogar, denn sie gaukeln scheinbare Verbesserungen vor und bewirken, dass sich Konsumenten und die Politik beruhigt zurücklehnen können.

Ganz gleich, ob QS-, Demeter-, Naturland-, Bio- oder anderweitige Zertifizierungen und Siegel: Tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Eier werden in einer Industrie hergestellt, die auf maximalen Profit ausgelegt ist und Tiere lediglich als Ware betrachtet und entsprechend behandelt.

Was Sie tun können

Schweine und andere Tiere sind sensible und intelligente Lebewesen. Helfen Sie den Tieren, indem Sie Fleisch von Ihrem Teller streichen – für jeden Bedarf und Geschmack gibt es mittlerweile pflanzliche Alternativen.

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